Tacheles: Meint der Papst es ernst mit der Ökumene?

Nikolaus Schneider und Bascha Mika

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider (links), diskutiert mit der Publizistin Bascha Mika über den Papst und die Ökumene. Fotos: epd-bild/Stefan Arend, dpa/Alexander Becher

Pro & Contra - Die evangelische Fernsehtalkshow "Tacheles" aus der Marktkirche in Hannover befasst sich in der aktuellen Sendung mit dem bevorstehenden Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland. Meint das katholische Kirchenoberhaupt es ernst mit der Ökumene? Ja, sagt der EKD-Ratsvorsitzende Präses Nikolaus Schneider. Nein, betont die Publizistin und frühere "taz"-Chefin Bascha Mika. Die Sendung mit Schneider, Mika und weiteren Gästen wird am Donnerstag aufgezeichnet und am Sonntag auf Phoenix ausgestrahlt.

Pro - Nikolaus Schneider: "Der Papst und ich sehen vieles ähnlich"

Ich freue mich darauf, den Papst auf seiner Deutschlandreise zu treffen. Wir werden im Augustinerkloster miteinander sprechen, dem Ort, an dem Martin Luther zum Priester geweiht wurde und seine erste Messe gehalten hat. Ich sehe es als ein positives Zeichen, dass wir uns an einem für uns Protestanten so hoch symbolischen Ort über ein gemeinsames Miteinander von Katholiken und Protestanten austauschen werden.

Natürlich wird dieses Gespräch nicht die Lösung aller Probleme mit sich bringen. Der Papst hat uns Protestanten verletzt, auch mich persönlich, als er die katholische Kirche als "einzig wahre Kirche" bezeichnet und uns den Kirchenstatus abgesprochen hat. Ich lebe allerdings in der getrosten Gewissheit, dass nicht der Papst in Rom über diese Frage entscheidet, sondern Gott. Man sollte aber unter Geschwistern anders miteinander umgehen, mit Respekt und auf Augenhöhe.

Ökumene ist keine akademische Veranstaltung der Kirchen, sondern hat vor allem mit dem Leben der Gläubigen zu tun. Wenn in einem Land wie Deutschland, in dem die Konfessionen etwa gleich verteilt sind, die evangelischen und katholischen Christen nicht gemeinsam das Abendmahl feiern können, ist das ein Problem.

Der Papst und ich sehen aber vieles ähnlich, beispielsweise wenn es darum geht, den Armen eine Stimme zu geben, wenn wir uns für eine gerechtere Welt einsetzen. Und vor allem bei Jesus Christus. Wir Menschen sind das Volk Gottes, nicht das des Papstes, eines Bischofs oder eines Präses. Das sieht auch Papst Benedikt so.

Ökumene heißt für mich, Verschiedenheiten zu akzeptieren. Es muss nicht alles eine Einheit sein. Es gibt dieses schöne Zitat aus Johannes 17, das hohe priesterliche Gebet Christi. Jesus wünscht sich, dass wir eins sind, damit die Welt glaube. Die Einheit ist also kein Ziel in sich, sondern die Einheit hat eine Funktion.

In diesem Sinne befinden wir uns in einer glorreichen Zeit des Zusammen-wachsens. Bildlich gesprochen stehen wir auf einer Treppenstufe, auf der es nicht weiter geht, aber auf der die nächste Treppenstufe langsam in Sicht kommt. Der Papstbesuch könnte ein Anlass sein, um auf die nächste Stufe zu kommen. Ich bin davon überzeugt, dass es Papst Benedikt ein ehrliches Anliegen ist, ein echtes ökumenisches Miteinander zu erreichen. Dafür setzen wir uns schon lange ein.

Nikolaus Schneider ist rheinischer Präses und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).


Contra - Bascha Mika: "Der Papst hat alle Hoffnungen enttäuscht"

Die Begeisterung für den Papst ist abgekühlt. Umfragen zeigen, dass es der Hälfte der Befragten egal ist, ob das Oberhaupt der katholischen Kirche nach Deutschland kommt. Kein Wunder: In vielen Punkten ist Benedikt vor allem ein Ärgernis: Sein Autoritätsverständnis und sein Umgang mit Frauen sind nicht tragbar in einer aufgeklärten Gesellschaft.

Spannend ist: Ein Großteil der deutschen Katholikinnen sieht das ebenso. Die Mehrheit der katholischen Frauen spricht sich für eine Öffnung des Priesteramts für Frauen aus und ist gegen den Zölibat. Es kann doch nicht sein, dass Frauen in der katholischen Kirche putzen dürfen, den Großteil der ehrenamtlichen Arbeit in den Gemeinden leisten, aber keine leitenden Ämter bekleiden und es nicht wert sind, mit Priestern verheiratet zu sein. Alle theologischen Begründungen dafür sind Humbug. Ebenso wie für den Zölibat.

Wenn der EKD-Ratsvorsitzende Präses Schneider den Papst trifft, sollte er ihm beschreiben, wie toll es ist, Frauen überall dabei zu haben. "Die Kirche geht garantiert nicht an den Frauen zu Grunde" - das sollte er seinem Kollegen mal sagen. Ob Joseph Ratzinger ihm zuhört, ist eine andere Frage. Für Erneuerung in der katholischen Kirche gibt es zurzeit überhaupt keine Anzeichen.

