Peter Hintze: "PID bedeutet Ja zum Leben"

Künstliche Befruchtung

Mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) wird eine künstlich befruchtete Eizelle vor der Implantation in den Mutterleib auf eine mögliche genetische Belastung untersucht. Die Eltern erhalten auf diese Weise die Sicherheit, Ja zum Leben zu sagen, meint der evangelische Theologe und Pfarrer Peter Hintze. Foto: Alexandr Mitiuc / Fotolia

Gastkommentar - Die Koalition diskutiert über Präimplantationsdiagnostik, die Kirche diskutiert mit. Peter Hintze (CDU), evangelischer Theologe und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, befürwortet die PID. Christen haben die Verantwortung, die ihnen gegebenen Möglichkeiten, Not zu lindern, auch zu nutzen, argumentiert Hintze.

Von Peter Hintze

Uns Christen eint die gemeinsame Überzeugung, dass wir dem menschlichen Leben mit großer Sensibilität zu begegnen haben. Die abendländische Zivilisation betrachtet das menschliche Leben, so wie es uns von Gott geschenkt wird, als den moralisch und rechtlich obersten Wert. Zugleich fordert uns das christliche Gebot der Nächstenliebe dazu auf, unseren Mitmenschen mit Achtung und Würde zu begegnen. Dort, wo Menschen innere und äußere Not erleiden, sind wir aufgerufen, ihnen zur Seite zu stehen und unsere Hilfe zukommen zu lassen.

Die christliche Verantwortung, gegebene Fähigkeiten zu nutzen

Viele Eltern mit einer genetischen Vorbelastung haben den großen Wunsch, ihrem Lebensbund mit einem eigenen Kind Ausdruck zu verleihen und neues Leben zu schenken. Sie wissen um das Risiko einer Schwangerschaft und um mögliche Lebensrisiken für ein Kind, dem eine schwere genetische Belastung mitgegeben wird. Für sie ist diese Unsicherheit mit großen inneren Nöten verbunden. Dies gilt insbesondere für solche Vorbelastungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Totgeburt führen. Vor allem für die Mutter ist dies eine schwere seelische und körperliche Belastung. In dieser schwierigen Situation brauchen Eltern, die sich für ein Kind und für das Leben entscheiden, unsere Zuwendung.

Als Christen stehen wir in der Verantwortung, die uns gegebene Fähigkeit zu nutzen, mit Hilfe der Medizin anderen Menschen zu dienen, und die Not von leidenden Menschen zu lindern. Für mich ist dies Ausdruck christlicher Nächstenliebe und ein Ausdruck unserer Solidarität mit denjenigen unter uns, die Hilfe bedürfen. Daher sehe ich es als unsere Aufgabe an, die Möglichkeiten der modernen Medizin auf verantwortliche Weise in den Dienst dieser Menschen zu stellen und deren Not zu lindern.

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) gibt genetisch vorbelasteten Eltern die Chance, Ja zu einem eigenen Kind und Ja zum Leben zu sagen. Diese große Chance sollten wir uns bewahren. Mit der PID wird eine künstlich befruchtete Eizelle vor der Implantation in den Mutterleib auf eine mögliche genetische Belastung untersucht. Die Eltern erhalten auf diese Weise die Sicherheit, Ja zum Leben zu sagen.

Ja zu einem eigenen Kind und Ja zum Leben sagen

Der Bundesgerichtshof hat im Juli dieses Jahres entschieden, dass die PID in engen Grenzen mit unserer Rechtsordnung vereinbar ist. Er hat festgestellt, dass die PID zur Untersuchung schwerer genetischer Belastungen erlaubt ist. Als Christ und unserer Verfassungsordnung gegenüber verpflichteter Politiker bin ich der festen Überzeugung, dass wir es bei dieser vom Bundesgerichtshof festgestellten Rechtslage belassen sollten. Denn ich fürchte, dass wir im Fall eines Verbots in schwere rechtliche und auch moralische Wertungswidersprüche gerieten.

