Positionsbestimmung: Die ARD wird 60 Jahre alt

Teil der ARD-Geschichte ist auch die "Sendung mit der Maus", die seitJahren nicht nur junge Zuschauer begeistert. Foto: ARD

Teil der ARD-Geschichte ist auch die "Sendung mit der Maus", die seit Jahren nicht nur junge Zuschauer begeistert. Foto: ARD/WDR/Schmitt/Menzel/Streich

ARD - Im Alter wird man gesetzter, heißt es. Doch die Arbeitsgemeinschaft öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten in Deutschland, die jetzt ihren 60. Geburtstag feiert, konnte das Jubeldatum gar nicht abwarten und machte bereits im April Party. Fast konnte man meinen, die alte Dame ARD hatte Angst, sie könnte den eigenen Geburtstag nicht mehr erleben.

Von Diemut Roether

Ihren 50. Geburtstag hatte die ARD im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin mit einem Colloquium der Historischen Kommission zum Thema "Mit vereinten Kräften. Rundfunk-Föderalismus als Zukunftsordnung" begangen. Zu den Festrednern gehörte auch der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). Zu seinem 60. schenkte sich der Senderverbund zwei Geburtstagsshows und eine Dokumentation von eher zweifelhafter Qualität. Auf dem Show-Sofa saßen überwiegend alte Kämpen wie Thomas Gottschalk und Günther Jauch und erinnerten sich an die schönen Zeiten, als sie noch jung waren, das Privatfernsehen noch nicht erfunden war und sie in den ARD-Programmen noch ziemlich viel ausprobieren konnten. Auch der ARD fällt es offenbar schwer, in Würde zu altern.

An der ARD leiden

Doch wir wollen hier nicht über das Geburtstagskind spotten. Denn das können die von der ARD sowieso besser. Zum Beispiel der hier: "Was wäre ein Programmdirektor der ARD ohne die Fähigkeit zu leiden? An der ARD zu leiden, genauer gesagt", schrieb einmal ARD-Programmdirektor Günter Struve, der die Geschicke des Ersten, wie das Gemeinschaftsprogramm der ARD genannt wird, von 1992 bis 2008 maßgeblich bestimmt hat. Struve, der einen charmanten Zynismus pflegte, bekannte einmal im ARD-Jahrbuch, dass die programmstrategischen Klausurtagungen "zu den unbestrittenen Höhepunkten im Leben eines Programmdirektors zählen". Struve war in den 90ern die Antwort der ARD auf RTL-Erfinder Helmut Thoma. Dessen Maxime, dass der Wurm dem Fisch schmecken müsse und nicht dem Angler, setzte Struve damals das Bekenntnis entgegen, er sei ein "Lobbyist des Mainstreams".

Für eine Positionsbestimmung der ARD im 60sten Jahr ihres Bestehens ist es aufschlussreich, sich den Mann noch einmal genauer anzuschauen, der ihr wichtigstes Fernsehprogramm, das Erste, immerhin 16 Jahre lang maßgeblich geprägt hat. Struve, der von der "Zeit" einmal als "geschickter Manager des Seichten" beschrieben wurde, führte seit seinem Amtsantritt im Jahr 1992 den Kampf um die Zuschauer, die dem Ersten angesichts der stärker werdenden Konkurrenz durch die Privaten verloren zu gehen drohten. Er erreichte, dass das Gemeinschaftsprogramm der ARD seit 1998 wieder ganz vorne im Konzert der Marktführer mitspielt. In Struves letztem Amtsjahr, 2008, erreichte der Sender 13,4 Prozent Marktanteil bei den Zuschauern und lag damit vor ZDF und RTL.

Struves Nachfolger ist seit November 2008 Volker Herres. Dass er ganz im Geiste Struves denkt und handelt, machte Herres in einem Aufsatz für das "ARD Jahrbuch 2009" deutlich, in dem er sich wie sein Vorgänger auf Goethes "Vorspiel auf dem Theater" aus dem "Faust" bezog und das Erste als "Gesamtkunstwerk" bezeichnete, das nicht zur Erbauung der Eliten geschaffen sei. Das Erste, so Herres’ Credo, "soll alle ansprechen, auch unterhalten".

Quote machen

Vor dem Dilemma, dass das Erste einerseits große Publika ansprechen will, andererseits aber als öffentlich-rechtliches Programm auch aufgefordert ist, Nischensendungen für kulturinteressierte Zuschauer zu machen, steht jeder ARD-Programmdirektor. Herres schreibt: "Das Erste muss Quote machen. Wir wollen ankommen – daran ist nichts verwerflich. Aber wir wollen das nicht um jeden Preis."

