Ungarns Regierung formt sich die Kultur nach ihrem Ebenbilde

Das Theater Új Színház

Das Neue Theaters (Új Színház) in Budapest zeigte am vergangenen Samstag die Aufschrift: "Noch elf Tage". Am 1. Februar übernimmt der rechtsextreme Schauspieler György Dörner die Intendantur des Hauses. Seine Bestellung auf diesen Posten führte zu heftigen Protesten im In- und Ausland. Foto: dpa/Gregor Mayer

Rechtsschwenk - Die feindliche Übernahme des Neuen Theaters durch Rechtsextremisten lässt nicht nur in Ungarn aufhorchen. Die Kulturpolitik der Regierung Orbán fördert aber auch sonst einen altbackenen Konservativismus - und gräbt der freisinnigen, urbanen Kunst das Wasser ab.

Von Gregor Mayer

Vor dem Budapester Neuen Theater (Új Színház) wird an diesem Mittwoch demonstriert. Antifaschisten und Regierungsgegner wollen dagegen protestieren, dass an diesem Tag mit György Dörner erstmals ein bekennender Rechtsextremist die Leitung eines ungarischen Theaters übernimmt. Aber auch rechtsradikale Sympathisanten haben zum Stelldichein vor dem prachtvollen Jugendstil-Haus in der Paulay-Gasse aufgerufen. Die Goi-Motorradfahrer - sie führen das jiddische Wort für Nicht-Juden provokativ im Namen - wollen mit ihren "heißen Öfen" anrücken.

Dörner ist nicht zu Unrecht ihre jüngste Ikone. Denn in seiner Bewerbung um die Intendanz hatte der Schauspieler geschrieben, er werde das Neue Theater zum "Hinterland" für den erwachenden ungarischen Nationalgedanken machen. Der "entarteten, krankhaften liberalen Hegemonie" im Kulturbetrieb wolle er den Kampf ansagen. Auch in Ungarn rückt einen diese Wortwahl in die Nähe des Nationalsozialismus.

Dörner wurde Ende des vergangenen Jahres vom Budapester Oberbürgermeister Istvan Tarlos ernannt. Die Fachkommission der Stadt hatte sich für den seit 13 Jahren amtierenden Intendanten Istvan Marta ausgesprochen. Tarlos verdankt sein Amt dem regierenden konservativen Bund Junger Demokraten (Fidesz) von Ministerpräsident Viktor Orbán. In Budapest zweifelt niemand daran, dass er sich auf ausdrücklichen Wunsch der Fidesz-Führung über das Urteil der Fachkommission hinwegsetzte, als er Dörner ernannte.

Der neue Intendant faselt von "jüdischer Weltverschwörung"

Die ungarische Synchronstimme von Bruce Willis deklamierte früher auf Wahlkampf-Veranstaltungen der rechtsextremen Partei Jobbik (Die Besseren) patriotische Gedichte. Zugleich ist Dörner aber auch ein Zögling des antisemitischen Schriftstellers Istvan Csurka. In seiner Bewerbung um die Intendanz gab er unumwunden zu, dass jeder einzelne Gedanke darin von Csurka stamme.

György Dörner. Foto: dpa/Lajos NagyGyörgy Dörner, der rechtsextreme künftige Theaterintendant. Foto: dpa/Lajos Nagy

Der bullige Intellektuelle, der hinter jedem ungarischen Ungemach die "jüdische Weltverschwörung" wittert, unterstützt und preist Orbán. Für den Regierungschef ist er ein opportunes Werkzeug im Wettstreit mit der Jobbik um rechtsextreme Wählerstimmen.

"Eine sehr verwegene Entscheidung", nennt der scheidende Intendant Marta die Bestellung Dörners, nicht zuletzt auch deshalb, weil dieser keine praktische Erfahrung als Theaterleiter hat.

Die Erben der ungarischen Schriftsteller Gyula Hernadi und Andras Sütö entzogen dem Theater unter der neuen Führung die Aufführungsrechte für die Stücke der beiden Autoren. Der deutsche Dirigent Christoph von Dohnanyi sagte wegen der skandalösen Ernennung sämtliche Gastauftritte in Ungarn ab.

Heldenverehrung und ein neues Geschichtsbild

Am vergangenen Freitag fiel der Vorhang für die letzte Premiere vor der feindlichen Übernahme: eine Dramatisierung von Thomas Manns "Zauberberg". "Angesichts von Tod und Krankheit setzt sich das Bekenntnis zum Leben durch", bringt der scheidende Oberspielleiter Janos Szikora die Quintessenz seiner Inszenierung auf den Punkt - ein elegischer Abschied in der Tradition des europäischen Humanismus.

Die Affäre Dörner ist allerdings nur eine von vielen Facetten der Kultur-Revolution in Ungarn. Viktor Orbán baut nicht nur den Staat um und die Demokratie ab. Er reklamiert auch eine neue Deutungshoheit über die ungarische Geschichte und Ästhetik für sich und sein Lager. Die klerikal-konservative, völkische Ideologie der Zwischenkriegszeit, der Herrschaft des autoritären Reichsverwesers Miklos Horthy, lässt grüßen.

Im ganzen Land sprießen martialische Denkmäler aus dem Boden, die die ur-ungarischen Eroberer und ihren "Blutbund" glorifizieren. An Ortseinfahrten stehen Ortsschilder in der alt-magyarischen Keilschrift. Die drittklassige, antisemitische Belletristik der Horthy-Zeit wird in den literarischen Kanon gehoben.

