Tod auf Facebook: 1.048 Freunde halfen nicht

Das Online-Netzwerk hilft nicht immer

Foto: iStockphoto

Soziale Netzwerke - Es ist nicht der erste Fall seiner Art, es wird nicht der letzte sein, und trotzdem ist es eine Tragödie, die beinahe sprachlos macht. Auf Facebook kündigte eine 42-jährige Engländerin an, sich umzubringen, schluckte die tödlichen Pillen und wurde dafür mit Häme bedacht. Von einigen ihrer Facebook-Freunde. Erst am Tag darauf bemühte sich jemand um Hilfe. Zu spät: Trotz 1.048 Facebook-Freunden starb die Engländerin in ihrer Wohnung.

Von Hanno Terbuyken

Die letzten Worte der Frau, 42 Jahre alt, waren: "Habe alle meine Pillen genommen, werde bald tot sein, bye bye alle" – und sie standen auf Facebook. Niemand ihrer 1.048 Facebook-Freunde sah sich bemüßigt, ihre Ankündigung nachts um elf am ersten Weihnachtstag ernst zu nehmen. Einer ihrer Facebook-Freunde schrieb sogar direkt unter die Ankündigung: "Sie nimmt ständig Überdosen und sie lügt."

Erst zwölf Stunden später fragte ein anderer Kontakt unter der Statusmeldung nach, ob sich denn überhaupt schon jemand um die Frau gekümmert habe, einfach mal nachgeschaut oder angerufen. Um vier Uhr nachmittags bekam die Mutter der 42-Jährigen nach Angaben des "Telegraph" eine SMS, die sie über die Lage informierte. Die Mutter, 60 Jahre alt und behindert, konnte ihrer Tochter nicht selbst helfen, obwohl sie im gleichen Haus wohnte. Sie rief die Polizei, die die Wohnung aufbrach und die 42-Jährige tot vorfand, 16 Stunden nachdem sie ihren Facebook-Status geschrieben hatte.

Gegenüber der britischen Presse äußerte sich Facebook "in tiefer Trauer" über den Tod der Frau und verwies auf die Zusammenarbeit mit der englischen Telefonseelsorge, die in solchen Fällen einschreiten könne, allerdings nur, wenn sie jemand auf den Fall aufmerksam macht. Aber niemand der 1.048 Facebook-Kontakte der Frau kam auf die Idee, irgendetwas zu tun. Möglicherweise ging die Nachricht auch im Weihnachtstrubel unter.

"Ein Kontakt sagt nichts über die Qualität"

"Solche Androhungen muss man immer ernst nehmen", sagt Lutz Fischer-Lamprecht. Er ist Pfarrer in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Wettingen-Neuenhof im Schweizer Aargau und dort als "Facebook-Pfarrer" bekannt geworden, weil er selbst viel in dem sozialen Netzwerk unterwegs ist. "Man muss behutsam darauf zugehen, möglichst privat."

Denn der indirekte, vielleicht sogar anonyme Kontakt über Facebook enthebt den Menschen nicht seiner Verantwortung im Umgang miteinander. "'Freunde' klingt ziemlich heftig, nach Intimität, aber ich stelle immer wieder fest, dass es viele Leute gibt, die Facebook-Freunde haben, die sie nicht kennen", erklärt Pfarrer Fischer-Lamprecht: "Ein Kontakt sagt nichts über die Qualität."

Im Fall der Engländerin, die ihren verzweifelten Ruf am Abend des ersten Weihnachtstages in die Facebook-Welt schrieb, wo er unbeantwortet verhallte, dauerte es einen halben Tag, bis die ersten echten Freunde reagierten. Zu spät. Die Verantwortung sieht Fischer-Lamprecht aber nicht bei Facebook. "Jeder nutzt Facebook anders. Man kann das sehr unterschiedlich handhaben. Es gibt Leute, die alles einstellen, die sind quasi ein gläserner Mensch. Es gibt andere, die nutzen Facebook bewusst privater."

Eine tragische Geschichte auf mehreren Ebenen

Verantwortlich sind die Freunde, auch im Online-Netzwerk: "Jemand, der da schreibt: 'Das machst du ja eh nicht', hat hinterher hoffentlich schlaflose Nächte." Denn echte Kontakte lassen sich auch im Internet anbahnen, berichtet der Pfarrer: "Der Anknüpfungspunkt ist da", sogar für Seelsorge. Ein persönlicher Kontakt, der auf die Kontaktaufnahme folgt, ist dafür aber unerlässlich. Und nicht nur für Seelsorge.

