PISA-Diskussion: Sind Lehrer schlecht ausgebildet?

Lehrer und Schüler im Klassenraum

Lehrer haben heute viel zu tun: Unterrichten, soziale Probleme auffangen, Reformen umsetzen. Nach "PISA" wird von ihnen jetzt auch mehr Weiterbildung verlangt. Foto: Oliver Berg / dpa

Bildung - Lernen unsere Kinder zu wenig, weil ihre Lehrer zu schlecht sind? Tragen Schulen und Universitäten die Verantwortung für die PISA-Ergebnisse? Nach der Vorstellung der neuen PISA-Ergebnisse gestern wird nach besserer Lehrerausbildung verlangt. Dadurch werden soziale Probleme allerdings nicht gelöst.

Von Anne Kampf

Jugendliche im Alter von 15 Jahren haben in den Naturwissenschaften und Mathematik aufgeholt, doch beim Lesen und Verstehen von Texten kommen deutsche Schulen im weltweiten Vergleich nicht über das Mittelmaß hinaus. Die soziale Förderung bleibt mangelhaft. Das ist - knapp zusammengefasst - das Ergebnis der aktuellen PISA-Studie, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) hat eine bessere Lehrerausbildung angemahnt. "Der Bund sollte gemeinsam mit den Ländern eine Exzellenzinitiative ins Leben rufen", sagte der CDU-Politiker der Nachrichtenagentur dpa in Dresden. Wenn der Aufwärtstrend bei Pisa anhalten solle, müsse mehr in die Qualität der Lehrerausbildung investiert werden. "Wir brauchen nicht nur genügend Lehrer, sondern wir brauchen die richtigen Lehrer." Mindestens genauso wichtig wie die fachwissenschaftlichen Kenntnisse sei die pädagogische Eignung, betonte der Minister. Da die Grundlagen dazu an den Universitäten gelegt würden, seien auch dort Verbesserungen nötig.

Mehr Bildung für Lehrer gefordert

Auch der Bildungsforscher Ewald Terhart fordert als Konsequenz aus der jüngsten Pisa-Lese-Studie eine bessere Qualifikation von Lehrern. "Um die Weiterbildung von Lehrern steht es im Vergleich zu anderen Berufen sehr schlecht", sagte der Experte von der Universität Münster im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Als zentralen Schritt auf dem Weg zu besseren Schulleistungen sieht der Erziehungswissenschaftler die Weiterbildung von Lehrern. "Das kostet zwar Zeit und Geld, ist aber eine sinnvollere Investition als die in die Erstausbildung an Universitäten", meint Terhart.

An der Universität Siegen bildet der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann angehende Lehrerinnen und Lehrer aus. Seiner Ansicht nach spielen die Ausbildungsordnungen keine so große Rolle für die Qualität der Berufsvorbereitung. Empirische Erhebungen hätten gezeigt, dass die jungen Menschen sich im selben Bundesland sehr unterschiedlich gut auf den Lehrerdienst vorbereitet fühlen, abhängig davon, an welcher Uni und bei welchen Dozenten sie studiert haben. In der Studie wurden die unterschiedlichen Systeme in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg verglichen. "Wenn man an Ordnungen dreht, ist damit nicht viel gewonnen", meint Brügelmann. Zumindest dauere es eine lange Zeit, bis veränderte Strukturen in der Praxis wirksam würden. Die Forderung, die Ausbildung der Lehrer müsse stärker praxisorientiert sein, sei richtig.

Eignung zum Lehrerberuf kann sich entwickeln

Nach der derzeitigen Studienordnung in NRW absolvieren die Lehramts-Studenten insgesamt zwölf Wochen Praktika in Schulen, davon vier direkt zu Beginn des Studiums. "Aber zur Zeit fällt es mir schwerr, Studenten länger an Schulen zu schicken", sagt Brügelmann, denn: "Es gibt zwar engagierte und kompetente Lehrer, bei denen sie viel lernen – aber leider auch zu viele andere." Solange es nicht genügend kompetente Mentoren gebe, sei der Weg über mehr Praktika eine Sackgasse. Deshalb plädiert Brügelmann für mehr Qualifizierung und Entlastung derjenigen Lehrer und Mentoren, die den jungen Studenten und Lehramtsanwärtern den Schulalltag nahe bringen.

