Kein Blindekuh-Spiel im Sozialen Netz

Standpunkt

Montage: Simone Sass

Kommentar - Eine Gruppe von 28 Netzaktivisten und Bundestagsabgeordneten hat Google aufgefordert, die Bestimmungen für sein soziales Netzwerk Google+ zu ändern und Pseudonyme zuzulassen. Lassen Sie aber bei sich daheim auch Fremde ins Haus, die Sie nicht kennen?

Von Markus Bechtold

Natürlich kann man sich darüber empören, dass Google Internetnutzern vorschreibt, mit welchem Namen sie sich in der Netzöffentlichkeit von Google+ bewegen dürfen. Als Eintrittskarte zählt eine Registrierung mit dem eigenen Vor- und Zunamen und kein frei erfundenes Pseudonym. Dabei sind Fantasienamen fester Bestandteil der Internet-Kultur, sagen die Kritiker. Sicherlich drückt sich kein Mensch gerne an einem bulligen Türsteher vorbei, der letztendlich entscheidet, ob die eigene Nase gefällt oder nicht. Anders sieht die Welt aber schon aus, wenn man selbst zu einer Party im eigenen Haus Freunde, Bekannte, Nachbarn und deren Partner einlädt. Da kommt in der Regel keiner rein, den man nicht kennt oder der sich nicht mindestens persönlich mit seinem Namen vorgestellt hat.

Google+ ist ein Wirtschaftsunternehmen und hat damit auch das Hausrecht zu entscheiden, welche Spielregeln in seinem sozialen Netzwerk gültig sind. Damit sind die Würfel erst einmal gefallen. Dass mit jedem gültigen Nutzernamen Geld in die Unternehmenskasse gespült werden soll, ist kein Geheimnis, sondern ein gängiges Online-Geschäftsmodell, um das viele kleinere Online-Unternehmen die großen Flaggschiffe wie Facebook & Co beneiden.

Stellt sich die Frage, warum jemand anonym agieren möchte? Schließlich kann man auch bei Google+ selbst bestimmen, wer welche Informationen überhaupt lesen darf. Als Freiheitskämpfer in einem totalitären Staat wie Libyen ist es sicher lebensnotwendig und ratsam zugleich seine abweichende Meinung gegen das repressive Regime gesichtslos und unter einem anderen Namen öffentlich kundzutun, um sich und seine Familie vor Verfolgung und Bestrafung zu schützen. Auf der sicheren Seite ist man bei der Online-Kommunikation trotzdem nicht, weil sich Internetverbindungen, so wie Telefongespräche, technisch rückverfolgen lassen. Aber muss das Argument der politischen Verfolgung wirklich auch in Deutschland als Begründung für die Empörung derer herhalten, die nicht mit ihren Fantasienamen in der Netzöffentlichkeit bei Google+ (auf)treten dürfen?

Die Anonymität im Internet spült viel Hässliches hoch

Es ist eine sozialpsychologische Binsenweisheit, dass für den Zusammenhalt einer Gesellschaft wichtig ist, dass Menschen sich in einem bestimmten Zeitfenster unverkrampft, locker, anonym und geschützt über die Regierenden lustig machen dürfen. So kann der Einzelne überschüssigen Dampf ablassen, der sich über die Zeit angestaut hat. Diese Reinigung findet dann aber nicht bei Google+ statt, sondern beispielsweise draußen vor dem Haus auf der Straße auf den Rosenmontagsumzügen während der Fastnacht in Köln, Mainz oder am Bodensee.

Durch die Anonymität im Internet wird auch viel Hässliches hochgespült. Natürlich ist es auch in der Offline-Welt leichter, hinterrücks unter Arbeitskollegen über den eigenen Chef zu lästern. Schwerer hingegen ist es, die Kritik ihm persönlich ins Gesicht zu sagen, weil man Angst vor den Konsequenzen haben muss. Blicken sich Menschen während einer Unterhaltung in die Augen, gehen sie meist besser aufeinander ein und suchen nach einer gemeinsamen Lösung. Unter vollem Namen werden auch in Zeitungen Leserbriefe abgedruckt. Das Grundgesetz garantiert uns, dass jeder seine Meinung frei äußern darf. Das ist ein Privileg, um das uns Menschen in totalitären Staaten beneiden.

