Medienschelte - Unter Bürgern, die Christian Wulff ungeachtet seiner eingestandenen Fehler weiter im Amt sehen wollen, wächst der Groll gegen eine investigative Presse. Die Unerlässlichkeit der Medien für die funktionierende Demokratie wird häufig nicht hinreichend verstanden. Eine Lektion der letzten Wochen: Öffentlich wird zu viel auf mögliche Verfehlungen der Presse geschaut, und zu wenig auf ihre eigentliche Aufgabe.
An den Wänden im Empfangsraum des Zentralgebäudes der "Chicago Tribune" in Chicago ist auf einem der zahlreichen Reliefs dieser Satz eingeprägt: "If the people know the facts the country will be safe" - "Wenn die Menschen die Fakten kennen, ist unser Land sicher". Er stammt von Abraham Lincoln, dem 16. Präsidenten der USA. In der Causa Wulff bringt er, erstaunlich aktuell, einen zentralen Sachverhalt der Affäre auf den Punkt. Bürger sind besorgt wegen der Beschädigung unserer politischen Kultur und fühlen sich im Hinblick auf die Integrität des Bundespräsidenten "nicht sicher". In einer am 10. Januar veröffentlichten Erhebung für die ARD votierten 46 Prozent für den Rücktritt Wulffs. Ebenso viele befürworteten sein Verbleiben im Amt.
In der Bevölkerungsgruppe derjenigen, die sich für Wulff aussprechen, wächst zugleich Unwillen und Unverständnis gegenüber der Presse, die in der "Causa" recherchiert und die Transparenz aller Fakten herstellen möchte, die der Bundespräsident entweder zurückhält oder in homöopathischen Dosen öffentlich werden lässt. "Die Medienkampagne ist schon obskur", macht sich "Spiegel"-Leser Jörg Rausch aus Göttingen in einer Zuschrift an das Magazin Luft. Erwin Egler, Leser des "Bonner General-Anzeiger", fragt sich, "wie weit geht eigentlich diese Pressefreiheit? Dürfen diese Herrschaften ungehemmt in der Privatsphäre herumstochern und herumwühlen, um dann letzten Endes gewisse, für sie unbeliebte Persönlichkeiten aus dem Amt 'zu kegeln'?"
Die Analyse des eskalierenden Reizklimas im Lande macht eines deutlich: In der Öffentlichkeit wird augenscheinlich viel, vielleicht zu viel, auf potentielle Grenzüberschreitungen der Presse bei ihren investigativen Recherchen geschaut, mit Sicherheit aber zu wenig auf ihre eigentliche Aufgabe. Ein großer Teil der öffentlichen Debatten zumal in den ARD-Talkshows zeichnet sich durch eine auffällige Distanz zu den Rechtsnormen aus, die das Handeln der Kontrahenten, von Staats- und Presseorganen bestimmen (müssten), auch und gerade in der Diskussion um die Angemessenheit der Methodik der Medien.
Die Presse hat eine öffentliche Aufgabe
"Wie weit die Pressefreiheit geht" hat das Bundesverfassungsgericht in der Begründung seines "Cicero"-Urteils 2007 so gedeutet: "Die Freiheit der Medien ist konstituierend für die freiheitliche demokratische Grundordnung." Daraus folge die "Gewährleistung von Freiheitsrechten" für die im Bereich der Presse tätigen Personen und Organisationen. Rund 40 Jahre früher hat das höchste Gericht in seiner "Spiegel"-Entscheidung aus der grundrechtlichen "Funktion der freien Presse im demokratischen Staat" die "institutionelle Eigenständigkeit der Presse von der Beschaffung der Information bis zur Verbreitung der Nachricht und der Meinung" abgeleitet und postuliert.
Die Landespressegesetze schreiben der Presse eine "öffentliche Aufgabe" und eine Kritikfunktion in Ausfüllung dieser Aufgabe zu. Die Presse wird rechtlich nicht zuletzt deswegen privilegiert - etwa bei Auskünften gegenüber Behörden -, weil sie staatliche Organe kritisiert. "Privilegien", sagt Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserats, seien der Presse nicht um ihrer selbst willen verliehen. "Dies gilt immer nur mit Bezug auf die Bürger und deren Mitwirkung an einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Kritische Politikbegleitung quasi in Ausübung der 'vierten Gewalt' bildet die vornehmste Pflicht der Presse."
