Muttertag - Große Familien haben im Alltag mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Die gesellschaftliche Wahrnehmung schwankt zwischen romantisierend oder ist mit hartnäckigen Vorurteilen behaftet.
Als Corinna Bergmann mit ihren fünf Kindern das Wartezimmer betritt, schauen die Leute irritiert. Auch der Arzt reagiert gestresst, als die zweijährigen Zwillinge auf seinen Möbeln turnen. "Die Kinder drehen nur deshalb auf, weil der Arzt mit der Situation nicht umgehen kann. Und das stresst mich", erzählt die 39-Jährige. "Dabei bin ich normalerweise viel toleranter als die Umgebung."
"Bevor Sie hier wohnten, war es so schön ruhig"
Wenn es um große Familien geht, galt das Interesse der Forschung bislang vor allem ihrer wirtschaftlichen Situation. Nun aber hat das Deutsche Jugendinstitut in München den Alltag von Familien mit drei und mehr Kindern in den Blick genommen. Die Wissenschaftler werteten dazu eigene Studien, Statistiken sowie nationale und internationale Untersuchungen aus. Sie fanden heraus, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung nicht mit den realen Lebensbedingungen dieser Familien übereinstimmt: "Wenn in Diskussionen auf das Leben von Mehrkinderfamilien Bezug genommen wird, geschieht dies meist romantisierend oder ist mit hartnäckigen Vorurteilen behaftet".
Corinna Bergmann begegnet solchen Vorurteilen täglich: Entweder wird sie ungläubig gefragt, ob alle fünf Kinder zu ihr gehören. Oder sie erntet böse Blicke. Kürzlich schrie ein Mann in der Warteschlange vor der Wursttheke ihre quengelnde Tochter an: "Jetzt halt mal deine Klappe." Selbst die Nachbarin im Mehrfamilienhaus bemerkte: "Bevor Sie hier wohnten, war es so schön ruhig."
Großfamilien immer seltener
Die "typische Mehrkinderfamilie" gebe es jedoch nicht, resümieren die Münchner Wissenschaftler. Als "erstaunlich" bezeichnet es Barbara Keddi vom Deutschen Jugendinstitut, dass der Familienalltag und die Beziehungsqualität in großen Familien sich nur geringfügig von denen kleiner Lebensgemeinschaften unterscheiden: "Wir hatten gedacht, da ist ganz viel Stress." Auch die Freizeit werde vielfältiger gestaltet als angenommen.
Familien mit drei, vier, fünf oder mehr Sprösslingen gibt es immer seltener. Deutschland bewegt sich im allgemeinen europäischen Abwärtstrend sogar unter den Schlusslichtern. In Baden-Württemberg etwa ist der Anteil kinderreicher Familien in den vergangenen 30 Jahren um fast 40 Prozent zurückgegangen. Zieht im Westen jede zehnte Familie drei Kids groß, sind es im Osten nur 7,5 Prozent der Familien. Mit vier Kindern leben in Westdeutschland drei, in Ostdeutschland nur zwei Prozent der Erziehungsverantwortlichen.
Wer selbst mit vielen Geschwistern aufgewachsen ist, in einer stabilen Partnerschaft lebt und sich aktiv religiös engagiert, entscheidet sich eher für mehrere Kinder, fand das Deutsche Jugendinstitut heraus. Dagegen planen Paare, die beengt wohnen, wenig Geld zur Verfügung haben und ihre Elternschaft nur schwer mit dem Beruf vereinbaren können, häufig nur ein oder zwei Kinder.
Beste Entwicklungschancen bieten Zweikinderfamilien
In kinderreichen Familien herrscht außerdem eine "deutlich traditionellere" Arbeitsteilung vor. Mit zunehmender Kinderzahl schränken die Frauen ihre Erwerbstätigkeit ein, die Väter arbeiten überwiegend Vollzeit. Es sind meist die Mütter, die den Alltag mit mehreren Kindern zu stemmen haben.
"Die Eltern von drei oder mehr Kindern sind sehr stark gefordert", hat Barbara Keddi beobachtet. Für eine intensive Hausaufgabenbetreuung aller Kinder etwa fehle oft die Zeit und Kraft. "Zweikinderfamilien scheinen die besten Entwicklungsmöglichkeiten und Ressourcen für alle Familienmitglieder zu bieten", resümiert Keddi aus Wissenschaftlersicht, "sowohl für die kognitive Entwicklung der Kinder, ihren Schul- und Erwerbsverlauf als auch für die Eltern".