Dabei hat Ratzinger als er ins Amt kam, Hoffnungen geweckt und in Deutschland eine regelrechte Papstmanie ausgelöst: Ja, er war ein Hardliner, hieß es, aber jetzt muss er für die gesamte katholische Kirche sprechen und wird dadurch offener sein. Das stimmt eben nicht. Benedikt hat diesen gemeingefährlichen Kerl von der Piusbruderschaft zurück in die Kirche geholt. Er hat sich einiges in Bezug auf die Muslime und Protestanten geleistet. Ich erwarte von diesem Papst nichts mehr. Er hätte genügend Gelegenheiten gehabt, positive Zeichen für die Zukunft zu setzen – von der Ökumene bis zur Annäherung an den Islam. Er hat es nicht getan.

Dabei glauben Katholiken und Protestanten an denselben Gott und an denselben Christus. Es gibt unterschiedliche theologische Auffassungen, aber das sollte eigentlich kein unüberwindbares Hindernis sein. Zumal viel Ideologie hinter den Differenzen steckt. Es ist immer von Übel wenn Vertreter einer Religion behaupten, im Besitz des einzig wahren Glaubens zu sein. Und das gibt es leider auf beiden Seiten. Es geht also auch darum, Arroganz und Selbstgerechtigkeit zu überwinden. Doch das wird mit Papst Benedikt schwer möglich sein.

Prof. Bascha Mika lehrt an der Hochschule der Künste in Berlin und war Chefredakteurin der "tageszeitung".


Die "aktuelle "Tacheles"-Sendung wird am heutigen Donnerstag, 15. September, von 19 Uhr bis 20.30 Uhr in der Marktkirche Hannover aufgezeichnet. Einlass ist ab 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Jan Dieckmann moderiert die Sendung, zu den Gästen gehören neben Schneider und Mika auch der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke sowie Matthias Matussek, Autor des Buches "Das katholische Abenteuer – eine Provokation".

Im Anschluss an die Fernsehaufzeichnung können die Zuschauer erstmals ihre eigenen Fragen an die prominenten Gäste richten. Die Antworten werden im Internet unter www.tacheles.tv zu sehen sein. Der öffentlich-rechtliche Sender Phoenix strahlt "Tacheles" am Sonntag, 18. September um 13 Uhr und 24 Uhr, am Mittwoch, 21. September im Rahmen der aktuellen Phoenix-Berichterstattung zum Papstbesuch und am Sonntag, 2. Oktober um 17 Uhr aus. Die Talkshow wird getragen von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der hannoverschen Landeskirche und der Klosterkammer Hannover.

Kommentare

Verfasst von Gast am 20. September 2011 - 12:09.

ohne

Ich habe selten eine so belanglose Phrasendrescherei gesehen wie in dieser...

Ich habe selten eine so belanglose Phrasendrescherei gesehen wie in dieser Sendung.

Ein Wort zu Frau Mika: Sie war Chefredakteurin der taz. Ich verbitte mir von dauerbeleidigten linken Plerrern und Polemikern eine Belehrung darüber, wie wir Christen-die unter ihrer Ägide nicht selten verhöhnt wurden-unser Leben und unser Miteinander regeln sollen.

Ein Wort zu Präses Schneider: Wie weit weg Ihr doch alle von der Basis seid-katholische wie evangelische Würdenträger, wie weit weg...

P.S.: Frau Mika ist Honorarprofessorin der Universität der Künste Berlin.

Verfasst von Br. Bernd OFS am 16. September 2011 - 0:26.

Die Gegenüberstellung von 2

Die Gegenüberstellung von 2 Sätzen aus der "Stellungnahme"...

Die Gegenüberstellung von 2 Sätzen aus der "Stellungnahme" von Frau Mika sagt für mich eigentlich alles:

Zitat 1:
"Es ist immer von Übel wenn Vertreter einer Religion behaupten, im Besitz des einzig wahren Glaubens zu sein."

Zitat 2:
"Es kann doch nicht sein, dass Frauen in der katholischen Kirche putzen dürfen, den Großteil der ehrenamtlichen Arbeit in den Gemeinden leisten, aber keine leitenden Ämter bekleiden und es nicht wert sind, mit Priestern verheiratet zu sein.
Alle theologischen Begründungen dafür sind Humbug. Ebenso wie für den Zölibat." (Hervorhebung durch mich).

pace e bene
Bruder Bernd

Verfasst von Paul Haverkamp, Lingen am 15. September 2011 - 18:34.

Einschätzung von Herrn Schneider ist reichlich blauäugig

Der frühere Rats-Vorsitzende der EKD hat es auf den Punkt gebracht bei der...

Der frühere Rats-Vorsitzende der EKD hat es auf den Punkt gebracht bei der Beantwortung der Frage, was er vom Papst-Besuch erwartet, nämlich „Nichts“.