Dass das Erste nach Meinung vieler Feuilletonisten gerade die Kulturinteressierten so schlecht bedient, hat der ARD immer wieder heftige Kritik eingetragen. Schon vor zehn Jahren schimpfte Jens Jessen in der "Zeit" über die "Quoten-Idioten". Die Fernsehmacher bei ARD und ZDF hätten ein "schlechtes Gewissen, weil sie der privaten Marktkonkurrenz entzogen sind und eigentlich ein beliebig gutes Programm für beliebig wenige Zuschauer machen könnten", schrieb Jessen. "Sie könnten, wie es die altmodischen Rundfunkstaatsverträge auch einmal vorsahen, ausschließlich tun, was sie für journalistisch geboten und künstlerisch wertvoll halten. Sie halten diese Freiheit aber heimlich für elitär und fürchten, das Volk könnte dahinterkommen und ihnen das Gebührenprivileg wieder entziehen. Darum blicken sie so angstvoll auf die Quote: Sie ist ihnen ein tägliches Plebiszit über die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems."

Anlass für Jessens Frontalattacke auf die Fernsehmacher war ein internes ARD-Papier, das pünktlich im 50. Jahr bekannt geworden war. Es hielt Kriterien und Vorgaben zur Optimierung von Fernsehfilmen und Hauptabendserien fest und forderte unter anderem eine Erzählweise, die "unkompliziert, einfach, klar auf keinen Fall verwirrend" sein solle. Die ARD-Verantwortlichen distanzierten sich nach einer aufgebrachten öffentlichen Debatte von diesem Papier, doch die Freitagabendschmonzetten der Degeto, der Produktionstochter der ARD, atmen bis heute den Geist dieser Optimierungsvorgaben.

Unbehagen am Fernsehen

Und weil es freitagabends die leicht verdaulichen Süßstofffilme der Degeto gibt und zudem Serien wie "In aller Freundschaft", in denen die Vorgaben des Optimierungspapiers nach wie vor übererfüllt werden, deswegen muss sich die ARD auch heute immer wieder gefallen lassen, dass Feuilletonisten sie der Anbiederung an den Massengeschmack zeihen. Zuletzt brach sich dieses Unbehagen an den öffentlich-rechtlichen TV-Programmen nach dem Ausbruch des Großkritikers Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2008 Bahn.

Doch das Unbehagen am Fernsehen ist so alt wie das Medium selbst. Im Februar 1953 schrieb Bundestagspräsident Hermann Ehlers (CDU) an den NWDR-Direktor Werner Pleister: "Sah eben Fernsehprogramm. Bedauere, dass Technik uns kein Mittel gibt, darauf zu schießen". Das vom NWDR veranstaltete Programm war der Vorläufer des seit dem 1. November 1954 von der ARD veranstalteten Deutschen Fernsehprogramms, das heute das Erste genannt wird. Damals gab es nur dieses eine Programm und es wurde nur an wenigen Stunden am Tag gesendet. Und schon damals – in Deutschland gab es noch keine 10.000 registrierten Fernsehgeräte - gelang es dem Medium offenbar, heftige Reaktionen auszulösen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) steht also in einer guten Tradition, wenn er, wie er es nach seiner Wiederwahl im Oktober 2009 tat, ARD und ZDF schilt, weil sie es nicht für nötig befunden hätten, die konstituierende Sitzung des Bundestags im Ersten oder Zweiten zu übertragen. Dabei gibt es für diese Zwecke doch Phoenix, den gemeinsamen Ereigniskanal von ZDF und ARD, der mit der Übertragung der Sitzung gerade einmal drei Prozent Marktanteil erreichte.

Beeindruckende Fernsehspiele

Man kann also festhalten, dass sich die ARD im Laufe der vergangenen 60 Jahre so diversifiziert hat, dass es für fast jedes Interesse einen eigenen Spartenkanal gibt. Für Bundestagspräsidenten gibt es Phoenix, und die Kulturinteressierten werden gern auf 3sat oder ARTE verwiesen, die Kulturkanäle, an denen sich die ARD ebenso wie das ZDF beteiligt. Es ist der ARD allerdings nicht gelungen, ihren Digitalkanal EinsFestival ähnlich zu profilieren, wie es das ZDF mit dem Theaterkanal tat, der demnächst in einen Kulturkanal umgewandelt werden soll.

Es ist viel zu einfach, die ARD der Quotenfixierung und der hemmungslosen Anbiederung an den Mainstream zu bezichtigen. Wer das Erste aufmerksam verfolgt, findet auch zur besten Sendezeit am Mittwochabend beeindruckende Fernsehspiele wie "Keine Angst" von Aelrun Goette oder "Zivilcourage" mit Götz George, um nur zwei Höhepunkte aus jüngerer Zeit zu nennen, die alles andere als leicht verdaulich waren. Er findet auch, allerdings meist zu späteren Sendezeiten, mutige, gut recherchierte politische Dokumentarfilme zu aktuellen und historischen Themen, wie "Das Schweigen der Quandts" oder "Aghet" über den Völkermord an den Armeniern. Nicht zu Unrecht verweisen die ARD-Oberen gern auf die vielen Fernsehpreise, mit denen die Produktionen des Senderverbunds ausgezeichnet wurden und werden.

