Kriegskinder brechen nach Jahrzehnten ihr Schweigen

Obdachlose englische Kinder

Obdachlos gewordene Kinder im September 1940 vor den Trümmern ihres Wohnhauses in einer östlichen Vorstadt Londons. Foto (nachkoloriert): akg-images

Geschichte - Die traumatischen Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs wirken in den Überlebenden bis heute fort. Doch die Kinder von einst beginnen zu sprechen - und erfahren so auch ein Stück Heilung.

Von Ulrike Millhahn

Bis heute achten sie darauf, dass ihre Teller leer gegessen sind. Sie mögen nichts wegwerfen, und viele können nachts nicht durchschlafen. Auch 72 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 toben die Schrecken von damals oft lautlos in den Seelen der damaligen Kriegskinder weiter. Ihre traumatischen Erlebnisse schildern Hannoveraner aus der Generation der 65- bis 80-Jährigen in "Im Krieg war ich noch klein", einem neuen Buch des Lutherischen Verlagshauses in Hannover.

Heilsames Sprechen

Autorin ist die Psychotherapeutin Anette Winkelmüller, die viele Leidtragende behandelt hat. Vor zwei Jahren bot sie deshalb in Hannover das Seminar "Kriegskinder erinnern sich" an. "Es war, als würde eine lange verschlossen gehaltene Tür aufgestoßen", sagt die 74-Jährige. Eine große Gruppe Betroffener begab sich ein Jahr lang auf Spurensuche. Die Teilnehmer schrieben ihre Biografien auf, die in dem Buch dokumentiert werden.

"Die Kriegskinder haben jetzt, am Ende ihres Lebens, das große Bedürfnis zu reden", erläutert Winkelmüller, die noch heute bei Sirenenalarm erschaudert. An den Einzelschicksalen sei das vergangene Leid eindrucksvoll abzulesen. So schildert Hannovers ehemaliger Stadtsuperintendent Hans Werner Dannowski im Vorwort einen Flüchtlingstreck über die zugefrorene Ostsee im Februar 1945, den er als Elfjähriger erlebte.

"Durch Artilleriebeschuss und russische Tiefflieger war dieser Marsch die Hölle. Leichen und Pferdekadaver überall, Menschen, Pferde und Wagen versanken in Eis, Todes- und Entsetzensschreie von allen Seiten. Dazwischen dieser elfjährige Junge, der - ohne Handschuhe, mit blau gefrorenen Händen - offenbar verbissen mit seiner Schwester und der 'Erna' den Wagen zog, auf dem Mutter saß, die nicht mehr laufen konnte."

Leben mit der Last der Vergangenheit

Die traumatischen Ereignisse kennt er nur durch die Erzählungen von Menschen, die dabei waren, schreibt er: "Dieser Tag ist für mich wie ausgelöscht." Für Dannowski ist dies gleichermaßen erschreckend wie beruhigend. Doch, was er als "Wohltat des Vergessenkönnens" bezeichnet, bleibt für viele aus seiner Generation ein nie enden wollender Alptraum.

"Der Krieg schreibt sich tief in den Körper ein", sagt Winkelmüller und zählt Symptome auf: schwere Depressionen, Panikstörungen, Rückzugstendenzen, Misstrauen, Ess- und Schlafprobleme oder Schmerzen ohne Befund. Etwa zweieinhalb Millionen der über 60-Jährigen in Deutschland leiden einer Studie zufolge unter den Spätfolgen.

Sie brauchen nach Auffassung der Kölner Kriegskinder-Expertin Sabine Bode vor allem eines: Trost. "Wir haben die Aufgabe, diese Menschen in ihrem Leid und ihrer Lebensleistung wahrzunehmen", sagt die Journalistin, die vier Bücher zu dem Thema geschrieben hat.

Die 64-Jährige appelliert sowohl an die Kirchen, den Betroffenen spezielle Seelsorgeangebote zu machen, als auch an die Gesellschaft: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Kriegskinder noch letzte gute Jahre haben. Es stirbt sich nicht so leicht mit dieser unbewältigten Last aus der Vergangenheit."

