Missbrauch - Medien stellen die Wirklichkeit verzerrt dar. Auch beim Thema Missbrauch und Kirche, sagt der Kriminologe Hans-Ludwig Kröber. Evangelisch.de ist dem Vorwurf nachgegangen.
Das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche drängte in den vergangenen Wochen – wieder einmal! – in die Schlagzeilen. Ausgelöst durch die Offenlegung von Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg sieht sich die katholische Kirche mit einer Debatte über Vertuschung konfrontiert. Was aber noch stärker am Image der Kirche und ihrer Würdenträger kratzt, ist der Eindruck, bei pädophilen Priestern handele es sich nicht mehr um einzelne schwarze Schafe, sondern ganze schwarze Herden.
Zu Unrecht, findet der Kriminologe Hans-Ludwig Kröber, der an der Berliner Charité über Pädophilie forscht und auch einer Expertenkommission des Vatikans zu diesem Thema angehörte. "Normale Personen" begingen nach der Kriminalstatistik häufiger sexuelle Missbrauchsdelikte als Priester und kirchliche Mitarbeiter, sagte Kröber. Er hat offizielle Statistiken ausgewertet und diese mit den Angaben des "Spiegels" verglichen, wonach es seit 1995 94 Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs durch Priester, Ordensleute oder kirchliche Mitarbeiter gegeben haben soll. Daher könne auch der Zölibat "wohl nicht als wesentliche Quelle des Kindesmissbrauchs angesehen werden".
Bruchteil des Problems?
Geschieht den Priestern und dem Zölibat also Unrecht, wenn behauptet wird, gerade der Zwang zur sexuellen Enthaltsamkeit bzw. die zwangsweise Entsexualisierung der Priester bereite den Boden für sexuellen Missbrauch oder sexualisierte Gewalt an Minderjährigen? Und entsteht dieser falsche Eindruck womöglich nur dadurch, dass die Medien nun massenhaft über Missbrauchsfälle in der Kirche berichten und dabei übersehen, dass diese nur einen Bruchteil des eigentlichen Problems ausmachen?
Hans Mathias Kepplinger lehrt Kommunikationswissenschaften in Mainz. Zu seinen Spezialgebieten gehört die sogenannte Bias-Forschung. Einfach ausgedrückt geht er der Frage nach, wie Journalisten mit ihrer Berichterstattung die Wirklichkeit verzerren und damit ein falsches Bild von der Gesellschaft zeichnen.
Erhöhte Aufmerksamkeit
Dies geschieht Kepplinger zufolge ständig - und auch im Fall der Berichterstattung über sexuellen Missbrauch in den Reihen der Kirche. "Am Anfang der Berichterstattung steht in der Regel ein Schlüsselereignis, das aus Sicht der Journalisten und Leser besonders herausragend ist. In diesem Fall war dies die Enthüllung über die Vorfälle am Canisius-Colleg", sagt er. Die Folge sei dann, dass es eine erhöhte Aufmerksamkeit für diesen Typus des Ereignisses - aktuell das Thema Missbrauch - gebe. Dies verursache dann Verzerrungen in der Berichterstattung. "Journalisten fangen an, in den Archiven nach vergleichbaren Fällen zu suchen. Durch den Rückgriff auf diese Fälle entsteht der Eindruck einer ungewöhnlichen Häufung, die aber nicht der Wirklichkeit entspricht", sagt Kepplinger.
Die Medien surfen sozusagen auf einer selbstproduzierten Welle. Sie schaffen Aufmerksamkeit für ein Ereignis, anschließend berichten sie über weitere Fälle, die längst bekannt sind oder gehen sogar dazu über, über Fälle zu berichten, die nur indirekt mit dem Schlüsselereignis zu tun haben. Als Beispiel nennt Kepplinger die Berichterstattung über Industrieunfälle, die er untersucht hat. Nach einem Unfall bei der Höchst AG mit ortho-Nitroanisol 1993 sei über eine Reihe weiterer Störfälle berichtet worden, die keine eigentlichen Störfälle und de facto harmlos gewesen seien, sagt Kepplinger. In der Öffentlichkeit sei aber der Eindruck entstanden, bei Höchst gehe es "drunter und drüber" und das Unternehmen sei eine Gefahr für Mensch und Umwelt.