Doch nicht immer gelingt es der ARD, das Gute populär und das Populäre gut zu machen, wie es Volker Herres im "ARD-Jahrbuch" fordert. Ausgerechnet der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann, forderte die öffentlich-rechtlichen Sender kürzlich auf, mehr in die Unterhaltung zu investieren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei "nicht, wie vielfach beklagt wird, schwach auf der Brust, wenn es um ,Hochkultur’ geht, sondern vor allem im Genre Unterhaltung, also der eher leichten Kultur", schrieb Zimmermann. Hochkulturliebhaber fänden auf ARTE, 3sat oder auch in den Dritten Programmen durchaus Sendungen für ihren Geschmack. Doch "will der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht in die Rolle des Nischenanbieters gedrängt werden, muss er für die breite Masse der Zuschauer gute Unterhaltung anbieten", mahnte er.

In der Tat: Wann hat das Erste zum letzten Mal eine Show gesendet, über die die Fernsehnation sprach? Die Zeiten von "Am laufenden Band" oder "Wünsch Dir was" sind lange vorbei. "Unser Star für Oslo" mit ProSieben-Leihgabe Stefan Raab war zwar ein interessantes Experiment, das auch durchaus respektable Quoten erreichte, aber ein Fernsehereignis war es nicht.

Transfers aus den Dritten

Ina Müller, die für ihre Show "Inas Nacht" nach dem Deutschen Fernsehpreis und dem Deutschen Comedy-Preis nun auch noch den Grimme-Preis erhielt, darf im Ersten nicht vor Mitternacht ran. Ähnlich ergeht es den Comedians Olli Dittrich ("Dittsche") und Kurt Krömer.

Müller, Dittrich und Krömer mussten sich erst einmal in den Dritten bewähren, ehe sie auch im Ersten ein Sendeplätzchen fanden. Dies ist eine Tradition in der ARD, die jahrelang gut funktioniert hat. Talente wie Harald Schmidt, Jürgen von der Lippe oder Hape Kerkeling wurden von findigen Redakteurinnen und Redakteuren in den Landesrundfunkanstalten entdeckt und gefördert, ehe sie auch am Hauptabend auf das große Publikum im Ersten losgelassen wurden. Doch seit einiger Zeit sind die Transfers von den Dritten ins Erste schwieriger geworden. Das mag zum einen daran liegen, dass große Talente wie Anke Engelke oder Bastian Pastewka schon seit Jahren bei den Privatsendern viel bessere Bedingungen finden als bei der ARD. Zum anderen scheint sich in der ARD auch in den Dritten zunehmend Mutlosigkeit breitzumachen, Quiz- und Ranking-Sendungen nehmen auch hier überhand. Kultserien wie "Stromberg" oder "Dr. Psycho" (beide ProSieben) hätte der ARD gut zu Gesicht gestanden, nicht zuletzt hätte sie damit auch Mut zur politischen Unkorrektheit beweisen können.

Es könnte den ARD-Verantwortlichen noch leidtun, wenn sie ihre Experimentierfelder veröden lassen und sich auch in den Dritten zunehmend an die bürgerliche Mitte ranschmeißen. Wie tragisch das enden kann, zeigt sich derzeit vor allem am HR, der früher durch kritische Reportagen wie "Dienstag – das starke Stück der Woche" und aufsehenerregende Dokumentationsreihen wie "Das rote Quadrat" von sich reden machte. Inzwischen ist sein Drittes durch Sendungen wie "Die unglaublichsten Fahrzeuge der Hessen", "Hessens schönste Weihnachtsmärkte" oder "Die beliebtesten Dialekte der Hessen" zur Karikatur eines Regionalprogramms verkommen.

Unbequeme Inhalte

Allzu oft zeigen die ARD-Verantwortlichen Angst vor der eigenen Courage, wie im September 2006, als die Intendanten den später vielfach ausgezeichneten Fernsehfilm "Wut" kurzfristig von einem Sendetermin um 20.15 Uhr auf 22.00 Uhr verschoben. Mag sein, dass hier auch die Angst vor den "Gremien-Gremlins" (Günther Jauch) eine Rolle spielte, die sich bei politisch unkorrektem Inhalten allzu leicht provozieren lassen. Doch gerade bei solchen Sendungen ist Mut gefordert. Es sind nicht die musterschülerhaften "Themenwochen", mit denen die ARD gerne wirbt, mit denen sie "public value" liefert, es sind vor allem unbequeme Inhalte, die bei den Privatsendern schon lange keine Sendefläche mehr finden. Wer, wenn nicht die ARD (und das ZDF) soll den Diskussionsstoff für die Selbstverständigung der Gesellschaft liefern? Dass dabei Reibungen entstehen, ist nicht nur unvermeidbar, es ist wünschenswert.

Es zeugt auch nicht gerade von Innovationsfreude, wenn Herres ausgerechnet "In aller Freundschaft" gegen "Dr. House" ins Feld führt, wenn er darauf hinweisen will, wie erfolgreich die ARD-Serien sind. Gewiss, "In aller Freundschaft" ist eine Eigenproduktion und "Dr. House" ist nur ein Ankauf aus den USA, doch was die Gebührenzahler von der ARD neben "In aller Freundschaft" erwarten dürfen, sind Serien, die sich nicht am Fernsehen von vorgestern orientieren, sondern das Fernsehen von morgen zeigen – denn ein bisschen Avantgarde, das möchte für gut fünf Milliarden Euro Gebührengelder schon sein.

