Öffentliche Tanzveranstaltungen an Karfreitag sind in Deutschland überwiegend verboten. Dagegen regt sich inzwischen stärkerer Widerstand. Foto: iStockphoto
Feiertagsruhe -
"Tanzverbot" - ein Wort, das Musik ist in den Ohren von Leuten, die den Kulturkampf lieben. Kurz vor Karfreitag keimt eine Debatte um seinen Schutz auf. Ist der "stille Feiertag" noch sinnvoll?
Von Gregor Tholl
Tanzverbot? Wo gibt's denn sowas? Antwort: in Deutschland! Doch diese regional unterschiedliche Gesetzeslage an gewissen "stillen Feiertagen" wie Karfreitag, Allerheiligen oder Totensonntag ist vielen Leuten nicht bewusst und wirkt auf sie wie ein Überbleibsel aus einem Land ohne Spaß.
"Der Taliban lässt grüßen", polterte der Frankfurter Gastronom Ralf Scheffler vom Kulturzentrum Batschkapp kürzlich in einer Mitteilung: "Tanzverbot, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Solche Maßregelungen erwartet man heutzutage zu Recht nur noch in den Herrschaftsbereichen der Steinzeit-Islamisten."
Was war geschehen? Die Stadt Frankfurt hatte Mahnschreiben an Disco-Besitzer verschickt, weil Bürger gepetzt hatten, dass dort Veranstaltungen geplant seien, die möglicherweise verboten gehörten. Nach einem Landesgesetz von 1952 darf in Hessen am Karfreitag sowie den Osterfeiertagen von jeweils 4 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags nicht öffentlich getanzt werden.
Kontroverse quer durch die politische Landschaft
Das finden jetzt auch die Grünen falsch, obwohl sie das Gesetz während ihrer Regierungszeit in Hessen unverändert ließen. Die Landtagsabgeordnete Sarah Sorge findet das Verbot "nicht zeitgemäß". Die Jugendorganisation der hessischen Grünen rief für Freitag zu einem "Flashmob" in Frankfurt auf, also zu einem über Handy und E-Mails organisierten Protestauflauf. Auch die Jungen Liberalen sagen: "Niemand wird in seiner Glaubensausübung gehindert, wenn Menschen andernorts feiern."
Widerstand in Bremen gegen das Tanzverbot
Ein junger SPD-Kommunalpolitiker will die Karfreitagsruhe abschaffen - mit einer Petition. Renke Brahms, der Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, verteidigt die Vorschrift. Und was sagen die Bürger dazu? Quelle: (c) 2011 Evangelischer Kirchenfunk Niedersachsen GmbH
Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) sieht das anders: Hessen sei ein "christlich-abendländisch geprägtes" Land. Daher sei es "richtig und wichtig, dass es an den höchsten christlichen Feiertagen des Jahres nicht "Rambazamba rund um die Uhr" gebe.
Auch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen gab es eine Diskussion: Ein Verbot von Unterhaltungsveranstaltungen an kirchlichen Feiertagen passe nicht mehr in die Zeit, sagte Grünen-Landeschef Sven Lehmann der "Rheinischen Post". Doch dem Motto "Wer gackert, muss auch ein Ei legen", das zu Ostern passen würde, will er dann doch nicht folgen.
EKD-Ratsvorsitzender Schneider gegen mehr Werktage
Der Nachrichtenagentur dpa erläuterte Lehmann, die rot-grüne Regierung plane keine Änderung des Feiertagsgesetzes im Land. Die Grünen wollten aber eine Debatte anstoßen. Christen dürften den Anderen nicht vorschreiben, wie sie den Tag verbringen. "Unsere Gesellschaft ist nicht nur christlich geprägt, sondern vielseitig - auch jüdisch, muslimisch und säkular." Grün-gelbe Koalition: Die NRW-FDP teilte mit, sie sei offen "für moderate Veränderungen am Feiertagsgesetz".
