Neues evangelisches Publizistik-Konzept gefordert

Wie soll sich die Kirche Gehör verschaffen? Udo Hahn hat ein neues Publizistikkonzept ins Gespräch gebracht. Foto: iStockphoto

Wie soll sich die Kirche Gehör verschaffen? Udo Hahn hat ein neues Publizistikkonzept ins Gespräch gebracht. Foto: iStockphoto

Publizistik - Millionen Menschen auf der Erde haben keinen Zugang zur freien Kommunikation. Doch wer nicht an Informationen kommt, wer von moderner digitaler Medienwelt ausgeschlossen ist, der wird nach Worten des Pioniers der evangelischen Publizistik, Robert Geisendörfers (1910 - 1976), "von einem Geschöpf Gottes zu einem Instrument". Geisendörfer, Begründer des Gemeinschaftswerks der evangelischen Publizistik in Frankfurt am Main, zu dem auch evangelisch.de gehört, ist auch mehr als 30 Jahre nach seinem Tod noch ein Pfeiler für evangelische Medienschaffende.

Von Jutta Olschewski

Das machte die Generalsekretärin des Weltverbandes für Christliche Kommunikation (Toronto), Karin Achtelstetter, klar, als sie ihn auf der Fachtagung "Religiösen Medienkommunikation in der digitalen Welt" in Erlangen zitierte. Und das wurde im Laufe der gesamten Tagung deutlich. Geisendörfer war auch das Symposium der Abteilung Christliche Publizistik an der Universität Erlangen und des Evangelischen Presseverbandes für Bayern gewidmet.

Geisendörfer sei zu seiner Zeit "das Publizistik-Konzept in einer Person" gewesen, würdigte der Leiter des Referats "Medien und Publizistik" der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), Udo Hahn, den Pfarrer, der im Medienbereich bahnbrechend war. Obwohl Geisendörfer noch keine privaten Fernsehsender und keine digitale Medienwelt kannte, können kirchliche Medienvertreter seinen Kerngedanken noch heute unterschreiben: "Die Kirche ist so frei, von der Freiheit der Kinder Gottes Gebrauch zu machen". Geisendörfer untermauerte damit den Anspruch, dass die Kirche eigene professionell arbeitende Medien finanziert, sich aber aus deren Inhalten heraushält.

Täglicher Spagat

Unabhängiger kirchlicher Journalismus bei gleichzeitiger finanzieller Abhängigkeit von der Kirche - das bedeutet einen täglichen Spagat. EKD-Medienbeauftragter Markus Bräuer unterstrich, es dürfe "keinen Verlautbarungsjournalismus" in den Arbeitsbereichen geben. Der Direktor des bayerischen evangelischen Presseverbandes, Roland Gertz, betonte, wie wichtig es für die Redaktionen sei, "inhaltlich frei zu arbeiten".

Um Publizistik in diesem Sinne fortführen zu können, brauche die EKD ein neues publizistisches Gesamtkonzept, sagte Udo Hahn: "Das ist überfällig." Medienarbeit sei heute nur erfolgreich, wenn sie crossmedial arbeite. Das müsse in so einem Konzept verankert sein. Ebenso sollte darin das Verhältnis zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit benannt werden. Das Konzept brauche wissenschaftliche Begleitung, sagte Hahn. Und brachte dafür den Lehrstuhl für Medienpädagogik in Greifswald und das Institut für christliche Publizistik in Erlangen ins Spiel.

Unreflektierter Pragmatismus?

Dessen Leiterin Johanna Haberer vertrat die Auffassung, dass die kirchliche Publizistik mit dem raschen Wandel der Medien nicht Schritt halte. Reflexartig reagiere die Kirche auf den Wandel mit "unreflektiertem Pragmatismus". Der zeige sich darin, dass man wieder die evangelische Konfession herausstelle, wie beispielsweise mit dem Internetauftritt "www.evangelisch.de", sagte Haberer.

Durch die Medien erreicht die evangelische Kirche ein Millionenpublikum. Kein anderes Arbeitsfeld der Kirche könne dies sicherstellen, betonte Udo Hahn. Für die wachsenden Anforderungen reichten aber die bisherigen finanziellen Ausstattungen nicht aus. Er warnte vor einer Kürzung der kirchlichen Mittel für die Medienarbeit, blieb aber optimistisch. Die Publizistik habe gute Chancen in einem Verteilungskampf zu bestehen, meinte Hahn.

epd

Kommentare

Verfasst von Gast am 7. Februar 2011 - 14:49.

Nicht fordern, selbst machen

Das verstehe, wer will. Da fordert Ober(!)kirchenrat Udo Hahn, seines Zeichens...

Das verstehe, wer will.

Da fordert Ober(!)kirchenrat Udo Hahn, seines Zeichens Publizistik-Referent der EKD, ein neues Publizistik-Konzept der EKD. Wenn er mit dem alten Konzept, das er ja mit Leben erfüllt hat, nicht zufrieden ist, warum hat er dann kein neues auf den Weg gebracht?
Also: Nicht fordern, sondern selbst machen!