Dass die Spannungen zwischen Qualität und Quote manchmal durchaus produktiv sein können, beweisen Produktionen wie "Contergan" von Adolf Winkelmann. Der im November 2007 nach einem langen juristischen Streit mit dem früheren Contergan-Vertreiber Grünenthal gesendete Zweiteiler erhielt nicht nur Fernsehpreise, er bescherte der ARD mit mehr als sieben Millionen Zuschauern auch eine Traumquote. Mit Filmen wie "Contergan" zeigt die ARD, dass sie nicht nur groß und mächtig ist, sondern dass sie auch mutig sein und Themen setzen kann.

So wenig Einheit wie möglich

Spannungsreich ist auch die föderale Struktur der ARD, die so häufig verwünscht wird, wenn es darum geht, schnelle Entscheidungen zu fällen. Intern wird das Kürzel ARD gern mit "Alle reden durcheinander" aufgelöst. Doch zugleich ist die interne Konkurrenz und die Vielfalt der Sender ein großes Pfund, das der Senderverbund nicht leichtfertig verspielen sollte. Wie gut die föderale Struktur der ARD funktionieren kann, zeigt sich an der Krimireihe "Tatort", die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Die Kommissarinnen und Kommissare, die zwischen Kiel und Bodensee ermitteln, bringen sonntagabends ein sehr unterschiedliches, jeweils regional gefärbtes Deutschlandbild in die Wohnzimmer. Der "Tatort" wird von Autoren wie Regisseuren gern genutzt, um gesellschaftlich brisante Themen in populärer Form aufzubereiten. Namhafte Autoren und Regisseure wie Wolfgang Menge, Felix Huby, Wolfgang Petersen, Dominik Graf, Oliver Hirschbiegel, und Niki Stein haben an "Tatorten" mitgewirkt

Bereits als die ARD gegründet wurde, ging es darum, eine möglichst wenig zentralistische Struktur zu schaffen. Hans Bausch, von 1958 bis 1989 Intendant des Süddeutschen Rundfunks (SDR), beschrieb die frühe ARD-Philosophie einmal mit den Worten: "So wenig Einheit wie möglich, so viel wie nötig." Auch wenn es in den kommenden Jahren noch einige schmerzhafte Sparrunden geben wird, weil die Rundfunkgebühren eher weniger denn mehr werden, sollte die ARD doch darauf achten, sich Labore zu erhalten, Experimentierfelder, auf denen Neues gewagt und gewonnen werden kann.

Früher waren häufig die kleinen Landesrundfunkanstalten wie Radio Bremen die kreativen Labore, in denen interessante neue Formate entstanden. Man denke nur an eine verdienstvolle, vielfach ausgezeichnete Dokumentationsreihe wie "Unter deutschen Dächern", die maßgeblich von Journalisten von Radio Bremen geprägt wurde. Doch heute fehlt den kleinen Sendern häufig das Geld für das Nötigste. So war es ein Armutszeugnis im Wortsinn, als der RBB Ende 2008 ausgerechnet seinen Integrationssender RadioMultikulti einstellte, eine Welle, deren Kosten senderintern auf gerade mal zwei bis drei Millionen Euro pro Jahr beziffert wurden – und das, obwohl sich die ARD ein Jahr zuvor in ihrer Integrationsstrategie zu einer "Kultur der Anerkennung" bekannt und darauf hingewiesen hatte, wie wichtig es sei, "Menschen mit Zuwanderungsbiografie hinter dem Mikrofon und auf dem Bildschirm" in die Produktionen einzubeziehen. Inzwischen verbreitet der RBB das WDR-Programm Funkhaus Europa auf den Frequenzen von Radio Multikulti.

Egoismen der Sender

Die Einstellung von Radio Multikulti offenbarte eine große Schwäche des ARD-Systems: Die Egoismen der einzelnen Sender blockieren häufig die Versuche, eine gemeinsame Programmstrategie zu entwickeln. Zwar konnte man mit Recht fragen, warum ein so kleiner Sender wie der RBB sieben Radioprogramme brauchte, doch andererseits arbeitet der RBB bereits so kostengünstig, dass freie Mitarbeiter den Sender scherzhaft "Bangladesch" nennen, weil die Honorare im Vergleich zu denen anderer ARD-Sender so niedrig ausfallen. Vergeblich hatte sich Intendantin Dagmar Reim zuvor darum bemüht, den ARD-internen Lastenausgleich anders zu regeln. Zwar wurde der Anteil des RBB an der Programmzulieferung für das Erste um 0,25 Prozentpunkte auf 6,6 Prozent gesenkt, doch die Intendantin sprach anschließend immer noch von "eklatanten Ungerechtigkeiten" im System. Die Ungerechtigkeiten betreffen vor allem den RBB und den MDR, in deren Einzugsbereich überproportional viele Bürger von den Gebührenzahlungen befreit sind.