Die Kirchen, seit Jahren auf einem Rückzugsgefecht, wollen selbstverständlich ihre Bastion nicht aufgeben: "Wer die Aufhebung der besonderen Feiertagsruhe am Karfreitag propagiert, fordert nichts Anderes als mehr Werktage", sagte Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Auslöser der NRW-Debatte waren umstrittene Aufführungen an einigen Bühnen, die für Karfreitag geplant gewesen waren. Nach einem Hinweis der Bezirksregierung verlegte zum Beispiel das Essener Aalto-Theater die Premiere einer Puccini-Oper auf Gründonnerstag vor.
Für Spaß an anderen Tagen "ausreichend Gelegenheit"
Auch wenn in jedem Bundesland die Lage anders und die Praxis zum Beispiel in Berlin besonders liberal ist - Hasser der partywütigen Hauptstadt würden es wohl verwahrlost nennen -, äußerte sich auch Maria Flachsbarth. Die Beauftragte der Unions-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften sagte, der Verzicht auf öffentliche Sportveranstaltungen, Tanz oder Theater sei an Karfreitag richtig. "Für solche Veranstaltungen gibt es in unserer Gesellschaft nun wirklich ausreichend Gelegenheit." Der Karfreitag sei ein Tag der Stille und der Besinnung, der allen Menschen zugutekomme.
Stephan Büttner, der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Discotheken- und Tanzbetriebe (BDT im Dehoga-Bundesverband) glaubt das nicht. Er sieht stark veränderte Bedürfnisse in der Gesellschaft. Viele Menschen fragten am Vorabend und in den frühen Morgenstunden eines Feiertages Gastronomie, Musik und Tanz nach. Verbote sind deshalb für ihn "antiquierte Relikte aus vergangenen Zeiten".
Bühnenverein kritisiert Unterhaltungsverbot
Auch der Deutsche Bühnenverein hat das Unterhaltungsverbot für Theater am Karfreitag in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern scharf kritisiert. Weder das Fernsehen noch die meisten Radioprogramme nähmen besondere Rücksicht auf den christlichen Anlass des Karfreitags, hieß es am Mittwoch in einer Mitteilung des Bühnenvereins.
Im Privatfernsehen würden überwiegend Unterhaltungs- und Actionfilme gesendet, die öffentlich-rechtlichen Sender zeigten "ihr übliches Programm mit Krimis, Dokumentationen, Filmen und Talkshows". Dabei erreichten Fernsehen und Radio ein Millionen-Publikum, während eine Theateraufführung auf das Publikum im Saal beschränkt sei.
Besonders in Düsseldorf hatte es eine heftige Debatte um das Unterhaltungsverbot für Theater gegeben. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte die Aufsichtsbehörden angewiesen, dafür zu sorgen, dass am Karfreitag keine verbotenen Veranstaltungen stattfinden.
Komödie vom Spielplan gestrichen
Der Chef des "Theaters an der Kö", René Heinersdorff, hatte schließlich die geplante Aufführung der Komödie "Der lustige Witwer" abgesagt. Andere Stücke wie ein neues Werk von Juli Zeh am Düsseldorfer Schauspielhaus dürfen aber aufgeführt werden. In Essen war wegen der strengen Gesetzesvorgaben bereits die Puccini-Oper "Madame Butterfly" auf den Gründonnerstag vorverlegt worden. In Köln hatten die Aufsichtsbehörden grünes Licht für Wagners "Parsifal" gegeben.
"Will man Ernst machen mit der christlichen Tradition des Karfreitags, muss man zu einer einheitlichen Lösung kommen, die für Radio und Fernsehen genauso gilt wie für alle öffentlichen Veranstaltungen", fordert der Bühnenverein. "Dem wird sich auch kein Theater entziehen wollen." Die NRW-Grünen hatten das Verbot leichter Unterhaltung am Karfreitag als nicht mehr zeitgemäß kritisiert. Allerdings plant die rot-grüne Koalition in Nordrhein-Westfalen derzeit nicht, das Feiertagsgesetz des Landes zu ändern.
dpa
Kommentare
Oh man, das ist ja schon fast
Oh man, das ist ja schon fast peinlich. Nicht nur fast, es ist peinlich.