Moralisch ruiniert
Für ein Unternehmen, aber auch im aktuellen Fall die Kirche, sei eine solche Berichterstattung verheerend. "Alles gerät in den Strudel des Schlüsselereignisses, alles wird künstlich ähnlich gemacht und am Ende stehen die, über die berichtet wird, als moralisch ruiniert da."
Eine verzerrte Berichterstattung hat auch Konsequenzen für das Publikum. Journalisten berichteten stets über das Besondere und selten über das Normale. "Deshalb haben Menschen vor den falschen Dingen Angst. Sie fürchten eine Lebensmittelvergiftung, die extrem selten eine Todesursache ist. Megakiller wie Diabetes fürchten sie aber nicht. Sie haben Angst vor Mord, übersehen aber, dass in Deutschland vor allem Raubüberfälle extrem zugenommen haben, während Tötungsdelikte selten sind und zudem abgenommen haben. Und auch Kriminologe Kröber sagt: "Das Ärgerliche an der Debatte ist unter kriminologischem und Kinderschutz-Aspekt derjenige, dass die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Bereich gelenkt wird, aus dem den Kindern zumindest in Deutschland in Wahrheit am wenigsten Gefahr droht."
Falsche Schlussfolgerung?
Ist die katholische Kirche also Opfer der verzerrten Mediendarstellung? Ganz so definitiv lässt sich dies nicht sagen, es fehlen nämlich unbestreitbare statistische Untersuchungen darüber, ob Priester, die im Zölibat leben, häufiger zu Missbrauchstätern werden als andere Männer.
Statistikprofessor Thomas Augustin von der Universität München hat sich die Rechnung des Kriminologen Kröber einmal genauer angesehen. Mathematisch sei die Rechnung im Wesentlichen korrekt, sagt er. Was die Frage angeht, ob dieser Berechnungen schon die Schlussfolgerung zulassen, Priester und Kirchenmitarbeiter liefen nicht so leicht Gefahr, zu Missbrauchstätern zu werden, ist Augustin aber skeptischer.
Kröber hatte die Anzahl der Priester, kirchlichen Mitarbeiter und Ordensleute (600.000 in Deutschland) ins Verhältnis zu den Verdachtsfällen auf Missbrauch seit 1995 (laut "Spiegel" 94) gesetzt. Die Daten verglich Kröber dann mit den Missbrauchsfällen in Deutschland in diesem Zeitraum insgesamt (210.000) und der Zahl der männlichen Bevölkerung ab 20 Jahren (ca. 33 Millionen).
Hohe Dunkelziffer
Eine Datenbasis, die laut Augustin nicht genau zur Fragestellung passt. Zum einen sei denkbar, dass bei den 600.000 Kirchenmitarbeitern auch Frauen mitgezählt worden seien, womit bereits ein falscher Vergleichswert gewählt worden wäre. Ein anderes Problem sei, dass Kröber logischerweise nur die bekanntgewordenen Fälle habe vergleichen können. "Das reicht aber nur, wenn man davon ausgeht, dass die Dunkelziffer der Missbrauchsfälle durch Priester und Kirchenmitarbeiter genau der in der Normalbevölkerung entspricht", sagt Augustin. "Es gibt aber gerade viele Kritiker, die behaupten, dass die Dunkelziffer im kirchlichen Bereich höher ist."
Und noch einen Punkt sieht Augustin kritisch. Aus den Zahlen lasse sich keine zwingende Aussage darüber ableiten, ob das Zölibat an sich Missbrauch befördere oder im Gegenteil Missbrauch eher verhindere. Selbst wenn nachgewiesen werden könne, dass katholische Priester seltener zu Missbrauchstätern werden, könne das Zölibat immer noch ein Faktor sein, der Missbrauch wahrscheinlicher mache, sagt Augustin. "Stellen sie sich als Gedankenexperiment vor, ein Amt als Priester verringert die Wahrscheinlichkeit, Missbrauchstäter zu werden im Vergleich zur Normalbevölkerung um den Faktor zehn. Etwa weil Priester besonders hohe moralische Ansprüche an sich selbst stellen", erklärt Augustin. "Dann kann es aber immer noch sein, dass das Zölibat die Wahrscheinlichkeit, Missbrauchstäter zu werden, beispielsweise um den Faktor zwei erhöht."