Die ARD rechnet in den kommenden zehn Jahren mit Einnahmeverlusten von bis zu 15 Prozent. Dass es für die kleinen Sender da wirklich ans Eingemachte gehen kann, zeigen die Sparszenarien, die der RBB kürzlich vorgelegt hat und die im schlimmsten Fall davon ausgehen, dass die Zahl der Hörfunkprogramme von sechs auf drei reduziert werden müsste.

Bisher sagen die Rundfunkanstalten, dass sie vor allem in Technik und Verwaltung enger zusammenarbeiten wollen. Aber auch im Programm finden bereits Kooperationen statt. So senden seit 2009 die ARD-Kulturwellen im Sommer zwei Monate lang abends von 20 bis 24 Uhr ein gemeinsames Programm. Kritiker warnen, dies sei nur ein erster Schritt in Richtung Zentralisierung der Kulturwellen. Befürchtungen, es werde ein gemeinsames nationales Kulturprogramm vorbereitet, wurden von der ARD zwar zurückgewiesen, doch in den Häusern gilt es als ausgemacht, dass die teuren Kulturwellen von Sparanstrengungen auch in Zukunft nicht verschont bleiben. Der Senderverbund wollte im vergangenen Jahr nicht mitteilen, wie viel Geld durch das "ARD-Radiofestival" eingespart wird. Man wolle, hieß es im Mai 2009, "nicht von einem Spar-, sondern von einem Bündelungseffekt reden".

In den Sendern wird bemängelt, dass die Diskussionen über solche Einsparungen nicht offen geführt werden. In der Tat tut sich die ARD häufig schwer mit der Transparenz, zu der sie auch den Gebührenzahlern gegenüber verpflichtet ist. Dass einzelne Personen in dem System eine große Machtfülle auf sich vereinen, ohne ausreichend kontrolliert zu werden, zeigte sich nicht zuletzt an handfesten Skandalen wie dem Drehbuchskandal um die einstige NDR-Fernsehfilmchefin Doris Heinze, die im August 2009 vom NDR fristlos entlassen wurde.

Zunächst hatte die "Süddeutsche Zeitung" aufgedeckt, dass Heinze jahrelang Drehbücher ihres eigenen Mannes redaktionell betreut hatte, die dieser unter dem Pseudonym Niklas Becker geschrieben hatte. Im Laufe der internen Ermittlungen stellte sich später heraus, dass Heinze sogar selbst unter Pseudonym ein Drehbuch für ihren Arbeitgeber verfasst hatte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugsverdachts, der Sender nimmt an, dass ihm ein Schaden in fünfstelliger Höhe entstand, der Imageschaden für die ARD ist nicht bezifferbar. Der Verband Deutscher Drehbuchautoren sprach von einem "Supergau des öffentlich-rechtlichen Fernsehens".

Industrialisierung der Produktion

Genau betrachtet könnte man den Fall Heinze als Spätfolgeschaden jenes Optimierungspapiers sehen, das der ARD im Jahr 2000 so viel Ärger eingebracht hatte. Heinze war Mitautorin jenes Papiers gewesen, das versuchte, Formatvorgaben für die Fernsehfilmproduktion einzuführen. In den folgenden Jahren seien die Autoren durch die Industrialisierung der Filmproduktion zunehmen entmachtet worden, klagte der Verband Deutscher Drehbuchautoren. Wenn der Autor aber in der Filmproduktion keine wichtige Rolle mehr spielt, ist es auch nicht verwunderlich, wenn niemandem auffällt, dass er gar nicht existiert. "Je formatierter das Programm ist, je weniger eigene künstlerische Leistung in einem Film steckt, umso leichter sind Manipulationen", sagt der Autor und Regisseur Peter Henning.

Auch die Fälle der Sportchefs von HR und MDR, Jürgen Emig und Wilfried Mohren brachten ans Licht, dass es verantwortlichen Redakteuren im System ARD offenbar jahrelang möglich war, in die eigene Tasche zu wirtschaften. Emig und Mohren hatten Geld von privaten Sportveranstaltern angenommen, über die sie in ihren jeweiligen Programmen berichteten. Während Emig vom Landgericht Frankfurt wegen Untreue und Bestechlichkeit zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt wurde, sorgte ein gerichtlicher "Deal" im Fall Mohren dafür, dass die Öffentlichkeit nicht darüber aufgeklärt wurde, wieso Mohren seine Geschäfte jahrelang unbehelligt tätigen konnte, wieso also im MDR jahrelang sämtliche Kontrollen versagten. Die Frage, ob es nicht bereits ein Verrat an der Rundfunkfreiheit ist, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender eine Sportübertragung davon abhängig macht, ob der Veranstalter zahlt, wurde von den Gerichten nicht problematisiert.

