"Gott ist unsichtbar" - zumindest in der Kinderliteratur

Junge liest im Buch "Martin"

"Im erzählerischen Kinder- und Jugendbuch ist ein großer Verlust von Religion zu beobachten", sagt Gabriele Kassenbrock, Geschäftsführerin des Vereins Evangelisches Literaturportal. Den Mangel an biblischen Geschichten führt sie darauf zurück, dass die Nachfrage und das Interesse von Eltern sinke, vor allem aber Schriftsteller fehlten, die sich an religiöse Geschichten wagten. Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Literatur - Kirchliche Buchexperten vermissen religiöse Geschichten in Kinderbüchern. Mit der Förderung religiöser Kinderliteratur versuchen sich die evangelische und katholische Kirche gegen den Trend zu stellen.

Von Ellen Großhans

"Also Gott ist groß und sehr, sehr mächtig. Er hat sich jede Menge Regeln ausgedacht und kann ziemlich ungemütlich werden, wenn man sich nicht daran hält. Aber sonst ist er sehr freundlich", sagt der eine Pinguin. "Er hat nur einen Nachteil", ergänzt der andere Pinguin. "Gott ist unsichtbar."

In seinem auch als Kinderbuch erschienen Theaterstück "An der Arche um Acht" lässt Ulrich Hub drei Pinguine darüber streiten, ob der liebe Gott wirklich lieb ist, ob er alles sieht oder ob es ihn am Ende gar nicht gibt. Hub ist damit einer der wenigen Autoren, die kindgerecht die große Frage nach Gott stellen.

Mangel an biblischen Geschichten

"Im erzählerischen Kinder- und Jugendbuch ist ein großer Verlust von Religion zu beobachten", sagt Gabriele Kassenbrock, Geschäftsführerin des Vereins Evangelisches Literaturportal. Das Literaturportal vergibt jährlich den Evangelischen Buchpreis, der deutschsprachige Belletristik sowie Kinder- und Jugendliteratur auszeichnet.

Den Mangel an biblischen Geschichten führt Kassenbrock zum einen darauf zurück, dass die Nachfrage und das Interesse von Eltern sinke. Vor allem aber fehlten Schriftsteller, die sich an religiöse Geschichten wagten.

Diese Einschätzung teilt auch der Verfasser christlicher Kinderbücher und Direktor des katholischen Bücher- und Medienhauses Sankt Michaelsbund, Erich Jooß: "Ich wünsche mir mehr profilierte Kinderbuchautoren, die biblische Stoffe erzählen."

Ihm ist in seinen Büchern vor allem eines wichtig: den Kindern Freiheiten lassen, um mitzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen. "Gute Geschichten haben offene Stellen, die die Kinder mit ihrer eigenen Fantasie füllen können", sagt Jooß. Das Erzählte selbst müsse die Auslegung in sich tragen. "Wenn Sie den moralischen Zeigefinger heben, schalten die Kinder ab."

Kinderfragen nach dem Tod beantworten

Nicht jeder biblische Bericht sei für Kinder geeignet, sagt Jooß. Grausame Szenen aus dem Alten Testament will der Beauftragte der bayerischen Bischöfe für neue Medien seinen jungen Lesern nicht zumuten. Tod und Trauer dagegen haben sehr wohl einen Platz in seinen Geschichten. "Viele Kinder müssen selbst schon sehr früh mit einem Verlust fertig werden."

Während biblische Begebenheiten Mangelware sind, beschäftigen sich immer mehr Kinderbücher mit Tod und Sterben. "Es gibt viele Neuerscheinungen und eine wachsende Nachfrage von Erwachsenen, um Kinderfragen nach dem Tod beantworten zu können", sagt Kassenbrock. So erzählt beispielsweise "Wenn Oma nicht mehr da ist" von Lucy Scharenberg und Verena Ballhaus einfühlsam die Geschichte eines solchen Abschieds. Durch das Nachdenken über Leben und Tod könnten verstärkt wieder religiöse Fragen Eingang in die Kinder- und Jugendliteratur finden, hofft Kassenbrock.

Auch beim Thema Weltreligionen sieht das Evangelische Literaturportal ein wachsendes Angebot. Es gebe viele religiöse Sachbücher für Kinder: "Durch einen zunehmend sichtbaren Islam in Deutschland wollen viele Eltern und Kinder mehr darüber wissen."

Förderung religiöser Kinderliteratur

Mit der Förderung religiöser Kinderliteratur versuchen sich die evangelische und katholische Kirche gegen den Trend zu stellen. So gibt das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in der edition chrismon auch Kinderbücher heraus. Die jüngste Veröffentlichung "Auf der Arche ist der Jaguar Vegetarier" von "Wetterfrau" Claudia Kleinert, der Journalistin Anne Buhrfeind und der Berliner Künstlerin Kitty Kahane ist von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher des Jahres ausgezeichnet worden.

Auf der Schöpfungsgeschichte basiert "Wie war das am Anfang" von Heinz Janisch und Linda Wolfsgruber. Das Bilderbuch erhielt den diesjährigen Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis.

"Durch biblische Geschichten lernen Kinder, religiös zu denken", sagt Erich Jooß. Kinder und Jugendliche könnten sich in den Erzählungen wiederfinden und erfahren, wie unterschiedlich Menschen ihr Leben gestalten. Wenn Eltern und Kinder gemeinsam über solche Geschichten nachdächten, sei dies für beide Seiten eine sehr bereichernde Erfahrung: "Religion als Teil unseres Lebens wird sich immer Wege in die Literatur suchen. Jede Zeit muss die Geschichten nur wieder neu erzählen."

Als die drei Pinguine in Ulrich Hubs Stück von der Arche gehen, haben sie gelernt, wie stark man sein kann, wenn man zusammenhält. Noah erklärt ihnen, dass Gott weder aussieht wie ein Mann, eine Frau oder ein Toaster. "Gott ist überall. In jedem Mensch, in jedem Tier, in jeder Pflanze. Aber vielleicht ist Gott auch ganz anders, als wir ihn uns vorstellen ?".

Buchtipps

Claudia Kleinert, Anne Buhrfeind, Kitty Kahane: "Auf der Arche ist der Jaguar Vegetarier". edition chrismon, 2010, 32 Seiten, 15,90 Euro

Heinz Janisch, Linda Wolfsgruber: "Wie war das am Anfang" . Wiener Dom Verlag, 2010. 26 Seiten, 14.90 Euro

Ulrich Hub, Jörg Mühle: "An der Arche um Acht". Sauerländer Verlag, 2007, 62 Seiten, 13,90 Euro

Lucy Scharenberg, Verena Ballhaus: "Wenn Oma nicht mehr da ist". Annette Betz Verlag, 2010, 32 Seiten, 12,95 Euro.

Christine Knödler: "Sonnenschein und Sternenschimmer. Himmlische Geschichten, Lieder und Gedichte". Gerstenberg Verlag, 2010, 144 Seiten, 24,95 Euro.

Sabine Lipan, Dorota Wünsch: "Die Weihnachtsmütze". Peter Hammer Verlag, 2005, 24 Seiten, 12,90 Euro.

epd

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