Heutzutage kennt doch kaum noch einer die Hintergründe von Feiertagen, alle sehen nur "Freie Tage" oder bei Weihnachten denkt auch niemand, ausser natürlich die wirklich Gläubigen, an Jesus und Gott, sondern nur an Geschenke in Hülle und Fülle.
Sollen sie doch tanzen, solange der Lärmpegel nicht zu laut wird, stört es doch niemanden. Und wenn jetzt jemand kommt "ja, aber die Betrunkenen die nachts durch die Gassen ziehen?!" - Man kann sich auch ohne Disko und ohne Tanzen betrinken, dann durch die Straßen schlendern und laut werden...!
In Kurz: Ich sehe keinen Sinn darin!
Ich leide unter dem Tanzverbot
Ich hatte mich für Karfreitag mit einer Freundin zum Tanzen verabredet. Später ist mir dann eingefallen, dass es ein Tanzverbot geben könnte. Ich bin akut in Tanzstimmung und ich hatte schon eine Verabredung. Wofür ist es gut, dass mein Feiertags-Frust-Wegtanz-Ritual ausfallen muss?
- Ist es, um so zu tun, als ob ich keine richtige Deutsche wäre? (Bin deutsche, nur kein Christ.) Das Tanzverbot fühlt sich für mich wie eine Machtdemonstration des staatlichen Christentums an.
- Müssen Un- und Andersgläubige bestraft werden? Weil wir Minderwertig wären? Frei von jeder Moral und allen Werten?
- Stört es Christen bei ihren Feierlichkeiten, wenn Nachts lärmisoliert irgendwo gefeiert wird?
- Würde es Christen in Versuchung führen? Sind Christen so schwach, und wenn ja, kommt man fürs Karfreitstanzen in die Hölle? Sind Christen missgünstig, wenn andere Spaß haben?
- Vielleicht geht es gar nicht darum, un- und andersgläubigen Kunden die Freiheit zu nehmen, sondern es geht ums Personal? An Tankstellen wird zu ganz Ostern gearbeitet. Wenn christliche Mitarbeiter kompromisslos dienstfrei brauchen, müsste man dann nicht konsequent sein, und alle schließen? Und den Bahnverkehr, und Samstags die Supermärkte? Das ist alles nicht lebensnotwendig. Wenn es um die Mitarbeiter gehen würde, dann dürfte der "Charakter der Kulturveranstaltung" keine Rolle spielen. Tut er aber, Klassikkonzerte sind an "stillen Tagen" meistens okay, Rockkonzerte eher nicht. Vielleicht geht es ja darum, ganz speziell GoGo-Tänzerinnen und gepiercen E-Gitarristen die Besinnung aufzuzwigen.
Wann ich das nächste mal Tanzen gehe, ist jetzt übrigens völlig ungewiss. Zuerst muss ich aufs nächste Wochenende warten, und dann will die Freundin vielleicht nicht mehr, oder es regnet (Fahrrad), oder meine Lust ist weg. Die Chance ist verpasst.
Punkt genau getroffen
Der Betreff sagt eigentlich schon alles über deinen Kommentar.
Ich sehe keinen Sinn hinter dem Tanzverbot.
Heutzutage feiert keiner mehr wirklich die Feiertage. Ostern bedeutet für die meisten Eier und Schokolade Sammeln, Weihnachten bedeutet Geschenke bis das Kind keine mehr will...!
Zudem, wenn es darum geht zu trauern: Jeder trauert auf seine Weise. Die einen weinen, die anderen bleiben einfach stumm, andere gehen dann eben feiern.
Ausserdem, warum soll den einen das Tanzen verboten werden? Diejenigen, die zu Hause zur Ruhe kommen wollen, können dies gerne tun. Die Tanzenden hindern sie doch nicht daran...