Denn die eine Tragik an der Geschichte der Engländerin ist, dass ihre große Freundesliste ihr nicht zu Hilfe kam und sie sogar noch verspottete, dass niemand die Ankündigung ernst nahm. Die andere Tragik ist, dass sie sich gemüßigt sah, am Weihnachtsfest über das soziale Netzwerk um Hilfe zu bitten, statt ihre Mutter im gleichen Haus ein paar Treppenabsätze tiefer aufzusuchen.

Facebook trägt nicht die Schuld am Tod der Frau. Aber diese Geschichte zeigt, dass auch mehr als tausend Facebook-Kontakte keine verlässtliche Quelle für menschliche Nähe sind. Die Einsamkeit bleibt – und für alle, die von außen auf das Geschehen blicken, das Unvermögen, die ganze menschliche Tragik hinter dem Tod der 42-Jährigen zu verstehen.


 

Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de und schreibt das Blog "Angezockt".

Kommentare

Verfasst von Virtuelle Zivilcourage am 25. Januar 2011 - 1:19.

Manchmal geschehen doch Dinge

Manchmal geschehen doch Dinge die uns jeglichen Verstand zu rauben scheinen. So...

Manchmal geschehen doch Dinge die uns jeglichen Verstand zu rauben scheinen. So muss es aber nicht sein!
Sei die Erkenntnis über die Notwendigkeit einer virtuellen Zivilcourage eine Evidenz oder Empirie, das humane Handeln in spezifischen Situationen sollte verpflichtend darüber hinauswachsen und zum logischen Bewusstsein für das Phänomen aufkeimen.

Leider sehe ich in sozialen Netzwerken, wie sehr man doch in dieser virtuellen Intimität sich real voneinander distanziert.

Wenn sich die vielen Menschen im Internet statt der virtuellen sozialen Netze zu widmen, für wenige Minuten in ihrem realen sozialen Netz einen Menschen zuhören könnten, würden wir uns dabei helfen glücklich zu werden.

∀ Unsere gemeinsamen Ziele sind:

  • Glück zu erlangen und
  • Leid zu vermeiden.

Nicht etwa uns voneinander zu distanzieren.

Meine Hilfe für viele besteht aus einem einzigen Link:
https://ssl.facebook.com/help/contact.php?show_form=delete_account&__a=3
Wach auf!
evangelisch.de und Herrn Hanno Terbuyken danke ich für das Aufgreifen des Themas. ♥

Verfasst von Gast am 8. Januar 2011 - 19:01.

Suizidankündigungen haben

Suizidankündigungen haben eine passiv-aggressive Komponente, und ich führe...

Suizidankündigungen haben eine passiv-aggressive Komponente, und ich führe prinzipiell keine persönlichen Beziehungen mit Menschen, die eine solche Geisteshaltung haben. Solche Beziehungen nehmen mehr Lebensqualität als sie bieten. Dazu kommt, dass ein erwachsener Mensch mit 42 Jahren auch tatsächlich das Recht hat, sein Leben zu beenden. Die Welt geht dadurch nicht unter, und es kann eine völlig legitime Lebensentscheidung sein.

Ein Freund von mir kündigte vor einigen Jahren indirekt eine Suizidabsicht an. Ich rief ihn an, um nachzuhaken, und er entschied sich dann dagegen. Hätte er jedoch eine dauerhaften Suizidwunsch beibehalten, hätte ich nicht interveniert. Ich habe ihm gegenüber zum Ausdruck gebracht, dass ich mich nicht in der Rolle sehe, ihm seine existentiellen Entscheidungen vorzuschreiben, dass ich ihm aber sehr empfehlen würde, diese Entscheidung gründlich zu durchdenken. Das hat er verstanden, und ich würde das im Gegenzug ebenfalls so erwarten.

Ich kann mir gut vorstellen, mich eines Tages zu suizidieren, wenn der zukünftige Erwartungswert meiner Lebensqualität deutlich unter meiner bisherigen durchschnittlichen Lebensqualität liegt. Wenn ich diese Entscheidung irgendwann treffen sollte, werde ich das wahrscheinlich anonym im Internet ankündigen und es in einem Videochat vollziehen. Nicht als Hilferuf oder passiv-aggressive Schuldzuweisung, sondern einfach, weil es interessant ist.

