"Ich hätte meinen Sohn vor der Organspende schützen müssen"

Auf dem Weg in den OP

"Ich habe mir aber gar nicht vorgestellt, dass man seinen Körper aufschneidet und dass das die größte Operation seines Lebens wird", sagt die Organspendekritikerin Renate Greinert. Foto: iStockphoto

Transplantation - Renate Greinert hat ihren Sohn nach einem schweren Verkehrsunfall zur Organspende freigegeben. Heute bereut sie ihre Entscheidung. Denn sie sagt, sie sei von den Ärzten manipuliert worden.

Von Lena Högemann

Die Eltern sitzen am Krankenhausbett ihres Kindes. Der Junge ist an Maschinen angeschlossen, die ihn am Leben erhalten. Ein Verkehrsunfall nach der Schule, das Horrorszenario für alle Eltern. Für Renate Greinert ist es zur Realität geworden. Sie habe die ganze Zeit gehofft, dass das Kind überleben wird, beschreibt Renate Greinert ihre Gefühle. "Plötzlich kommt ein Arzt und sagt: Nein, der ist tot." Genau an diesem Punkt der Geschichte passiert etwas, das Renate Greinerts Leben für immer verändern wird. Es ist der Beginn ihres Kampfes gegen Organspende und für "ehrliche Aufklärung", wie sie sagt.

Heute, sagt die Mutter, der Arzt habe die Eltern manipuliert. Ihr Sohn sei doch bestimmt ein sozialer Typ gewesen, habe der Arzt gesagt. An anderen Betten säßen Eltern, deren Kinder sie jetzt retten könnten, mit einer Organspende. Ihr Sohn Christian sei natürlich ein netter Junge gewesen, aber er war damals 15 Jahre alt, mitten in der Pubertät: "Er konnte sich auch mit seiner Schwester um ein Stück Schokolade streiten." Aber darum ging es dem Arzt gar nicht. Es ging schlicht und einfach um Christians Organe. Wenn man helfen könne, sagte ihr Ehemann, und die Eltern erlaubten die Entnahme eines Organs.

Tot oder lebendig bei der Organspende?

Dr. Hans-Fred Weiser erläutert die Position der Medizin zur Frage, ob ein Mensch noch lebt, wenn ihm Organe entnommen werden sollen. (c) EKN

"Ich habe mir aber gar nicht vorgestellt, dass man seinen Körper aufschneidet und dass das die größte Operation seines Lebens wird", sagt die Organspendekritikerin. Statt ein Organ zu entnehmen, wurden Herz, Leber, Nieren, sogar Augen und Beckenknochen entnommen. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich meinen Sohn zur Wiederverwertung freigegeben habe, aber so ist es gewesen." Sie weiß es so genau, weil sie Christian vor der Beerdigung noch einmal angesehen hat. Sie konnte einfach nicht glauben, dass ihr Sohn tot war. Für die Organentnahme hatte man ihn mit schlagendem Herzen in den OP gefahren - der Blutfluss wird mechanisch aufrechterhalten, damit die Organe nicht absterben.

Organe werden von lebenden Körpern und nicht von Toten entnommen

Renate Greinert erzählt ihre Geschichte nicht zum ersten Mal. Sie ist im Vorstand der Initiative Kritische Aufklärung Organspende (KAO). Zusammen mit anderen Mütter und Vätern will die Initiative darüber aufklären, dass Organe ihrer Meinung nach nicht von Toten entnommen werden. Renate Greinert spricht von Sterbenden, die durch die Definition des Hirntods zu Toten erklärt werden. Für die 68-Jährige ist klar: "Ich hätte meinen Sohn schützen müssen." Ein würdevolles Sterben sei mit einer Organspende einfach nicht möglich, davon ist sie überzeugt.

Der Organspendeausweis

Mehr als 1000 kranke Menschen sterben jedes Jahr allein in Deutschland, weil es keine Organe für sie gibt. Nur eine Minderheit der Deutschen würde ihre Organe hergeben. Silke Meuler (26) ist eine davon. (c) EKN

Dass in Deutschland 12.000 Menschen auf ein Organ warten, spielt für die Mutter keine Rolle. Auch nicht, dass mit den Organen ihres Sohnes andere Menschen leben konnten. "Man hat ihn durch die Organentnahme getötet", diese Erkenntnis ist bei Renate Greinert fest verankert. Wenn die Abgeordneten im Bundestag im Sommer das Transplantationsgesetz ändern, möglicherweise hin zu einer Entscheidungslösung, bei der sich jede Bürgerin und jeder Bürger mindestens einmal im Leben zur Organspendebereitschaft äußern soll, wird Renate Greinert weiter kämpfen. In einer Gesellschaft, die sich so wenig mit Tod und Sterben auseinandersetze, könne man solch eine Entscheidung nicht erwarten und erst recht nicht erzwingen, glaubt sie.


