Lea Ackermann: "Ich sehe die Not und ich will helfen"

Kinderbildungsprojekt in Kenia

Schwester Lea Ackermann in einem Bildungsprojekt ihres Vereins in Kenia: Hier werden die Kinder von Prostituierten betreut. Foto: Solwodi

Interview - Schwester Lea Ackermann kämpft für Frauen in Not, gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Für ihr Engagement wird Sie am 29. Februar mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Interview mit evangelisch.de berichtet die katholische Ordensschwester über Gespräche im Puff, Kondome für Afrika und, wie sie mit Highheels ins Kloster ging.

Die Fragen stellte Lena Högemann

Frau Ackermann, Sie haben die Hilfsorganisation Solwodi ("Solidarität mit Frauen in Not") vor 27 Jahren gegründet. Wie ist es zu dieser Arbeit gekommen?

Schwester Lea Ackermann: Auf einer Reise auf den Philippinen bin ich auf das Problem gestoßen. Ich war mit einem Bischof und seinem Sekretär unterwegs. Wir fuhren in einem Taxi. Nachdem der Fahrer abgeklärt hatte, dass ich nicht die Ehefrau einer dieser Herren bin, hat er sofort angeboten: Meine kleine Schwester, jung, billig, die ganze Nacht. Ich fand es so ungeheuerlich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Arroganz junge Frauen verkauft wurden. Dann bin ich zurück nach Deutschland und habe es zu meinem Thema gemacht, über Sextourismus aufzuklären. 

Wie kam es dann zur Gründung des Vereins?

Ackermann: Als mich meine Ordensgemeinschaft nach Mombasa in Kenia versetzt hat, habe ich dort mit den Frauen gesprochen. Ich bin auf die Straße gegangen, in die Puffs. Ich habe gesagt: Ich bin Schwester Lea Ackermann. Und die Frauen haben mir erzählt, wie es ihnen geht. Das war schrecklich. Ich habe gesagt: Wenn es euch so schlecht geht, suchen wir gemeinsam, was ihr anderes machen könnt. Aber ich hatte überhaupt kein Geld.

Schwester Lea Ackermann in den 80er Jahren bei Prostituierten in Mombasa, Kenia. Das Stadtviertel heißt im Volksmund "Tanu Tanu", auf deutsch "Fünf Fünf" - hier werden "fünf Minuten für fünf Cent" angeboten. Foto: Solwodi

Dann habe ich dem lieben Gott gesagt: Ich will mich für diese Frauen einsetzen, die überhaupt keine Chance im Leben haben, lass du mich bloß nicht hängen. Ich habe hundert Briefe in einem Monat geschrieben, an alle Adresse aus meinem Adressbuch. Ich habe um Geld gebeten und die Leute haben welches geschickt. So ist Solwodi entstanden. 

Sie werden für dieses Engagement mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ackermann: Das freut mich sehr. Das Wichtigste ist: Dadurch wird unsere Arbeit bekannt. Im Grunde genommen geht es nicht um mich als Person, sondern um die Arbeit von Solwodi. Ich könnte auch gar nicht die Arbeit tun, wenn ich nicht die vielen engagierten Mitarbeiterinnen hätte. 

Haben Sie das Gefühl, dass Gott Sie bei Ihrer Arbeit unterstützt?

Ackermann: Ja selbstverständlich! Ich könnte mir gar nicht vorstellen, dass ich da, wo ich heute bin, ohne Gottes Hilfe wäre. Ich weiß nicht wie, aber es geht immer weiter. Ich sehe die Not und ich will helfen, ich stelle Leute ein, suche Quellen der Finanzierung. Und es klappt immer wieder.

Sie haben zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem das Buch "Um Gottes Willen, Lea". Sie berichten darin von Ihrem Einsatz für Frauen in Not. Der Titel lässt erahnen, dass Sie auch humorvoll mit Ihrem Glauben umgehen. Stimmt das?

Ackermann: Natürlich. Gott hat doch Humor, sonst hätte er die Menschen nicht geschaffen. Wenn ich eine gute Idee hatte, schon als Kind, haben die Erwachsenen oft gesagt "Um Gottes Willen, Lea". Das ist bis heute so geblieben.