Im sozialen Netzwerk steht das Zusammentreffen im Vordergrund

Das Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist im Umbruch, sicher auch wegen Facebook. Dort sind die meisten Nutzer mit ihrem echten Namen unterwegs und veröffentlichen ein aktuelleres Profilbild, als das der Personalausweis in der Hosentasche zeigt.

Bei kriminellen Handlungen, etwa wenn Sextäter sich anonym im Chat an Kinder ranmachen oder Verbrechen im Cyberspace organisiert werden, wird der Ruf nach Transparenz in der Öffentlichkeit zu Recht schnell laut. Darum geht es bei der aktuellen Diskussion um Google+ aber nicht. Es geht auch nicht vorrangig um Anprangerung. Keiner lässt sich gerne von anderen bespucken und beschimpfen. Eine begründete Meinung, die man eigentlich offen sollte vertreten können, aber nur im Schutz der Anonymität zu publizieren, kann nicht die Lösung sein.

Ein Kompromiss könnte sein, dass man sich mit seinem richtigen Namen bei Google+ registriert und allein in der Netzöffentlichkeit mit einem Fantasienamen auftritt. Im sozialen Netzwerk steht der Austausch von Informationen im Vordergrund, das Zusammentreffen. Manche wollen sich gleich ganz neu erfinden. Nur zu. Dabei verrät man im Internet besser sowieso nur Informationen über sich, die man auch einem anderen Menschen direkt ins Gesicht sagen würde. Betritt man einen Raum, egal ob im Cyberspace oder in der Offline-Welt, erfordert die (N)etikette, dass man sich vorstellt. Das mag man altmodisch finden. Höflich ist es allemal.


Markus BechtoldMarkus Bechtold ist Redakteur bei evangelisch.de.

Kommentare

Verfasst von Nachtfalter am 9. September 2011 - 17:58.

ein Beispiel gefällig?

ein soeben geposteter Artikel zeigt, dass es durchaus wichtig ist, wenn man...

ein soeben geposteter Artikel zeigt, dass es durchaus wichtig ist, wenn man anonym bleiben kann. Es ist zwar kein so riesiges Thema, doch wird hier m. E. ein Stück dieser Problematik deutlich

Nachtfalter

Verfasst von Oni am 7. September 2011 - 15:04.

Im sozialen Netzwerk steht

Im sozialen Netzwerk steht das Zusammentreffen im Vordergrund Falsch. In...

Im sozialen Netzwerk steht das Zusammentreffen im Vordergrund
Falsch. In sozialen Netzwerken steht das Sammeln personenbezogener Daten im Vordergrund, sonst könne man auch e-mails nutzen. Daten sind das Gold des 21.Jahrhunderts und werden als solches gesammelt und gehandelt, auch gegen den Willen und ohne das Wissen des Nutzers.
Die moderne Telekommunikation bietet mitlerweile ein derart riesiges Instrumentarium zur Überwachung, dass man sich die Veröffentlichung jedes persönlichen Details dreimal überlegen sollte, zumal das Internet nie vergisst. Das eine Strafverfolgung dennoch möglich ist, wurde bereits gesagt.
Das Grundgesetz garantiert uns, dass jeder seine Meinung frei äußern darf. Das ist ein Privileg, um das uns Menschen in totalitären Staaten beneiden.[...] Aber muss das Argument der politischen Verfolgung wirklich auch in Deutschland als Begründung für die Empörung derer herhalten, die nicht mit ihren Fantasienamen in der Netzöffentlichkeit bei google+ (auf)treten dürfen?
Ich empfehle ihnen sich einmal die ARTE Reportage "Freiheit oder Sicherheit-Der Antiterrorkampf und seine Folgen" vom gestrigen Abend einmal anzuschauen. Mir persönlich wurde bei dieser massiven Unterwanderung der Menschenrechte in Europa schlecht und vielfach hatten die Festnahmen einen Bezug zu Ermittlungen im Internet. Ein falscher Klick, einer falsche Person in einem Forum begegnet und Sie werden Tag und Nacht vom Verfassungsschutz beobachtet, oder landen, wie im Beispiel eines Franzosen algerischer Abstammung, im Knast und sitzen dort 600 Tage ohne auch nur eine Anklage, oder einen Rechtsbeistand zu erhalten.

