Chinesischer Literaturkritiker vermisst Lesetradition

Der chinesische Literaturkritiker Li Jingze. Foto: dpa

Der chinesische Literaturkritiker Li Jingze. Foto: dpa

Bücher - Der einflussreiche Literaturkritiker Li Jingze sieht in dem rasanten Wandel Chinas zwar viele Möglichkeiten, aber auch leicht eine Überforderung für chinesische Schriftsteller. In einem Interview verteidigt der Chefredakteur des bedeutendsten Literaturmagazins "Renmin Wenxue" (Volksliteratur) teilweise die staatliche Zensur, etwa wenn es um ethnische Spannungen geht. Er sieht aber durchaus Spielräume und im Vergleich zu früher eine Liberalisierung. Der 45-Jährige reist mit der Hoffnung zur Frankfurter Buchmesse, dass deutsche Leser auch willens sind, sich auf chinesische Literatur einzulassen.

Von Andreas Landwehr

Frage: Welches Ziel verfolgt China mit dem Auftritt auf der Buchmesse?

Li: Während sich China wirtschaftlich entwickelt und die Kontakte zwischen China und der Welt enger werden, wünscht sich das chinesische Volk, dass die Welt nicht nur "Made in China" kennt, sondern auch mehr über Chinas Kultur, Literatur und Kunst lernt. Die Frankfurter Buchmesse bietet eine Chance zum Austausch und Dialog über Kultur.

Frage: Wie hat sich Literatur in China verändert?

Li: Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik vor drei Jahrzehnten hat sich die chinesische Literatur entscheidend liberalisiert. Im Vergleich zu früher haben die Schriftsteller viel mehr Schaffens- und Ausdrucksfreiheit. Von der heutigen Literatur können wir sehen, dass wir in der Lage sind, das gegenwärtige Leben der Chinesen weitgehend zu erfassen: Ihre Gefühle, Sorgen und Hoffnungen. Vielleicht ist die chinesische Literatur in der Darstellung des Lebens der Chinesen heute noch nicht tief oder umfassend genug, aber im Vergleich zu früher haben wir große Fortschritte gemacht.

Keine Begrenzung für Schriftsteller

Frage: Es herrscht aber noch Zensur in China. Welche Themen fehlen?

Li: Allgemein gesprochen gibt es keine sehr deutlichen und strikten Beschränkungen. Wir haben aber ein paar Probleme, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, zum Beispiel ethnischer Art. In Wirklichkeit bedeutet das aber keine Begrenzung für Schriftsteller. China hat so viele Volksgruppen. Es gibt komplizierte ethnische Beziehungen. Wenn ich mein Literaturmagazin redigiere, denke ich darüber nach, ob ich eine Arbeit veröffentliche, die bestimmte ethnische Gruppen oder eine bestimmte Religion kränkt. Natürlich gibt es in der Politik auch die Verfassung und Gesetze. Aber wenn ein Schriftsteller einen Roman oder Gedichte schreibt, wird er sie nicht in einen politischen Kommentar verwandeln. Letztendlich sind es Romane und Gedichte. Er sollte sein Verständnis vom Leben ausdrücken. Dieser Prozess ist sehr dehnbar. Romanautoren drücken nicht zwangsläufig eine politische Meinung in ihrem Buch aus. So gibt es viel Spielraum.

Frage: Die Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 ist aber ein Tabu und die Kulturrevolution ein heikles Thema, oder nicht?

Li: Es gibt schon viele Arbeiten über die Kulturrevolution. Darüber kann heute durchaus geschrieben werden. Aber der 4. Juni ist ein Thema, das wir nicht berühren wollen. Es gibt da einige Probleme, die wir berücksichtigen, aber sie sind begrenzt.

Internet schadet der Kultur

Frage: Wie sind die Lesegewohnheiten in China?

Li: Unter den Volksmassen fehlt eine tiefe Lesetradition. Es fällt auf, dass China sehr leicht einer Mode verfällt, weil wir keine Wurzeln im Leben haben, keine Tradition. Als das Mobiltelefon kam, haben wir es alle angenommen. Als das Internet kam, sind wir alle ins Netz gegangen. Ich persönlich kann nicht sagen, dass Handy und Internet schlecht sind, aber sie haben sehr negative Auswirkungen auf unsere Kultur, die sich noch entwickelt. Dem wird nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Wir jubeln nur immer über die Ankunft neuer Technologien.

Frage: Können deutsche Leser chinesische Autoren verstehen?

Li: Ob jemand verstehen kann, hängt davon ab, ob er verstehen will. Ich als Chinese zum Beispiel denke, dass ich sehr viel von Deutschland kenne. Obwohl ich niemals in Deutschland war, bin ich mit deutscher Kultur vertraut. Ich weiß viel über Goethe, Schiller und Günter Grass, auch wenn Sie vielleicht glauben, ich verstünde nicht genug. Aber warum weiß ich das? Weil ich Deutschland verstehen will. Ich habe angefangen, deutsche Romane zu lesen, als ich in die Oberschule ging. Auch weiß ich einiges über deutsche Geschichte. Grundsätzlich sollten wir akzeptieren, dass China ein Dritte-Welt-Land ist, zumindest kulturell. Viele deutsche Leser dürften nicht völlig auf chinesische Werke vorbereitet sein. Sie wissen vielleicht nicht, was in den genannten historischen Ereignissen passiert ist. Wir brauchen beide Geduld.

