Synode - "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es", lautet ein Sprichwort. Rund 1,1 Millionen Menschen, davon 70 Prozent Frauen, haben es sich zu Herzen genommen. Sie sind ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert, so jedenfalls Zahlen aus dem Jahr 2007. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) befasst sich am Montag auf ihrer Synode in Ulm mit dem Thema "Ehrenamtliches Engagement in Kirche und Gesellschaft".
Welche Motive bewegen Freiwillige, sich in der Kirche einzubringen? Ist es Langeweile, Nächstenliebe oder der Wunsch nach Anerkennung? "Ich glaube, es ist von allem ein bisschen", sagt Wolfgang Löbermann, "aber weniger Geltungsdrang als einfach Nächstenliebe." Löbermann ist Pfarrer in der St.-Nicolai-Gemeinde im Frankfurter Stadtteil Ostend. Die Gemeinde mit rund 5.100 Mitgliedern kann sich auf 150 Ehrenamtliche stützen.
Wenn die Gemeindemitglieder beim "Freitagstreff" zusammenkommen, entweder gemeinsam kochen oder eine Kneipentour machen, muss das jemand organisieren. "Das läuft dann nach dem Motto 'Heute tue ich was für die anderen', und das nächste Mal ist jemand anders dran", sagt Löbermann. Viele Helfer in St. Nicolai sind auch in der Gemeinde-Diakonie aktiv: Die einen holen zum Beispiel bei Gottesdiensten im Altenheim die Bewohner aus ihren Zimmern ab. Andere besuchen Kirchenmitglieder am Geburtstag oder übernehmen bei Gemeindefesten den Abwasch.
Ehrenamtliche springen für Hauptamtliche ein
"Sie wollen, dass sich die Gemeinde weiterentwickelt und opfern dafür viel Zeit, die sie ja auch mit ihrer Familie oder Freunden verbringen könnten", sagt der Theologe. Ein klassisches Beispiel ist Löbermann zufolge der Kirchenvorstand. Neben ihm gehören dem Gremium nur Freiwillige an. "Ohne sie würde das Gemeindeleben gar nicht funktionieren", sagt der Pfarrer. Denn vieles sei von Hauptamtlichen nicht zu leisten. Fallen etwa die zwei Teilzeitkräfte in der Verwaltung aus, dann springen Ehrenamtliche ein.
Auch in der ländlichen thüringischen Gemeinde Niederzimmern ist die evangelische Kirche auf Freiwillige angewiesen, denn in der Kirchengemeinde zwischen Weimar und Erfurt mit ihren 750 Mitgliedern ist Pfarrer Thomas Behr der einzige Hauptamtliche. 20 bis 30 Ehrenamtliche übernehmen den Rest: Soe schließen beispielsweise die Kirche auf und ab, verteilen das Gemeindeblatt oder setzen sich für den Erhalt der Kirchengebäude ein. Und was, wenn morgen fünf Ehrenamtliche plötzlich keine Lust mehr hätten? Behr denkt kurz nach und sagt: "Dann hoffen wir, dass wir neue finden."
Freiwilligkeit braucht Anerkennung
Die Ehefrau des örtlichen Handwerkers als "Prototyp des Ehrenamts" sei ein Klischee, sagt Behr. In der Praxis habe er so etwas nur im Vikariat in Baden-Württemberg erlebt. "Diese Schicht gibt es bei uns nicht. Bei uns sind es Frauen und Männer, die das Ehrenamt in ihrer knappen Freizeit ausüben." Einige engagieren sich seit der Wende. Sie wollten damals verhindern, dass die Kirchengebäude verfallen. Auf dem Land bestehe eine engere Bindung an die Kirche, und die sozialen Kontakte seien dichter als in der Stadt. "Wenn der eine mitmacht, mache ich auch mit", laute das Motto. Manche Ehrenamtliche, wie beispielsweise der Vorsitzende des Kirchenbau-Fördervereins, gehen bei ihrer Arbeit an die Belastungsgrenze, sagt Pfarrer Behr.
Schon länger ist es nicht mehr selbstverständlich, dass sich Freiwillige gerade in der Kirche oder Diakonie engagieren. Wer sich heute kirchlich engagiere, sei morgen vielleicht schon zum Umweltschutz abgewandert, beobachten die Fachleute. Prälat Christian Rose aus Reutlingen warnt vor einer "Zweiklassengesellschaft" in den Kirchengemeinden: hier die Freiwilligen, die hoch angesehen sind, dort diejenigen, die "nur" teilnehmen. Um das Ehrenamt besser zu fördern, sei ein Perspektivwechsel innerhalb der Kirche wichtig, verbunden mit der Frage "Was wollen die Menschen mit ihren Gaben in die Gemeinde einbringen?" Wichtig sei dabei auch die Anerkennung von Ehrenamtlichen, wirbt Rose. Ohne diese Anerkennung laute deren Schlussfolgerung: "Es ist nicht wichtig, was ich einbringe. Also kann ich es auch lassen."