Karfreitagsruhe
Opfert den Karfreitag, Ostermontag, Pfingstmontag, Himmelfahrt und Fronleichnam ruhig dem neuen Gott -Konsum- und ihr werdet sehen, was ihr davon habt.
Ich bin dankbar, dass wir diese Feiertage haben, damit ich mich Besinnen und Sammeln kann. Sollten sie abgeschafft werden, dann ist das schmerzlich - aber, wie bei Buß- und Bettag zu verkraften. Dann eben morgens zur Arbeit und abends in die Kirche.
Aber wenn man den Inhalt nicht mehr haben will, wenn man den Konsum haben will, dann auch konsequent, dann auch kein freier Tag mehr.
Ob die Gastronomie dann soviel mehr verdient? Wer weiß es.
Gott hat die Sabbatruhe für heilig erklärt - der konsumorientierte Mensch hat den Konsum für heilig erklärt.
Macht weiter so - und ihr werdet ernten, was ihr gesät habt.
Davon geht die Welt nicht unter
Ihr Kämpfer für die Freiheit: Schafft doch einfach alle kirchlichen Feiertage ab. Den Karfreitag, den Ostersonntag, den Ostermontag! Dazu auch Himmelfahrt und Fronleichnam, bitte auch den Tag der Deutschen Einheit. Schränken Feiertage nicht auch die Freiheit ein, einkaufen zu gehen?
Warum um Himmels willen, müssen Verbote ständig in meine Freiheit eingreifen? Was bilden sich die Kirchen eigentlich ein...!
Am Besten: Schafft die Kirchensteuer ab. Beendet die finanzielle Unterstützung für kirchliche Kindergärten und Schulen, für Krankenpflege und Altenheime. Bezieht die Kirchen nicht mehr mit ein. Ethik ist eh was für Looser. Lasst Eure Verstorbenen anonym beerdigen und Eure Kinder ohne Religionsunterricht aufwachsen.
Und wenn dann die liebe Seele Ruhe hat, dann wachen wir in einer besseren Welt auf? Das glaubt Ihr ja selbst nicht, oder?
Und wer jetzt sagt: Ich habe das nicht gefordert. Wegen mir könnte alles weiterlaufen wie bisher, mir ist es egal. Dem möchte ich sagen: Genau das ist das Problem heute. Die Gleichgültigkeit der vielen, die von der Weisheit des christlichen Glaubens nichts mehr wissen wollen...
Die Kirchen versagen – sagen viele. Ich sage: Ihr versagt, meine Lieben, denen euch alles egal ist.
Vielleicht können wir auch zurecht sauer sein auf mehrere Generationen Pfarrer, die ihre Kirche verlottern ließen. Die sich nicht um den Glauben ihrer Gemeinden gekümmert haben, die zugesehen haben, wie das Selbstverständliche vergessen wurde.
Schwierig wird es, wenn der
Schwierig wird es, wenn der den Tag gestalten wollende Christ in der Gastronomie arbeitet. Denn Karfreitag ist schon etwas anderes als ein x-beliebiger Sonntag. INsofern hat Schneider schon Recht mit dem "Arbeitstag mehr". Allerdings besteht eben das Problem, daß dadurch eben nicht gleiches Recht für alle gilt. Muslime müssen sehen, wie sie beim Opferfest klarkommen, falls sie arbeiten müssen. Und ja, klar. Historisch sind wir vor allem christlich geprägt, aber das kann nicht Grndlage für eine allgemeine Gesetzgebung sein.
Mein Blog: Ein feste Burg ist unser Gott
Karfreitag.....
Ist das jetzt das letzte Aufbäumen der Kirchen, die unter einem enormen Mitgliederschwund leiden? Die Zeiten der Vorschriften sind doch endgültig
vorbei. Welch eine Doppelmoral: Tanzen verboten, Badeanstalten eröffnet,
Internetzugang frei, Fernsehsendungen für alle Menschen, an teilweiser Dümmlichkeit und Brutalität nicht zu überbieten. Im Sinne eines Gottes?
Habt ihr ihn vorher gefragt?
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