Astrid Lindgren: Geschichten gegen das Erwachsenwerden

Astrid Lindgren

Astrid Lindgren in den 1970er Jahren. Lindgren starb am 28. Januar 2002 im Alter von 94 Jahren. Foto: Roine Karlsson

Erinnerung - Wer kennt sie nicht: Pippi und Michel, Kalle und Lotta, Ronja und Karlsson? Auch nach dem Tod der berühmten Kinderbuchautorin vor zehn Jahren sind Astrid Lindgrens Geschichten beliebt wie eh und je. Woran liegt es, dass Kinder nicht genug bekommen können von Pippi, Thomas, Annika und Herrn Nilsson und Eltern noch immer aus "Michel aus Lönneberga" vorlesen?

Von Franziska Fink

Astrid Lindgren hatte eine ausgesprochen glückliche Kindheit. Mit ihrem Bruder und ihren zwei Schwestern wuchs sie in der schwedischen Provinz Småland auf und wenn sie später davon erzählte - vom Spielen, der Natur, der Unbeschwertheit - hatte man sofort ihre Bullerbü-Geschichten vor Augen. Zeit ihres Lebens hat sie aus den Erlebnissen ihrer Kindheit geschöpft, sie waren die Quelle für all ihre Erzählungen.

"Von diesem Glück und dieser Unberührtheit, die Astrid Lindgren auch selber in ihrem Leben erfahren hat, möchte man natürlich gerne lesen, weil es dieses Urbild von Kindheit vermittelt und ich denke, das macht ihre Kinderbücher auch so zeitlos", meint Grischa Götz, Buchhändlerin aus der Frankfurter Kinder- und Jugendbuchhandlung Eselsohr und Germanistin mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur.

Geborgenheit und Freiheit – die Glücksformel für eine wunderbare Kindheit

Astrid Lindgren selber bringt die Glücksformel ihrer Kindheit in ihrem autobiografischen Buch "Das entschwundende Land" auf den Punkt: "Warum war es schön? Darüber habe ich oft nachgedacht, und ich glaube, ich weiß es. Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit." Sie und ihre Geschwister hatten ein außergewöhnliches liebevolles Zuhause. Ihr Vater Samuel August verliebte sich schon im Alter von 13 Jahren in Mutter Hanna und diese große Liebe hielt ein Leben lang.

Michel Lönnebergas Katthult in Småland, wo Lindgren aufgewachsen ist. Die Orte und Erlebnisse ihrer Kindheit flossen später in all ihre Erzählungen ein. Foto: imago/Papsch

Vom Vater hatte Astrid auch das Erzähltalent geerbt, er hatte eine große Begabung für Situationskomik und war ein scharfer Beobachter. Die Eltern bewirtschafteten zusammen einen Pachthof, auch die Kinder mussten oft genug mit anpacken. Trotzdem blieb ihnen genug Zeit, ihre Umgebung auf eigene Faust zu erkunden und die Eltern hatten großes Verständnis für den Spieltrieb der Kinder. Auch das spiegelt sich in Lindgrens Büchern wider.

"Den Kindern in Lindgrens Büchern mangelt es an nichts, weder im materiellen Bereich noch im seelisch-geistigen. Die haben ja die Zuwendung ihrer Eltern, können sich frei entfalten, da gibt es keine gravierenden Familienprobleme", so Götz. "Das ist etwas, was man seinen Kindern gerne mitgeben möchte, weil man das für seine Kinder auch ein Stück weit erreichen möchte oder ihnen zumindest im Kinderbuch zeigen möchte, dass es so sein soll."

Starke Mädchen, freche Jungs

Dabei bieten Astrid Lindgrens Bücher mehr als heile-Welt-Geschichten. Ihre Erzählungen sind gewitzt, voller Lebensfreude und mit einem Augenzwinkern lässt sie ihre Kinderfiguren auch mal die bisweilen als konservativ und steif geschilderte Erwachsenenwelt als solche entlarven. Vor allem ihre Mädchenfiguren wie "Pippi Langstrumpf" oder "Ronja Räubertochter" sind sehr stark und selbstbewusst. Oft galten sie als Vorbilder der Frauenbewegung.

"Wenn man die Bullerbü-Geschichten nimmt, da trifft das heile Weltbild schon zu. Aber bei Pippi geht's mehr um die Emanzipation, die starken Mädchen und Frauenfiguren, die in der Geschichte durch diese fantastischen Züge nicht unbedingt Grenzen gesetzt bekommen", erklärt Götz. "Pippi kann ein Pferd hochheben, sie verfügt über Kräfte, die kein normales Mädchen hat. Sie ist auch im bildlichen Sinne stark, kann sich um sich selbst kümmern, und von dem, was sie kann, ist sie stärker als ein Erwachsener." 