Ein solcher Widerspruch würde dadurch entstehen, dass unsere Rechtsordnung dann einerseits eine schon jetzt rechtlich mögliche Diagnose des Embryos im Mutterleib und im Fall einer entsprechenden Indikation sogar einen Schwangerschaftsabbruch erlaubt, andererseits jedoch Untersuchungen von extrakorporal befruchteten Eizellen außerhalb des Mutterleibs verbietet. So hielte ich es für ethisch und rechtlich unverantwortlich, die PID als den geringeren Eingriff zu verbieten und die Frau bei Vorliegen einer schweren genetischen Belastung gewissermaßen in die Konfliktsituation zu treiben und zugleich den schwereren und die Frau außerordentlich belastenden Eingriff des Schwangerschaftsabbruchs zu gestatten. Der Schwangerschaftsabbruch ist für jede Frau mit schweren seelischen Nöten und großen körperlichen Belastungen verbunden.

Er ist zugleich ein Eingriff in das Leben des Embryos, für den wir uns nur im Hinblick auf den Schutz des Lebens und der körperlichen Unversehrtheit der Mutter entscheiden können. Die PID erlaubt uns, Frauen vor einer schweren Notlage zu bewahren und einen empfindlichen Eingriff in das Leben zu vermeiden. Daher ist die PID eine menschenfreundliche und eine ethisch wertvolle Medizin.

Den Betroffenen und den Ärzten vertrauen

Wir sollten den betroffenen Eltern und den Ärzten Vertrauen entgegenbringen. Angesichts der schwierigen Situation, in der sie über den Prozess des menschlichen Werdens entscheiden, haben sie unser Vertrauen verdient. Frauen, die im Wissen um eine genetische Vorbelastung die Strapazen einer künstlichen Befruchtung bewusst in Kauf nehmen, tun dies aus dem tiefen inneren Wunsch nach einem Kind heraus. Ihnen ein Interesse an einem sogenannten Designer-Baby mit bestimmten körperlichen und geistigen Merkmalen zu unterstellen, hielte ich für zutiefst anmaßend und ungerecht.

Dies gilt auch für die verantwortlich handelnden Ärzte in der Reproduktionsmedizin. Sie wissen, dass die hoch komplexe körperliche und seelische Disposition eines Menschen von unzähligen Umwelteinflüssen abhängt und sich daher einer unmittelbaren Gestaltung durch die Medizin entzieht. Sie wollen Frauen mit den ihnen zu Gebote stehenden Möglichkeiten nach besten Wissen und Gewissen helfen. Daher hielte ich es auch für eine gute und praktikable Lösung, die Entscheidung, in welchen eng definierten Fällen eine PID durchgeführt werden kann, in die guten Hände dieser verantwortlich handelnden Ärzte zu legen.

Als Christen sind wir aufgerufen, ethisch und rechtlich schwierigen Fragen mit der gebotenen Sensibilität zu begegnen. Dies gilt insbesondere für Fragen in ethischen und rechtlichen Grenzbereichen, in denen sich mehrere hochrangige Güter wie das Leben und die körperliche Unversehrtheit gegenüberstehen. In diesem Fällen sind wir gut beraten, unser Urteil im Wege einer verantwortlichen Abwägung zu treffen. Ein rigider Verzicht auf eine solche Abwägung und die damit in Kauf genommene Außerachtlassung der von einer Entscheidung mit betroffenen Güter muss unweigerlich zu moralischen Verwerfungen führen. Es wäre eine Moral zu Lasten Dritter.

Der Mensch ist weit mehr als die Summe seiner Gene

Dies gilt auch im Fall der PID. So hielte ich es für einen großen Fehler, das von einem Schwangerschaftsabbruch betroffene Leben des schwer genetisch belasteten Embryos und das Leben und die Gesundheit der schwangeren Frau bei der Frage außer acht zu lassen, ob wir die PID weiterhin erlauben wollen. Die menschliche Intuition, die Wertungen unseres Grundgesetzes und auch die christliche Anthropologie sagen uns, dass es einen klaren Unterschied gibt zwischen einem Menschen wie du und ich und einer mikroskopisch kleinen befruchteten Eizelle in der Petrischale, die außerhalb des Mutterleibes keine Chance hat, sich fortzuentwickeln.

Nach christlichem Verständnis ist der Mensch weit mehr als nur die Summe seiner Gene. Dies sollte uns dazu führen, dem ungeborenen Leben im Mutterleib mit der PID einen vorbeugenden Schutz angedeihen zu lassen.

Ich wünsche mir, dass wir über die PID eine offene und ehrliche Diskussion führen - als Christen und als politisch Verantwortliche. Und ich hoffe und wünsche mir, dass wir die Kraft haben, mit der PID Ja zum Leben zu sagen.


Peter Hinze (CDU) ist evangelischer Theologe und nimmt neben seinem Bundestagsmandat die Aufgaben eines Parlamentarischen Staatssekretärs beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie wahr.