Keine Aussage über das Zölibat
Wenn man die Gruppe der Priester, die im Zölibat leben, dann statistisch untersuchte, würde man in einem solchen Fall immer noch feststellen, dass diese seltener zu Missbrauchstätern werden, obwohl das Zölibat an sich eher das Gegenteil bewirke. "Um eine statistisch gesicherte Aussage über die tatsächliche Wirkung des Zölibats auf die Missbrauchshäufigkeit zu treffen, müsste man katholische Priester, die im Zölibat leben, mit solchen vergleichen, die das nicht tun – und dann eigentlich noch zusätzlich annehmen, dass die Entscheidung für oder gegen den Zölibat zufällig und nicht in Abhängigkeit einer bereits vorhandenen Neigung getroffen worden ist.
So ganz überzeugend oder eindeutig ist die Verteidigung der katholischen Kirche durch den Kriminologen Kröber also nicht. Zumal es in der aktuellen Debatte im Kern nicht nur um den Missbrauch innerhalb der Kirche, sondern auch um die Frage geht, ob die Kirche Verdachtsfälle jahrelang vertuscht hat. Eine Untersuchung, ob die berühmte Dunkelziffer bei Missbrauch, wie die Kritiker behaupten tatsächlich höher ist als in der Normalbevölkerung, wäre im wahrsten Sinne des Wortes erhellend.
Henrik Schmitz ist Redakteur bei evangelisch.de und betreut die Ressorts Medien und Kultur.

Kommentare
Besonderes Interesse
Unabhängig davon, ob katholische Priester nun tendentiell öfter Missbrauchen oder nicht, gibt es aber doch noch andere Gründe, die eine gesteigerte Berichterstattung rechtfertigen:
Eben das Priester/Kirchenmitarbeiter eine besondere moralische Instanz sind. Der Mechanismus Wasser predigen, Wein trinken, der in den letzten Tagen so wortspielerisch überstrapaziert wurde, greift doch auch hier. Wenn Menschen eben gegen die selbst verbreiteten und vertretenen Regeln verstoßen, hat das Anrecht auf ein besonderes Interesse.
Dann kommt dazu, dass Kirchenmitarbeitern aller Art ein besonders hohe Maß an Vertrauen entgegengebracht wird, auch hier wird in solchen Fällen eine Erwartungshaltung enttäuscht. Was ebenfalls besondere Aufmerksamkeit nach sich zieht.
Und nicht zuletzt ist auch die eben mangelhafte Aufklärungsbereitschaft und Informationspolitik der katholischen Kirche Mitschuld, dass Medien konstant am Thema bleiben.
Jannis | evangelisch.de
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Das sprichst Du in der Tat
Da sprichst Du in der Tat noch einen wichtigen Aspekt an! Danke!
HenrikSchmitz schrieb: "Da
HenrikSchmitz schrieb: "Da sprichst Du in der Tat noch einen wichtigen Aspekt an! Danke!"
Welchen?
Jannis schrieb::
Eben das Priester/Kirchenmitarbeiter eine besondere moralische Instanz sind. Der Mechanismus Wasser predigen, Wein trinken, der in den letzten Tagen so wortspielerisch überstrapaziert wurde, greift doch auch hier.
Das Priester eine besondere moralische Instanz sind, rechtfertigt allerdings nicht, dass die Darstellung so aussieht, als wäre Missbrauch ein spezifisches Problem der (Katholischen) Kirche.
Ich empfinde es so, dass der sorgsame Umgang mit Formulierungen entweder nicht mehr als journalistische Aufgabe betrachtet wird und/oder erläuternde Hintergrundinformationen nicht mehr recherchiert werden (können?). Die "schnelle" Meldung scheint, in den letzten Jahren, wichtiger geworden zu sein. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Qualität des Journalismus, in den letzten Jahrzehnten gelitten hat. Ein gutes Beispiel ist hier auch die "Berichterstattung" über die Afganistan-Worte in der Predigt von Frau Käßmann.
"Wenn Menschen eben gegen die selbst verbreiteten und vertretenen Regeln verstoßen, hat das Anrecht auf ein besonderes Interesse.
Dann kommt dazu, dass Kirchenmitarbeitern aller Art ein besonders hohe Maß an Vertrauen entgegengebracht wird, auch hier wird in solchen Fällen eine Erwartungshaltung enttäuscht. Was ebenfalls besondere Aufmerksamkeit nach sich zieht.
