Pädagogik - Nachdem die Berliner Polizei in dieser Woche einen Elfjährigen zum wiederholten Mal beim Handel mit harten Drogen erwischte, debattieren Politiker und Sozialeinrichtungen über den richtigen Umgang mit Straftätern im Kindesalter. Der Innensenator setzt auf geschlossene Heimplätze, andere wollen die pädagogische Betreuung ausbauen. Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk verfolgt hingegen ein "Mischkonzept".
Der U-Bahnhof Schönleinstraße, auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln, gehört zu den unwirtlichen Orten der Hauptstadt. Wer sich neuen Stoff besorgen will, harte Drogen jeglicher Art, wird hier fündig. Da die weithin bekannten Umschlagplätze für die Verkäufer zunehmend gefährlich werden, setzen sie stattdessen auf Menschen, die eine strafrechtliche Verfolgung durch die Polizei nicht zu befürchten haben: Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren.
Für Aufsehen sorgte zuletzt der Fall eines Elfjährigen, der im Februar in Begleitung eines Gleichaltrigen aus dem Südlibanon in Berlin-Tegel gelandet war und ohne Ausweispapiere um Asyl bat. Seitdem griff die Berliner Polizei den Jungen, dessen Identität bis heute nicht geklärt ist, elf Mal beim Verkauf von Drogen auf und führte ihn Fürsorgeeinrichtungen zu, aus denen er anschließend wieder ausriss.
Aus arabischen Familienclans
26 Kinder hat die Berliner Polizei allein in diesem Jahr festgenommen, die in der Öffentlichkeit mit harten Drogen handelten, vor allem Heroin. Aus Justizkreisen ist zu erfahren, dass ein Großteil von ihnen im Kreise von arabischen Familienclans lebt, die ihre unmündigen Kinder die kriminellen Geschäfte erledigen lassen. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) forderte nun, die Kinder "ohne Rücksicht auf Verluste" aus den Familienstrukturen zu lösen. Seine Forderung, straffällig gewordene Kinder in geschlossenen Heimen unterzubringen, stößt dabei auf Kritik: "Wir brauchen keine Mauern, sondern intensive Betreuung, die überzeugend wirkt", meint die Justizsenatorin Gisela von der Aue (ebenfalls SPD). "Wegsperren bringt gar nichts, Druck erzeugt nur Gegendruck", heißt es aus der Bildungsverwaltung.
Auf die internen Querelen der rot-roten Koalition in Berlin reagiert Siegfried Deussickel gelassen. Seit 20 Jahren ist er Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerkes in der Hauptstadt. Das EFJ, das allein in der Region Berlin-Brandenburg 40 Betreuungsplätze für delinquente Kinder und 50 weitere für die Nachbetreuung krimineller Jugendlicher unterhält, setzt auf das Prinzip "Isolation": Die Kinder- und Jugendeinrichtungen befinden sich in stark ländlich geprägten Gebieten in sicherer Entfernung zu Berlin, in denen die Straftäter aus ihrem Milieu entfernt und in einen geregelten Tagesablauf eingeführt werden.
"Abgehauen ist bei uns bisher fast niemand"
Die schulische und psychologische Betreuung spiele bei Begleitung in eine "Normalität" eine ebenso große Rolle wie ein straffes Tagesprogramm auf dem Sportplatz oder im Garten, so der 68-Jährige. "Abgehauen ist uns bisher fast niemand. Die kommen da ja gar nicht weg." Wenn Dreussicke im Rahmen der aktuellen Debatte jetzt die Einrichtung von geschlossenen Heimplätzen fordert, widerspricht dies nur scheinbar der Streichung der "geschlossenen Unterbringung" aus dem Jugendhilfegesetz im Jahr 1990. "Ich rede nicht vom Kinderknast, mit dem man in Hamburg viele schlechte Erfahrungen gemacht hat. Es geht jetzt darum, 36 neue Betreuungsplätze einzurichten, zu denen acht verschließbare Räume gehören", so der Pädagoge. "Wir sperren niemanden weg, sondern schließen die Betreuten in Extremfällen für kurze Zeit in sicheren Räumen ein, in denen natürlich auch eine gewisse Lebensqualität herrscht."
Einerseits sollen dadurch die Kinder vor Zugriffen aus dem Milieu geschützt werden, weil sie so für Heroinhändler oder Zuhälter nicht mehr interessant sind. Andererseits geht es auch darum, die Gesellschaft vor gemeingefährlichen Kindern und Jugendlichen zu schützen: "Was wollen denn Sie sonst mit einem 12-jährigen notorischen Brandstifter machen?" Die Räumlichkeiten für die 36 geplanten neuen Heimplätze sind schon gefunden, auf dem Gut Johannesberg in Rauen, 70 Kilometer östlich von Berlin. Jetzt nun fehlen nur noch zwei Millionen Euro vom Staat.
Intensive Gespräche mit Verwandten
Die langfristige Entfernung straffällig gewordener Kinder aus ihren Familien sieht Dreussicke dabei als letztes Mittel, wenn alle alternativen Versuch gescheitert sind, den Kindern bei einem geregelten Leben zu helfen. "Eltern bleiben eben Eltern", meint der EJF-Vorsitzende. Nur wenn der Dialog mit dem familiären Umfeld nachweislich zu nichts führt, solle man versuchen, das Kind aus seinem Umfeld zu lösen. In Neukölln unterhält das EJF das Deutsch-Arabisches Zentrum für Bildung und Integration, in dem arabischstämmige Sozialarbeiter den familiären Hintergrund der Kinderkriminellen durchleuchten und versuchen, intensiv mit Eltern und Verwandten ins Gespräch zu kommen.
Auch den elfjährigen namen- und staatenlosen Drogendealer vom U-Bahnhof Schönleinstraße, der womöglich älter ist als er angibt, will Dreussicke aufnehmen, und ihn mit einer intensiven Betreuung vom kriminellen Weg abbringen. "Diese Kinder sind richtiggehend versaut, da muss man auch mehr investieren."
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