"Schlussstrich-Mentalität" liegt quer zur Funktion
"Spiegel"-Leser Gernot Schulz aus Berlin ließ sich zur Affäre um den Hauskredit Wulffs unter Verweis auf dessen angebliche Vergabe durch die Frau des Unternehmers Geerkens so ein: "Basta. Um mehr geht es nicht." Natürlich schließt die Meinungsfreiheit auch Äußerungen von Bürgern gegen die investigative Presse ein, die sich aus purer Emotion speisen. Eine solche "Schlussstrich-Mentalität" liegt allerdings quer zur klassischen Funktion der Presse in einer Demokratie, die auf der Transparenz aller wichtigen Fakten zur Beurteilung von Themen und Personen beruht.
"Basta"-Kategorien sind mit ihr nicht vereinbar. Der Einzelne muss sehr viel mehr an medialem "Herumwühlen" tolerieren, als er persönlich vielleicht für zumutbar hält, denn Deutschland ist nicht Weißrussland oder Iran. Von welchem Faktenstand an ein "umfassendes Urteil" des Bürgers möglich sein könne, sei stets zu fragen, sagt Presserat-Geschäftsführer Tillmanns. "Doch ist es Aufgabe der Presse, nach journalistisch-handwerklichen, ethischen und rechtlich zulässigen Kriterien zu arbeiten und möglichst umfassend Transparenz herzustellen." Hierfür setze sich auch der Presserat mit seinem Pressekodex ein.
Es fehlt an Medienkompetenz
Anders als mancher "Wutbürger" glauben mag, bewegt sich die Presse ohnehin nicht willkürlich. Sie findet laut Artikel 5, Absatz 2 des Grundgesetzes "ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze […] und in dem Recht der persönlichen Ehre." Bei einer Kollision zwischen dem öffentlichen Interesse und der persönlichen Ehre des Einzelnen kann der Anspruch auf öffentliche Unterrichtung im Einzelfall ausschlaggebend sein. Dies gilt es jeweils abzuwägen, gegebenenfalls vor Gericht. Auch wenn eine scheinbar allzu mächtige "vierte Gewalt" dem Einzelnen fremd ist, hat er dennoch ein Anrecht darauf, gut und plausibel informiert zu sein, und zwar durch eine funktionierende Presse in der Demokratie.
Die "Causa" Wulff offenbart über den Tag hinaus ein erkennbar werdendes Versäumnis, das Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen anzulasten ist. Nicht auch der Presse selbst? "Gerade die Medien", findet Tillmanns vom Deutschen Presserat, "wirken durch gute journalistische Arbeit selbst mit an der Vermittlung von Medienkompetenz in der Gesellschaft." Womit sich der Kreis wieder schließt. Im Eingang des "Tribune"-Tower in Chicago ist auch dieses Credo des US-Dramatikers Arthur Miller dokumentiert: "Eine gute Zeitung, denke ich, bedeutet, dass eine Nation mit sich selbst redet." Mission, Wunschdenken, ewiger Auftrag? Vermutlich von allem etwas. Und nicht nur in den USA.
Ralf Siepmann ist Journalist und Kommunikationsberater in Bonn.

Kommentare
Kommentar von Ralf Siepmann
Hallo!
Da sie als Journalisten ja um Transparenz bei unserem Bundespräsidenten streben - nehmen sie doch bitte mal zu folgenden Sachverhalten öffentlich Stellung!!
Wie sieht es denn mit der Vorteilsnahme bei Journalisten aus??
Und wo liegt denn der Unterschied??
Also doch nicht so die Gutmenschen und Moralisten wie sie uns allen Glaubenn machen wollen!!