Lena Högemann arbeitet als freie Journalistin in Berlin und Hannover.

Kommentare

Verfasst von Differenzierte Wahrnehmung am 18. Februar 2012 - 0:17.

Was mich überzeugt hat. - und was mich abstößt.

Ich hatte jahrelang einen Organspendeausweis. Man ist ja sozial, und man hilft...

Ich hatte jahrelang einen Organspendeausweis. Man ist ja sozial, und man hilft gerne.

Dann dachte ich an meine Familie. Sie sollen den toten Körper anpacken können, sie sollen den Tod begreifen können. Ich hatte Angst, dass dies bei einer Organspende nicht möglich sei. Und dann halt die Frage: Wie tot ist man, wenn das Herz noch schlägt, wenn die Nieren noch arbeiten, wenn man noch warm bleibt?

Aus der Ersten Hilfe und aus den Kursen der DLRG weiß ich, dass fünf bis zehn Minuten Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr im Gehirn reichen, um es zu zerstören. Was mich überzeugt hat: Die Darstellung des hirntoten Gehirns, in der man sehen konnte: Das Gehirn wird nicht mehr durchblutet.
Null. Nichts. Alles weg. Doch: Das ist Hirntod.

Was mir fehlt ist eine ehrliche Darstellung, wie eine Explantation vor sich geht. Dass da nicht etwa nur die Hornhaut abgehobelt und mitgenommen wird, wieich immer dachte, sondern gleich das ganze Auge. Zurück bleibt ein Glasauge für die Angehörigen. Ich habe das von einer Intensivärztin, auf deren Station eine Explantation stattgefunden hatte. Und wenn man auf dem Spenderausweis keine Einschränkung gemacht hat, dann kommt gleich eine ganze Vielzahl an Organen mit.

Wenn man das weiß, weil das offen und ehrlich kommuniziert wurde, dann bin ich damit einverstanden. Von seitens der Transplantationszentren habe ich die Zusage auf einer Infoveranstaltung, dass ich im Falle der Fälle so zugenäht werde, dass meine Angehörigen hinterher würdig Abschied nehmen können. Da verlasse ich mich drauf.

Und trotzdem stört es mich, dass in den entsprechenden Publikationen statt einer aufrichtigen Aufklärung über das, was bei der Explantation passiert, eine Werbekampagne zugunsten der Organspende stattfindet.
Das ist im höchsten Maße würdelos. Und das ist es, was immer noch dieses breite Misstrauen gegenüber der Organspende befördert.

Verfasst von Nachtfalter am 17. Februar 2012 - 10:33.
Kommentar auf: vor und nach der Spende

Untermieter oder Sklave?

Christopher schrieb: Nach einer Organspende lebt der Organspender in gleichem...

Christopher schrieb:

Nach einer Organspende lebt der Organspender in gleichem Maße weiter wie vor der Organspende. Nur eben nicht mehr innerhalb eines Körpers.

Hab ich da dann ein Mitbestimmungsrecht? Kann ich eine Miteigentümerversammlung einberufen?

Nachtfalter

Verfasst von Gast am 7. Februar 2012 - 12:44.

Wissenschaftlicher Chirurgismus

Es ist auch total unglaubwürdig, in einer Gesellschaft, in der nichts geteilt...

Es ist auch total unglaubwürdig, in einer Gesellschaft, in der nichts geteilt wird, weder der Wohlstand noch die Kultur noch die Arbeit noch das Geld, nicht einmal jenes, das die Millionäre übrig haben, zu denen ja auch die Chirurgen gehören - es ist total unglaubwürdig und von doppelter Moral, zu fordern, ausgerechnet sein Leben mit jemandem zu teilen. Das gibt den Anschein, als ob ausgerechnet den Ärzten Leben weniger würdig wäre als Geld.

Verfasst von Gast am 7. Februar 2012 - 12:35.

Organspende

Mein Mann und ich (45 und 37) tragen bewusst einen Organspendeausweis bei uns...