So wirkt das Ganze ein bisschen wie: Bevor ich jetzt nach Tutzing gehe, prangere ich nochmal schnell an, was ich selbst in den letzten Jahren nicht geschafft habe.

Verfasst von Gast am 30. Januar 2011 - 16:54.

Publizistik-Konzept

Wer ist bitte "die Kirche"? In beiden Kommentaren wird vorgeschlagen, "die...

Wer ist bitte "die Kirche"? In beiden Kommentaren wird vorgeschlagen, "die Kirche" solle auf die Inhalte der kirchlichen Medien stärkeren Einfluss ausüben. Wer soll denn darüber bestimmen? Die Kirchenleitungen der Landeskirchen? Der Rat der EKD? Sind diese Gremien "die Kirche"?

Die evangelischen Kirchen sind in den vergangenen Jahren sehr gut damit gefahren, dass sie ihren Medienleuten einen Rahmen für ihre Arbeit gegeben haben, in dem die Journalist/inn/en frei arbeiten konnten. Die Medienleute der Kirchen haben (meist) die Balance zwischen evangelischer Freiheit und Verantwortung gegenüber ihren Auftraggebern wahren können. Das schliesst Kritik gegenüber Entscheidungen der kirchenleitenden Organe ein - in denen die meisten Vertreter übrigens sehr genau wissen, dass es sie überfordern würde, wenn sie die Inhalte im Detail bestimmen wollten.

Auch kirchliche Publizistik ist in erster Linie Publizistik und muss die Qualität liefern (oder sogar eine höhere), die andere Medien bieten - sonst degeneriert sie zum Amtsblatt von Kirchenleitungen. Und so etwas will niemand lesen.

Verfasst von Lisa Simpson am 30. Januar 2011 - 12:50.

"Freiheit" von öffentlicher Relevanz

Hier wurzelt also das seltsame Phänomen, dass evangelische Publizistik ein...

Hier wurzelt also das seltsame Phänomen, dass evangelische Publizistik ein unentschlossenes Zwitterwesen zwischen handwerklich sauberer Public Relation für evangelische Kirche und rein subjektiver Meinung verpflichtetem Journalismus ist.

Kirche traut sich nicht, sich selbst öffentlich zu machen und gibt den Inhalt der von ihr finanzierten Medien reiner redaktioneller Willkür preis, die nicht einmal durch Marktfähigkeit reguliert wird?

Ich glaube auch nicht, dass Rudolf Augstein heute glücklich wäre, würde er, der Prä-digitale, als personifiziertes Publizistikkonzept für Spiegel-Online gehandelt.

Wer sich zudem noch hofft, über Medienpädagogen ein zukunftsweisendes publizistisches Gesamtkonzept zu entwickeln, für den ist der Zug öffentlicher Relevanz schon lange abgefahren.
Klar wäre Crossmedia eine Hilfe, -hätten wir B2B etwas signifikant Evangelisches zu sagen.
Oder wie Wolf Schneider kürzlich urteilte: "Die evangelische Kirche kann die Kommunikationsfähigkeit Luthers bei weitem nicht mehr erreichen." Wenn ich von der geringen Anzahl von facebook-followern bei evangelisch.de -die meisten Teenager haben persönlich mehr- auf die Reichweite rückschliesse, fürchte ich, er hat Recht.

Verfasst von Kathy_Valiant am 29. Januar 2011 - 18:23.

Da staunt der Laie, und der

Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich, und dem Spezialisten kommen...

Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich, und dem Spezialisten kommen die Tränen...

Dieser alte Spruch fällt mir ein, wenn ich die Zitate lese. Frau Haberer, unreflektierter Pragmatismus, weil die evangelische Kirche den Namene "evangelisch" herausstellt? Da staunt das Gemeindeglied, was im Alltag in der normalen unkirchlichen Welt seinen Glauben lebt und bezeugt. Da wundert sich der Fachmann oder die Fachfrau für Öffentlichkeitsarbeit, die sich um darum bemühen, dass die Kirche öffentlich wahrgenommen wird. Und der Experte für "branding", für die tiefen psychologischen Zusammenhänge von Identität und Identifizierbarkeit, von Wahrnehmung, Wiedererkennung, Vertrauen, Handeln .... - alles, was die großen Marken der Welt für ihre Zwecke ausbeuten - der verzweifelt schon lange, dass die Kirche ihre gute Botschaft oft so wenig klar und zersplittert an die Menschen bringt. So etwas wie evangelisch.de ist ein Anfang. Wie kann man das kritisieren statt es zu unterstützen?

Der Kampf um den "Verlautbarungsjournalismus" spielt auf einem toten Schlachtfeld. Heute geht erst einmal um Aufmerksamkeit im ausdifferenzierten Medienmarkt. Crossmediales Arbeiten ist, wie Hahn vorschlägt, sehr wichtig.

Aber warum die Kirche Medien finanzieren soll, sich aber aus ihren Inhalten heraushalten, leuchtet mir nicht ein. Wer ist denn die Kirche? Nicht auch diejenigen, welche diese Medien machen?

 

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