ZITAT:
"Berliner Zeitung Kolumne Journalisten, Rabatte und Moral
Von Götz Aly
Derzeit verlangen viele Journalisten ?vollständige Transparenz? vom Bundespräsidenten, während sich zehntausende Medienleute in aller Stille ihrer Rabatte und kleinen Vorteile erfreuen. Der Fall Wulff ist eine schöne Gelegenheit, vor der eigenen Türe zu kehren. Das Internetportal www.turi2.de ist ein elektronisches Klatschblättchen für Medienleute. Am 2. Januar stand dort ein moralisierender Kurztext über ?dubiose? Dinge rund um Christian Wulff und ? gleich darunter ? diese Anzeige: ?Die 100 gefragtesten Journalistenrabatte 2011: www.pressekonditionen.de präsentiert die Übersicht der besten Journalistenrabatte 2011. Verpassen Sie auch 2012 keine Rabatt-News ? mit dem kostenfreien Newsletter, den gut 22?000 Journalisten abonniert haben.? Was gibt?s da so? Die Bahncard 50 kostet Normalsterbliche für die 2. Klasse 240 Euro, für die 1. Klasse 482 Euro ? der Journalist kommt mit 122 beziehungsweise 244 Euro weg und erhält dieselbe Vergünstigung auch für seinen Partner, sofern dieser unter derselben Adresse gemeldet ist. Im Fall der Air Berlin enthüllten Journalisten, dass sie rund 100 Prominenten, wer immer das gewesen sein mag, bis Oktober 2011 regelmäßig Gratisflüge gewährt hat. Mit nämlicher Gesellschaft flogen Journalisten jahrelang zum halben Preis (einschließlich Partner), derzeit beträgt der Nachlass 25 Prozent. Immerhin: Die Condor bietet 50 Prozent Rabatt auf die Flugreisen von Presseausweisinhabern, die allerdings auf ihren Internetforen meckern: ?Schön wäre ein Rabatt auch für eine Begleitperson!? Auf die meisten Neuwagen zahlen Journalisten 15 Prozent weniger, die Bayerische Landesbausparkasse bietet ihnen ? sofern sie eine Immobilie finanzieren wollen ? Kredite mit erheblichem Zinsabschlag an. Die Allianz offeriert (über diskrete Umwege) für Autohaftpflichtversicherungen 25 Prozent, für private Haftpflicht- und Hausratversicherungen bis zu 60 Prozent Rabatt. Derartige Journalistenschnäppchen gibt?s für Elektronik, Handyverträge, Leihwagen, Hotels, Pauschalreisen oder Möbel, ebenso bei Partnerbörsen und nicht nur das: www.pressekonditionen.de bietet derzeit 1?310, www.journalismus.com 1?700 spezielle Presserabatte an. Richtig in Schwung kam die Journalistenbegünstigung, nachdem die rot-grüne Bundesregierung 2001 das Rabattgesetz von 1933 abgeschafft hatte. Frage an den Bundesfinanzminister: Wie viele Journalisten versteuern solche Geschenke als geldwerte Vorteile? Frage an die Nutznießer von Journalistenrabatten: Wenn sich bei der Deutschen Bahn 50 000 Medienleute eine um fast 50 Prozent verbilligte Bahncard für die 1. oder 2. Klasse kaufen, zudem ihre Partner mitversorgen und im Durchschnitt rund 200 Euro sparen, entsteht der Deutschen Bahn ein Verlust von zehn Millionen Euro ? könnte es sein, dass die Bahn diesen Verlust auf Otto Normalkunde umlegt? Von Christian Wulff wird mit Recht erwartet, er müsse selbst den bösen Schein von Vorteilsnahme und materieller Beeinflussbarkeit vermeiden. Journalisten sind keine Bundespräsidenten, gewiss. Aber sie haben täglich objektiv und unabhängig zu berichten. Derzeit verlangen viele von ihnen ?vollständige Transparenz? von Wulff, während sich zehntausende Medienleute in aller Stille ihrer Rabatte und kleinen Vorteile erfreuen. Diese Rabatte werden niemals uneigennützig gegeben; der einzelne Journalist verdankt sie nicht eigenem Verdienst, sondern der generellen Machtposition, die Medien in der Öffentlichkeit zukommt. Der Fall Wulff ist eine schöne Gelegenheit, vor der eigenen Türe zu kehren.
Götz Aly ist Historiker."
Medienschelte und der Fall Wulff
Die z.T. wild schäumenden Kommentare von 'Wutbürgern' wie zum Beisspiel auch auf diesen Artikel (samt Versuche der persönlichen und professionellen Diskreditierung) zeigen, wie recht der Autor mit seiner nüchternen Analyse hat: In einem, doch offensichtlich 'eskalierenden Reizklima' der privaten Befindlichkeiten wird erschreckend deutlich, wie dünn die Patina der staatsbürgerlichen Bildung - in diesem Fall der Medienpompetenz - in vielen Fällen tatsächlich ist. Das hat mit demokratischem Diskurs wenig zu tun. Da braucht es ganz offensichtlich grundsätzliche Orientierung, den Hinweis auf Selbstverständlichkeiten und Nachhilfe, auch wenn es vielleicht schmerzhaft ist. Guter Beitrag zu einem wichtigen Thema.
