Jugendpsychiaterin: Gewalt ist Ausdruck einer Überforderung

Geballte Faust

"Die Jugendphase ist eine Zeit, in der das Selbstbewusstsein labilisiert wird", sagt Psychiaterin Annette Streeck-Fischer. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Interview - Wenn Jugendliche scheinbar grundlos zuschlagen, ist oft Überforderung ein Grund. Die Expertin für Jugendpsychiatrie, Prof. Annette Streeck-Fischer beschreibt im Interview typische Mechanismen.

Die Fragen stellte Andrea Barthélémy

Sind Jugendliche heute gewalttätiger als noch vor Jahrzehnten oder ist die Gesellschaft stärker sensibilisiert?

Streeck-Fischer: Jugendliche insgesamt sind nicht gewalttätiger geworden, es ist sogar ein Rückgang feststellbar, wie die Shellstudie etwa belegt. Danach sind es relativ wenige, die damit auffallen. Diese Jugendlichen sind auch nicht auf eine bestimmte Schicht beschränkt. Was aber neu und auffallend ist - anders als in früheren Zeit, wo für die Gewaltattacken Gründe gefunden wurden - dass es heute scheinbar unmotivierte Gewalttaten sind, die plötzlich wie aus dem Nichts auftreten. Bedeutsam ist dabei, dass Alkohol eine Rolle spielt, der ja eine enthemmende Wirkung hat. Bedeutsam ist sicher auch, dass es gerade bei Jugendlichen Nachahmungstäter gibt. Es hat in gewissen Peergroups eine Art Prestigecharakter. In der Regel liegen jedoch Kränkungen, Enttäuschungen, Belastungen, Frustmomente vor, die einen auslösenden Charakter haben.

Inwieweit spielen Bildung, Erziehung und familiärer Hintergrund eine Rolle?

Streeck-Fischer: Den Jugendlichen, unabhängig von ihrem Hintergrund, wird vermittelt: Du bist verantwortlich für das, was du erreichst, schaffst, hinkriegst - in einer Gesellschaft, in der es Grenzen durch Schichtabhängigkeit nicht mehr gibt. Diese Erwartungen gehen nicht selten mit einer gewissen Vernachlässigung einher. Der Jugendliche mit seinen Nöten wird aus dem Auge verloren - er macht es den Eltern sicher auch nicht leicht, ihn zu erreichen. Wenn dann Schul- oder Ausbildungsfrust dazu kommt und der von der Familie erwartete Leistungsanspruch nicht erfüllt wird, dann wird das nicht in der Familie ausgetragen, sondern woanders - beim nächsten, vielleicht schwächeren, der provoziert oder an das eigene Versagen erinnert.

Was kennzeichnet heute die Adoleszenz?

Streeck-Fischer: Die Jugendphase ist eine Zeit, in der das Selbstbewusstsein durch all die Veränderungen, mit denen der Jugendliche konfrontiert wird, labilisiert wird. Es ist eine besonders störanfällige Zeit. Dies wird nicht immer so gesehen. Jugendliche testen Grenzen aus. Wenn die Grenzen nicht mehr in der Auseinandersetzung mit vertrauten Personen erfahren werden - durch Regeln, Gebote oder auch Verbote, dann werden diese Konflikte in den öffentlichen Raum getragen.

Wie kann Prävention aussehen?

Streeck-Fischer: Jugendliche brauchen Aufmerksamkeit. Die Jugendphase ist nicht so gefahrlos, wie das immer dargestellt wird - zumindest für einige Jugendliche. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Selbstmord, für Drogen- und Suchtprobleme, für Infektionen wie HIV oder eine frühe Schwangerschaft. Auch die Hälfte der psychiatrischen Erkrankungen von Erwachsenen beginnt in dieser Zeit. Lehrer, aber auch Eltern, sollten hier bereit stehen, und zwar mehr, als viele denken. Vor allem dürfen sie die Barriere, die Jugendliche um sich herum gerne aufbauen, nicht einfach so akzeptieren und sich gleichfalls zurückziehen. Was sind in dieser Phase gute Eltern? Bestimmt nicht die, die keine Grenzen setzen.


Prof. Annette Streeck-Fischer arbeitet an der International Psychoanalytic University in Berlin.

dpa

Kommentare

Verfasst von WeißeWucherblume am 22. August 2011 - 14:40.

Perspektive

An die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg kann ich mich nicht bewusst erinnern....

An die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg kann ich mich nicht bewusst erinnern. Aber ich meine doch, die Stimmung war so, dass es nur noch "aufwärts" gehen könnte. Dass es einen Lohn für die Anstrengung geben würde. Das ist heute anders. Die Menschen der jüngeren Generation bekommen von uns eine Erde, auf der sie schlecht überleben können. Ich meine damit u.A. Wüstenbildung auch in Europa, leergefischte Meere, der Mensch als Chemikaliendepot. Die Universitäten haben unsere Kinder teilweise als Studienverhinderungs-Anstalten erlebt. Der Berufseinstieg wird immer schwerer, der Arbeitsdruck steigt laufend. Selbst der doch eher konservativ eingestellte Heribert Prantl ließ am Wochenende in der SZ eine Philippika los und schimpfte auf den mörderischen Kapitalismus. Und hat er nicht recht? Wer behauptet, jeder sei seines Glückes Schmied, der soll doch mal erklären, wie jemand schmieden soll, dem weder Hammer noch Amboss noch Feuer und Eisen zur Verfügung stehen.

Verfasst von ernstwalter am 21. August 2011 - 19:07.

Nachtrag

Als unsere Ausbildung in Deutschland beendet war,bekamen wir unseren ersten...

Als unsere Ausbildung in Deutschland beendet war,bekamen wir unseren ersten Ausgang. Wir hatten unsere Waffen bereits-ich eine Walther 38-die Belehrung-sollten sie in eine Schlägerei verwickelt werden ziehen sie nie die Waffe,sollten sie aber  und tatsächlich schießen,dann muß der erste Schuß tödlich sein-Tote können nicht mehr reden.So geschehen. das zur Gewalt

Walter Wasilewski

Verfasst von ernstwalter am 21. August 2011 - 18:45.

Gewalt als Ausdruck einer Überforderung?

Das glaube ich nicht. Wir haben 5 Kinder 10 Enkelkinder 1 Urenkel und damit...

Das glaube ich nicht. Wir haben 5 Kinder 10 Enkelkinder 1 Urenkel und damit Verbindung zur Jugend,denn die Freunde oder Freundinnen sind häufig zu Gast. Ich will heute nicht auf die Argumente eingehen. Ich stelle nur die Frage- wissen sie wie wir  mit 16 Jahren überfordert waren? Ich lasse 1 Bild sprechen wir mit 16 und 17 Jahren als Soldaten in Arnheim an einem Kontrollpunkt an dem auch Mütter kamen die aus ihren Wohnungen noch Wäsche oder Kleidung für die Kinder holen wollten-aber sie durften nicht. Offiziere die meinten sie hätten Sonderrechte..... Das Bild  einemal ich allein und mit meinen 2 Kameraden, wir waren in der Regel  gemeinsam im Einsatz.

Walter Wasilewski

Verfasst von Gerhard Backhaus am 21. August 2011 - 19:31.

Gewalt als Ausdruck einer Überforderung?

Ich frage mich, ob die Verhältnisse im 2.Weltkrieg mit der heutigen Zeit 1:1...

Ich frage mich, ob die Verhältnisse im 2.Weltkrieg mit der heutigen Zeit 1:1 verglichen werden können, habe da so meine Zweifel!

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