"Alles soll immer tipptopp sein"
Manchmal plagt Corinna Bergmann das schlechte Gewissen, weil sie ihre fünf Kinder häufig vertrösten muss. "Dem Lehrer fällt ein, dass die Kinder am nächsten Tag Wasserfarben mitbringen sollen", erzählt die Juristin. "Wie soll ich das machen mit fünf Kindern im Schlepptau? Alles soll immer tipptopp sein. Die Gesellschaft ist nicht darauf ausgerichtet, dass jemand viele Kinder hat." Andererseits freut sie sich darüber, dass die Kindern lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen und sich umeinander zu kümmern: "Das ist ein großer Gewinn."
Das Deutsche Jugendinstitut fordert, die Eltern nach ihren Bedürfnissen zu unterstützen: Allein Erziehende können durch eine flexible Kinderbetreuung entlastet werden. Junge und bildungsferne Paare benötigen eine finanzielle Unterstützung und Weiterqualifizierung. Corinna Bergmann plädiert für unbürokratische Hilfe wie finanzielle Anreize für ein Eigenheim, eine Haushaltshilfe rund um die Geburt, einen Kindergartenplatz ohne Arbeitsnachweis: "Es ist eine wahnsinnig anspruchsvolle Aufgabe, mehrere Kinder groß zu ziehen. Man gibt sich selber dabei auf. Und irgendwann muss man wieder zu sich kommen."
Kommentare
Für Erhalt der Geburtenrate sind mindestens 3 Kinder nötig
In Ländern wo die Geburtenrate bei 2 Kindern liegt, hat die Durchschnittsfamilie 3 oder 4 Kinder und nicht nur 1 oder 2 wie in Deutschland. wo die Geburtenrate bei 1,3 Kinder liegt. Denn nur so können die kinderlosen Personen oder die Eltern mit nur einem Kind ausgeglichen werden, so dass die Wachstumsbilanz zumindest neutral ist. Aussagen wie "die Zweikinderfamilien bieten die besten Chancen" sind milieubedingt, stimmen leider aber wahrscheinlich für Deutschland.
In Frankreich liegt die Geburtenrate bei 1,9. Dort muss man/frau ab dem dritten Kind praktisch keine Steuern mehr zahlen, was dazu führt, dass häufig Besserverdiende mehr Kinder bekommen. Auch der französische Premierminster und seine sozialistische Oppostionsführerin haben - ungeachtet diverser instabiler Familienverhältnisse - jeweils 4 Kinder.
Es bleiben Fragen
Sehr geehrte Frau Isabel Fannrich-Lautenschläger,
zunächst ist zu begrüßen, dass Sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen.
Leider kolportieren Sie, absichtlich oder nicht sei dahingestellt, sozialwissenschaftliche Meinungen, die längst nicht mehr neuesten wissenschaftlichen Stand darstellen.
z.B. Großfamilien: Sie finden sich meist in Familien muslimischen Glaubens bzw. auch in Migranten-, wie Sinti- und Romafamilien. Mithin also eine kulturelle Komponente zu betrachten ist, die Sie hier unterschlagen bzw. dei Studie, auf die Sie sich hoffentlich beziehen. Hierin ist auch begründet, dass "alte Rollenbilder" stärker verhaftet sind und, wiederum eine neue Komponente: hier die ökonomische, den sozialen Aufstieg zumindest nicht fördert.
"Bereinigt"-und ich bitte dieses Wort einzig als statistischen Fachbegriff zu werten- man einschlägige Studien von Menschen anderer Kulturen und Religionen als den indigenen west- und mitteleuropäischen, dann zeigt sich, ein umgekehrtes Bild. Ganz im Gegenteil zeigt sich die Großfamilie dann als "modernes Kleinunternehmen" in der Bildungsbranche, welches die "Kunden" ganz hervorragend durch das Leben bringt bzw. auf selbiges vorbereitet.
Nun, Frau Dr. Barbara Keddi weiß das natürlich alles auch. Warum Sie nicht darauf eingehen bzw. mit "Die "typische Mehrkinderfamilie" gibt es nicht..." nur andeuten, kann ich nur vermuten und das möchte ich nicht. Das wird zu schnell persönlich und das soll es nicht.
Nur eine Bitte hätte ich an Sie: Seien Sie doch bitte etwas wacher und kritischer. Wenn eine Wissenschaftlerin, zugegeben eine durchaus anerkennenswerte, sagt: "Die "typische Mehrkinderfamilie" gibt es nicht...", dann aber meint generalisierende Aussagen zu treffen, bei denen einzig der "Umstand Großfamilie" Wertungsfaktor -ohne eine ganze Reihe kulturell-sozio-ökonomischer Kenndaten und Faktoren mit einzubeziehen- sein soll, MUSS kritisch hinterfragt werden oder ist schlichtweg nicht optimal verstanden worden.
Herbert Preumer
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