Gerade im Sport zeigte die ARD gelegentlich eine ungute Nähe zu den Akteuren, die einer kritischen Berichterstattung im Weg stand. So schloss die ARD, die die Rechte für die Übertragung des Radsportrennens Tour de France innehatte, 1998 auch noch einen sogenannten Partnerschaftsvertrag mit der Deutschen Telekom, der ihr das Recht gab, das Logo des Ersten und den Schriftzug "Radio & TV" auf der Kleidung der Fahrer des Teams Telekom zu platzieren. Im Gegenzug durfte die Deutsche Telekom Spots im Wert von jährlich vier Millionen Mark bei der ARD schalten. Als Ende der 90er Jahre erste Dopingvorwürfe gegen die Radsportler laut wurden, hielten sich die ARD-Reporter in der Berichterstattung darüber auffallend zurück.

Zu viel Nähe

Erst als 2006 die Doping-Vorwürfe gegen den Gewinner der damaligen Tour de France, Floyd Landis, überhandnahmen, erwog die ARD, auf die Live-Übertragungen des Sportereignisses zu verzichten. Im selben Jahr wurde auch noch bekannt, dass die ARD den Radsportler Jan Ullrich seit 1999 dafür bezahlt hatte, dass er ihr für "besondere Berichterstattungsmöglichkeiten" exklusiv zur Verfügung stand.

WDR-Intendant Fritz Pleitgen räumte anschließend in einem WDR-Interview ein, dass die ARD zu viel Nähe zur Tour de France gehabt habe und gelobte, dies werde nicht wieder vorkommen. Eine Clearing-Stelle Sport wurde in der ARD eingerichtet, und seit Anfang 2007 gibt es im Senderverbund auch eine Fachredaktion für Doping-Berichterstattung. Doch weder dem verantwortlichen ARD-Programmdirektor noch dem damals amtierenden ARD-Sportkoordinator schadeten die Einzelheiten, die über den Vertrag mit Ullrich bekannt wurden. Ihre Verträge wurden wenig später um zwei Jahre verlängert. Der damalige ARD-Vorsitzende Thomas Gruber sagte, der "Strang der Entscheidungen" sei im Fall der Verträge mit Jan Ullrich zu komplex, um eine Person als Schuldigen auszumachen. Einmal mehr konnte man den Eindruck gewinnen, dass in der ARD ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit dazu führt, dass letztlich keiner für Fehler den Kopf hinhalten muss.

Ähnlich glimpflich war für Struve auch der "Marienhof"-Skandal ausgegangen. Nachdem epd medien 2005 berichtet hatte, dass in der Vorabendserie im Ersten jahrelang Schleichwerbung platziert worden war, gab der ARD-Programmdirektor den unschuldig Betrogenen. Vorwürfe des Bavaria-Produzenten Thilo Kleine, Struve selbst habe die "Ko-Finanzierung" der Serie angeregt, wies er unter juristischen Drohungen zurück. Markig kündigte Struve damals ein "Regime des Schreckens" gegen Schleichwerbung an und versicherte, die ARD werde in den kommenden Jahren "das sicherste Gebiet der Welt in Sachen Schleichwerbung sein".

Passgenaue Dialoge

Insgesamt, so wurde bekannt, hatten Kunden zwischen 1998 und 2004 etwa 3,5 Millionen Euro bezahlt, um ihre Werbebotschaften in Serien unterzubringen, die von der ARD-Produktionstochter Bavaria produziert wurden. Auch Pharmaproduzenten gehörten zu den Kunden der Agentur, die die Schleichwerbung vermittelte. Sie bezahlten dafür, dass etwa in der ARD-Erfolgsserie "In aller Freundschaft" Dialogzeilen wie diese untergebracht wurden: "Sie leiden an Epilepsie. Ihr altes Medikament wird in Zukunft nicht mehr reichen, derartige Anfälle zu vermeiden. (...) Es gibt ein neues, hochwirksames Antiepileptikum. Diesen neuen Wirkstoff werde ich Ihnen verschreiben.".

Das Erschreckende an der "Bavaria-Connection" war genau dies: Dass es Werbetreibenden gelungen war, bis in die Dramaturgie und die Dialoge von Serien vorzudringen und diese so zu gestalten, dass für sie ein möglichst großer Effekt entstand. Der Glaubwürdigkeit der ARD hat das sehr geschadet.

Ob die ARD wirklich aus den Skandalen der vergangenen zehn Jahre gelernt hat? Die Sender haben in jüngerer Zeit zahlreiche Leitlinien und Selbstverpflichtungen verabschiedet, aber ob diese mehr wert sind als das Papier, auf dem sie stehen, kann nur die Praxis zeigen. Immerhin ist der NDR im Fall Heinze entschlossen vorgegangen und hat jüngst auch schnell reagiert, als Vorwürfe gegen einen NDR-Redakteur laut wurden, er habe von einer Firmengruppe Geld dafür erhalten, dass er ihr Sendezeiten im Fernsehen verschafft habe. In vielen Fällen jedoch scheint vor allem die kollegiale Kontrolle versagt zu haben. Es sind doch die betreuenden Redakteurinnen und Redakteure, denen auffallen müsste, wenn Beiträge oder Dialogzeilen zu werblich daherkommen oder wenn Drehbuchautoren nie erreichbar sind.

