Studium heute: Das Leben bleibt auf der Strecke

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Kommentar - Die aktuellen Studentenproteste zeigen, dass sich die Bildungspolitik dringend ändern muss. Leistung und Schnelligkeit lassen keinen Raum zur Entfaltung.

Von Melanie Huber

Was bin ich froh, in den 90ern studiert zu haben. Nach 13 Jahren Schullaufbahn mit ausreichend Zeit für Freizeit, Freunde und Feten. Ein ganzes Jahr eher geht es inzwischen los mit der Uni. Das wäre ja an sich nicht so schlimm, doch ein heutiges Studium ist schlicht nicht mehr das, was es mal war – oder sein sollte: Zeit, sich zu orientieren, zu lernen, zu reifen und zu wachsen.

Zeit zum Innehalten muss sein

Was am meisten fehlt, ist die Zeit. Bachelor und Master verlangen die volle, nahezu ununterbrochene Aufmerksamkeit der Studierenden. Und selbst bei anderen Abschlüssen ist der Druck gestiegen – ob nun durch Studiengebühren oder um nicht zu spät auf dem Arbeitsmarkt anzukommen. Klar dreht sich alles um einen guten Job, um Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit. Doch wer heute mit nicht mal Mitte Zwanzig eine Vollzeitstelle antritt, muss mindestens vierzig Jahre durcharbeiten. Und wofür? Damit man zweimal im Jahr in Urlaub fährt, für das neue Auto oder ein Häuschen spart und eventuell eines Tages eine einigermaßen ausreichende Rente bezieht. Natürlich ist das nicht alles, aber es läuft bei allzu vielen Menschen darauf hinaus. Vor allem, wenn sie in ein Bildungssystem und eine Arbeitsmarktpolitik gezwängt werden, die kaum einen Freiraum bieten; nicht zum Innehalten, nicht zum Durchschnaufen oder Genießen.

Lernen kann nicht alles sein

Wer ein Studium beginnt, weiß oftmals nicht, ob dies eines Tages in den später ausgeübten Beruf mündet. Uni-Zeit muss auch Zeit für sich sein, für Orientierung und das Ausprobieren. Praktika und Nebenjobs, ob in der Kneipe, einer Agentur oder am Fließband, sind mindestens so wichtig wie das Büffeln am Schreibtisch. Das Gefühl, nebenbei eigenes Geld zu verdienen (und auszugeben), ist so viel Wert wie die bestandene Klausur. Und im strömenden Regen Flugblätter gegen Tierversuche zu verteilen, kann aus einem späteren einen besseren Juristen machen. Doch auch dafür fehlt die Zeit. Wann, wenn nicht während des Studiums, kann man sie sich nehmen? Wird man sie sich nehmen?

Aus purer Neugier Bücher wälzen

Ein Studium ist nicht nur ein Abschluss. Der alleinige Blick auf Klausuren, Fristen und Noten führt unweigerlich zum Ausschluss des Wesentlichen: dem Leben und Erleben. Es darf nicht sein, dass sich ein Student heute nicht die Zeit nehmen kann, ausführlich und vielleicht auch mehrmals ein Thema zu erfassen; im Philosophie-Studium die Literatur der Existenzialisten einfach aus Freude daran freiwillig im Original zu lesen; im Mathematik-Studium einer Formel aus purer Neugier auf den Grund zu gehen. Oder sich in einer Studentenorganisation zu engagieren. Nicht die Frage, ob man Lust hat, im AStA mitzuarbeiten, spielt heute eine Rolle, sondern ob man es sich leisten kann, zeitlich. Wohl kaum in einer Zeit, in der sich immer mehr Studierende mit Medikamenten dopen, um das Lernpensum zu schaffen.

Parties feiern, wenn einem der Kopf raucht, um den See joggen, mit Freunden den Nachmittag verquatschen – Pustekuchen. All dies ist nahezu Luxus im heutigen Studentenleben. Wer nicht mithält, fliegt aus dem System oder besorgt sich vermeintliche Wunderpillen. Das Wunder des Lebens auszukosten, bringt es nicht mehr, es wirkt nicht schnell genug.
 


Melanie Huber hat genüsslich fünf Jahre lang Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert. Heute ist sie Portalleiterin von evangelisch.de.

Kommentare

Verfasst von OliverGroß am 17. November 2009 - 20:15.

RE: Studium heute: Das Leben bleibt auf der Strecke

Der Artikel ist sehr gut auf den Punkt gebracht und spiegelt ein wenig wider,...

Der Artikel ist sehr gut auf den Punkt gebracht und spiegelt ein wenig wider, was viele Institute und Stiftungen erleben. Es gibt davon nicht wenige, die Menschlichkeit, Werte und das persönliche Ausprobieren als Teil des Studiums sehen und sich deshalb dafür einsetzen und geeignete Plattformen bieten.

Wir brauchen ganzheitliche Verantwortung für junge Lernende und Studierende und nicht nur den Blick für schnellen Erfolg, Perfektion und direkte Verwertbarkeit junger Menschen. Geben wir ihnen Zeit und die Möglichkeiten, eigenständige Persönlichkeiten zu werden und ihre eigenen Ideale und Visionen zu leben.

Wir sind die Generation, die, die Straße baut, auf der die nächste Generation einmal gehen wird. (asiatische Weisheit)

 

Oliver Groß

Oliver Groß
Frankfurt

Verfasst von theolounge.de am 17. November 2009 - 17:54.

RE: Studium heute: Das Leben bleibt auf der Strecke

Guter Artikel, dem kann man zustimmen. Vielleicht ist auch das hier interessant...

Guter Artikel, dem kann man zustimmen.

Vielleicht ist auch das hier interessant dazu:

Ein Jahr zu wenig

Wenig geliebt und viel gehaßt: das neue achtjährige Gymnasium. Der Selektionsdruck hat zugenommen und auf der Strecke könnte einer bleiben: der Schüler. Ob das nachdenklich machen sollte ? Ja, denn er ist der Bürger von morgen. Wer heute daran spart, den Schüler als ganzen Menschen auszubilden und ihn stattdessen als Leistungsroboter sieht, der wird dies morgen merken (und vielleicht bereuen): in der Politik und in der Gesellschaft. Denn die Kinder von heute werden morgen unsere Gesellschaft lenken. Arme Gesellschaft, die dies vergißt – und die morgen diesen Kindern ausgeliefert sein wird, die darauf getrimmt sind, nur Leistung zu erbringen, anstatt in Menschlichkeit einander zu begegnen. 

mehr: http://theolounge.wordpress.com/2007/09/10/ein-jahr-zu-wenig/

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