Ob ein junger Mensch für den Lehrerberuf geeignet sei oder nicht, mag der Erziehungswissenschaftler zu Beginn des Studiums nicht verbindlich beurteilen: "Beratung ist wichtig, aber hat nicht unbedingt die Effekte, die ich mir wünsche". Studenten, die während der Schulpraktika Probleme erlebten, seien häufig selbstkritisch und nachdenklich - und damit "die guten Leute, die ich halten will", betont Brügelmann. Menschen seien entwicklungsfähig, deswegen sollten sie seiner Ansicht nach durch Praktika und begleitende Seminare die Möglichkeit zur Weiterentwicklung bekommen.

Kollegien brauchen mehr Zeit

Für die Fortbildung von Lehrern gebe es ebenfalls nicht genügend qualifizierte Dozenten, sagt  Brügelmann: "Da kommen so viele Anfragen, dass sie nicht alle annehmen können - und wer macht’s dann?“ Angefragt würden Professoren, Kollegen oder Autoren von Lehrbüchern. Zum Teil sei die Verantwortung für die Weiterbildung der Lehrer auf die einzelnen Schulen verlagert worden, "aber leider nutzen nicht alle ihre Etats tatsächlich dafür."

Das Grundgefühl von Lehrern sei heute, dass es immer mehr Zusatzbelastungen gebe, zum Beispiel durch Lernstandserhebungen, Gutachten oder individuelle Förderung. Die Kollegien könnten nichts in Ruhe erproben, weil auf eine Reform immer schon die nächste folge, kritisiert Brügelmann. Er macht sich Sorgen, dass "neue Konzepte nicht durch eigene Erfahrung entwickelt werden und Dinge sich nicht setzen können". 

So sieht es auch Klaus Holz, der Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland. Er leitet ein Netzwerkprojekt mit dem Titel "Zukunft der Bildung in Deutschland" und versucht, in Fortbildungen und Tagungen Soziales und Bildung besser miteinander zu verzahnen. Seiner Ansicht nach geht es in der PISA-Diskussion nicht in erster Linie um die Qualifikation der Lehrer. "Es gibt Gute und Schlechte wie in jedem Beruf", meint Holz, und natürlich müsse man die Ausbildungsgänge an den Universitäten immer weiter fortschreiben.

Nirgendwo anders hängt Erfolg so sehr vom Milieu ab

Das zentrale Problem der Bildungspolitik ist seiner Ansicht nach allerdings in der Integrationspolitik zu suchen. Auch die Autoren der PISA-Studie haben das festgestellt: Der Sprecher der deutschen PISA-Forscher, Eckhard Klieme, sieht zwar deutliche Verbesserungen bei der Förderung von Migrantenkindern und Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern. Gleichwohl zeige der weltweite Vergleich, dass immer noch in keiner anderen Industrienation der Bildungserfolg so abhängig von der sozialen Herkunft und vom Schulmilieu ist wie in Deutschland. Nirgendwo anders ist es so ausschlaggebend, auf welche Schule die Eltern ihr Kind schicken können. In der entsprechenden OECD-Tabelle belegt Deutschland dabei den letzten Platz.

Akademie-Leiter Holz erinnert an die Debatte um Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" und meint, viele Kommentare in dieser Diskussion hätten bei Migranten zu Verunsicherung und Demotivation geführt. "Sie bekamen vermittelt, das man durch eigene Anstrengung nichts erreichen kann", so Holz. Die Schwierigkeit im Bildungsbereich liege darin, dass Deutschland sich über Jahrzehnte geweigert habe, sich als Einwanderungsland zu sehen. Die Versäumnisse könne man nicht innerhalb von fünf Jahren reparieren.

"Soziales Problem bleibt an der Schule hängen"

Den Schulen müsse man günstigere Bedingungen verschaffen, damit sie ihren Auftrag erfüllen könnten, der über das Unterrichten hinausgehe. Dabei gehe es nicht nur um Kinder aus Einwandererfamilien: "Wir diskutieren ethnisch, was eigentlich ein Schichtenproblem ist". Lehrer und Schulträger müssten zu viele Reformen direkt hintereinander verkraften, und zwar "unter finanziell mäßigen bis schlechten Bedingungen."

Kindern mit schlechten Startbedingungen müsse man mehr Betreuung anbieten, dafür bräuchten die Schulen Personal, und zwar nicht unbedingt Lehrer, sondern Sozialpädagogen. "Es ist mir zu einfach, zu sagen, die Lehrer würden ihre Arbeit nicht mehr leisten", sagt Holz, der im Fortbildungs-Alltag oft mit Lehrern zu tun hat: "Die hat man über Jahrzehnte demotiviert. Hier bleibt ein soziales Problem an der Schule hängen." 

mit Material von dpa

Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.

 

Kommentare

Verfasst von J.R. am 10. Dezember 2010 - 10:52.