Als einer seiner Nachfolger muss Herr Schneider wohl „gutes Wetter“ machen, wenn er sich wie folgt vernehmen lässt:

„Ich bin davon überzeugt, dass es Papst Benedikt ein ehrliches Anliegen ist, ein echtes ökumenisches Miteinander zu erreichen. Dafür setzen wir uns schon lange ein.“

Wie blauäugig und naiv ist Herr Schneider eigentlich?

Dieser Papst mag noch so „väterlich“ blicken und noch so „gutmütig“ lächeln; doch keiner sollte sich irgendwelchen Illusionen hingeben: Solange dieser Papst das maßgeblich von ihm miterfasste Schreiben Dominus Jesus, das unter Johannes Paul II. im Jahre 2000 veröffentlicht wurde und das während des Pontifikats des heutigen Papstes noch einmal erneuert wurde, nicht zurückgenommen wird und dieser nicht Papst erklärt, dass er bereit ist, mit den Kirchenvertretern ein Gespräch par cum pari zu führen, sind all diese Begegnungen nur Schau- bzw. Alibiveranstaltungen für die Medien.

Paul Haverkamp, Lingen

Verfasst von Moorblume am 20. September 2011 - 13:47.

Ökumene

Wer wohl den Herrn Schneider noch für 'reichlich blauäugig' einschätzt?! Ein...

Wer wohl den Herrn Schneider noch für 'reichlich blauäugig' einschätzt?!
Ein Mitglied der EKD u.a.
Die wahre biblische Ökumene ist sowieso eine andere, wie sie viele Kirchenfürsten und Laien erstreben...

Verfasst von N. N. am 15. September 2011 - 17:20.

M. Kock

Du liebe Güte, was beisst sich evangelisch.de an diesem Thema seit Wochen fest...

Du liebe Güte, was beisst sich evangelisch.de an diesem Thema seit Wochen fest! Das gestrige veröffentlichte Gespräch mit Herrn Kock ist m. E. dazu erschöpfend.

Bitte kommen Sie zu wesentlicheren Themen, z. B. die Verarmung der staatstragenden arbeitenden Basis der Gesellschaft sowie diejenigen, die keine Arbeit mehr finden oder durch Zeitarbeitsverträge vom Mammon domestiziert werden. Die Einlassungen der beiden Kirchen sind für mich absolut unzureichend!

Verfasst von Gast am 16. September 2011 - 9:43.
Kommentar auf: M. Kock

so ists

N. N. schrieb:Du liebe Güte, was beisst sich evangelisch.de an diesem Thema...

N. N. schrieb:
Du liebe Güte, was beisst sich evangelisch.de an diesem Thema seit Wochen fest! Das gestrige veröffentlichte Gespräch mit Herrn Kock ist m. E. dazu erschöpfend.

Bitte kommen Sie zu wesentlicheren Themen, z. B. die Verarmung der staatstragenden arbeitenden Basis der Gesellschaft sowie diejenigen, die keine Arbeit mehr finden oder durch Zeitarbeitsverträge vom Mammon domestiziert werden. Die Einlassungen der beiden Kirchen sind für mich absolut unzureichend!

so ists - die Einlassungen der beiden Kirchen sind absolut unzureichend! Und wirklich, dies ist DAS Thema heutzutage. Wenn man bedenkt, dass die "Kirchen" in den Gremien der Bundesregierung sitzen und ein Wórtchen mitreden bei Rente, bei Mindestlöhnen usw., dann fragt man sich, wenn man dann die "Aussen/Verlautbarungen hört", was denn nun die Wahrheit ist. Immerhin gehts hier auch um die Ökumene in einer anderen Form. Ausgehend von den Entwicklungen, die anders verliefen/verlaufen, als der Auftrag des Frauen/Kabinetts war, kann man nur auf die Offenbarung blicken und fragen "an welcher Stelle stehen wir" falls wirss nicht wissen.
Herrn Schneiders Job ist nicht einfach, aber so ist es und nicht anders: wir sich Christ nennt und es auch ist, gehört zum Volk Christi. Die Entscheidung liegt bei Gott aber wir dürfen nicht vergessen, dass ER das diesseitige Leben, die Haut gewissermassen, für ALLE Menschen gab . Die Entwicklungen "danach" haben wir auch hier in der Hand und deshalb ist es notwendig, dass die "Kirchen" das tun, was Christus vorgab. Das betrifft das tägliche Leben mit allem was dazu gehört

Verfasst von ernstwalter am 15. September 2011 - 16:11.

Meint Nikolaus Schneider es ernst mit der Ökume?

Wir spekulieren. Ist das Sinnvoll? Ist die Fragestellung ernst gemeint oder nur...

Wir spekulieren. Ist das Sinnvoll? Ist die Fragestellung ernst gemeint oder nur??? Ist es sinnvoll alle christlichen "Gemeinschaften" unter einen Hut zu bringen? In der Demokratie müssen sich verschiedene Parteien immer wieder im Parlament "einigen". Verschiedene Meinungen bedeuten nicht Feindschaft. Sagen wir es so-in der der DDR war die SED keine gute Lösung.Vorsicht ist geboten. Mit besten Gruß Walter Wasilewski

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