Hoffnung: Wege der Erinnerung an den 11. September

Die Twin Towers des World Trade Centers in New York kurz vor dem Einsturz

Die Twin Towers des World Trade Centers in New York kurz vor dem Einsturz, nachdem Terroristen am 11. September 2001 zwei vollbesetzte Passagierflugzeuge in die Türme geflogen hatten. Foto: dpa/Jason Szenes

9/11 - New York hat offenbar auf diesen symbolischen Schlussstrich gewartet: Zum 10. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center am 11. September 2001 wird am "Ground Zero" das Denkmal für die Opfer eröffnet. Hunderttausende Eintrittskarten sind bereits verteilt für die kommenden Wochen. Ground Zero sei "eine Narbe, und zwar eine Narbe, die heilt", erklärte Michael Arad, der das "9/11-Memorial" entwarf.

Von Konrad Ege

Das Denkmal umfasst zwei Wasserbecken mit den Namen der 2.982 Opfer, Wasserfälle, die an die einstürzenden Türme erinnern, und 400 neu gepflanzte Bäume. Daneben entstehen ein Museum und der Wolkenkratzer One World Trade Center. Der Turm wird nach seiner Fertigstellung Ende kommenden Jahres 541 Meter hoch sein, der höchste der USA.

Für viele Amerikaner - wie auch Nicht-Amerikaner - sind die Anschlagsorte von 2001 heute regelrechte Wallfahrtsorte: "Ground Zero" in Manhattan, das Memorial am ebenfalls angegriffenen Pentagon und die Wiese in Shanksville (US-Staat Pennsylvania), wo das von den Attentätern entführte Passagierflugzeug abstürzte. Zigtausende suchen jährlich die Stätten des Entsetzens auf.

"Wir werden nie vergessen"

Beim Versuch, eine passende Form des Gedenkens zu finden, wandeln die Amerikaner zwischen Trostspenden sowie Patriotismus und Heldenverehrung. Die Erinnerung an den "Überfall aus heiterem Himmel" sei komplex, erläuterte der Historiker Edward Linenthal, Berater bei der Planung der Gedenkstätte in Shanksville. Nebeneinander existierten tiefes Leid, das "Verlangen nach Rache" und das Gefühl mitmenschlicher Verbundenheit, das bei der Selbstlosigkeit der Retter zum Ausdruck gekommen sei.

Unterschiedliche Facetten der Erinnerungen sind bereits an den vielen Stossstangenaufklebern, Buttons und T-Shirts abzulesen, die die Souvenirläden anbieten. "Wir werden nie vergessen", heißt es, oder "Der Gerechtigkeit ist genüge getan: Bin Laden ist tot". Es kursieren aber auch Aufkleber mit der Aufschrift: "Alles, was ich über den Islam wissen muss, habe ich an 9/11 erfahren." Immer wieder werden zudem die "Helden der Feuerwehr" und der Polizei gelobt.

Auch Kommerz beeinflusst die Erinnerungskultur. Rührige Unternehmer verkaufen selbst Erinnerungs-Hundehalsbänder. Das Weingut "Lieb Family Cellars" hat "9/11-Gedenkweine" vorgestellt - einen Merlot und einen Chardonnay. Ein Teil des Erlöses komme dem 9/11-Mahnmal zu Gute, verspricht das in Mattituck im US-Bundesstaat New York gelegene Gut.

Amerikanische Zuversicht im Erinnern

Allerdings wird "9/11" im Bewusstsein vieler auch mehr und mehr zur Geschichte. Der damalige deutsche evangelische Auslandspfarrer in New York, Sönke Schmidt-Lange, beobachtet in der Wirtschaftskrise eine "große Verunsicherung" der US-Bürger, was auch Auswirkungen auf das Gedenken habe: "Je näher der Jahrestag rückt, um so weniger wollen viele Amerikaner vom Jubiläum wissen", meint er.

Was hat der 11. September im Leben der Menschen verändert?