Lehrer

Also, zunächst einmal brauchen wir bessere Politiker! Klar, die wählen wir...

Also, zunächst einmal brauchen wir bessere Politiker! Klar, die wählen wir selbst.

Zumindest der Dreisatz sollte wenigsten ansatzweise beherrscht werden: z.B.:

Eine Schulstunde dauert
m(Minuten)
In der Klasse befinden sich
s(Schüler)
Wieviel Zeit (t) hat ein Lehrer für jeden Schüler?

Für fortgeschrittene Politiker gibt’s noch Zusatzaufgaben wie
„wieviel Zeit hat der Lehrer bei n(Schulklassen) für vor und Nachbereitung für jeden Schüler (s) ?“

Dann gibt’s noch den berühmten Besinnungsaufsatz:
„Wie motiviert man einen Lehrer, „der richtige Lehrer zu sein“ wenn man ihn gesellschaftlich zur Witzfigur gemacht hat, wenn z.B. Noten vor Gericht verhandelt werden …und und und?“

Es wird seit Jahrzehnten herumexperimentiert mit dem Wie und Was aber nie wird über das Warum gesprochen.

Klar, das Lernangebot muß für alle vorhanden sein. Lernen kann aber nur der, der lernen will und zwar aus ureigenem Bedürfnis heraus. Motivation, Neugier und Anerkennung für die, die „etwas geschafft haben“ sind nur einige wenige Triebfedern.

Die, die es dann nach langem Lernen „geschafft haben“ nennt man später „Leistungsträger“ - weil sie mehr Steuern zahlen …..das nennt man dann „soziale Gerechtigkeit“. Weil diese jetzt als Eltern versuchen, ihren eigenen Kindern die Freude am Lernen zu vermitteln und damit auch manchmal Erfolg haben, wird ihnen ein schlechtes Gewissen eingeredet: „Bildungsgerechtigkeit“……“Bildung nur für Reiche?“

Die Bildungsangebote müssen allen kostenfrei zur Verfügung stehen (weg mit den Studiengebühren!!)
Die Motivation muss aber jeder selbst mitbringen, die kann man nicht erzwingen. Oder kennt jemand einen Kraftsportler, der sich gewisse Qualen ganz ohne Motivation selbst auferlegt, auch dann, wenn die „Mukkibude“ umsonst wäre?

Heute werden nur noch nach umfangreichen „Studien“ Entscheidungen getroffen.
Liebe Politiker denkt doch mal selbst nach, auch wenn das Denken noch so weh tun sollte.
Oder verfügt ihr nicht über so etwas wie Lebenserfahrung, oder habt ihr selbst in jungen Jahren die Nase mehr in die Disko statt ins Buch gesteckt? Habt ihr damals euren lernwilligen Klassenkameraden als Streber beschimpft? Habt ihr als Klassensprecher oder „Studentenführer“ früher weniger „Leistungsdruck“ und gute Noten für alle gefordert?

J.R.

Verfasst von gast am 9. Dezember 2010 - 11:44.

“Die Leistungen der

“Die Leistungen der finnischen Schüler sind vorbildlich. Aber als Vorbild für...

“Die Leistungen der finnischen Schüler sind vorbildlich. Aber als Vorbild für Deutschland taugt Finnland nur bedingt, weil es eine sehr homogene Bevölkerung hat und keine großen Einwanderergruppen integrieren muss.”
(aus : ZEIT)

Und der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, äußert sich hierzu ganz eindeutig: “Der relativ hohe Migranten-Anteil an unseren Schulen ist mitverantwortlich für das schlechte Ergebnis der Deutschen bei der Pisa-Studie.”
Warum wird dieser Aspekt nicht näher betrachtet ? Paßt nicht in das politisch-korrekt Weltbild ?

Und woher nehmen Sie die Gewissheit, daß die Schulen soziale bzw. Unterschichtenprobleme lösen können ? Selbst ein rundum betreuter Ganztagssschüler verbringt nur ca. 20 % seiner Zeit in der Schule (Feiertage und Ferien eingerechnet). Die übrigen 80 % ist er den Einflüssen seines Familienmilieus ausgesetzt.

Verfasst von AnneKampf am 9. Dezember 2010 - 13:29.
Kommentar auf: “Die Leistungen der

Migranten, Soziales und Lehrer

Inwieweit der Migrantenanteil unter den Schülern einer Schule eine Rolle f...