Es fehlt den Medien an Kompetenz!!
"Es ist Aufgabe der Presse.... möglichst umfassend Transparenz herzustellen."
Und genau hier haben die Medienorgane desaströs versagt. Wer nicht erkennt, dass nicht nur das Amt des BP Schaden genommen hat, sondern auch die Aufgabe der Presse "Transparenz aller wichtigen Fakten zur Beurteilung von Themen und Personen" zu gewährleisten" durch die Kampagne verraten wurde, hat m. E. keine Medienkompetenz.
Allein die taz ist bei diesem Mediengemauschel integer: Sie hatte Kai Diekmann einen Fragekatalog mit Beantwortungsfrist vorgelegt und SEINE Salamitaktik jetzt auch veröffentlicht. Vor einiger Zeit hatte sie schon eine Serie in der sich Journalisten zu -meist rührend geringer- Vorteilsnahme im Job bekannten.
Weil soviel Ehrlichkeit aber nur selten gedruckt wird, schwindet das Vertrauen der Bürger in die selbsternannte -und wie der Ton des Artikels zeigt oft selbstverliebte- vierte Gewalt.
Die Fakten kennen die Bürger zunehmend mehr von NGOs wie transparency international oder wiki-leaks und freien Bloggs.
Wer das Lesen von Leserbriefen als alleinige Recherchequelle nutzt, dabei nicht einmal auf die guten Analysen von Medienjournalisten wie den Altpapier-Autoren eingeht, dessen Schreibergüsse kann ich beim besten Willen nicht ernst nehmen.
Der Fall Wulff
Der erste Mann im Staate hat das Recht Vorbild zu sein, nicht aber Recht auf Vorrechte.
"Das Recht des Stärkeren ist das stärkste Unrecht."
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
"Der größte Feind des Rechts ist das Vorrecht."
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
"Das Recht ist Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit in Einklang gebracht werden kann." Immanuel Kant
Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Auch ein Bundespräsident muss sich für seine Verfehlungen stellen. Walter Wasilewski
Der Fall Wulff ist kein Stoff für eine Basta-Republik
Das ist ein unter journalistischen Gesichtspunkten haarsträubender Beitrag, der schon im ersten Satz die Sorgfaltspflicht außer Acht lässt: Erstens gibt es Bürger, die Wulff nicht ungeachtet, sondern trotz seiner Fehler weiter im Amt sehen wollen, weil sie seine Entschuldigung annehmen. Zweitens wächst nicht der Groll gegen die investigative Presse, sondern gegen die an den Pranger stellende Art und Weise der Berichterstattung. Drittens gibt es Bürger, die eben dagegen Groll hegen und trotzdem dafür sind, dass Wulff zurücktritt. Unterstellungen wie „Wutbürger“ glaubten, die Presse bewege sich willkürlich oder „Äußerungen von Bürgern gegen die investigative Presse“ speisten sich aus purer Emotion sind Unverschämtheiten, die mit journalistischer Analyse nichts gemein haben. Der Autor gehört mit Sicherheit nicht zu jenen, die dafür prädestiniert sind anderen zu erklären, wer hier etwas nicht verstanden hat. Zur aktuellen Situation hat sich übrigens der Presserat, dem einige Beschwerden über die derzeitige Berichterstattung vorliegen, bisher noch nicht umfassend geäußert. Auf dessen Einschätzung darf man gespannt sein.
Susanne Baumstark, Redakteurin
Mit kollegialem Dank für Ihre
Mit kollegialem Dank für Ihre Ausführungen, denen ich zustimme.
Danke ebenfalls
Danke ebenfalls, die Rückmeldung tut gut – insbesondere nach Lektüre eines weiteren Versuchs einer Journalistenelitebildung unter http://www.tagesspiegel.de/meinung/medien-schelte-journalisten-machen-au... . Da werde ich, ganz ohne es zu wollen, an einen Ausspruch von Hans A. Pestalozzi erinnert: „Der eine gründet seinen Hochmut auf rote Backen, der andere auf den Geldbeutel, der dritte auf den Verstand, den er nicht braucht.“
ein selbstgefälliger artikel
ein selbstgefälliger artikel eines protestantischen pressianers
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