Opfer kritisieren Entschädigungsfonds für Heimkinder

Kind am geschlossenen Fenster

Vernachlässigung und Gewalt haben viele Kinder in den 50er und 60er Jahren in deutschen Kinderheimen erlebt. Foto: fotolia / Valda Tappenden

Heimkinder - Opfervertreter haben den vom Runden Tisch Heimerziehung vorgeschlagenen Entschädigungsfonds als beschämend bezeichnet. "Hier ist geschachert worden", kritisierte Monika Tschapek-Güntner, Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder, am Wochenende in einem Gespräch mit "wdr.de". Der Abschlussbericht des Runden Tischs Heimerziehung wird am Montag in Berlin vorgestellt. Im Anschluss will der Verein ehemaliger Heimkinder bei einer Pressekonferenz seine Kritik vorbringen.

"Die ehemaligen Heimkinder fühlen sich berechtigterweise von Staat und Kirche verraten", sagte Jürgen Repschläger, Sprecher des "Eckigen Tisches" Bonn, der Opfergruppe sexualisierter Gewalt am Bonner Jesuiteninternat Aloisiuskolleg, am Sonntag dem epd. Die Höhe der individuell auszuzahlenden Lebenshilfe dürfe in keinem Fall hinter dem europäischen Durchschnitt zurückbleiben.

Nach fast zwei Jahren Beratung hatte der Runde Tisch am Freitag in Berlin seine Arbeit mit der Empfehlung zur Gründung eines Fond abgeschlossen. Er soll 120 Millionen Euro umfassen und zu gleichen Teilen vom Bund, den Bundesländern und den Kirchen finanziert werden. Mit dem Geld sollen misshandelte Heimkinder entschädigt werden.

"Dieser Kompromiss ist eine Farce, wir werden ihn nicht mittragen", erklärte Tschapek-Güntner. 120 Millionen heruntergerechnet, das mache für jeden Betroffenen bestenfalls 4.000 Euro, sagte die Vereinsvorsitzende. Der Verein, der rechtliche Schritte gegen die Vereinbarung erwägt, setzt sich für eine Entschädigung von 300 Euro monatlich oder eine Einmalzahlung in Höhe von 54.000 Euro ein.

Fond nach oben offen?

Opfervertreterin Sonja Djurovic, Teilnehmerin des Runden Tisches, hatte am Freitag erklärt, die Vertreter der Heimkinder hätten der Vereinbarung zugestimmt, weil der Fonds nach oben offen sei. So werde erreicht, dass alle Betroffenen gleich behandelt werden könnten. Djurovic appellierte an den Bund und die Länder, das notwendige Geld bereitzustellen. Die Kirchen haben zugesagt, dass sie in den Fonds einzahlen werden, wenn alle Beteiligten mitziehen.

Etwa 800.000 Kinder und Jugendliche wuchsen nach Angaben des Runden Tisches in den 1950er und 60er Jahren in kirchlichen und staatlichen Heimen auf. Zahlreiche Heimkinder litten unter brutalen Erziehungsmethoden, Demütigungen, Prügel und Arbeitszwang. In seinem Abschlussbericht erkennt der Runde Tisch das Leid der Heimkinder als Unrecht im Rechtsstaat an. Im Januar soll der Abschlussbericht dem Bundestag überreicht werden. Das Parlament entscheidet über die Umsetzung der Empfehlungen. Auch die Länderparlamente der elf westdeutschen Bundesländer müssen zustimmen.

Sexueller Missbrauch

Der Runde Tisch Heimerziehung hatte im Februar 2009 seine Arbeit aufgenommen. Er beriet unabhängig vom Runden Tisch zu Fällen sexuellen Missbrauchs, der im Frühjahr dieses Jahres von der Bundesregierung ins Leben gerufen worden war.

 

epd

 

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