Zehn Jahre nach den Anschlägen in New York und Washington fragen wir Bischöfe, eine Bischöfin, Menschen auf der Straße und einen Traumaexperten, was der 11. September 2001 im Leben der Menschen verändert hat. (c) ekn/evangelisch.de

Sehr amerikanisch durchzieht außerdem eine gewisse Zuversicht das Erinnern. "Amerikaner lieben es, wenn etwas Schlechtes dann doch gut ausgeht", sagte Linenthal dem epd, wenn Katastrophen ein erlösendes Element haben. "Für viele von uns war die Tragödie von 9/11 unglaublich persönlich", sagte die Direktorin des Hinterbliebenenverbandes "Stimmen vom 11. September", Mary Fetchet, deren Sohn Brad im World Trade Center um kam: "Aber wir können nicht vergessen, wie Menschen im ganzen Land zusammen gekommen sind." Diese innere Stärke der Nation müsse man hoch halten.

Ähnlich sieht es offensichtlich das Weiße Haus. Der "New York Times" wurden diese Woche die Richtlinien für offizielle Gedenkveranstaltungen zugespielt: Man wolle eine "positive, und nach vorne gerichtete Botschaft" verbreiten, heißt es darin. Die USA seien "stärker als die Terroristen, die uns einschüchtern wollen", betonte der stellvertretende US-Sicherheitsberater Benjamin Rhodes.

Gedenkstätte wird am 12. September für alle geöffnet

Die Eröffnungsfeier des "9/11-Memorial" am zehnten Jahrestag der Anschläge, die New Yorks Bürgermeisters Michael Bloomberg plant, ist allerdings umstritten. Präsident Barack Obama, George W. Bush und die politische Prominenz von New York werden da sein. Nach Medienberichten soll es aber keine politischen Ansprachen geben; nur Gedichte werden vorgetragen und die Namen verlesen.

Auf Kritik stieß Bloombergs Entscheidung, keine der Rettungskräfte einzuladen, und auch keine Geistlichen. Der konservative Verband "Family Research Council" hat nach eigenen Angaben mehr als 30.000 Unterschriften gegen den "Ausschluss von Geistlichen" gesammelt. Bloomberg hat offenbar eine andere Priorität: Der Jahrestag sei ganz für die Angehörigen der Opfer.

Die Öffentlichkeit darf vom 12. September an auf das Memorial-Gelände in Manhattan; erwartet werden Besucherströme. Das Memorial in Shanksville wird noch gebaut. Es soll ein "Feld der Ehre" entstehen, Marmortafeln mit den Namen der Toten, und ein "Turm der Stimmen". Dort sollen einmal gesprochene Erinnerungen von Augenzeugen und Betroffenen zu hören sein. Am Pentagon kann man sich auf Bänken unter Bäumen an die Opfer erinnern.

Ein paar Wochen nach dem "9/11"-Jahrestag begehen Kriegsgegner einen weiteren Jahrestag: Am 7. Oktober ist der zehnte Jahrestag des Kriegsbeginns in Afghanistan. Friedensgruppen planen eine "gewaltfreie Besetzung" des Freiheitsplatzes unweit des Weißen Hauses. Sie fordern ein Ende des Krieges in Afghanistan und der Besatzung im Irak.

epd

 

Kommentare

Verfasst von Gast am 11. September 2011 - 11:44.

Kein Krimi...

Früher stand in einer verstaubten Ecke meines Bücherregals ein mittelmäßige...

Früher stand in einer verstaubten Ecke meines Bücherregals ein mittelmäßige Krimi eines vergessenen Dichters, der hieß: "Ein Dienstag im September". Einen besseren Titel für die Show, die die Amerikaner seit dem Unglück abfeiern, hätte man auch nicht finden können. Das ist ein Stück amerikanische Lebensart, genau wie man sich darauf verlassen kann, dass bei jeder wirklich anspruchsvollen Trauerfeier ein mehr oder minder bekannter Star ein mehr oder minder gräßliches Lied zu Gehör bringt. Das einzige, was mich am 9.11 noch interessieren würde, wäre, ob die Pläne für den neuen Turm schon fertig in der Schublade lagen. Und ob das alte Trade-Center eventuell sowieso hätte abgerissen werden müssen, soll heißen auf behördliche Anweisung wegen Asbest und sonstiger Baumängel? Offensichtlich ist die Angst in Manhattan doch nicht so groß, dass man nicht mehr so hoch baut, wie es den besten Profit gibt. Immerhin könnte man ja Fallschirme in den oberen Büros vorhalten und am 11. 9 jedes Jahr einen Übungs-Show-Alarm veranstalten.

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