"Pfarrer haben oft keine Zeit für trauernde Angehörige"

Der Tod von Fußball-Nationaltorwart Robert Enke hat Entsetzen, Fassungslosigkeit und Trauer ausgelöst. Foto: dpa

Der Tod von Fußball-Nationaltorwart Robert Enke hat Entsetzen, Fassungslosigkeit und Trauer ausgelöst. Foto: dpa

Trauer - Nach dem Tod von Robert Enke zeigt sich der Verein "Angehörige um Suizid" (AGUS) voll Bewunderung für dessen Witwe Teresa. Sie brauche jetzt geduldige und verständnisvolle Freunde, so AGUS-Geschäftsführerin Elisabeth Brockmann. Im Gespräch mit evangelisch.de beklagt die 54-jährige Sozialpädagogin zugleich mangelnde kirchliche Hilfsangebote für Angehörige und kritisiert die mediale Berichterstattung über den Fall Enke. AGUS mit Sitz in Bayreuth hat bundesweit rund 700 Mitglieder und steht im Kontakt mit bis zu 5.000 Suizid-Hinterbliebenen.

Von Bernd Buchner

evangelisch.de: Frau Brockmann, der Tod von Robert Enke bewegt das ganze Land. Seine Frau geht offen mit dem Geschehen um, trat am Mittwoch vor die Presse – ist das schon Teil der Bewältigung dessen, was da passiert ist?

Brockmann: Als Bewältigung würde ich das noch nicht sehen. Es ist der Anfang eines Umgangs mit der Todesart. Wir finden es äußerst bewundernswert, wie Frau Enke an die Öffentlichkeit geht, weil sie sicherlich in einem schweren Schockzustand ist. Durch diese öffentlichen Aussagen hat sie sich Möglichkeiten erschlossen, Unterstützung zu bekommen. Wenn jemand die Todesursache verheimlicht oder gar nicht dazu Stellung nimmt, geht er das Risiko ein, dass die Spekulationen überhandnehmen, und kann mit niemandem darüber reden.

evangelisch.de: Robert Enke hat ja seine Krankheit auch schon verheimlicht. Kann es für seine Frau befreiend sein, jetzt darüber zu sprechen?

Brockmann: Das glaube ich nicht. Denn für welchen Preis passiert das? Das Leben mit der Depression und ihre Verheimlichung haben unheimlich viel Kraft gefordert – von Robert Enke und von seiner Frau.

evangelisch.de: Welche Gefühle bewegen einen Angehörigen in einer solchen Situation, was steht im Vordergrund – Trauer, Wut, Selbstvorwürfe?

Verlustschmerz ist überwältigend

Brockmann: In der Situation kurz nach dem Tod – ich würde das auf die nächsten Wochen bis zu einem Vierteljahr ausdehnen – steht der Schock im Vordergrund. Fassungslosigkeit, Chaos der Gefühle. Es überwiegt nicht ein einziges Gefühl, sondern es wechselt sich ab. Hinzu kommt die Trauer um den Gestorbenen. Der Verlustschmerz ist überwältigend. Aber bei dieser Todesart kommen noch Fragen dazu: Warum habe ich ihn nicht stärker gedrängt, sich behandeln zu lassen? Warum hat er uns das angetan, hat unsere Liebe nicht ausgereicht? Bin ich, sind wir es nicht wert?

evangelisch.de: Was würden Sie Frau Enke jetzt raten?

Brockmann: Es gibt verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, insgesamt aber noch zu wenige. Ich würde in so einer Situation auf jeden Fall dazu raten, dass man sich um sich selbst kümmern muss: In einer Schocksituation muss man schauen, dass man regelmäßig schläft, ausreichend isst. Und dass Leute um einen sind, mit denen man sich versteht, die Verständnis haben. Dass man Leute fernhält, die schaden oder zusätzliche Energie kosten – in diesem Fall auch Journalisten. Für die Trauerbewältigung gibt es verschiedene Wege. Für Suizidtrauer hat jeder einen anderen Weg. Selbsthilfe und der Austausch mit anderen Betroffenen ist ein wichtiges Hilfsangebot. Das hat eine ganz andere Qualität als das Gespräch mit Menschen, die nicht selbst betroffen sind, oder mit Therapeuten. Oft ist es so, dass verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten parallel angenommen werden. Viele sind in Selbsthilfegruppen und parallel dazu in therapeutischer Behandlung.

evangelisch.de: Wie sieht es mit der kirchlichen Unterstützung aus?

Brockmann: Sie lässt in den vergangenen Jahren leider etwas zu wünschen übrig. Die Betreuung Angehöriger sollte nicht nach der Beerdigung aufhören. Betroffene wünschen sich, mehr aufgefangen zu werden und mehr Zuspruch zu erhalten – das scheitert aber häufig an Zeitproblemen. Pfarrer haben keine Zeit, vier Wochen nach dem Todestag zur Familie zu gehen oder am Geburtstag von Verstorbenen anzurufen. Einfach zu sagen: Ich habe heute mal an Euch gedacht.

evangelisch.de: Wie hat sich das Thema Selbsttötung gesellschaftlich verändert?