Inwieweit der Migrantenanteil unter den Schülern einer Schule eine Rolle für das Leistungsniveau spielt oder vielmehr die Bevölkerungsschichten, aus denen die Kinder stammen (unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft!), werden wir in einem weiteren Artikel thematisieren. Hier ging es zunächst um die Erwartungen an Lehrer. Vermutlich können Lehrer in den seltensten Fällen soziale Probleme lösen - Tatsache ist aber, dass sie immer mehr damit konfrontiert werden und viel mehr leisten müssen als nur Wissensvermittlung.

 

Verfasst von Lisa Simpson am 10. Dezember 2010 - 13:23.

Pippilotta vs Tante Prusseliese

Bekämen Schulen von jedem, der sich zu einem Besserwisserstatement berufen...

Bekämen Schulen von jedem, der sich zu einem Besserwisserstatement berufen fühlt, einen Euro, hätten sie keine Finanzierungssorgen mehr.
Wer die Diskussion in den letzten Jahren verfolgt hat, kann wissen: die letzten Pisa-Studien fragten den Zusammenhang zwischen Sozialstatus der Schüler und Lernleistung nicht ab, wissenschaftlich seriöse Auskünfte über Steigerungen kann 09 daher nicht geben. Auch über Vor- oder Nachteile von Schulstruktur -da sind sich alle Pisa-Köche einig- gibt´s keine Erkenntnis.
Wer den Artikel zum Thema auf sueddeutsche-online inklusive Kommentaren gelesen hat, wird in seinem Gefühl bestätigt, dass PISA eher der Rohrstock einer wiedergeborenen Tante Prusseliese ist, als brauchbares Changemanagement Tool. Hauptschulen in München sind schon nicht wirklich mit Gesamtschulen in Berlin vergleichbar, geschweige denn mit Eliteschulen in Shangai!! Wir würden doch auch nichts auf einen Verbrauchertest zwischen Smart-Phones und Rauchzeichen-Technologie geben.
Seriöse wissenschaftliche Untersuchungen zu besserem Classroom-Management, in dem deutsche Lehrer dringend Nachhilfe brauchen, hat Rainer Dollase schon lange vorgelegt. Das hier Handlungsbedarf besteht, brachte neulich eine jüngere Schwester Pippilottas auf den Punkt: "Ich geh heut nicht zur Schule, ich lern lieber was."

Verfasst von J.R. am 12. Dezember 2010 - 10:18.

Noch ein

Noch ein Besserwisserstatement: Haben uns umfangreiche Studien über…. wie bitte...

Noch ein Besserwisserstatement:
Haben uns umfangreiche Studien über…. wie bitte „Classroom-Manegement“ irgendwie weitergebracht?
Wie viele Untersuchungen und „Studien“ sollen denn noch die allgemeine Hilflosigkeit im Bildungswesen kaschieren? Man will kein Geld für wirkliche Veränderungen z.B. kleinere Klassen ausgeben und stattdessen Zeit schinden und die Probleme aussitzen.

Im Übrigen diskutieren hier keine Besserwisser sondern Menschen, die sich über unsere Gesellschaft Sorgen machen.

J.R.

Verfasst von Lisa Simpson am 12. Dezember 2010 - 11:03.
Kommentar auf: Noch ein

D'accord

Stimme ihnen in allen Punkten zu und fand ihren Kommentar richtig gut. Gemeint...

Stimme ihnen in allen Punkten zu und fand ihren Kommentar richtig gut. Gemeint waren Bildungspolitiker und Pädagogik-Lobbyisten a la Klaus Holz.

Ich hab mich als Schulpflegschaftsvorsitzende durch sehr viele Untersuchungsergebnisse und Medienbeiträge gebaggert und war bis auf die Knochen erschrocken, wie wenig lernfähig die Meinungsmacher sind.

Hätte jemand Niklas Luhmann zugehört wären wir schon längst auf dem Weg die Mikroebene sprich Unterrichtgeschehen zu verbessern, statt Schulform-Luftschlösser zu bauen.

Kleine Klassen mit motivierten Lehrern funktionieren von englischen Internaten über die Odenwaldschule bis zu den Arche-Schulen von Bernd Siggelkow. Hier wird die Tradition Georg Müllers oder Wicherns fortgeführt. Nicht so in Schulen im EKD-Raum, hier hängen sich Funktionäre in der 70er Jahre Zeitschleife der Chancengleichheit auf und wüten verbal gegen Gymnasialeltern und Schulstrukturen.

Bei der zunehmenden Zahl der Verweigerer -von Schulschwänzern bis zu 30 % Studienabbrechern- drängt sich der Eindruck auf, der Bildungssektor hat genauso eine platzende Blase produziert wie der Bankensektor. Die Zusammenhänge waren nur nicht so evident.

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