Was tun, wenn jemand nicht mehr leben will?

Teresa Enke

Terese Enke hat mit ihrem Mann Robert gelitten und seine depressiven Schübe durchgestanden. Foto: dpa

Interview - Robert Enke war depressiv und hat Suizid begangen. Wäre es zu verhindern gewesen? Wie kann man erkennen, ob ein Mensch gefährdet ist? Antworten einer Ärztin.

Die Fragen stellte Christine Holch

Hätte ich nur besser hingehört! Selbstmord-Kandidaten geben oft Hinweise vor der Tat, manchmal sehr allgemein. Wie erkenne ich Suizid-Gedanken? Wie reagiere ich? Hinweise von Regina Wolf-Schmid, Ärztin und Beraterin bei "Arche - Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen" in München.

Frage: Ein Freund sagt: "Ich kann einfach nicht mehr."

Regina Wolf-Schmid: Menschen, die suizidal sind, lassen oft so einen vieldeutigen Probesatz los und warten, wie reagiert der andere, überhört der den? Also nachfragen: "Was genau kannst du nicht mehr?"

Frage: Dann erzählt er von einem Problem und dass er sich am liebsten umbringen würde. Dann ich: "Wegen so was nimmt man sich doch nicht das Leben!"

Regina Wolf-Schmid: Das ist Ihre Einschätzung, die muss ja für den Freund überhaupt nicht stimmen. Die Anlässe, wann jemand in eine suizidale Krise gerät, sind sehr verschieden, das kann auch eine unachtsame Bemerkung sein, die einem nichts ausmacht, wenn man in sich ruht. Aber die eigentliche Ursache ist immer etwas Tieferes.

"Was muss sich ändern, damit du wieder leben willst?"


Frage:
Und was mach ich jetzt, wenn der Freund sagt: "Ich will nicht mehr leben"?

Regina Wolf-Schmid: Wir formulieren das in der Beratung oft um - "Ich will so nicht mehr leben." Wir fragen: "Was müsste sich verändern, dass du wieder leben willst?" Und dann schauen wir zusammen so konkret wie möglich, welche Punkte im Leben sich ändern müssten, damit es sich jemand wieder vorstellen kann. Aber wir lassen ihm die Option.

Frage: Es stimmt also nicht: Wer über den Selbstmord spricht, begeht keinen?

Regina Wolf-Schmid: Nein. Man weiß sogar, dass etwa 80 Prozent derer, die einen Suizid versuchen oder machen, vorher etwas sagen. Aber eben oft nur etwas Generelles wie "Ich kann nicht mehr". Das sollten Sie nicht übergehen. Und wenn jemand noch mit niemandem darüber geredet hat, sollten Sie wertschätzen, dass er das jetzt so mutig Ihnen anvertraut. Ich würde auch fragen: "Wie würdest du es machen?"

"Manchmal hilft es, nicht mehr allein zu sein."


Frage:
Dann sagt er, er habe gestern im Büro geschaut, ob die Höhe reicht.

Regina Wolf-Schmid: Das wäre höchste Alarmstufe. Dann sollten Sie überlegen, ob da nicht eine sofortige Krisenberatung angesagt ist. Das Schlimme ist, dass die Menschen, sobald sie wirklich entschlossen sind, nach außen oft ganz gelassen wirken. Die brisante Situation ist also vorher, wenn jemand noch am Erwägen ist, vielleicht auch drüber spricht.

Frage: Einerseits möchte der Freund Hilfe, andererseits nicht.

Regina Wolf-Schmid: Ja, aber man kann mit dem Teil in ihm, der vielleicht nicht sterben will, verhandeln. Sie könnten fragen: "Was könnte den Teil stärken, der leben will? Wäre es für dich okay, wenn du mal ein paar Tage zu mir kommst oder wenn ich mal bei dir übernachte?" Manchmal hilft es, wenn jemand einfach nicht mehr allein ist und reden kann. Aber manchmal ist reden gar nicht angesagt, sondern jemand braucht einfach mal Ruhe.


Dieses Interview erschien zuerst in der Zeitschrift "chrismon".

Kommentare

Verfasst von Felix am 5. Dezember 2011 - 0:08.

Warum nicht?

Die Ablehnung gegenüber Suizid ist in Europa noch ein Überbleibsel aus der Zeit...

Die Ablehnung gegenüber Suizid ist in Europa noch ein Überbleibsel aus der Zeit der Feudalherrschaft. Land war hatte für Feudalherren nur dann einen Wert, wenn es von leibeigenen Sklaven bewohnt war. Die Arbeitskraft der leibeigenen Sklaven machte den Reichtum der Feudalherren aus. Somit hatten die Feudalherrscher kein Interesse daran, dass sich verzweifelte Leibeigene wegen ihrer erbarmungslosen Knechtschaft das Leben nehmen.

Also nutzten sie die Religion als Mittel, um ihre Sklaven vom Suizid abzuhalten. Die christlichen Kirchen waren das Mittel der Wahl. Einerseits nutzte man den Glauben als Rechtfertigung für die Herrschaft des Adels, andererseits verankerte man die Bedürfnisse des Adels in der Religion, um sie so der Bevölkerung einzubleuen.