Trotzdem darf man Lindgren nicht einfach in die Ecke der feministischen Kinderliteratur stellen. Karin Alvtegen, eine schwedische Autorin und Großnichte von Astrid Lindgren, berichtete über die Lindgren-Schwestern "dass ich sie während meiner gesamten Kindheit nie ein Wort zum Feminismus oder mangelnder Gleichberechtigung hatte äußern hören, als wäre ihnen gar nie in den Sinn gekommen, dass nicht alle Menschen gleich behandelt wurden. Sie nahmen einfach auf ganz selbstverständliche Weise ihren Platz in Anspruch, und entsprechend wurden sie behandelt. Anstatt die Welt in 'weiblich' und 'männlich' aufzuteilen, dachten sie, glaube ich, 'menschlich'."

Diese Weltsicht rührt sicherlich auch daher, dass Astrid und ihre Schwestern im bäuerlichen Milieu von Småland von tatkräftigen, aktiven Frauen umgeben waren, die Hand in Hand mit ihren Männern arbeiteten. Astrids Mutter wurde von ihrer Familie als intelligente, willensstarke Frau mit unerschöpflicher Energie beschrieben – alles Eigenschaften, die man bei ihrer Tochter wiederfindet.

Unermüdliche Kämpferin für die Rechte der Kinder

Astrid Lindgren setzte sich also vor allem für die Emanzipation von Kindern ein. "Die Kinder aus den Lindgren-Büchern sind sehr selbstbewusst und auch sehr selbstbestimmt. Auch gegenüber Erwachsenen treten sie sehr selbstbewusst auf und lassen sich nicht so viel sagen", unterstreicht Götz.

Ihre Motivation, sich sowohl literarisch als auch politisch für die Rechte der Kinder einzusetzen, kommt in einer Episode, die Lindgren als junge Mutter erlebt hatte, besonders gut zum Ausdruck: "Damals, als Lasse (ihr Sohn) klein war und ich anfing, mit ihm im Vasapark spazieren zu gehen, gingen mir die Augen dafür auf, wie sehr Erwachsene Kinder drangsalierten und auf ihnen herumtrampelten. Ich entdeckte, dass man ihnen selten zuhörte, man 'erzog' sie, indem man sie schalt und sie sogar schlug. Stellvertretend für die Kinder fühlte ich mich rebellisch."

Lindgrens Geschichten sind in diesem Sinne ein Plädoyer für einen ausreichenden Entfaltungsraum für Kinder. "Eltern könnten daraus lernen, dass für ihre Kinder auch ein freies Spiel ganz wichtig ist", so Götz. Gerade in unserer heutigen Zeit, sei es wichtig, dass "nicht immer alles so von den Eltern vorgegeben ist und dass es keine "Termin-Kindheit" wird, die von den Eltern bestimmt wird und wo überhaupt kein Freiraum mehr bleibt."

Auf Entdeckungsreise gehen können

Natürlich ist es schwierig, heutzutage so einen unbeaufsichtigten und trotzdem sicheren Freiraum für Kinder zu erschaffen. Gerade Stadtkindern steht so ein Spielraum in der Natur, wo man ungehindert auf Entdeckungsreise gehen kann, nicht zur Verfügung. Trotzdem wird Lindgrens Konzept einer glücklichen Kindheit von der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur immer wieder aufgegriffen. So kann man die Geschichten aus dem Möwenweg von der erfolgreichen deutschen Kinderbuchautorin Kirsten Boie durchaus als ein "modernes Bullerbü" im Reihenhaus lesen. Auch hier geht es um eine Kindergruppe von Jungs und Mädchen, die gemeinsam Abenteuer erleben und ihre Welt spielerisch entdecken. Jedoch wurden die Erzählungen an unsere moderne Zeit angepasst: Die Welt im Möwenweg ist nicht ganz so heil, so ist etwa ein Elternpaar geschieden.

Michel und Co haben bis heute nichts von ihrer Beliebtheit eingebüßt. Im Gegenteil – so lösten die neuen Pippi-Langstrumpf-Illustrationen von Katrin Engelking (Foto links: Oetinger Verlag) ein richtiges "Pippi-Revival" aus. Seitdem kann man sich vor Pippi-Puzzles, Pippi-Socken und Pippi-Haarspangen kaum noch retten. Die Autorin hätte das wohl mit einem Augenzwinkern wahrgenommen, ihre eigene Berühmtheit nahm sie nicht allzu ernst. Als sie 1997 zur beliebtesten Schwedin des Jahrhunderts gewählt wurde, sagte sie: "Ich glaube, ihr habt etwas vergessen. Und zwar, dass ich ein alter Mensch bin, taub und halbblind und fast verrückt. Verbreitet das bloß nicht, sonst glauben sie noch, ganz Schweden ist so ..."


Franziska Fink arbeitet als freie Journalistin für evangelisch.de.

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