Und nicht zuletzt ist auch die eben mangelhafte Aufklärungsbereitschaft und Informationspolitik der katholischen Kirche Mitschuld, dass Medien konstant am Thema bleiben."
Die "mangelnde Aufklärungsbereitschaft" bezieht sich auch auf die aktuellen Vorfälle? Was hätte der Orden der Jesuiten denn noch (besser) machen sollen?
Wenn es nicht auf eine zu vermutende Anzahl, sondern um die moralische Position von Geistlichen/Kirchenmitarbeitern geht; warum wurde dann nicht ebenso öffentlich über den Vorfall in der Nordelbischen Landeskirche berichtet? Bei evangelisch.de wurde die Meldung "lediglich" in die Berichterstattung über die Sexualisierte Gewalt eingebaut.
Und wenn die Berichterstattung (auch auf evangelisch.de) nicht Fachleute, sondern Kritiker zu Wort kommen läßt, die einen Zusammenhang zwischen Missbrauch und Zölibat herstellen können, verweist die Journalistische Auswahl der zitierten oder kommentierenden Stimmen dann nicht darauf, dass eine Meinung (über Zusammenhänge) nicht in den Vordergrund gestellt werden soll? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein/e Redakteur/Redaktion Zitate oder Kommentierungen bringt, die für falsch oder zumindest fragwürdig gehalten werden.
Bernd
kritik
Lieber Bruder Bernd,
gerade die von Dir angesprochene "schnelle Meldung" und damit Vermeldung unterscheidet sich doch sehr von dem Text meines Kollegen Herrn Schmitz. Hier wurde sehr sorgsam und tiefgründig recherchiert, die Protagonisten hatten die Möglichkeit, sich zu äußern und zu erklären. In dem Beitrag kommen explizit zwei Fachleute zu Wort (Kröber, Kepplinger), welche die katholische Kirche verteidigen. Zudem klärt der Artikel darüber auf, wie durch Medienberichterstattung auch ein verzerrter Eindruck entstehen kann. Der Text ist damit auch selbstkritisch. Dass Herr Schmitz noch einen Statistiker konsultiert hat, um die Aussagen von Herrn Kröber einzuordnen, ist übrigens Teil der guten Recherche.
Ich bin sehr froh, diesen Text auf evangelisch.de anbieten zu können. Ich wähle bewusst das Wort "anbieten", denn wir machen Euch mit unseren Inhalten ein Angebot. Dies könnt Ihr mögen, annehmen oder kritisieren - überzeugen wollen wir niemanden.
Viele Grüße, Melanie
Re: Kritik
Liebe Melanie,
nun muss ich Bruder Bernd mal ein klein wenig unterstützen. Der von Dir genannte tiefgründige, sorgsam recherchierte Text von Henrik Schmitz, der sich gerade mit einer möglichen Verzerrung in der Berichterstattung über die Missbrauchsfälle befasste, war bislang doch eher eine Ausnahme. Die übrigen Artikel auf evang.de waren deutlich aus evangelischer Perspektive verfasst und haben zum Beispiel von Anfang an einen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und dem Missbrauch angenommen, obwohl der sich anscheinend ja nicht beweisen lässt. Mich hat diese Berichterstattung nicht gestört, aber ich kann mir schon vorstellen, dass der eine oder andere Katholik daran Anstoß nimmt.
Ich stimme Bernd jedenfalls zu, wenn er schreibt:
„Dass Priester eine besondere moralische Instanz sind, rechtfertigt allerdings nicht, dass die Darstellung so aussieht, als wäre Missbrauch ein spezifisches Problem der (Katholischen) Kirche.“
Ja, sexueller Missbrauch ist nicht nur ein Problem der Katholischen Kirche. Er tritt vorwiegend im sozialen Nahraum auf, also in der Familie, in Heimen, Sportvereinen oder eben auch kirchlichen Einrichtungen wie Schulen und Internaten. Das heißt, er tritt dort auf, wo Kinder verfügbar sind, wo Erwachsene in einem Machtgefälle Zugang zu ihnen haben. So ging zum Beispiel aktuell auch durch die Presse, dass ein amerikanischer Kinderarzt des Missbrauchs an insgesamt 103 Patienten angeklagt ist. Das alleine sind fast so viele wie die jetzt bekannten Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche in Deutschland insgesamt! In der Berichterstattung über Missbrauch speziell in der Katholischen Kirche sollten meines Erachtens - ohne Verharmlosung - solche Relationen aufgezeigt werden.
