Anschläge - Zum ersten Mal nach dem Massaker auf der norwegische Ferieninsel Utøya sehen Familien, wo ihre Angehörigen starben. Für einige dringend nötig, für andere zu früh, meinen Psychologen. Viele haben das Angebot genutzt.
Neben dem Haupthaus auf der idyllisch gelegenen Ferieninsel Utøya weht noch immer die rote Flagge der Jungsozialisten-Jugend. Nicht auf Halbmast, denn nach dem schrecklichen Massaker, bei dem der Rechtsextremist Anders Behring Breivik vor rund vier Wochen 69 Jugendliche und Betreuer erschoss, sollte auf der Insel nichts verändert werden. Jetzt kann die Flagge auch einen Neuanfang signalisieren: Die Familien der Opfer und die überlebenden Jugendlichen kehren zurück auf die "Höllen-Insel". Boot für Boot setzen an diesem verregneten Tag zuerst die Angehörigen über. 50 der 69 Familien wollen sehen, wo ihre Lieben starben.
Eine Gelegenheit, Abschied zu nehmen
In einem langsamen Zug, fast alle in weißen Regenjacken, gehen sie über die Klippen. "Die Familien sollten als erste herkommen - bevor irgendjemand außer der Polizei Utøya betreten hatte", sagt Per Brekke vom Direktorat für Gesellschaftssicherheit. Sie sollten Antworten auf ihre ungestellten Fragen finden, aber auch "verstehen, warum die Jugendlichen die Insel so geliebt haben". Die Angehörigen werden von der Polizei streng abgeschirmt. "Wir wollen ihnen ein Gefühl der Sicherheit geben, damit sie sich ganz auf ihre Trauer konzentrieren können", sagt Brekke.
Die Polizei hat aufgeräumt auf Utøya, Patronenhülsen beseitigt, auch Blut. Die 69 Stellen, an denen die Leichen der Jugendlichen und Betreuer gefunden wurden, sind markiert. Jede Familie soll erfahren, wo genau ihre Tochter, ihr Sohn ums Leben kam. Mitarbeiter des Roten Kreuzes führen die Hinterbliebenen über die Insel, mit dabei sind Ärzte, Psychologen, christliche Priester und Imame.
"Konfrontieren mit der traurigen brutalen Wirklichkeit", nennt der Katastrophenpsychologe Lars Waiseth diese Trauerbewältigung. "Die Angehörigen hatten keine Chance, Auf Wiedersehen zu sagen und die letzte Ehre zu erweisen. So finden sie keine Ruhe." Egal wie traurig und unfassbar die Begegnung auf der Insel sei, "ein konkretes Bild zu haben, ist besser als quälende Ungewissheit". Viele Familien kämen aus Pflichtgefühl. Laut Waiseth helfen ihnen vor allem die Nähe zu den Toten und die Gemeinschaft mit anderen Hinterbliebenen.
Die Trauer soll nicht gestört werden
Für einige Familien aber sei die Fahrt zur Insel noch zu früh. Auch ein Teil der überlebenden Jugendlichen habe abgelehnt. "Trauer kommt immer in Wellen", erklärt Waiseth - "und für jeden anders". Dass 50 der 69 Familien zugesagt hätten, zeige aber auch, dass die Begegnung nötig gewesen sei. Genau wie ein Treffen am Samstag mit einigen der Jugendlichen, die das Massaker auf der Insel überlebt haben. Viele der Jugendlichen seien von Schuldgefühlen geplagt, sagt der Psychologe. "Sie fühlen, sie haben nicht genug geholfen - oder schämen sich, weil sie sich hinter jemand Größerem versteckt haben."
Viele der Hinterbliebenen treffen sich nach der Fahrt auf die Insel in einem Hotel in der Nähe des Tyrifjord-Sees - dort, wo sie vor vier Wochen verzweifelt versuchten, ihre Angehörigen anzurufen und dann die Nachricht von deren Tod bekamen. Dass sie hier und auf dem Weg zur Insel so stark abgeschirmt werden, hat auch mit den Erfahrungen nach dem Attentat zu tun, als sich Dutzende Journalisten auf die Überlebenden gestürzt hatten. "Da werden noch viele Fragen kommen", sagt Brekke. Für Kritik an den Medien und am Einsatz der Polizei auf Utøya sei jetzt aber nicht die Zeit. "Jetzt geht es um die Menschen und ihre Trauer."
Kommentare
Am besten, man zäunt die
Am besten, man zäunt die Insel komplett ein, stellt eine Kasse auf und nimmt Eintritt, damit in Zukunft jeder den Schauplatz des Schreckens sehen kann.Noch besser fände ich es, wenn ein Kommentator die grausigen Ereignisse für die Katastrophentouristen entsprechend darstellt! Ein Teil der Einnahmen sollte dann an die Familien der Opfer abbgeführt werden.
Welche Eltern rechneten schon damit, ihre Kinder so früh zu Grabe tragen zu müssen. In Deutschland gibt es kein Sterbegeld mehr. Ich weiß nicht, wie das in Oslo aussieht.
Die Trauer ist natürlich gewaltig, aber das Ganze hat auch eine ganz nüchterne Seite.
Und die heißt: Können die Angehörigen überhaupt die Grabstellen finanzieren. Und die Grabstellen finde ich in diesem Falle ganz besonders wichtig!
Und wenn man bedenkt, wie viel Aufmerksamkeit dem Täter zuteil wird, dann frage ich mich: Wo bleiben die Namen der anonymen Opfer!
Anders Behring Breivig ist mit seiner Tat in die Geschichte eingegangen, wie viele andere vor ihm.
Aber die namenlosen Opfer und ihre Angehörigen gehen leer aus! Das kann es einfach nicht sein!
Am besten, man zäunt die
War das ernst oder zynismus? Eine Touristenattraktion sollte es meiner Meinung nach nicht sein.
Lediglich eine Gedenkstätte.
“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer
Ich denke dass man diese
Ich denke dass man diese Insel so wieso nicht mehr als Fereinort gebrauchen kann.
Es stllt sich die Frage ob man dort ein Mahnmahl errrichten sollte? Oder ob das widerum falsch wirkt?
Alles nur traurig und dumm.
“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer
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