Frage: Chinesen sagen häufig: "Ihr versteht uns nicht." Wie sehen sie das?

Li: Ich denke, Verstehen ist relativ. Traue ich mich als Chinese zu behaupten, dass ich China verstehe? Viele Dinge in China verstehe ich nicht oder kenne ich nicht. Auch wenn ich sage, ich weiß viel über Deutschland, ist das relativ. Aber ich denke, es ist notwendig, weiter zu kommunizieren und Verständnis zu schaffen. Manchmal ist zu erleben, dass nicht die Regierung oder die Intellektuellen, sondern das einfache Volk sehr verärgert ist über Kommentare aus dem Ausland über China. Diese Empörung sollte in einigen Punkten sehr ernst genommen werden. Darin steckt eine gekränkte Seele. Sie denken, ihr versteht uns nicht, ihr wollt uns nicht verstehen, sondern nur nach euren Regeln Forderungen an uns stellen. In dieser Situation wäre doch jeder verärgert, oder etwa nicht? Kommunikation und gegenseitiges Verständnis ist sehr wichtig.

Die Älteren haben keine Zeit

Frage: Wie sieht der typische chinesische Leser aus?

Li: Die Leser in China reichen von Teenagern bis zu jenen, die unter 40 Jahre alt sind. Es ist eine gute Sache in China, dass Eltern immer noch viele Bücher für Kinder kaufen. Mit ihnen verdient Chinas Buchindustrie das Geld zum Überleben. Die meisten Leser sind jünger als 40 Jahre, weil die Älteren mit Geldverdienen zu beschäftigt sind und keine Zeit zum Lesen haben.

Frage: Steht die Literatur unter Druck?

Li: Ernsthafte Literatur hat heute ein Problem. Ihre Leser können nicht gerade als "zahlreich" beschrieben werden. Aber China ist groß und hat eine riesige Bevölkerung. Ein kleiner Teil ist in absoluten Zahlen schon überraschend groß. In der Literatur werden leicht zu konsumierende Bücher bevorzugt. Fantasievolle Romane sind sehr beliebt. Auch Horrorgeschichten finden viele Leser. Die Jugendlichen lesen gerne Bücher, die ihr Leben mit ihrer eigenen Sprache beschreiben. Diese Bücher haben große Auflagen. Der Hauptanteil der Literatur ist kommerziell.

Frage: Bedauern Sie das?

Li: Ich denke, der Zuwachs kommerzieller Literatur ist kein exklusives Phänomen in China, sondern ähnlich wie in Deutschland oder den USA. Wir können wenig daran ändern, weil wir jetzt in einer Konsumkultur leben. Wichtig ist, wie wir die kreative Kraft der ernsten Literatur bewahren können und was wir tun können, damit ihre entscheidenden Werte weiter von unseren Lesern akzeptiert werden. Die schöne Literatur steht vor einer schweren Prüfung.

Das Leben ändert sich schnell

Frage: Worüber schreiben chinesische Schriftsteller heute?

Li: In den vergangenen 30 Jahren waren die Veränderungen zu schnell. Die Leute reden immer über den Wandel, wenn sie über China sprechen. Ich denke, dass alle chinesischen Schriftsteller vor dem Problem stehen, wie sie auf unser heutiges Leben antworten oder wie sie es beschreiben sollen. Ja, das Leben ändert sich schnell. Es ist ein allgemeines kulturelles Phänomen. Zum Beispiel fällt Eltern und Kinder der Dialog schwer, weil der kulturelle Hintergrund der beiden Generationen heute so unterschiedlich ist. Das bietet Schriftstellern immense Möglichkeiten. In einer sich rasant ändernden Welt mangelt es nicht an seltsamen Dingen. Auf der anderen Seite bereitet es Schriftstellern auch Schwierigkeiten. Unsere Autoren fühlen mehr oder weniger eine gewisse Hilflosigkeit. Ich meine, dass sie es nicht schaffen, das Leben oder die Welt zu begreifen. Die größte Sorge chinesischer Schriftsteller besteht darin, wie sie sich der gewaltigen Realität stellen können, die wie eine Sintflut über sie hereinbricht.

Frage: Wen zählen Sie zu den großen Schriftstellern Chinas?

Li: Allgemein respektiert sind zum Beispiel Mo Yan, Wang Anyi, Yan Lianke, Tie Ning, Yu Hua oder Liu Zhenyun, der jetzt in Deutschland ist. Unter den jüngeren Autoren gibt es Bi Feiyu und Li Er. Die Sammlung "Unterwegs, Literatur-Gegenwart China", die ich mit Jing Bartz vom Deutschen Buchinformationszentrum in Peking auf Deutsch herausgegeben habe, soll ein paar junge Schriftsteller in Deutschland vorstellen. Dort sind ähnlich wie sonst in Europa und den USA vor allem die reiferen und älteren Autoren akzeptiert. Deswegen stellen wir jüngere Autoren vor, vor allem mit ihren kurzen oder mittellangen Werken.

dpa

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