Zu Bernds Frage „Die "mangelnde Aufklärungsbereitschaft" bezieht sich auch auf die aktuellen Vorfälle? Was hätte der Orden der Jesuiten denn noch (besser) machen sollen?“
Vor dem Leiter des Canisius-Kollegs empfinde ich Hochachtung, er hat richtig gehandelt. Seine Initiative, durch die der Stein überhaupt ins Rollen gekommen ist, wertzuschätzen, kam bei evang.de vielleicht etwas zu kurz. Der Streit geht aber wohl aktuell darum, ob die Katholische Kirche von Anfang an die Staatsanwaltschaft einschaltet, wenn ein Missbrauchsverdacht aufkommt. Und natürlich um die Vertuschung in der Vergangenheit, wo Priester, die Missbrauch an Kindern begangen hatten, nicht bestraft, sondern versetzt wurden – und an ihrer neuen Wirkungsstätte dann wieder Kinder missbraucht haben. Darauf, dies klar und deutlich zu sagen, darf die Berichterstattung nicht verzichten. Denn ob mit dieser Praxis seitens der Katholischen Kirche zukünftig wirklich Schluss gemacht wird, scheint mir noch nicht sicher. Auch wenn man andererseits nicht unterstellen sollte, dass sie immer so weitermachen werden wie in der Vergangenheit.
Bernd: „Wenn es nicht auf eine zu vermutende Anzahl, sondern um die moralische Position von Geistlichen/Kirchenmitarbeitern geht; warum wurde dann nicht ebenso öffentlich über den Vorfall in der Nordelbischen Landeskirche berichtet? Bei evangelisch.de wurde die Meldung "lediglich" in die Berichterstattung über die Sexualisierte Gewalt eingebaut.“
Ja, man sollte auch über Missbrauchsfälle in der Evangelischen Kirche öffentlich und deutlich sichtbar berichten. Allerdings scheinen es weitaus weniger zu sein, jedenfalls in Deutschland? Und hier sehe ich dann doch einen Zusammenhang zum Zölibat. Denn die mit dem Zölibat in früheren Jahren einhergehende Tabuisierung und Verteufelung von Sexualität haben meiner Meinung nach zu der Atmosphäre der Heimlichkeit, des Schweigens und Wegsehens beigetragen, in der Missbrauch geschehen konnte. Wer hat damals schon einem Kind geglaubt, statt der Autorität des Priesters? Und meist waren Kinder ja zu eingeschüchtert von der Autorität der Priester, um sich überhaupt zu wehren.
Für die Katholische Kirche ist nun heute eine sehr schwierige Situation entstanden. Ein User irgendwo im Internet (nicht auf evang.de) schrieb zum Beispiel, diese "Kinderschänderbande" wolle er nicht auch noch finanziell unterstützen. Ein anderer verglich den "Verrottungsgrad" von Katholischer und Evangelischer Kirche. Ich meine, solchen Tendenzen muss die Berichterstattung auf evang.de entgegenwirken, indem sie Missstände bei der Katholischen Kirche deutlich benennt, auch mit einer gewissen Parteilichkeit, andererseits aber fair und objektiv berichtet und auch mal die Wogen glättet, statt den Volkszorn weiter zu schüren. Sicher ein Spagat und jedenfalls keine leichte Aufgabe!
Viele Grüße
Anja
Vielleicht hilft das hier weiter...
Hier mal eine interssante Studie aus Amerika:
"Während die mediale Berichterstattung über den Missbrauchsskandal im katholischen Klerus in den USA seinen Höhepunkt erreichte, veröffentlichte die protestantische Publikation Christian Science Monitor eher unbeachtet eine nationale Studie von Christian Ministry Resources, derzufolge die protestantischen Kirchen Amerikas noch zu einem höheren Anteil von Pädophilie betroffen wären als die Katholische Kirche und dass unter den beschuldigten Personen der Anteil der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Kirchen über jenen der hauptamtlichen Mitarbeiter und Pastoren liege (CSM, 5.4.2002). " Quelle: http://www.kath.net/detail.php?id=25476
Natürlich wieder kein harter Beweis, aber ein erneuter Hinweis, dass der Zölibat wohl nicht den Missbrauch befördert....
