Transplantation - Wenn Menschen sich zu Lebzeiten nicht über ihre Einstellung zur Organspende äußern, müssen im Ernstfall die Angehörigen über ihren Willen mutmaßen. Die ergreifende Geschichte einer Frau, deren Bruder unerwartet starb – und die unter Schock und in tiefer Trauer eine schwere Entscheidung fällen musste.
Die Hand ihres Bruders, die Marita Donauer hält, ist warm und als sie ihn umarmt, spürt sie, wie sich sein Brustkorb hebt und senkt – doch Maritas Bruder ist tot. Lediglich die Maschinen sorgen dafür, dass er weiter atmet. Die vielen Dinge, die Marita ihm gerne noch sagen würde, hört er nicht mehr. Und die eine Frage, die im Raum steht und die sie ihm gerne stellen würde, kann er nicht beantworten: Will er seine Organe spenden oder nicht? Diese Entscheidung wird sie für ihn treffen müssen.
- chrismon.de: Was sagen die Kirchen zur Organspende?
Karl war Maritas großer Bruder. Vater zweier Kinder, Zollbeamter mit zwei großen Leidenschaften: dem 1. FC Kaiserslautern (1. FCK) und Irland. In einem kleinen Ort bei Kaiserslautern sind die beiden aufgewachsen und geblieben. Hier sitzt Marita in ihrem Wohnzimmer und erzählt, wie es dazu kam, dass sie vor fünf Jahren eine Entscheidung treffen musste, die eigentlich nicht ihre war.
Mitten in der Nacht riss das Handyklingeln sie aus dem Schlaf
Mitten in der Nacht, in einem Hotelzimmer in Rom, riss der Klingelton von Maritas Handy sie und ihren Mann aus dem Schlaf. Marita konnte die Lebensgefährtin des Bruders verstehen, obwohl es ihr Mann war, der sich das Handy ans Ohr hielt: "Der Karl stirbt!" Der damals 46-jährige hatte ein unentdecktes Hirn-Aneurysma, das plötzlich brach und zu Hirnblutungen führte. Karls Lebensgefährtin stand unter Schock. Aufgelöst berichtete sie, wie die Ärztin aus der Notoperation gekommen sei, wild mit Papieren fuchtelte und sagte: "Ihr Partner wird sterben, heute oder morgen." Dieser harten Diagnose schob sie hinterher: "Haben Sie sich eigentlich schon mal Gedanken über Organspende gemacht?" Karls Lebensgefährtin empfand diese hektische Frage wie einen Schlag ins Gesicht.
Als Marita mit dem ersten Flieger aus Rom zurück und im Krankenhaus angekommen war, ärgerte sich der Oberarzt über das übereilte Verhalten seiner Kollegin. "Wir schauen jetzt erstmal, ob wir Ihren Bruder retten können, dann sehen wir weiter." Doch Karl war nicht mehr zu retten. Zwei Ärzte stellten unabhängig voneinander und im Abstand von zwölf Stunden seinen Hirntod fest – und Marita musste sich entscheiden. Denn Karl war mit seiner Lebensgefährtin nicht verheiratet, seine Kinder minderjährig und die Mutter schwer demenzkrank. Deshalb lag die Entscheidung bei seiner Schwester, so sieht es das Transplantationsgesetz vor.
"Hätte ich bloß mal mit ihm über Organspenden gesprochen"
Über vieles hat Marita mit ihrem Bruder gesprochen. Sie redeten über die schwer pflegebedürftige Mutter, stritten sich über Politik – doch um die Haltung zur Organspende ging es nie. Seine Autonomie bedeutete Karl alles. "Fremdbestimmt zu sein, war für ihn eine Horrorvorstellung", erinnert sich Marita.
Infos rund um die Organspende
- Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Organspende
- Deutsche Stiftung Organspende
- Informationen von und über Eurotransplant
- Der Organspendeausweis zum Download
- Informationen gibt es auch per Telefon Montag bis Freitag von 9 bis 18 unter 0800/90 40 400
Und jetzt sollte sie plötzlich über seine Organe verfügen. "Hätte ich bloß mal mit ihm über Organspenden gesprochen", ärgert sie sich, "dann hätte ich nicht den Eindruck gehabt, ihn zu entmündigen." Doch die Frage stand im Raum und "nicht zu entscheiden wäre auch eine Entscheidung gewesen – die gegen die Organspende."
Kommentare
Wann ist Einer gestorben?
Dass hier zweierlei Erfahrungen dargestellt werden, finde ich gut. Ausgeblendet wird freilich, dass auch bei einem Verstorbenen, wenn das Herz nicht mehr schlägt, der Stoffwechsel noch arbeitet, Haare und Nägel noch wachsen. Damit will ich sagen, dass der Tod ein Prozess ist, der sich im Prinzip über drei Tage erstreckt. Braucht der Mensch seine Organe dann noch? Braucht er, brauchen seine Angehörigen die Möglichkeit, den Abschied zu begleiten? Wir haben uns die Sitte der Aufbahrung abgewöhnt, aber könnten wir da nicht mit dem Tod vertraut werden?
Ganz wichtig, und das scheint mir an den Beispielen deutlich zu werden, sind Behutsamkeit bei der Aufklärung, dass der Verstorbene nach einer Organ-Entnahme würdig hergerichtet wird. Ich könnte wohl auch mit der sogenannten Entscheidungslösung leben. Aber mir wäre ganz wichtig, dass dabei auf jeden moralischen Druck verzichtet wird. Und ich finde, wir müssen respektieren, wenn Menschen sich zu so einer "Spende" nicht entschließen können. Es gibt ohnehin nicht genügend Organe für die, die eines brauchen. Ich kann auch damit leben, wenn man sagt, wer nicht zur "Spende" bereit ist, sollte auch selbst kein fremdes Organ bekommen.
Auf Intensivstation
Sie schreiben er war tot- dann hilft auch keine Organspende. Tot ist er mit Herz und Kreislaufstillstand und Hirntod. Furchtbar fand ich zu meiner Zeit-wenn der Hirntod feststand und -und Herz und Kreislauf und Sauerstoffzufuhr durch Geräte weiter erhalten wurden. Mehr möchte ich hier nicht sagen. Walter Wasilewski
Organspende in Österreich
so traurig der Anlass sein mag, ich empfinde die österreichische Lösung, dass nämlich ein Widerspruch eingelegt werden kann (in einer Datenbank UND in einem Ausweis, den man bei sich tragen muss), andernfalls die Organe entnommen werden dürfen, als die "humanere".
Diese Entscheidung den schon bis an die Grenzen überforderten Angehörigen zu überlassen ist IMHO kaum zumutbar, weil sie quasi als "Eigentümer" der Körperteile befragt werden, was sie aber nicht wirklich sind.
schwierig, und in .de nur schwer zu ändern.
Aber die institutionelle Lebenserhaltung durch Transplantationen sollte in diesem Fall Vorrang haben.
meine ich...
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