Spuren bei den Kindern der Kinder

Ängste und Belastungen haben längst ihren Weg über die Generationengrenze hinweg gefunden. Der 1939 geborene Journalist und evangelische Theologe Curt Hondrich aus Leichlingen im Rheinland sagt in einem Interview: "Wir haben unsere Traumatisierung, weil wir selber damit nicht fertig werden konnten, unseren Kindern weitergegeben - wohl bemerkt unbeabsichtigt und unbewusst - und nun geht es dort weiter."

Diese Erfahrung hat auch Anette Winkelmüller in ihrer Praxis gemacht. Immer mehr "Kriegsenkel" suchten mit der Zeit therapeutische Hilfe. Die zwischen 1960 bis 1975 Geborenen seien trotz guter Lebensbedingungen häufig verunsichert, litten unter Bindungsstörungen und seien viel zu sehr mit der Loyalität und Fürsorge ihren Eltern gegenüber beschäftigt. Dadurch versäumten sie häufig das eigene Fortkommen.

Die Therapeutin ist sich sicher: "Wenn nicht erzählt wird, wie es wirklich war, frei von Ängsten, Vertuschungen und Ressentiments, dann wird die Weitergabe verzerrter Ansichten und Traditionen in den Generationen fixiert."

Literatur: Anette Winkelmüller: Im Krieg war ich noch klein. Erinnerungen an den 2. Weltkrieg, Lutherisches Verlagshaus Hannover 2011, 128 S., 16,90 Euro

epd

Kommentare

Verfasst von ernstwalter am 4. September 2011 - 11:47.

Kriegskinder

Kriegskinder Heute mit 84 Jahren meldet sich immer wieder diese Zeit. Auch im...

Kriegskinder
Heute mit 84 Jahren meldet sich immer wieder diese Zeit. Auch im Schlaf.
Nicht die leeren Teller, auch nicht im Hungerlager Zedelgem.
Als 1933 Hitler an die Macht kam-war ich 6 Jahre alt.
1938 ich war 12 Jahre. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch (Reichs-)Kristallnacht oder Reichspogromnacht genannt – ist in Erinnerung, da einer unserer Klassenkameraden verschwand….
Bei Kriegsbeginn 1939 war ich 12 Jahre. An den Tag erinnere ich mich sehr gut. Am 1.September1939 lag ich in Landsberg/Warthe im Krankenhaus und konnte Radio hören, die Worte „Seit 5:45 wird zurück geschossen“ werde ich nie vergessen
1944 mit 16 Jahren wurde ich Soldat Unser Bürgermeister wollte mich zur SS, ich meldete mich schnell freiwillig zur Lufrwaffe. Nach der Ausbildung in Frankfurt/ Oder und Köslin bei Kolberg -Luftwaffe- kamen wir im Raum Arnheim zum Einsatz -VI. Fallschirmjäger Division - z.bV Kompanie. Die Bevölkerung mußte nach der “mißglückten“ Luftlandung Arnheim verlassen und wir -ca.12 Mann- richteten an der Straße Pontanuslaan einen Kontrollpunkt ein. Niemand ohne besonderen Ausweis kam in die Stadt rein oder raus. Das war besonders bitter für Mütter mit kleinen Kindern, sie kamen nicht mehr in ihre Häuser oder Wohnungen um noch notwendiges zu holen. Die Häuser wurden durch die Organisation Tod leergeräumt. Eine harte Zeit. Als zbV. Kompanie der VI. Fallschirmjägerdivision wurde unsere Gruppe dann der Geheimen Feldpolizei –Abwehr- in Utrecht unterstellt und bewachten und führten die politischen Häftlinge zur Vernehmung vor. Es war grausam. Bis heute raubt es mir den Schlaf.Als wir dann 1945 im Raum Wesel an die Front kamen, nahm Achim und ich die Gelegenheit wahr und desertierten. Am 2. März 1945 es fiel uns nicht leicht.Wir kamen ind Kriegsgefangenenlager Zedelgem Belgien auch das Hungerlager genannt. Auch hier war es für mich nicht der Hunger, sondern die Nazis die noch den Krieg gewinnen wollten und ich allein unter 1000 Leuten mir das Hoheitsabzeichen von der Uniform abtrennte und verkündete das Hakenkreuz ist in der Latrine gelandet….Auch die Rollkommandos konnten das nicht ändern.
Am 28.Juni 1945 kam ich nach Ostfriesland in die Gemeinde Filsum und fand als Heimatvertriebener in der Kirchengemeinde und einer Familie erst einmal Platz. Eine Uniform zwei Fußlappen und ein Militärmantel gehörten mir. Mein Arbeitslohn war ein Bett und kostenlose Kost.
Die Suche nach Angehörigen war eine andere Sache.
www.walter-wasilewski.wg.am/
Walter Wasilewski