Mitlerweile ist die Möglichkeit der Anonymität eines unserer höchsten Güter geworden und dabei geht es mir nicht um einen überflüssigen Schwachsinn wie google+

Verfasst von Nachtfalter am 7. September 2011 - 22:45.

Auch nicht koscher

Oni schrieb: In sozialen Netzwerken steht das Sammeln personenbezogener Daten...

Oni schrieb:

In sozialen Netzwerken steht das Sammeln personenbezogener Daten im Vordergrund, sonst könne man auch e-mails nutzen.

Auch die Email-Provider üben sich doch schon lange mit dem Absaugen von User-Daten. Das Google die Mails komplett mitliest, wurde schon öfters dokumentiert. Aber auch allen anderen traue ich nicht über den Weg. Denn wieso ist es bei vielen Anbietern (auch bei Tminus) ein langwieriges Unterfangen, die nötigen Serverdaten für einen lokalen Email-Client ausfindig zu machen. Es ist doch so, dass ein servergestützes Adressbuch ja alle Interessenten eine Fundgrube darstellt und mindestens genauso aussagekräftig ist, wie die "Freundeliste" bei den berühmt-berüchtigten Communities.

Nachtfalter

Verfasst von Oni am 8. September 2011 - 13:50.
Kommentar auf: Auch nicht koscher

Eine richtige Anmerkung.

Eine richtige Anmerkung. Anderes Beispiel: Linksextreme zeigen mitlerweile ein...

Eine richtige Anmerkung. Anderes Beispiel: Linksextreme zeigen mitlerweile ein erstaunliches Ausmaß an Vernetzung und Recherchefertigkeiten und halten Kontakt über sogenannte "Nazistrukturen, oder -umtriebe" im Netz und in ihrer Umgebung. Nun ist es bereits wiederhohlt vorgekommen, dass gegen vermeintliche Nazis, die man über Klarnamen, Fotos und persönliche Angaben in sozialen Netzwerken identifiziert hat, Straftaten ausgeübt wurden. Da viel dann schonmal Muttis Auto den Flammen zum Opfer, oder der Chef bekam Post über die angeblichen Machenschaften seines Angestellten, weil man sich bei der Ausübung seiner Selbstjustiz vertan hatte,...
Das Beispiel soll zeigen, dass mit Klarnamen im Netz die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung rapide abnimmt und wegen des größeren Publikums, immer die Gefahr besteht irgendjemanden auf die Füße zu treten und dafür Konsequenzen außerhalb des Netzes zu erfahren.

Verfasst von Christof Menold am 6. September 2011 - 18:06.

Selbstheilung ist gefragt

Zum Glück ist ja niemand gezwungen bei Google+ mit zumachen, einschliesslich...

Zum Glück ist ja niemand gezwungen bei Google+ mit zumachen, einschliesslich mir selbst, obwohl ich nicht generell was gegen Klarnamen habe, ich möchte einfach die Wahl haben.
Noch keimt in mir ja die Hoffnung, dass sich in unserer Gesellschaft eine Kultur entwickelt bei der man auch unter einem Pseudonym anständig mit einander umgeht!
Beste Erfahrungen habe ich da beim Modell Twitter gemacht, wer mir hier zu "blöd kommt", den ignorier ich einfach. Diese Personen merken schnell dass ihr Stiel nicht ankommt und das Problem reguliert sich von alleine.
@assibiker

Verfasst von ZorkNika am 6. September 2011 - 18:04.

Naja,

Klar sagt G+ dass man keine falschen Profile duldet. Aber..... ich könnte als "...

Klar sagt G+ dass man keine falschen Profile duldet.

Aber.....
ich könnte als "Markus Bechtold" einen G+ Account eröffnen und das würde durch Google nicht verhindert.
Es findet ja keine Kontrolle der Daten statt.

Von daher wird hier von Google etwas vorgegaukelt was nicht den Tatsachen entspricht.

Mindestens ein Pseudonym sollte unbedingt erlaubt sein...

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