Brockmann: Die Tabuisierung lockert sich. Vor 20 Jahren hat kaum jemand offen darüber gesprochen. Heute jedoch gibt es – unabhängig vom Tod von Herrn Enke – immer wieder Zeitungsberichte dazu, Betroffene äußern sich sehr differenziert und offen zu ihrer Situation. Eine langsame Veränderung kommt in Gang. Aber es ist natürlich eine Todesart, die alle, die damit zu tun haben, zutiefst berührt und konfrontiert.

evangelisch.de: Wie reagieren Betroffene auf den Fall Enke?

Brockmann: Wir haben Anrufe von Betroffenen, die wieder sehr mit dem eigenen Schmerz in Berührung kommen. Es wühlt einfach auf, so viel darüber zu hören. Vor allem wühlt viele auf, dass in den Medien die Begriffe "Selbstmord" oder "Freitod" verwendet werden.

Begriffe "Selbstmord" und "Freitod" vermeiden

evangelisch.de: Warum ist diese Wortwahl fragwürdig?

Brockmann: "Selbstmord" rückt die Tat in ein kriminelles Umfeld. Ein Mord ist eine verabscheuungswürdige Straftat gegen einen anderen Menschen. Uns sagen Betroffene hingegen: Mein Sohn konnte doch nicht mehr leben – er war kein Mörder. Und "Freitod" hat so etwas Philosophisches, beinhaltet aber, dass man sich frei dazu entscheiden könne, sich das Leben zu nehmen. Die Menschen sind jedoch meistens in einer tiefen Verzweiflung.

evangelisch.de: Sie wünschen sich mehr Sensibilität von den Medien?

Brockmann: Ja, und dass die Medien auch mehr präventiv denken. Uns stören diese genauen Beschreibungen, wo sich Herr Enke das Leben genommen hat – da fehlte nur noch der Anfahrtsplan. Das hat das hohe Risiko, Folgesuizide in Kauf zu nehmen. Dessen sind sich Journalisten nicht bewusst, oder sie ignorieren es.

evangelisch.de: Welche Auswirkungen hat es auf die Angehörigen von Robert Enke, dass der Fall so stark in der Öffentlichkeit steht?

Brockmann: Das ist schwer zu sagen. Es kann es leichter machen, dass man nichts verheimlichen muss. Schwerer ist es, weil man nicht so trauern kann, wie man möchte. Man muss immer damit rechnen, dass man gesehen wird, wenn man ans Grab geht. Ob man nun weint oder sich vielleicht auch einmal zu lachen traut – das alles wird kommentiert von Leuten, die oft gar keine Ahnung haben.

evangelisch.de: Was wünschen Sie Teresa Enke?

Brockmann: Dass diese Welle des Mitfühlens und des Verständnisses, das sie jetzt erlebt, sie über einen längeren Zeitraum begleiten wird. Dass sie verständnisvolle und geduldige Freunde um sich hat.

Internet: www.agus-selbsthilfe.de


Bernd Buchner ist Redakteur bei evangelisch.de mit Zuständigkeit für die Ressorts Religion und Umwelt. 

Kommentare

Verfasst von Gast am 13. November 2009 - 19:17.

RE: "Pfarrer haben oft keine Zeit für trauernde Angehörige"

Seelsorge ist etwas, das im Verborgenen geschieht. Warum sollten sich Pfarrer...

Seelsorge ist etwas, das im Verborgenen geschieht. Warum sollten sich Pfarrer in einer Kirche der "Leuchttürme", in einer Kirche, die der Devise folgt: "Wir müssen nicht überall da sein, aber wir müssen überall SICHTBAR sein." (Huber), in einer Kirche, die ihre Pfarrer in ein Rattenrennen um publicity schickt, Zeit nehmen für so ein unauffälliges Tun der Nächstenliebe?

Verfasst von Gast am 13. November 2009 - 11:57.

RE: "Pfarrer haben oft keine Zeit für trauernde Angehörige"

Ich glaube nicht, dass es an der "Zeit" liegt. Pfarrer haben natürlich Zeit und...

Ich glaube nicht, dass es an der "Zeit" liegt. Pfarrer haben natürlich Zeit und die verwenden sie für das, was auf dem Tisch liegt, für das, was sie machen müssen. Und das Pfarrerbild mitsamt seiner Letztverantwortung für alles gibt Prioritäten vor. Und da fällt dann tatsächlich Zeit für das weg, was auch nötig ist, vielleicht sogar dringend ist. Das Zeitlimit ist ausgeschöpft und es kostet Energie zu sagen: das mache ich jetzt und das lasse ich weg. Hier fehlt auch Unterstützung durch Kirchenleitungen und vielleicht auch die Entwicklung eines neuen Pfarrerbildes. Dazu kommt, dass Pfarrer für die "Nachsorge" bei Trauernden nicht genügend ausgebildet sind. In der Regel geht er ins Haus, um die Kasualie Beerdigung vorzubereiten. Und da liegt anderes oben auf als vier Wochen später. Die Trauer und Verzweiflung der Menschen ist eine ganz andere, als im unmittelbaren Zusammenhang der Trauerfeier. Und man ist der eigenen Sprach-und Hilflosigkeit viel mehr ausgeliefert, wenn man sich nicht mehr am Rahmen der Trauerfeier orientieren kann, sondern mit dem ganz alltäglichen Leben der Trauernden konfrontiert ist. Hier fehlen Weiterbildungen! Hier spielen viele Faktoren mit und mir ist etwas verkürzt, wenn eine Überschrift heißt: Pfarrer haben keine Zeit. Das trifft den Kern der Sache nur ansatzweise.

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