Medizin - Wenn Kinder und Jugendliche einen Schlaganfall oder Hirnverletzungen erleiden, müssen sie mühsam alte Fähigkeiten neu erlernen. Eine der wenigen Spezialkliniken dafür gibt es in Bremen.
Eben hat sich Lena noch mit Händen und Füßen gegen den Mittagsbrei gewehrt. Jetzt entdeckt das fast zweijährige Mädchen im drehbaren Spiegel an der Wand ihr Abbild und kann sich vor lauter Juchzen kaum einkriegen. Mama Michelle Kramer genießt den unbeschwerten Moment. Lena leidet an einer angeborenen Epilepsie und ist mit ihrer 20-jährigen Mutter seit Wochen im Neurologischen Rehabilitationszentrum der diakonischen Stiftung Friedehorst in Bremen.
Sprachlich und motorisch ist Lena auf dem Stand einer Einjährigen. Im Bremen soll sie nun nach einem straffen Stundenplan sprachlich und motorisch aufholen, damit die Defizite nicht unwiederbringlich werden. Das Bremer Zentrum für hirngeschädigte Menschen wurde vor 25 Jahren eröffnet und gehört mit seinen 100 Plätzen bis heute zu einer Handvoll Spezialkliniken dieser Art in Deutschland. "Von der Frührehabilitation bis zur schulischen und beruflichen Integration bauen wir Neues auf oder aktivieren Schritt für Schritt frühere Fähigkeiten", erläutert der Neurologe und ärztliche Leiter Matthias Spranger (49).
Unfall mit Kopfverletzungen
Zu den Patienten gehören vor allem Heranwachsende, die einen Unfall mit schweren Kopfverletzungen oder einen Schlaganfall erlitten haben. Und natürlich Kinder wie Lena mit einer angeborenen Störung. "Die Eltern haben im Krankenhaus oft gehört, das Schlimmste sei geschafft", sagt Spranger. "Hier fallen sie dann aus allen Wolken, wenn riesige Hoffnungen auf die Realität treffen."
Obwohl das Gehirn nach einer Verletzung anpassungsfähig bleibt, ist die Rehabilitation wie ein Start in ein neues Leben. Die Fortschritte kommen, aber es geht langsam voran. "Üben, üben, üben: Viel tun hilft viel", sagt Spranger. Sprechen üben, gehen üben, greifen üben, schlucken üben - es gibt nicht wenige Patienten, die nach einem Hirntrauma alles neu lernen müssen.
Hirninfarkt und Herzstillstand
Darum geht es auch bei dem elfjährigen Yannik, der nach einem Hirninfarkt durch die Reha in Bremen zunächst völlig genesen war. Kaum wieder zu Hause, reihte sich ausgelöst durch ein Medikament kaskadenartig eine Katastrophe an die andere: hohes Fieber, Krämpfe, Leber- und Nierenversagen. Auf eine kurze Phase der Besserung folgten ein Herzstillstand und eine Reanimation, die erst nach 47 Minuten Erfolg hatte. Seither liegt Yannik im Wachkoma.
"Wenn ihm jemand helfen kann, dann das Zentrum hier", sagt seine Mutter Sabrina Eichhorn. Sie will ihrem Sohn nahe sein, schaut sich jede Therapie von den Logopäden, Ergotherapeuten und Krankengymnasten genau an, um sie später zu wiederholen. Viel hilft viel.
Wenige Spezialeinrichtungen
Jährlich gibt es nach Angaben des Bundesverbandes "Schädel-Hirnpatienten in Not" 40.000 neu betroffene Schwerst-Kopfverletzte und Koma-Patienten in Deutschland. Für sie existierten zu wenige Spezialeinrichtungen, kritisiert Verbandsvorsitzender Armin Nentwig. Zu den größten Problemen zähle die Versorgung von Kindern und Jugendlichen.
Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe weist auf Brüche in der Versorgungskette hin. "Verstreicht zwischen der Akutbehandlung und der Rehabilitation mehr Zeit als nötig, geht das zulasten der Betroffenen", warnt ihre Vorsitzende und Bertelsmann-Gesellschafterin Brigitte Mohn, die am Samstag (5. Juni) auch zum Jubiläumsfest nach Bremen kommt. Das Schweizer Prognos-Institut rechnet in einer Studie vor, dass sich eine lückenlose Rehakette auch finanziell lohnt: Demnach gewinnt die Gesellschaft für jeden in die Rehabilitation investierten Euro fünf Euro zurück, etwa indem Berufsunfähigkeit vermieden werden kann.
Logopäden und Ergotherapeuten
"Fünf Prozent der Patienten, die zu uns kommen, sind anfangs selbstständig", erläutert Neurologe Spranger. "Am Ende können 60 Prozent wieder in den ersten Arbeitsmarkt, 70 Prozent wieder in ihre alte Schule."
Auch Sabrina Eichhorn setzt auf den Einsatz von Spezialisten wie Logopäden und Ergotherapeuten und auf ihr eigenes Engagement. "Ich wünsche mir so sehr, dass Yannik der Alte wird", sagt die 29-Jährige. "Zumindest, dass er wieder wach wird und sagt: hallo Mama, hallo Papa."
Internet: www.friedehorst.de; www.schlaganfall-hilfe.de; www.schaedel-hirnpatienten.de
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