Andere Kulturen denken nämlich viel rationaler über Suizid. Bei Eskimos war Suizid bei Schwerkranken und Altersschwachen üblich. Wer dafür zu schwach war, bat einen Angehörigen dabei zu helfen. Ebenso war Suizid bei vielen Indianervölkern üblich.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf der Erde, das seine Triebe mehr oder weniger kontrollieren kann. Ein Tier flüchtet zum Beispiel bei schmerz und wird die selbe Situation in Zukunft meiden. Ein Mensch dagegen kann Schmerz bewußt in kauf nehmen, ihn unterdrücken und die selbe Situation immer wieder aufsuchen. Beispiel: Ein Schweißer. Beim Schweißen kommt es unweigerlich vor, dass glühende Schlacke in Kragen oder Arbeitsschuhe tropft und sehr schmerzhafte Verbrennungen hervorruft. Trotzdem setzen sie beim Arbeiten nicht ab, um die Qualität der Schweißnaht nicht zu gefährden. Sie unterdrücken ihren natürlichen Schmerz- und Fluchtinstinkt. Und zwar in der Vorraussicht, dass sie sich mit ihrem Lohn etwas zu Essen kaufen können, wodurch sie unangemehmen Hunger entgehen.

Soldaten nehmen bewußt den Tod in Kauf - auf manchen Missionen den sicheren Tod - und das manchmal nur, weil ein Politiker für seine Karriere bestimmte militärische Ziele erreichen will, die anders nicht möglich sind.

Auch im Tierreich gibt es einige Beispiele, in denen Einzelne ihr Leben bewußt der Gruppe opfern. Zum Beispiel ist das bei Ameisen der Fall. Auch der Mensch ist dazu in der Lage sein eigenes Leben zu opfern. Jedes Elternteil würde sein eigenes Leben opfern, wenn es dadurch seine Kinder retten könnte.

Ebenso kann ein Mensch entscheiden, ob er sein Leben beenden will oder nicht. Der Selbsterhaltungstrieb kann also nicht mehr als Argument dienen. Menschen haben gegenüber Tieren einen gewissen Weitblick. Ein krankes Tier wird versuchen mit aller Kraft seinen Instinkten zu folgen, um irgendwann doch zu verenden. Ein Mensch dagegen erkennt, ob er noch etwas vom Leben hat, oder ob ein langsames Siechtum seine einzige Option ist.

Im Falle einer Erkrankung, die mit langsamen Siechtum zum Tode führt kann ein Mensch frei entscheiden, wie lange er die Schmerzen erträgt, um noch mit Angehörigen zusammen sein zu können.

Die Ablehnung des Suizids in der heutigen Zeit ist nur der einzigen Tatsache geschuldet, dass Krankenhäuser und Pflegeheime Geld an jedem noch lebenden Menschen verdienen - auch wenn es sich nur noch um eine mit Morphin ruhiggestellte Schmerzexistenz handelt. Für Tote bekommen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen kein Geld mehr. Daher versuchen die jeden Menschen so lange wie möglich am Leben zu halten. Man denke auch an die riesigen Profite der Pharmaindustrie.
Würde man jedem das Recht geben, das Ende seines Lebens selbst zu bestimmen, dann würden der Pharmainduestrie Milliarden an Profiten entgehen. So zumindest die Befürchtung.

Verfasst von Gast am 12. November 2009 - 17:50.

RE: Was tun, wenn jemand nicht mehr leben will?

Manchmal ist es so, daß man merkt, daß man das Leben, das man gerne geführt hat...

Manchmal ist es so, daß man merkt, daß man das Leben, das man gerne geführt hat nicht mehr weiter verwirklichen kann. Man hat sich durch eigene Fehlentscheidungen selbst "umgebracht" und Andere helfen nach durch zu viel Erwartungen, durch falsche Erwartungen. Aber auch selbst hilft man nach, durch eigene zu viele Erwartungen (oder Wünsche)an sich selbst, sich von den eigenen Perspektiven zu entfernen. Erfülltes Leben rückt immer weiter weg von der Wirklichkeit.

Wenn Menschen fröhlicher wären, z.B. beim aldi, in der Arbeit oder in der Eltern- und Lehrerschaft von Schulen, wäre auch da ein wichtiger Schritt hin zu schönerem Leben getan. Wirklich fröhlicher, aufgrund von christlicher Anschauung. Oder wenigstens überzeugend ernst, falls man nicht lächeln kann.
Fröhlichkeit kann man in unserer Gesellschaft erwarten, weil es uns sehr gut geht.

Verfasst von Gast am 12. November 2009 - 13:02.

RE: Was tun, wenn jemand nicht mehr leben will?

Tschuldigung, aber das kommt jetzt doch etwas schräg rüber: Du willst dich...

Tschuldigung, aber das kommt jetzt doch etwas schräg rüber: Du willst dich umbringen? Lass uns drüber reden ...

Bei einer richtigen Depression ist der Stoffwechsel im Gehirn gestört. Da hilft Reden erstmal gar nichts. Da braucht man die Chemie-Keule, damit der Depressive überhaupt hören kann, was du sagst. Notfalls ne Zwangseinweisung, denn freiwillig lassen sich Depressive oft nicht helfen - hat das Beispiel von Herrn Enke ja gezeigt.

Ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte mehrere Fälle in der Verwandtschaft und im Freundeskreis, wo nur noch Psychiatrie und Medikamente halfen. Das Interview von wegen "da kann man noch verhandeln" halte ich für verharmlosend und damit für gefährlich.

Betroffener

Verfasst von Gast am 28. Dezember 2009 - 23:40.

RE: RE: RE: Was tun, wenn jemand nicht mehr leben will?

ich kenne dieses gefühl lange-ich war auch schon in behandlung-sie verschreiben...

ich kenne dieses gefühl lange-ich war auch schon in behandlung-sie verschreiben tabletten und helfen nicht wirklich-jetzt habe ich diese tabletten abgesetzt-und alles ist noch schlimmer-kann ich nur noch mit tabletten ein leben führen?-ein pseudoleben-finde ich

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