Runder Tisch empfiehlt Entschädigungsfonds

Kind am geschlossenen Fenster

Vernachlässigung und Gewalt haben viele Kinder in den 50er und 60er Jahren in deutschen Kinderheimen erlebt. Foto: fotolia / Valda Tappenden

Heimkinder - Mindestens 120 Millionen Euro sollen für die Entschädigung ehemaliger Heimkinder zur Verfügung gestellt werden. Das empfiehlt der Runde Tisch Heimerziehung. Die Vertreter der Opfer von Gewalt in Kinderheimen zeigten sich nach dem Ende der Verhandlungen erleichtert.

Von Bettina Markmeyer

Mit Tränen der Erleichterung, Blumen, Beifall und einem einstimmigen Beschluss ging die Arbeit des Runden Tisches Heimerziehung am Freitag in Berlin zu Ende. Es soll einen Entschädigungsfonds geben, der nach Angaben aus Teilnehmerkreisen 120 Millionen Euro umfassen wird. Was entscheidend war für die Zustimmung der Heimkinder-Vertreter: Der Fonds soll nach oben offen sein. Jeder, der Anspruch auf Zahlungen hat, soll sie auch bekommen.

"Ich bin zufrieden", sagt Eleonore Fleth und wischt schnell eine Träne weg. "Nach zwei Jahren harter Arbeit haben wir ein positives Ergebnis. Der Fonds ist jetzt für alle Betroffenen offen." Noch am Donnerstag, als die zweitägige Abschlusssitzung des Runden Tisches begann, sah das ganz anders aus. Da hatten Fleth, Hans-Siegfried Wiegand und Sonja Djurovic, die Heimkinder-Vertreter, noch das Gefühl, dass ihrem jahrelangen Kampf der Erfolg verwehrt wird.

Verhandlung wäre beinahe geplatzt

"Wir wollten die Sache platzen lassen", sagt Djurovic. Sie waren bitter enttäuscht, dass statt einer generellen Entschädigung nur Zahlungen an einzelne Opfer der Heimerziehung beschlossen werden sollten. "Kaum jemand wird Geld kriegen", hatte Djurovic gesagt. Sie hatten eine Protesterklärung verlesen. Ihnen war nach Wegrennen zumute. Aus. Schluss. Die Sitzung wurde unterbrochen.

Dann haben sie doch weiterverhandelt - und die Zusatzvereinbarung über die Öffnung des Fonds herausgeholt. Die andere Seite, die für die Heimträger und verantwortlichen Behörden von damals am Tisch sitzt - Vertreter von Bund, Ländern und den Kirchen - hatte deutlich gemacht, dass es gar nichts geben wird, wenn der Runde Tisch scheitert, keinen Fonds, keine Hilfen im Einzelfall.

Prügel, Arbeitszwang und Missbrauch

Die Heimkinder-Vertreter saßen immer zwischen den Stühlen. Mit den Leuten vom Runden Tisch, der Moderatorin und Grünen-Politikerin Antje Vollmer an der Spitze, verbinden sie zwei Jahre Arbeit und gegenseitiger Respekt. Aber da sind auch die wütenden, ehemaligen Heimkinder, die nicht am Runden Tisch sitzen, die Fleth, Wiegand und Djurovic Verrat vorwerfen, Verrat ihrer Identität, ihres Leids, ihrer Ansprüche. Sie sehen das Vollmer-Gremium als "Farce" und werden am Montag, wenn der Abschlussbericht vorgestellt werden soll, eigene Erklärungen abgeben.

Etwa 800.000 Kinder und Jugendliche wuchsen in den 1950er und 60er Jahren in kirchlichen und staatlichen Heimen auf. Brutale Erziehungsmethoden, Demütigungen, Prügel und Arbeitszwang waren an der Tagesordnung. Von denen, die sich bei der Anlaufstelle des Runden Tisches gemeldet haben, berichtet jeder dritte von sexuellem Missbrauch. Die Heimkinder waren rechtlos. Im Abschlussbericht des Runden Tisches wird dieses Unrecht im jungen Rechtsstaat Bundesrepublik nicht beschönigt. Die Aufarbeitung und die Enttabuisierung der Heimkinder-Schicksale ist das gemeinsame Verdienst aller Mitglieder des Gremiums.

Der Fonds ist noch nicht sicher

Ob die Antwort des Runden Tisches auf die Frage nach Entschädigungen aber wirklich trägt, wird sich erst zeigen. Die Heimkinder-Vertreter hatten Opferrenten von 300 Euro im Monat oder Einmalzahlungen von 54.000 Euro gefordert. Aus dem Fonds, der zu je einem Drittel von Bund, Ländern und Kirchen finanziert werden soll, sollen aber nur Traumatisierte Geld erhalten, die bedürftig sind. Aus einem weiteren Topf sollen vorenthaltene Renten nachgezahlt werden. Und der Fonds ist bisher nicht wirklich sicher.

"Die Bundesregierung hat bisher keine finanziellen Zusagen gemacht", erklärte das Bundesfamilienministerium. Aus den Ländern heißt es übereinstimmend, erst müsse der Bundestag entscheiden, danach werde es eine Entscheidung über eine Beteiligung der Bundesländer an einem Fonds geben. Beide Kirchen versichern hingegen, sie wollen den Fonds und sie wollen Geld geben - wenn alle mitziehen. "Verantwortungsgemeinschaft" heißt das Stichwort.

Bericht geht an den Bundestag

Im Januar geht der Bericht des Runden Tisches an den Bundestag. Dort und in den elf westdeutschen Ländern werden die Entscheidungen getroffen. Die ehemaligen Heimkinder haben bis zum Schluss um eine finanzielle Entschädigung gekämpft, die großzügig ist - die ihr Leid anerkennt und ihre Leistungen: Dass sie, die früh gelitten und lange geschwiegen haben, heute unter großem persönlich Einsatz dazu beitragen, die Wahrheit über dieses Land zu erzählen.

Am kommenden Montag, zur abschließenden Pressekonferenz des Runden Tisches, werden Fleth, Wiegand und Djurovic wieder in Berlin sein. Dann ist ihre Arbeit zu Ende, doch die Umsetzung der Ergebnisse ist noch lange nicht sicher.

epd

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