Soziale Herkunft entscheidet über Gymnasialbesuch

Schülerinnen im Unterricht

Selbst bei gleicher Leistung in der Schule ist das Prestige der Eltern häufig ausschlaggebend für eine Gymnasialempfehlung nach der Grundschule: Akademikerkinder haben eine 2,72 Mal so große Chance, aufs Gymnasium geschickt zu werden, wie Schüler aus anderen sozialen Schichten. Foto: epd-bild/ Michael Weber

Empfehlungsmängel - Akademikerkinder haben bundesweit eine fast dreimal so große Chance, von ihren Grundschullehrern eine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums zu bekommen, wie Kinder aus der Mittel- und Unterschicht. Das gilt auch dann, wenn sie über die gleiche Intelligenz und über das gleiche Lesevermögen verfügen. Dies geht aus einer Sonderauswertung der Internationalen Grundschul-Lese- Untersuchung (IGLU) durch den Schulforscher Wilfried Bos von der TU Dortmund hervor.

Von Karl-Heinz Reith

Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Die Länder-Ergebnisse liegen der Deutschen Presse- Agentur vor. Die Koppelung von sozialer Herkunft und Gymnasialchancen ist demnach im Saarland, in Sachsen, Hessen, Bayern und in Sachsen-Anhalt besonders groß. In den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen fanden die Schulforscher hingegen keine bedeutsamen Unterschiede, wenn man die Gymnasialempfehlungen von Kindern mit gleicher Intelligenz und Lesekompetenz vergleicht.

Zum Vergleich: Während bundesweit die Gymnasialchancen von Akademikerkindern 2,72 Mal so groß sind wie die von Kindern aus der Mittel- und Unterschicht, erreicht das Saarland mit einer Quote von 4,52 im Bundesländervergleich den schlechtesten Wert in Sachen Chancengleichheit, gefolgt von Sachsen (4,12), Hessen (3,84) und Bayern (3,30). Auch das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen schneidet mit 3,10 schlechter ab als der Bundesschnitt.

Die Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, sagte, die Daten belegten erneut "den Unsinn einer Auslese von zehnjährigen Kindern für unterschiedliche Schulformen". So blieben im deutschen Schulsystem "viele Talente und Fähigkeiten unentdeckt oder werden sogar verschüttet, weil Kindern aus unteren Schichten der Besuch des Gymnasiums nicht zugetraut wird". Dies verstoße auch gegen die ökonomische Vernunft.

"Dem Auslesedruck widersetzen"

Die Grundschulleiter aus allen Bundesländern sollten sich zusammentun, um sich diesem Auslesedruck zu widersetzen, forderte Demmer. So hätten in Nordrhein-Westfalen bereits über 1000 Grundschulleitungen einen entsprechenden Appell unterschrieben.

Die Bundesländerauswertung war nicht Bestandteil des IGLU-Untersuchungsauftrages der Kultusministerkonferenz (KMK). Bos stellte seine Ergebnisse jetzt auf einem Treffen der Länder-Staatssekretäre vor.

Nach Aussage des Wissenschaftlers ist bundesweit jede dritte Grundschullehrer-Empfehlung über die weitere Schullaufbahn nach Klasse vier "nicht optimal". Zum Zeitpunkt der IGLU-Untersuchung 2006 war die Lehrerempfehlung in den Ländern Bayern, Baden-Württemberg, Saarland, Sachsen-Anhalt und Thüringen aber wesentlich entscheidend für die Zulassung zum Gymnasium. Stimmen Elternwunsch und Lehrerempfehlung nicht überein, kennen mehrere Länder auch Aufnahmeprüfungen und Prognoseunterricht.

dpa

Kommentare

Verfasst von Gast am 21. April 2010 - 10:30.

Mythen

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"Bildung ist ein scheußlicher Betrug", urteilte das IT-Girl des Bildungsbürgertums, Bettina von Arnim, und unterrichtete ihre sechs Kinder lieber zuhause. -Heute käme die Freundin von Goethe, Humboldt und Schleiermacher in Deutschland dafür in den Knast.-
Die Auswertung von Bildungs-Tests wie PISA und IGLU gehört klassisch mit zur Volksverdummung. Allein dieser Artikel unterstellt zwei Mythen: Akademiker gehören immer zur Oberschicht. Nicht-Gymnasiasten haben keine Chance im Leben.
Beides kann ich nicht nachvollziehen: 47 Prozent der Studierenden haben bereits keinen Gymnasialabschluss mehr und wir haben längst eine dominierende Technik- und Banker-Elite vor der klassisch - akademischen. Hier machen oft Realschulen in Kooperation mit Wirtschaftgymnasien und Firmen einen verdammt guten Job, ihren Schülern Chancen zu geben.
In der Gymnasialklasse, deren Elternvertreterin ich lange war, gab es genau 3 Akademikerkinder, dafür aber 40 Prozent Schüler aus polnischen und russischen Einwandererfamilien.
Das IGLU-Ergebnis trifft höchstens eine Aussage darüber, wie es um die diagnostische Ausbildung von Grundschullehrern bestellt ist.
Und macht klar: Bildungspolitiker, Pädagogenlobbyisten und Verwaltungsfetischisten müssen raus aus dem Entscheidungsprozess über Schulen. Dafür muss es ein neues Bündnis zwischen Schulpraktikern, Schulleitern, Eltern und Schülern geben, die ihre Lern/Lehrsituation vor Ort verbessern können.
Die Entscheidung über die Schulform muss zurück an die Eltern, niemand fördert unsere Kinder kompetenter, leidenschaftlicher und individueller als wir selbst. Die Verantwortung für Inhalt und Niveau der Schulabschlüsse muss zurück an den Bund. Eine ehrliche Diskussionsgrundlage finden Eltern auf www.schulstruktur.com

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