Mein Mann und ich (45 und 37) tragen bewusst einen Organspendeausweis bei uns und haben dies auch schriftlich hinterlegt. Auch für unsere Tochter (10) haben wir dies so hinterlegt. Es ist eine sehr bewusste Entscheidung von uns gewesen, mit der Erkenntnis, dass das Leben nicht auf die reine körperliche Funktion mit massiver Unterstützung der Maschinen ist. In diesem Zusammenhang haben wir auch einige andere Dinge "für den Falle unseres Todes" diskutiert, für uns geklärt und schriftlich niedergelegt. Medizinisch ist immer mehr möglich, aber gesellschaftlich wird sich immer weniger mit dem Tod auseinandergesetzt. Der Tod ist nicht mehr ein Teil des Lebens und wird daher immer mehr verdrängt. Ich halte es für sehr wichtig sich ohne Not, Angst und Trauer mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen. Dies in Ruhe überdenken zu können, eine Entscheidung zu treffen, auf die dann der Partner oder auch die Angehörigen zurückgreifen können.

Verfasst von Gast am 7. Februar 2012 - 3:18.

Herzloser Abschied

Niemand hat ein Recht darauf, durch die Organe eines anderen vor dem Tode...

Niemand hat ein Recht darauf, durch die Organe eines anderen vor dem Tode bewahrt zu werden. Es ist Unrecht, zu erklären, verschiedene Menschen seien ethisch begründbar verschieden todgeweiht.

Verfasst von Gast2 am 8. Februar 2012 - 21:14.
Kommentar auf: Herzloser Abschied

Im Ernstfall?

Na dann will ich mal hoffen, dass Sie im persönlichen Ernstfall auch lieber...

Na dann will ich mal hoffen, dass Sie im persönlichen Ernstfall auch lieber sterben, ein Spenderorgan ablehnen und dies auch schon irgendwo schriftlich festgehalten haben.

Verfasst von Gast am 8. Februar 2012 - 23:28.
Kommentar auf: Im Ernstfall?

Lieber Gast2 Sie sollten

Lieber Gast2 Sie sollten dankbar sein, dass ein anderer Mensch offensichtlich...

Lieber Gast2

Sie sollten dankbar sein, dass ein anderer Mensch offensichtlich seine Organe gespendet hat und Ihnen Ihr Weiter-Leben damit ermöglicht. Nichtsdestsotrotz ist es ein Geschenk - bei Ihnen hört es sich aber so an, als hätten Sie ein Recht darauf, die Organe eines anderen zu bekommen, quasi eine Forderung. "Niemand hat ein Recht darauf" - es ist ein Geschenk.

Verfasst von Gast2 am 12. Februar 2012 - 17:06.
Kommentar auf: Lieber Gast2 Sie sollten

Geschenke ablehnen?

Werden Sie im Ernstfall das Geschenk ablehnen? Wenn jemand für sich diese...

Werden Sie im Ernstfall das Geschenk ablehnen?

Wenn jemand für sich diese Entscheidung trifft, finde ich das in Ordnung. Mich stört nur die Verbissenheit der Organspende-Gegner. Da fällt es mir schwer, sachlich zu bleiben. Das merkt man meinen Beiträgen dann wohl auch an.

Verfasst von Nachtfalter am 13. Februar 2012 - 11:13.
Kommentar auf: Geschenke ablehnen?

Intensivstation oder Wertstoffhof?

es ist doch wohl die Recyclingwirtschaft, die mir mächtig auf den Keks...

es ist doch wohl die Recyclingwirtschaft, die mir mächtig auf den Keks geht, weil sie mir ständig ein schlechtes Gewissen einreden möchte, weil ich auf ein Spenderorgan verzichte und ihnen damit den Gewinn versaue.

Nachtfalter

Verfasst von Gast2 am 12. Februar 2012 - 16:58.
Kommentar auf: Lieber Gast2 Sie sollten

Recht oder Geschenk?

Ich halte den Empfang eines Spenderorgans mitnichten für ein Recht. Schon in...

Ich halte den Empfang eines Spenderorgans mitnichten für ein Recht. Schon in dem Wort Spende steckt für mich das Geschenk, das jemand macht. Und dafür bin ich Gott, dem Spender und seiner Familie über die Maßen dankbar.

Verfasst von Gast2 am 6. Februar 2012 - 19:18.

Mut und Stolz

Sehr geehrte Frau Greinert, als persönlich Betroffene möchte ich Ihnen für...