Politische Farbenlehre

Der Verband der Drehbuchautoren schrieb nach Bekanntwerden des Drehbuchskandals von einem "Geschmacksdiktat", mit dem beim NDR die "Fantasie der Kreativen unterdrückt" worden sei. Er kritisierte, in den Sendern werde oft willkürlich darüber entschieden, "wer inszeniert, wer spielt und wer produziert". Dieses System habe "Unterwerfung, Einverständnis und Fantasielosigkeit produziert". Hier müssen sich die Sender noch einmal nach ihrer Kultur der Kritik und Selbstkritik fragen lassen, denn nur in einem offenen Klima kann auch die größtmögliche Kreativität entstehen. Es ist ja nicht so, dass die ARD ihre Ressourcen, die sie den Gebühren aller verdankt, mutwillig verschwenden könnte.

Als hätte die ARD nicht genug mit den Skandalen in ihren eigenen Reihen zu tun, weht ihr auch von außen zunehmend der Wind ins Gesicht. Im vergangenen Jahr war es zwar vor allem das ZDF, das im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit stand, weil der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) angekündigt hatte, dass er gegen die Verlängerung des Vertrags mit Chefredakteur Nikolaus Brender stimmen werde. Deutlich wurde in dieser unschönen Auseinandersetzung jedoch wieder einmal, wie selbstverständlich für viele die ungute Symbiose zwischen Politik und öffentlich-rechtlichen Sendern immer noch ist. Auch die ARD ist seit ihren Anfängen nicht frei von der politischen Farbenlehre, die die Posten in den Anstalten gern nach Parteiticket besetzt.

Bereits vom britischen Gründer und ersten Chef des NWDR, Hugh Carlton Greene, ist eine Anekdote überliefert, in der er schildert, wie er vergeblich gegen den Einfluss der Parteien in den deutschen Rundfunkanstalten kämpfte. Nachdem er den Sender an den Generaldirektor Adolf Grimme übergeben hatte, setzte sich Greene in seiner Abschiedsrede noch einmal dafür ein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk staatlichen und parteipolitischen Einflüssen "so weit wie möglich entzogen" sein müsse. Danach habe ihm Max Brauer, der Hamburger Bürgermeister, ins Ohr geflüstert: "Sie werden Ihr Ziel nicht erreichen, Mister Greene, sie werden es nicht erreichen." Greene selbst beobachtete, wie die Parteien später ihren Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland weiter ausbauten: "Immer öfter wurden Intendantenposten und andere leitende Stellungen nach parteipolitischen Rücksichten besetzt. In den Funkhäusern trat der Proporz die Herrschaft an."

Gutsherrenmentalität

Der frühere ARD-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf schrieb vor einiger Zeit optimistisch in der "Funkkorrespondenz", bei der ARD sei der "Proporzstern inzwischen stark verblasst. Es gab Intendantenberufungen ohne die Frage nach der Parteiorientierung und solche gegen den erklärten Willen von Landesregierungen des Sendegebiets." Doch die Parteien scheinen den Anspruch, die Spitzenposten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk besetzen zu können, noch nicht aufgegeben zu haben. Dass Regierungssprecher Ulrich Wilhelm (CSU) kürzlich zum Intendanten des BR gewählt wurde, zeugt in dieser Beziehung nicht gerade von politischer Sensibilität.

Befördert wird die Gutsherrenmentalität der Politiker in den Gremien von Anstaltsinsassen, die der Meinung sind, die öffentlich-rechtlichen Sender könnten nur überleben, wenn sie den Politikern erlauben, kräftig in sie hineinzuregieren. Dies sei gewissermaßen der Preis, den die Sender für regelmäßige Gebührenerhöhungen und den Schutz gegen allzu unverschämte Forderungen der Lobbyisten von Privatsendern und Verlegern zu zahlen hätten. Auch in der ARD ist diese Denkungsart verbreitet, auch hier gibt es nicht wenige, die fürchten, die ARD-Sender könnten in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, wenn sie sich aus der Umklammerung durch die Politik befreiten. Nicht wenige in den Anstalten haben sich daher beizeiten auf das Links-Rechts-Strickmuster eingestellt und ein entsprechendes Parteiticket gebucht, um leichter in der Hierarchie aufsteigen zu können.

In der Tat braucht die ARD starke Freunde, zumal die Angriffe vonseiten der Lobbyisten der Verleger und Privatsender nicht nachlassen. Zurzeit sind es vor allem die Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender im Internet, allen voran das Angebot "tagesschau.de", die die Lobbyisten auf die Barrikaden bringen. Nachdem im Februar bekanntgeworden war, dass der Rundfunkrat des NDR das Telemedienkonzept für "tagesschau.de" in einer Beratungsvorlage für die ARD-Gremien im Großen und Ganzen befürwortet, sprach der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger, Wolfgang Fürstner, von einer "Kampfansage an alle frei finanzierten Medien". Der VDZ forderte die Rechtsaufsicht des NDR, das Land Niedersachsen bzw. die Stadt Hamburg auf, "diesem Freibrief des Rundfunkrates im Interesse der freien Presse entgegenzutreten".

