Kontroverse - Das Kirchen-Gespräch mit Thilo Sarrazin in Halberstadt lockte 400 Besucher an. Von Kritik an Sarrazin war an dem Abend aber wenig zu hören. Der erste Termin war wegen der Kontroverse um den Buchautor abgesagt worden. Der Gemeinderat hatte dann aber den Beschluss gefasst, Sarrazin dennoch einzuladen. Tenor des Abends: "An einigen Stellen hat er Recht".
Über Monate hagelt es Kritik. Erst wird der kirchliche "Halberstädter Abend" Ende Februar mit dem umstrittenen Buchautoren Thilo Sarrazin abgesagt. Auf den Beschluss des Gemeindekirchenrates zu einer Neuauflage reagieren 18 Kirchenvertreter und Bildungsexperten ablehnend mit einem Offenen Brief. Als der Ex-Bundesbankvorstand dann am Donnerstagabend in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) auf dem Podium vor 400 Besuchern in der evangelischen Moritzkirche Platz nimmt, scheinen die Kritiker weitgehend verstummt.
Rosemarie Borgsdorf, Gemeindemitglied des Evangelischen Kirchspiels, fasst die "Volksmeinung" schon vor der Veranstaltung zusammen: "Ich bin nicht mit allem einverstanden, aber an einigen Stellen hat er recht", sagt sie in eine Fernsehkamera. Zu Zwischenfällen kommt es bei der von Polizisten überwachten Diskussionsrunde nicht. Ein Mann wird aus der Kirche verwiesen, weil er ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Danke, Thilo Sarrazin" trägt. Und er hat ein Pappschild aufgestellt, auf dem "Meinungsfreiheit bewahren!" und "Deutschland, wohin gehst du?" steht. Eine Buchhandlung türmt Sarrazins Bücher auf.
Der neue Termin lag nach der Landtagswahl
Im Februar wurde den Veranstaltern noch vorgeworfen, mit der geplanten Veranstaltung kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im März der rechtsextremen NPD eine Plattform zu bieten. Die Partei wollte Sarrazin als "Wahlkampfhelfer" begrüßen. Der Gemeindekirchenrat entschied sich dann für einen neuen Termin. Eingeladen wurde wieder von dem geschäftsführenden Pfarrer des Kirchspiels, Harald Kunze, und dem früher für Halberstadt zuständigen Pfarrer Hartmut Bartmuß von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche.
"Ich hoffe, dass wir diejenigen enttäuschen, die meinen, wir packen als Gemeindepfarrer diesen Abend nicht", sagt Bartmuß in Richtung Kritiker. In einem Offenen Brief hatten sie den Veranstaltern indirekt unterstellt, Sarrazin intellektuell nicht gewachsen zu sein. Und es scheint ihnen zumindest teilweise gelungen zu sein. Es sei kein Streitgespräch im klassischen Sinn gewesen; dennoch hätten die Moderatoren viel von den aus christlicher Sicht angebrachten Gegenargumenten aufgenommen, sagt der Beauftragte der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung, Albrecht Steinhäuser, nach der Veranstaltung.
"Taxifahrer aus Persien" würden Sarrazin zustimmen
Sarrazin benutzt die Fragen der beiden Moderatoren überwiegend als Stichwort für die wortreiche Begründung seiner umstrittenen Thesen zu Integration und Bevölkerungsentwicklung aus seinem Buch "Deutschland schafft sich ab". Es herrsche in der Politik die Tendenz, Probleme zu verleugnen und diejenigen, die sie benennen, abzustrafen, beklagt er. Auch die Medien attackierten Sarrazin. Immer wieder wird er von Beifall unterbrochen, so etwa, als er sagt, "solange sie nicht menschenfeindlich und verfassungswidrig sind, muss man Vorbehalte äußern können". Sogar "Türken" und "alle Taxifahrer aus Persien" würden ihm zustimmen.
Nach fast zwei Stunden bleibt nicht mehr viel Zeit für Fragen aus dem Publikum. Gut eine Handvoll nutzt dennoch die Gelegenheit. Kritisch melden sich die Migrationsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Petra Albert, und der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Friedrich Kramer. Beide gehören zu den Unterzeichnern des Offenen Briefes. Sarrazin habe Widersprüche in seinen Thesen nicht aufklären können, alles würde an ihm abprallen, sagt Kramer.

Kommentare
Sarrazin
Wo liegt das Problem ihr Lieben?Unrechtsbewußtsein ist erkennbar so einigen Kulturkreisen wohl einfach nicht gegeben.Besonders bei Denen,wo das männliche Geschlecht total überbewertet wird. Ich musste "Sarris" Werk nicht unbedingt lesen,um zu erfahren was ich eh schon wußte, tat es aber doch,und fand mich leider in vielem bestätigt.Okay!Die Äußerungen über die jüdischen Mitmenschen,teile ich absolut nicht. Aber,das was er über einen großen Teil unserer Mehr oder Minder islamischen Mitmenschen sagte,in Bezug auf ihre Denk - und Verhaltensweise stimmt.Fakt ist:Man erlebe besonders die Söhne arabisch- und türkischstämmiger Bürger. - Keine Achtung,Respekt,ein Fremdwort.Provokativ auf höchster Ebene,und in ihrer vorgelebten Überheblichkeit mehr als abstoßend.Aber, auch hier gibt es wunderbare Ausnahmen, und die, schätze ich,und sehe gerne. Natürlich selbstredend, und klar doch, wer solches sagt, wie ich jetzt,wird gleich als Faschist verurteilt.Doch liegt bei mir der Unterschied,dass ich zu meiner DEUTSCHEN Geschichtsvergangenheit(Hitler+ Co) stehe,und Diese zu tiefst verachte. Was andere Länder mit ihrer dunklen Geschichte ebenfalls tun. Also liebe Türkischen Mitbürger,ihr zum Beispiel,was ist mit eurer Faschistuiden Vergangenheit? Nämlich die von 1915 an den Armeniern, von den Jungtürken verübt. Ach ich vergaß, das wird ja von Seiten eurer Politik vehement geleugnet.Ich sag ja: Kein Unrechtsbewußtsein. Dann will mann auch keinen Sarrazin verstehen. Klar. Schade!
Viel Beifall...
So kann man auch eine Kirche füllen. Aber das ist zu billig.
Zu blöd aber auch ...
... wenn ein Publikum anders reagiert, als es die Ideologie des Berichterstatters gerne hätte ...
Ich staune,
wozu Kirchen alles geweiht sind. Er gehört mit diesem Thema einfach dort nicht hin.
Es ist ein Irrtum, ihm intellektuell gewachsen zu sein, weil es darum gar nicht geht. Wer mit solchem "Erfolg" auf Tour gehen kann, ist doch kaum noch für Argumente offen, selbst wenn sie stimmen. Insofern denke ich, sind die Initiatoren mit einem gut gemeinten Ansatz sich selbst auf den Leim gegangen. Und das ist schade für die, für die nichts weiter raus kommt als die Aussage: bei manchem hat er recht. Solche pauschalen Ergebnisse kann man eben nicht verhindern und die sind das Gefährliche an Leuten wie Sarrazin und den Zuhörern, denen es ja gar nicht um intellektuelles Streitgespräch geht. Er hat von vornherein bei manchen Recht. Mich würde interessieren, wie viele oder wie wenige Menschen diese Veranstaltung wirklich zum Nachdenken gebracht hat und wie viele in der Kirche verkaufte Bücher den Wohlstand Sarrazins an diesem Abend vermehrt haben.
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