Sehr geehrte Frau Greinert,

als persönlich Betroffene möchte ich Ihnen für Ihren Mut danken, den Körper Ihres Sohnes zur Organspende freizugeben.
Haben denn die Ärzte Ihnen nicht davon abgeraten, sich von Ihrem Sohn
n a c h der Organspende zu verabschieden? Das war der Fehler, der es Ihnen jetzt so schwer macht, ihn loszulassen.
Jede Entscheidung die wir treffen, ist zu ihrem Zeitpunkt die richtige. Sie haben damals richtig entschieden. Ihren Sohn hätte eine andere Entscheidung nicht wieder lebendig gemacht. Wie lange hätten Sie an seinem Bett durchhalten wollen, bis auch sein Körper die Tortur der Geräte-Medizin nicht mehr ertragen hätte? Ich kann Ihnen versichern, Sie hätten es psychisch auch nicht lange ertragen. Und dann hätten seine Organe schon so Schaden genommen, dass sie nicht mehr geeignet gewesen wären, andere zu retten.
Lassen Sie die Vergangenheit los und seien Sie stolz auf Ihre Entscheidung.

Verfasst von Gast2 am 8. Februar 2012 - 21:12.
Kommentar auf: Mir wird schlecht,

Hirntot oder noch am Leben?

Genau da scheiden sich die Geister: Wie viel Leben steckt in einem hirntoten...

Genau da scheiden sich die Geister: Wie viel Leben steckt in einem hirntoten Körper? Da müssen Sie mir schon meine Meinung lassen.

Mit dem Trösten ist das so eine Sache. Sie werfen mir fehlende Empathie vor. Ich entnahm dem Artikel, dass Frau Greinert schon sehr festgefahrene Ansichten zu diesem Thema hat und diese auch vehement vertritt. Ich kenne sie nicht persönlich, aber ich empfinde es so, dass sie ihre Trauer durch dieses Projekt verarbeitet. Als Betroffene fällt es mir eben schwer, wenn sich Menschen so extrem kritisch gegen Organspende stellen. Und dann war mein Beitrag nicht eben tröstlich gemeint. Woher wollen Sie wissen, ob sie noch getröstet werden will? - Sie hat ihren Sohn verloren. Dafür gibt es keinen Trost.

Nun will ich hoffen, dass Ihre Übelkeit nur von kurzer Dauer war.

Verfasst von Gast2 am 12. Februar 2012 - 17:12.
Kommentar auf: Betroffen....

Nächstenliebe?

Organspende als Akt der Nächstenliebe? - Das ist aber ganz schön heftig. Sollte...

Organspende als Akt der Nächstenliebe? - Das ist aber ganz schön heftig. Sollte Gott das wirklich so sehen, bin ich mir seiner Barmehrzigkeit sicher für alle, die an diesem Gebot versagen. Ich kann es mir allerdings nicht vorstellen, dass ER den Begriff Nächstenliebe so verstanden haben will. Dieses Wort sollten wir dafür nicht missbrauchen. Dazu ist es zu groß.

Verfasst von Nachtfalter am 9. Februar 2012 - 16:30.

Was ist das Leben?

Der Mensch lässt sich m. E. nicht ausschließlich auf sein...

Der Mensch lässt sich m. E. nicht ausschließlich auf sein Betriebssystem reduzieren.

Nachtfalter

Verfasst von Gast am 7. Februar 2012 - 15:33.
Kommentar auf: Mut und Stolz

".... Und dann hätten seine

".... Und dann hätten seine Organe schon so Schaden genommen, ...." Ist es...

".... Und dann hätten seine Organe schon so Schaden genommen, ...."
Ist es nicht genau das, was eine Organspende so schwierig macht: die Organe leben noch - und damit ein Teil des Menschen, den man liebt. Für den Angehörigen ist dieser Mensch eben noch nicht tot. Und so hat sich Frau Greinert vor der Organspende nur von einem Lebenden verabschieden können, und erst nach der Organentnahme vom dann Toten. Wenn es für sie wichtig ist - wie für viele Menschen, sich vom Toten zu verabschieden, war es kein "Fehler" sondern Notwendigkeit.
Der Tod hätte nach Abschalten der Apparate nach und nach alle Organe betroffen - bis dann "der gesamte Mensch" tot gewesen wäre. Und dieser Tod ist von Angehörigen leichter zu akzeptieren. Im Falle der Organspende lebt ja noch ein Teil des Angehörigen weiter. - Eigentlich ein Trost - aber eben auch kein kompletter Abschluß durch den "Gesamttod".
Aber nicht nur in Organen lebt ein Angehöriger weiter, sondern auch in allen Erinnerungen.

Verfasst von Gast2 am 8. Februar 2012 - 20:59.

"Schuldfrage"

Ich habe nur den Eindruck, dass Frau Greinert s i c h die Schuld am "...

Ich habe nur den Eindruck, dass Frau Greinert s i c h die Schuld am "vorzeitigen" Tod ihres Sohnes gibt. Und mit dieser "Schuld" nicht fertig wird. Deshalb mein Satz vom Loslassen.

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