Kommentare

Verfasst von Gast am 20. Mai 2011 - 20:11.

von wem wurde dieser Artikel

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Verfasst von Gast am 2. November 2010 - 19:12.

Wie nur wenigen Menschen

Wie nur wenigen Menschen bekannt, hat Herr Hintze selbst ein von Geburt an...

Wie nur wenigen Menschen bekannt, hat Herr Hintze selbst ein von Geburt an
schwerkrankes Kind. Ich kann seine Argumentation gerade deshalb nachvollziehen. Er als Vater muss wissen was er sagt!

Bitte sehen Sie daher von menschlich verletzenden Kommentaren ab.

Verfasst von Evangelischer am 25. Oktober 2010 - 13:37.

PID ist keine Medizin

Aufgabe der Kirche ist es, die Liebe Gottes zum Menschen, die bedingungslose...

Aufgabe der Kirche ist es, die Liebe Gottes zum Menschen, die bedingungslose Liebe und den Kraft spendenden Beistand unseres Herrn Jesus Christus zu verkünden. Und es gehört dazu, die Geborgenheit auch der Leidenden und Sterbenden in Gottes Händen in Trost spendender Weise zu erklären. Das ist die tägliche Praxis unserer Kirche.

Es steht nicht im Auftrag unseres Herrn, irgendeine Art von Tötung unschuldigen Lebens zu rechtfertigen.

Wer dies anders sieht, auch wenn und obwohl er studierter Pfarrer ist, kann keinesfalls damit für die Kirche und die Gemeinschaft der Gläubigen sprechen.

Herr Hintze konstruiert dramatische Fälle und den Anspruch auf ein eigenes gesundes Kind zur Begründung seiner Thesen. Warum wird die Adoption als Lösung in solchen schwierigen Fällen ausgeschlossen?

Herr Hintze tritt viel mehr wie ein Lobbyist der Anbieter künstlicher Befruchtung (IVF), der Kinderwunschzentren, auf, als wie ein Anwalt der Betroffenen oder ein Theologe.

Verfasst von bundesbedenkent... am 23. Oktober 2010 - 0:12.

Coriander hat es schon gena

Coriander hat es schon gena getroffen. Das Problem ist der Mensch, der etwas...

Coriander hat es schon gena getroffen. Das Problem ist der Mensch, der etwas will, was ihm versagt bleibt, und zwar um (fast) jeden Preis. Verständlich? Absolut. Trotzdem ist das Problem, das man sich schafft IMHO ein größeres als das, was man löst.

Anmerken möchte ich noch, daß ich meine mich zu erinnern, die Richter hätten damals mit dem Embryonenschutzgesetz argumentiert, und nicht mit dem Grundgesetz. Dann wäre es Augenwischerei, wenn sich Herr Hintze auf das Grundgesetz beruft.

Folgerichtig ist es in der Tat, wenn man PID zuläßt, so lange auch die Spätabtreibung zulässig ist. Doch frage ich mich: Wie kann das sein? Entweder ein Kind ist ein Geschenk, und dann ist es das immer, egal wie behindert, oder aber es ist ein Produkt, das je nach Performanz bewertet werden kann und je nachdem angenommen oder abgelehnt wird.

Darüber sollte geredet werden und nicht über PID. Wenn man eine klare Meinung hat zur Frage, ob ein Kind ein Geschenk ist oder ein Produkt ist es auch viel einfacher, daraus eine Haltung zur PID abzuleiten.

Meine Worte mögen hart klingen, vielleicht fehlt wirklich die nötige Sensibilität, die Herr Hintze einfordert. Wichtig ist mir jedoch in diesem Kontext die Verantwortung, die eben auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen für das Kind, das Gott einem schenkt, egal, auf welche Art es beeinträchtigt und wie gut seine Performance ist.

Verfasst von Coriander am 22. Oktober 2010 - 8:41.

PID löst Probleme, die es ohne IVF nicht gäbe

Die ganze Frage nach der PID entsteht überhaupt erst dadurch, dass...

Die ganze Frage nach der PID entsteht überhaupt erst dadurch, dass Menschen mit dem Mittel der IVF versuchen, das Geschenk, das ihnen versagt blieb, einzufordern und zu erzwingen. Was ich selbst machen kann, ist aber kein Geschenk, und darüber kann ich ganz anders verfügen; das relativiert den moralisch und rechtlich obersten Wert, und es kommen andere Erwägungen ins Spiel: nämlich das, was ich gern hätte und was mir gut passt.

