Bestseller - "Sobald wir unsere Gabeln heben, beziehen wir Position", schreibt Jonathan Safran Foer in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen neuen Buch "Tiere essen" (Kiepenheuer & Witsch).
Die rund 400 Seiten sind ein schreiender Appell gegen Massentierhaltung. Diese sei nicht nur "untragbar, sie zu akzeptieren erscheint mir unmenschlich", unterstreicht der US-amerikanische Bestsellerautor. Letztlich gehe es bei der Massentierhaltung nicht um die Ernährung von Menschen, sondern um Geld.
"Als ich erfuhr, dass ich Vater werde, regten sich unerwartete Impulse in mir", erklärt der Schriftsteller ("Alles ist erleuchtet") seine Motivation für das Buch: "Ich wollte einfach wissen - für mich und meine Familie -, was Fleisch ist." Wo kommt es her? Wie wird es produziert? Wie werden die Tiere behandelt, und inwieweit ist das wichtig?
Ursache Nummer eins für den Klimawandel
Fast ein Drittel der Landoberfläche unseres Planeten werde für Viehzucht genutzt, recherchierte der 33-Jährige. Das System der Massentierhaltung sei absolut unhaltbar, lautet sein Fazit. "Irgendwann wird die Erde Massentierhaltungsbetriebe abschütteln wie ein Hund Flöhe; die Frage ist nur, ob wir dann auch abgeschüttelt werden", fügt Foer hinzu. Die Nutztierhaltung sei zudem Ursache Nummer eins für den Klimawandel.
In der Welt der Massentierhaltung werde alles auf den Kopf gestellt, mahnt Foer: "Tierärzte haben nicht das maximale Wohl der Tiere, sondern die maximale Rentabilität im Blick. Medikamente dienen nicht der Heilung von Krankheiten, sondern ersetzen zerstörte Immunsysteme. Farmer haben kein Interesse daran, gesunde Tiere großzuziehen." Positive Gegenbeispiele seien bäuerliche Familienbetriebe, die als Ausnahmen aber nur die Regel bestätigten.
Foer fordert dazu auf, sich in den typischen Käfig für eierlegende Hühner in den USA hineinzudenken: "Versetzen Sie sich in einen überfüllten Aufzug, einen so überfüllten Aufzug, dass Sie sich nicht umdrehen können, ohne Ihren Nachbarn anzurempeln (oder zu verärgern). Der Aufzug ist so überfüllt, dass Sie oft in der Luft hängen." Nur gibt es für die Hühner keine Auszeit, keine Hilfe. "Kein Aufzugmechaniker kommt. Die Tür wird sich nur einmal öffnen, nämlich am Ende Ihres Lebens zu Ihrer Reise an den einzigen Ort, der noch schlimmer ist."
Industrie behandelt Menschen und Tiere falsch
Neben der seit langem bekannten Kritik an der Käfighaltung beschreibt Foer Ekel erregende Zustände in einigen Schlachthöfen. Zartfühlenden Lesern kann dabei das Blut in den Adern gefrieren. Foer: "Ich hätte mehrere Bücher - eine Enzyklopädie der Grausamkeiten - mit Zeugenaussagen von Arbeitern füllen können." Untersuchungen hätten durchweg gezeigt, dass Schlachthofarbeiter, die sich selbst unter unwürdigen Bedingungen abrackern, ihren Frust oft an den Schlachttieren auslassen.
Er wolle niemanden verurteilen, so Foer. Manche Arbeiter seien zwar eindeutig Sadisten. Die mehreren Dutzend Arbeiter, die er selbst kennengelernt habe, waren jedoch "gute Menschen, kluge und ehrliche Menschen, die ihr Bestes in einer unmöglichen Situation gaben". Die Verantwortung liege in der Mentalität der Fleischindustrie, die Tiere und "Humankapital " wie Maschinen behandelt.
Im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt Foer, die Massentierhaltung sei zwar eine amerikanische Erfindung. Die routinemäßige Grausamkeit und die Umweltzerstörung, die mit der Massentierhaltung einhergingen, seien heute jedoch ein weltweites Phänomen. So stammten etwa 98 Prozent aller für den Verzehr bestimmte Hühner und Schweine auch in Deutschland aus Massentierhaltung - das seien über 500 Millionen Tiere im Jahr.
Fische leiden
Auch den Fischen geht es Foer zufolge nicht besser. Es sei zwar eine durchaus realistische Annahme, dass immerhin ein gewisser Anteil aller Kühe und Schweine rasch und sorgfältig geschlachtet wird, räumt er ein: "Doch kein Fisch stirbt einen guten Tod. Nicht ein einziger. Man muss sich nicht fragen, ob der Fisch, den man gerade auf dem Teller hat, wohl gelitten hat. Er hat. Auf jeden Fall."
Er selbst lebe - nachdem er früher oft und viel Fleisch gegessen habe - vegetarisch, bekennt Foer, der aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden stammt. Er verstehe aber sein journalistisch angelegtes Buch nicht als verdeckte Propaganda für Vegetarismus. "Es ist ein Plädoyer für den Vegetarismus, aber gleichzeitig auch ein Plädoyer für eine andere, klügere Tierhaltung."
Buchhinweis: Jonathan Safran Foer: Tiere essen, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, Gebunden, 1., Auflage (19. August 2010), 19,95 Euro.
Kommentare
Hä?
"Er selbst lebe - nachdem er früher oft und viel Fleisch gegessen habe - vegetarisch, bekennt Foer, der aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden stammt."
->????
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