Kontakt zu jungen Mediennutzern

In der Diskussion wird häufig so getan, als wolle die ARD das Angebot "tagesschau.de" ins Uferlose ausbauen. Das Gegenteil ist der Fall. Im Drei-Stufen-Test geht es um eine Bestandsprüfung, nach der die Redakteure des Online-Angebots wohl gut die Hälfte des bisherigen Angebots aus dem Netz nehmen müssen (vieles ist in den Online-Angeboten der ARD bereits "depubliziert" worden, wie der Vorgang intern heißt).

Unstrittig ist, dass ARD und ZDF im Internet vertreten sein müssen, wenn sie den Kontakt zu den jungen Mediennutzern nicht völlig verlieren wollen. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Rundfunkurteil von 1991 sehr weitsichtig ausgeführt, dass sich die "Bestands- und Entwicklungsgarantie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk" auch "auf neue Dienste mittels neuer Techniken" erstreckt, "die künftig Funktionen des herkömmlichen Rundfunks übernehmen können". Diese Entwicklungsgarantie versuchen die Lobbyisten der Verleger und Privatsender den öffentlich-rechtlichen Sendern in der hitzigen Debatte um "tagesschau.de" und die sogenannte App offenbar streitig zu machen. Hier müssen auch die Medienpolitiker aufpassen, dass der Drei-Stufen-Test nicht als Instrument missbraucht wird, um innovative Angebote der ARD im Internet zu verhindern.

An den Auseinandersetzungen um den im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag vorgeschriebenen Drei-Stufen-Test für die Telemedien von ARD und ZDF zeigt sich, dass das Gesetz nicht ausgereift ist. Der Medienrechtler Wolfgang Schulz vom Hans-Bredow-Institut beklagte kürzlich "hypertrophe Auswüchse" des Verfahrens: "Im Einzelfall können die Gutachten mehr kosten als der begutachtete Dienst selbst." Die dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag beigefügte Negativliste der Angebote, die öffentlich-rechtliche Telemedien nicht anbieten dürfen, führte dazu, dass beispielsweise der HR einen Kalender mit Kulturterminen aus seinem Angebot entfernte.

Bunkermentalität

Das politische Spannungsverhältnis, in dem sich die ARD angesichts dieser Gemengelage befindet, ist in der Tat nicht einfach. Soll sie nicht lieber die freundliche Umarmung durch die Politik hinnehmen, um so gegen rundfunkpolitische Angriffe von interessierter Seite gefeit zu sein? Es fällt auf, dass die ARD-Sender sich angesichts der zahlreichen Angriffe von außen zunehmend in einer Art Bunkermentalität verschanzen. Olaf Zimmermann und Gabriele Schulz, die Autoren der vom Kulturrat herausgegebenen Studie "Der WDR als Kulturakteur. Anspruch – Erwartung - Wirklichkeit", schreiben in ihrer Bewertung der für den WDR im Großen und Ganzen sehr positiven Studie, auffallend sei, dass der große starke WDR auf Kritik "teilweise scharf" reagiere. Es könne nicht sein, "dass der WDR nicht der Beste ist".

Sie empfehlen dem Sender, sich "seiner strukturellen Macht" bewusst zu werden, diese kritisch zu hinterfragen, "da es eine geliehene Macht ist", und sehr sorgsam mit ihr umzugehen. "Wenn der WDR den Kontakt zu den Menschen verliert, die Kultur machen und Kultur genießen, wenn seine Glaubwürdigkeit dort leidet, dann helfen ihm auch alle Statistiken nicht. Der WDR muss ein normales Verhältnis zu seiner Stärke entwickeln, dann braucht er keine Überheblichkeit und kann als Sender der Superlative selbstbewusst seine kulturellen Leistungen zeigen."

Auch für die ARD gilt, dass sie ebenso selbstbewusst und selbstverständlich mit Kritik umgehen sollte, wie sie sich den Spannungen stellen muss, denen sie aufgrund ihrer Struktur permanent ausgesetzt ist. "Die ARD macht uns keiner nach", seufzen ARD-Verantwortliche gern resigniert, wenn die Vielstimmigkeit wieder einmal überhandnimmt. Doch es ist diese Vielstimmigkeit, die die ARD so einzigartig macht. Und das sollte sich auch in ihren Programmen spiegeln.


Diemut Roether ist verantwortliche Redakteurin des Fachdienstes epd medien. Ihr Artikel ist dort in der Ausgabe 40/41 2010 erstmals erschienen. Der Artikel basiert auf einem Aufsatz, der in "Aus Politik und Zeitgeschichte" Nr. 20/2010 erschien. Anlässlich des 60. Jubiläums der ARD widmete die Publikation dem Senderverbund eine eigene Ausgabe.

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