Der Tod gehört nunmal zum Leben, ich kann die Aufregung nicht verstehen.

Verfasst von Erzengel am 8. Januar 2011 - 16:08.

Folgendes ereignete sich vor

Folgendes ereignete sich vor ein paar Wochen in Rom:  http://www.youtube....

Folgendes ereignete sich vor ein paar Wochen in Rom: 

http://www.youtube.com/watch?v=ZOhN-QM9qkI&feature...

Auf dem Video sieht man schön, wie die Passanten sich gar nicht um die Frau kümmern. Trotz der Kameras unterlassene Hilfeleistung! Die Frau lag im Koma und starb einen Tag später im Krankenhaus. Das letzte Gefühl, dass sie empfunden hatte, war Zorn...

Was bringt die Menschen dazu, sich vom Konzept der Nächstenliebe so sehr zu entfernen? Ist es das moderne Stadtleben? Ist es die zunehmende Anonymität? 

Ich selbst wurde einmal am Bahnhof sexuell belästigt. Es war ein Samstag Nachmittag. Der Mann verfolgte mich und wurde vor allen handgreiflich. Keiner half mir. Ich ging in ein Geschäft und als ich auch da nicht in Ruhe gelassen wurde, bat ich den Verkäufer um Hilfe. Er sagte kein Wort und ging in den Lagerraum... Ich rief die Polizei, die mir nur sagte, ich soll doch jemanden ansprechen... Aha. Ich wurde bis in die S-Bahn verfolgt und wurde erst in Ruhe gelassen, als mein Vater mich abholte.

 

Ein andermal rutschte ich, weil ich so in Eile war, aus und hatte mir ein Bein zwischen Zug und Gleis eingeklemmt. Ich bat einen Mann um Hilfe, der gerade an mir vorbei ging. Er schaute mich an und ging einfach weiter. In letzter Sekunde schaffte ich es alleine, mich zu befreien. Wenige Sekunden später fuhr die Bahn ab. Ich hätte ein Bein verlieren können und trotzdem half niemand.

Es erstaunt mich also nicht, wenn solche Vorfälle wie der im Artikel beschriebene immer öfter vorkommen. Im Internet ist die Anonymität noch größer. Viele Kontakte sind einfach nur oberflächlich, und meistens ist es nicht nur so, dass man solche Hilferufe ignoriert, man verursacht sie auch. Es gibt genug Fälle von Menschen, die sich umbringen, weil sie online gemobbt werden.

 

Oh tempora oh mores...

 

 

 

Verfasst von Gast am 8. Januar 2011 - 19:28.

Ich habe mir das Video

Ich habe mir das Video angeschaut, gleich danach kam Werbung für das ideale...

Ich habe mir das Video angeschaut, gleich danach kam Werbung für das ideale Make up und schöne Haare, damit wird das ganze heruntergewürdigt, kein Wunder, wenn Menschen sich nicht mehr hinknien, wenn jemend liegt. Das kleinste bisschen Gefühl wird abgelenkt, wenn ich schon wieder bschauen muß, wie ich meine Haare hinkriege.....

Verfasst von Würdigung der Formulierung am 25. Januar 2011 - 1:29.
Kommentar auf: Ich habe mir das Video

Wenn Menschen sich nicht mehr

Wenn Menschen sich nicht mehr hinknien, wenn jemand liegt. Eine so schöne...

Wenn Menschen sich nicht mehr hinknien, wenn jemand liegt.
Eine so schöne Formulierung ist des Buchtitels wert. Fantastisch.

Sind es noch Menschen wenn sie dann noch stehen?

Verfasst von berndbuchner am 8. Januar 2011 - 20:48.
Kommentar auf: Ich habe mir das Video

Niederknien, wenn jemand liegt

Lieber Gast, ich fand die von ihnen gewählte Formulierung sehr schön...

Lieber Gast,

ich fand die von ihnen gewählte Formulierung sehr schön:

dass wir niederknien sollten, wenn jemand liegt.

Danke dafür!

Herzliche Grüße

Bernd Buchner - evangelisch.de

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