Massive Etat-Kürzungen

Zu Jahresbeginn eröffnete Orbán in der Nationalgalerie auf der Budaer Burg eine Ausstellung von Historien-Gemälden aus dem 19. Jahrhundert. Der Titel ist Programm: "Helden, Könige und Heilige". Als Ergänzung dazu beauftragte die Regierung 15 zeitgenössische Maler, die letzten 150 Jahre der ungarischen Geschichte auf Ölbilder zu bannen. Die viel belächelten Dokumente dieser Art von bizarrer Staatskunst sind in einem Nebenraum zur Schau gestellt.

Zugleich entziehen massive Etat-Kürzungen der bislang tonangebenden weltoffenen, urbanen Kultur die Lebensgrundlage. So erhielten die insgesamt 83 freien Theater im Vorjahr mit 759 Millionen Forint (2,5 Millionen Euro) gerade mal halb so viel an Subventionen wie im Jahr davor. Viele Absetzungen und Neu-Ernennungen dienen aber auch der von Orbán stets mit Akribie betriebenen Bündnis- und Klientelpolitik.

So wurde nach 13 Jahren der Leiter des Budapester "Trafo", György Szabo, in die Wüste geschickt. Die Einrichtung war bislang ein Genre-übergreifendes Fenster in die Welt. Szabos Nachfolgerin ist die Tanzkünstlerin Yvette Bozsik. Bereits während der Ausschreibung um den Posten hatte der FIDESZ-Kulturstaatssekretär Geza Szöcs sie als seine Wunschkandidatin bezeichnet.

dpa

 

Kommentare

Verfasst von Gast am 3. Februar 2012 - 10:58.

Es wäre schön, wenn

Es wäre schön, wenn evangelisch.de nicht nur die links-liberale ungarische...

Es wäre schön, wenn evangelisch.de nicht nur die links-liberale ungarische Zeitungen lesen würde, und die daras stammenten Artikels übersetzen würde.

Es wäre gut, wenn sie auch ab und zu mal www.evangelikus.hu lesen würden.

In diesem teil: http://www.evangelikus.hu/nyitolap?set_language=de&cl=de können sie auf Deutsch auch was zum Lesen finden.

Besonders: Interviews mit Bischof Dr. Tamás Fabiny und Landeskurator Gergely Prőhle über die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation kann ich ihnen empfählen.
Es gibt kein schwarz und weiss in diesem Thema!!!

Verfasst von Ingo1971 am 2. Februar 2012 - 5:28.

 Zu Jahresbeginn eröffnete

 Zu Jahresbeginn eröffnete Orbán in der Nationalgalerie auf...

 Zu Jahresbeginn eröffnete Orbán in der Nationalgalerie auf der Budaer Burg eine Ausstellung von Historien-Gemälden aus dem 19. Jahrhundert. Der Titel ist Programm: "Helden, Könige und Heilige".

Und das Raoul-Wallenberg-Jahr hat man auch eingeleutet. Passt zwar jetzt nicht zu der links-grünen Propaganda-Hetze hier sollte aber wegen der Ausgewogenheit dann doch von mir erwähnt werden. Ein Schwede der hunderte Juden von den Nazis befreit hat und wohl in einem sowjetischen GULAG-System umkam. Dem feiert eine national-konservative Regierung mit angeblichem Hang zu rechtsextremen Antisemiten ein Ehrenjahr? 

 

 

“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer

Verfasst von Gast am 2. Februar 2012 - 11:56.

Man muss und soll

Man muss und soll fragwürdiges kritisieren, man muss und soll Unrecht beim...

Man muss und soll fragwürdiges kritisieren, man muss und soll Unrecht beim Namen nennen. Das ist wichtig, und da sollte man keine Kompromisse eingehen. Aber. Es hilft weder Ungarn, noch den Menschen in Ungarn und den Lesern in Deutschland am wenigsten, wenn Berichte schwarz-weiß geschrieben werden. Kann man mit ausgewogenen Berichten die Kritik nicht so scharf formulieren? Ich glaube doch, aber dann wäre man nicht mehr so eindeutig und um jeden Preis solidarisch auf der links-grün Linie. Oder was hindert's mich genauer hinzugucken?

Ein Beispiel: Es hätte dem Bericht gut getan, ein wenig über den Herrn Szőcs nachzuforschen. Seinen Namen wie eines Orbán-Sklaven nur hinzuklatschen ist einfach wie billig. Solche Beispiele gibt es (nicht nur in diesem Artikel) leider sehr oft in den Berichten, Meinungen, etc. über Ungarn. Wo bleibt das Positive? Was ist seit 2010 Gutes passiert? Nichts? Oder ist das "no News", passt gerade nicht so in das allgemeine Ungarn-Bashing?

Ein Tipp (unter vielen möglichen): Man muss auf die Binnendifferenzierung innerhalb der FIDESZ (Partei wie Unterstützer) achten, denn dort findet man schon viel Selbstkritik und große Vielfalt; genauso müsste man hingucken, wer denn "links" in Ungarn ist? Für wen steht man da eigentlich ein (vor allem wenn es um Politiker geht), wen möchte man durch Solidarität als politische Alternative stilisieren? Man müsste schon darauf achten, nicht in einfachen schwarz-weiß Mustern über Ungarns "rechten" und "linken" zu denken, zu schreiben, Meinung zu äußern.

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