Sie setzen sich als Katholikin für die Rechte der Frauen ein. Nun sieht es aber innerhalb der katholischen Kirche in Bezug auf die Stellung der Frau nicht gerade rosig aus, Stichwort Priesteramt nur für Männer. Wie passt das zusammen?

Ackermann: Ich finde, dass es nicht rechtens ist, dass die Frau so in der katholischen Kirche behandelt wird. Das ist eine Sünde gegen den heiligen Geist. Frauen und Männer sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Beide haben ihre Gaben, es sind nicht immer die gleichen. Die Frauen können ihre Gaben in der katholischen Kirche nicht einbringen. Das ist ein großes Unrecht.

Und dann verbietet der Papst auch noch den Frauen in Afrika, Kondome zu benutzen. Sie arbeiten seit Jahrzehnten mit und für diese Frauen. Ärgert Sie das?

Ackermann: Das mit den Kondomen wurde etwas hochgespielt. Ich fand es damals schon nicht klug und nicht richtig, dass der Papst Kondome verboten hat. Der Papst tut gut daran, Regeln zu geben, aber als Geländer, das den Menschen hilft. Über die Folgen zu sprechen, etwa dass die Sexualität kein kostbares Gut mehr ist, das ist wichtig und das sollte ein Papst auch tun. Aber wirklich Vorschriften zu geben, dafür ist er nicht die richtige Person. Da sind Ärzte und andere gefragt. Meine Kolleginnen gehen auch heute noch mit Kondomen in die Elendsviertel.

Sie haben eine bewegte Geschichte hinter sich: Sie haben Ihren Beruf als Bankkauffrau aufgegeben, um Ordensschwester zu werden. Wie ist es denn dazu gekommen?

Lea Ackermann. Foto: P!ELmedia

Ackermann: Ich habe eine Banklehre gemacht und habe sogar bei der Gründung der "Banque Franco-Sarroise" in Paris gearbeitet. Aber irgendwann habe ich gedacht: Mein ganzes Leben nur mit Papier und Geld, das ist doch nichts. Ich war 23 Jahre alt und war fromm und abenteuerlustig zugleich.

Da habe ich mich über Missionsgemeinschaften informiert und angeschrieben. Ich weiß noch genau, dass mir die Gemeinschaft der Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika an einem Freitag geantwortet hat. Am darauf folgenden Wochenende haben wir einen Betriebsausflug von der Bank nach Trier gemacht. Das war direkt dort, wo das Kloster lag. Da dachte ich mir: Da stelle ich mich mal vor.

Da habe ich die Nacht durchgetanzt und habe mich morgens im gleichen Outfit, mit hochhackigen Schuhen und dem Kleid aus Paris im Kloster vorgestellt. Am nächsten Tag habe ich bei der Bank gekündigt und bin ins Kloster eingetreten.

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?

Ackermann: Meine Eltern saßen in der Küche und ich habe gesagt: Hört mal, ich gehe ins Kloster, ich habe auch schon gekündigt. Meine Mutter hat geheult und mein Vater hat getobt. Mein Vater hat erst allen gesagt, das sei nur eine verrückte Idee. Und als ich nicht wiederkam, hat er gesagt: Die ist so stur, die bleibt sogar im Kloster. 

Vor kurzem haben Sie Ihren 75. Geburtstag gefeiert – herzlichen Glückwunsch nachträglich. Ist es da nicht langsam Zeit für den Ruhestand?

Ackermann: Nicht für den Ruhestand, aber dafür, das Ganze in andere Hände zu geben. Das habe ich schon in Angriff genommen. Ich bin auf der Suche nach einer Geschäftsführerin.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ackermann: Ich habe nie einen Plan gehabt. Ich habe gewusst, dass ich diesen Frauen helfen will. Die Frauen sind zu mir gekommen und ich bin losgezogen und habe versucht, ihre konkrete Not zu lindern. Dafür brauche ich keinen großen Plan.

mit Material von epd

Schwester Dr. Lea Ackermann hat vor 27 Jahren den Verein "Solwodi - Solidarity With Women In Distress" (Solidarität mit Frauen in Not) gegründet. Am 29. Februar erhält sie für ihr Engagement das Große Bundesverdienstkreuz.

Lena Högemann arbeitet als freie Journalistin in Berlin und Hannover.

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