Kommentare
RE: Synodenschwerpunkt: Ohne Ehrenamt geht es nicht
Merkwürdig finde ich es, wenn das Ehrenamt immer dann hochgelobt wird, weil die Kassen leer sind. Ich zitiere hier einen sehr hohen Beamten der Braunschweigischen Landeskirche, der eine Küsterstelle bei gleichem Arbeitsumfang halbieren wollte. Anlass bot der Ruhestandsantrag des noch tätigen Küsters, der gern mit 60 Jahren aufhören wollte, statt bis zum 65. Lebensjahr weiterzuarbeiten. Auf die Frage des Kirchenvorstandsvorsitzenden, was denn die Landeskirche gemacht hätte, wenn der Küster doch weiterarbeiten wolle bis zum regulären Ruhestandsalter, erfolgte die Antwort: "Dann hätten wir eben mit dieser Altlast weiterleben müssen."
Wer solch ein Menschenbild von kirchlichen Mitarbeitern hat, die kein Theologiestudium absolviert haben, muss sich eigentlich fragen lassen, ob er für seine Arbeit eigentlich korrekt bezahlt wird. Mir stößt dieser Rummel um das Ehrenamt sehr sauer auf. Es ist zu durchsichtig, dass man hier auf Kosten der Professionellen sparen will. Wie wäre es denn einmal die kleinen Landeskirchen zu überprüfen in wieweit sie überhaupt wirtschaftlich sind? Vielleicht entdeckt man, dass man dadurch auch einige Bischofsämter einsparen könnte. Auf das anschließende Geheul des geistlichen Adels freue ich mich jetzt schon.
RE: Synodenschwerpunkt: Ohne Ehrenamt geht es nicht
Auch ich bin bis Ende Oktober ehrenamtlich tätig. Ich finde das Thema sehr wichtig, gut fände ich allerdings eine Bezahlung, von der ich leben könnte. Dies muß beim Namen genannt werden. Wie kommt die Kirche dazu, immer weniger Arbeitsstellen einzurichten und sie fair zu bezahlen?
Kann man da nicht eine Lösung finden, die wäre: Arbeitsplätze schaffen! Alle in der Kirche, egal ob Pfarrer, Krankenschwester, Putzfrau oder Kirchenrat verdienen dasselbe und haben eine Woche, in der es nicht erwartet wird, daß man Tag und Nacht einsatzbereit ist, sondern wo es auch noch Freizeit gibt da es eben dann auch noch mehr Kollegen gibt, die eingeteilt werden können. Mesner, Hausmeister, Erzieherinnen, alle sind sie überarbeitet! Das wäre mein Verständnis von Teilen.
Aus der Sicht der Ehrenamtlichen krankt deren Wertschätzung finanziell gesehen! Vielleicht ist hier auf Sand gebaut, wenn man ehrenamtliches Engagement zu berechenbarer Leistung entwickelt, in der Ausübung fühlen sich Menschen auf Dauer ausgenützt, wenn sie kein anderes Einkommen haben. Sie machen es gerne, erhoffen sich aber (bei Arbeitslosigkeit) berufliches Weiterkommen dadurch.
Im Ehrenamt erledigen Leute oft nur Dinge, die ihnen Spaß machen. Aber not-wendige Arbeiten bleiben liegen, wenn sie keinen Spaß machen, jedenfalls können sie nicht verlässlich an Freiwillige abgegeben werden.
RE: Ohne Ehrenamt geht es in der Kirche nicht
Was nutzt aber die Bereitschaft, sich zu engagieren, wenn der Pfarrer keine (Lust) Zeit hat, die Ehrenamtlichen regelmäßig anzuleiten? Wie kann es sein, dass man den Chef des Ganzen ständig an die simpelsten Dinge erinnern muss?! Man ihm immer hinterher laufen muss? Da ist nicht gerade motivierend.
RE: RE: Ohne Ehrenamt geht es in der Kirche nicht
Mehr Mut und Eigenverantwortung statt falscher Erwartungshaltung. Der "Chef des Ganzen" wird den richtigen Weg zeigen und Fehler verzeien. Wir sind so frei!
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