Menschen leiden innere und äußere Not, weil sie kein eigenes Kind bekommen können? Ich denke, ein Leben kann auch dann erfüllt sein, wenn es nicht so läuft, wie ich es gern hätte; wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden. Natürlich kann der Wunsch und der Kummer groß sein. Ist das wirklich ein Grund, eine Schwangerschaft „herzustellen“, die sich auf natürlichem Weg nicht einstellen will?

Wenn man dies mit Ja beantwortet, weil es ja nicht sein kann, dass Menschen Wünsche versagt bleiben, jedenfalls nicht in unserer reichen westlichen Welt, dann sagt man auch Ja zur Tötung überzähliger Embryonen; es werden ja bei diesem Verfahren mehrere Embryonen eingepflanzt, und auch wenn man versucht, die Zahl auf drei zu begrenzen, kommt es immer wieder zu riskanten Mehrlingsschwangerschaften. In diesen Fällen werden die überzähligen Föten im Mutterleib getötet.

Da dies in Kauf genommen wird, ist das Ja zur PID nur folgerichtig. Denn selbstverständlich wäre es ein Widerspruch, den Schwangerschaftsabbruch zu erlauben, jedoch die Tötung (nicht nur die Untersuchung!) der befruchteten Eizelle zu verbieten. Jedoch ist nicht nur der Schwangerschaftsabbruch, sondern auch der Fetozid zwecks Mehrlingsreduktion eine große Belastung der Frau. Und der ist Teil des Verfahrens. „Die PID erlaubt uns, Frauen vor einer schweren Notlage zu bewahren“ – die ohne die ganze künstliche Befruchtung gar nicht erst entstehen könnte. Und vor dem Fetozid bewahrt sie eben nicht. Diese schwere Notlage scheint mir gravierender als der versagte Kinderwunsch - und sie wird künstlich herbeigeführt.

Es ist mir zu billig, Menschen gleich als Mörder zu beschimpfen, die angesichts der heutigen medizinischen Möglichkeiten denken, dass ihnen das Geschenk des Lebens zustehe. Sicherlich haben sie hauptsächlich das hoffentlich lebendige gesunde Kind im Blick und nicht so sehr die Kollateralschäden. Gibt es eigentlich Statistiken darüber, ob Eltern, die auf diesem Wege ein Kind bekommen haben, sich dem Prozess ein zweites Mal unterziehen? Ich fürchte, es ist eine von diesen Erfahrungen, die man nicht unbedingt mehrmals machen möchte, wie glücklich man auch über das Kind am Ende ist.

Ich respektiere den „tiefen inneren Wunsch“ nach einem eigenen Kind. Ich kann ihn gut nachempfinden. Ich weiß nur nicht, ob alle Wünsche um jeden Preis erfüllt werden müssen. Mir wäre dieser Preis zu hoch.

Coriander

- Streite dich nicht mit einem Dummkopf. Er zieht dich auf sein Niveau herunter und schlägt dich dort mit seiner Erfahrung. (Quelle unbekannt)-

Verfasst von Gast am 21. Oktober 2010 - 21:05.

PID

Endlich spricht jemand mal aus, was die Konsequenzen ohne PID wären: PID...

Endlich spricht jemand mal aus, was die Konsequenzen ohne PID wären: PID verhindert Abtreibungen und das ist gut! Andere Argumente sind scheinheilig.

Verfasst von Gast am 21. Oktober 2010 - 13:06.

"PID bedeutet Ja zum Leben"

traurig traurig. Ich verstehe nicht, wie man das sagen kann. Bei PID und...

traurig traurig. Ich verstehe nicht, wie man das sagen kann.
Bei PID und Abtreibung handelt es sich eindeutig um Mord. Leider haben die Opfer keine Stimme.
Gott allein soll das Leben schenken. Der Mensch soll aufhören Gott zu spielen. Da treten nämlich erst die Probleme auf. Ach Behidnerte Kinder können Freude bereiten uns zu Gott führen.
Wenn man keine Kidner bekommen kann, dann gibt es die Möglichkeit welche zu adoptieren. Die Adoption eines Kidnes ist meiner Meinung nach ein genau so großer Liebesakt wie die Zeugung eines Kindes.

Die evangelische Kirche soll sich endlich für das Leben einsetzen. Nicht für Mord!

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