Kontrollpunkt Pontanuslaan Rijn MKolleg

 Meine Kameraden und ich

Verfasst von Gast am 4. September 2011 - 12:04.
Kommentar auf: Kriegskinder

Ich bin zwar nach dem Krieg

Ich bin zwar nach dem Krieg geboren, 1955, aber das Trauma der Eltern, der...

Ich bin zwar nach dem Krieg geboren, 1955, aber das Trauma der Eltern, der Schwester und allen nahen Angehörigen, das Trauma der Nachbarn und Lehrer, der Freunde und Bekannten beeinflußten stark die Kindheit und das weitere Leben unserer Generation.All die geflüsterten Beichten, die wir anhörten in der Enge der Häuser, die Geschichten von Folter und Tod, das Schreien der Väter in schrecklichen Albträumen während der Nacht, aber auch das Schweigen über Unvorstellbares haben in unseren Seelen Spuren hinterlassen.Darum bin ich froh, dass es jetzt endlich ein Buch zu dieser Thematik gibt, damit die Grausamkeiten von Krieg, Flucht nicht dem Vergessen preisgegeben werden sondern in einer lebendigen Erinnerung bleiben. Es eröffnet sich die Chance wieder mehr über diese schwierigen Erfahrungen und Zeiten zu sprechen, gerade auch um vieles aus dem Dunkel der Erinnerung heraufzuholen um es auszusprechen und damit die Seele Entlastung erfährt.

Verfasst von WeißeWucherblume am 3. September 2011 - 18:44.

Ausgezeichnet!

Eine ausgezeichnete Initiative! Ich erlebe immer wieder in der Hospizarbeit und...

Eine ausgezeichnete Initiative! Ich erlebe immer wieder in der Hospizarbeit und in meinem Umkreis und in der Verwandtschaft, wie gerade, wo es auf das Ende zugeht, quälende Erinnerungen kommen. Da kann eine alte Frau nicht sterben, denn "die Kleinen müssen ja zu essen haben". Sie war mit einem Flüchtlingszug tagelang auf freier Strecke blockiert worden. Zwar brachten Anwohner Nahrung und Getränke herbei, aber für das kleinste Kind reichte es eben nicht, zumal der Zug nicht mehr geheizt war. Da wacht ein alter Herr, inzwischen kaum noch bewegungsfähig, jede Nacht schreiend auf. Er war als Kind im Schulalter zweimal bei Bombenangriffen verschüttet worden. Da ist viel Hilfe not und richtig, auch für die Nachkommen. Und dass wir dem Grundsatz, wo wir nur können und vor allem Anderen Geltung verschaffen: "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!"

Verfasst von Basilio am 3. September 2011 - 17:22.

Großartig

Eine lange überfällige Studie, Arbeit. Dass es nach der Resilienzforschung -und...

Eine lange überfällige Studie, Arbeit. Dass es nach der Resilienzforschung -und menschlichen Erfahrung - sehr wohl auch Kinder- und Erwachsenenpersönlichkeiten gab, welche die Erfahrungen integrieren und bewältigen konnten, spricht ja keineswegs gegen diese Aussagen.

Bei dieser Gelegenheit muss ich eine Utopie ansprechen: Der kürzlich verstorbene Herr von Bülow machte es sich rückblickend zum Vorwurf, nicht auf seine Weise gegen den Befehl der Irren Widerstand geleistet zu haben. Er braucht sich dessen nicht zu schämen. Es wird immer wieder so geschehen, wenn die Existenz gegen die Staatsmacht opponieren will. Der Mensch ist eben kein geborener Held, allenfalls ein situativer.

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