"Natürlich wieder kein harter
"Natürlich wieder kein harter Beweis, aber ein erneuter Hinweis, dass der Zölibat wohl nicht den Missbrauch befördert"
Dagegen spricht nun wieder, dass man vom Missbrauch durch evangelische Geistliche bei uns kaum etwas hört, während an der massenhaften Misshandlung von Heimkindern in den 50er und 60er Jahren beide Kirchen etwa gleichermaßen beteiligt sind.
Man wird nie einen "harten Beweis" finden. Der ist bei Fragen dieser Art grundsätzlich nicht möglich. Es ist auch ziemlich nebensächlich in dieser Diskussion, ob das Zölibat oder ein anderer Teil der katholischen Sexualmoral den Kindesmissbrauch fördert oder nicht. Es könnte auch sein, dass trotz der gelinde gesagt etwas abenteuerlichen Beweisführung des Herrn Körber die Zahl der Fälle in der katholischen Kirche niedriger ist als anderswo. Allein wichtig ist, dass diese Kirche jahrzehntelang diese Verbrechen vertuscht hat und das auch heute noch tut, woran es keinerlei Zweifel gibt, die Verantwortlichen geben es ja selber zu. Dafür, dass es einen Zusammenhang zwischen der katholischen Lehre und der Förderung von durch Pädophilie bedingten Straftaten unter ihren Mitarbeitern gibt, spricht einiges, aber einiges spricht auch dagegen. Jedenfalls wird diese Kirche wie jede andere Organisation nicht verhindern können, dass Fälle von Kindesmissbrauch in ihren Reihen vorkommen. Aber ob sie toleriert werden - wie es ja der Fall war - oder strafrechtlich verfolgt werden: das hat sie in der Hand, und hier liegt ihre schwere Schuld als Kirche.
Im Übrigen: nicht weniger plausibel als eine Förderung durch das Zölibat scheint mir eine Förderung dadurch, dass die Täter ja wissen: Für eine Tat, die sie anderswo für lange Zeit ins Gefängnis gebracht hätte, haben sie hier gerade mal eine Versetzung an eine andere Arbeitsstelle zu befürchten. Das scheint mir ein auch strafrechtlich relevanter Tatbestand.
@ Gast vom 26. Februar
Aber ganz genau das ist doch wieder das Verzerrungsproblem! Nach Auskunft von Fachleuten (z.B. Norbert Leygraf) ist die angeblich mangelhafte Aufarbeitung und Nicht-Vertuschung der katholischen Kirche von zwei Seiten zu relativieren:
1. Historisch reden wir über eine Zeit, in der es zeittypisch war und mentalitätsgeschichtlich gesehen "normal", zu vertuschen, in ALLEN Bereichen der Gesellschaft. Was aus heutiger Sicht skandalös ist, war es damals nicht. So viel historische Differenzierung sollte erlaubt sein - und die Frage, die m.W. nicht erforscht ist: War der Umgang in der katholischen Kirche in den vergangenen Zeiten nicht sogar effektiver, indem nämlich immerhin reagiert wurde und nicht nichts getan, was an der Tagesordnung war. So viele "gute Onkels" blieben vollkommen ungeschoren.
2. Die katholische Kirche stellt sich objektiv der Verantwortung: gerade WEIL sie in der Presse bemerkt wird, aber so viele Bereiche nicht (Vereine, Schule, Nachhilfebereich, erst recht die Familie usw.), zeigt das doch die Aufmerksamkeit.
Nein, werter Gast. Auch Sie sind dem Effekt der journalistisch unverantwortlichen Berichterstattung erlegen und deuten in Wahrheit positive Entwicklungen negativ.
Das schreibe ich als durchaus der katholischen Kirche kritisch gegenüber stehender Zeitgenosse. Aber ich spüre hier schon länger ein Unrecht, das ganz im Sinne des psychologischen Effekts geschieht: Prügeln wir mal alle auf einen Sündenbock ein, dann können wir uns als Gutmenschen bequem zurück lehnen und - tragischerweise - gerade dort nichts tun, wo der meiste Missbrauch geschieht: in Familien.
Ich finden den Artikel erhellend: Genau dort, wo den Kindern am wenigstens Gefahr droht, in kirchlichen Einrichtungen und Gruppen, da wird Angst gesät.
Im Grunde ein entsetzlicher Zustand.
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