Technische Kuriosität und musikalischer Schatz

organola_quer.jpg

Organist Udo Johannes Stegmann steuert das frisch renovierte Schmuckstück

Organola-Konzert - Albert Schweitzer nannte sie den „Sündenfall des modernen Orgelbaus“, doch mittlerweile ist die von vielen Musikern misstrauisch beäugte Organola von einer technischen Kuriosität zu einem wertvollen Schatz geworden. Nur noch zwei funktionstüchtige, in Kirchenorgeln eingebaute Organolen gibt es in ganz Deutschland, und eine davon befindet sich in der Walcker-Orgel im evangelischen Teil der Pfeddersheimer Simultankirche. Frisch restauriert zeigte das kleine Instrument, wie schön es klingen kann, dank kompetenter Steuerung durch den Organisten Udo Johannes Stegmann.

Von Yvonne Schnur

Benötigt werden dazu nur mit Löchern versehene Papierstreifen, die um eine Metall-Rolle im Inneren der Walcker-Orgel gespannt werden. Sobald das kleine Glasfenster geschlossen ist, muss der Organist nur noch die Registrierung auswählen, die Geschwindigkeit festlegen, mit der die Rolle gedreht werden soll, und auf einen Knopf drücken – schon erklingt wunderbare Orgelmusik. Die Finger des Musikers müssen die weißen und schwarzen Tasten gar nicht berühren, denn für das Erklingen der Töne sorgen die in den Papierstreifen eingestanzten Löcher.

Für das Konzert-Debüt der Organola nach ihrem langen Dornröschen-Schlaf hatte Stegmann aus dem Gemeindearchiv einige Rollen ausgesucht, die den Klangreichtum der romantischen Walcker-Orgel repräsentieren sollten. Felix Mendelssohn Bartholdy, Josef Rheinberger und Johann Sebastian Bach erklangen an diesem Nachmittag in der evangelischen Kirche. Ein Videobildschirm ermöglichte es dem Publikum, zu sehen, was oben auf der Empore vorging. Denn keineswegs war es für Udo Johannes Stegmann damit getan, auf einen Knopf zu drücken und sich danach entspannt zurückzulehnen. Um die vorgetragenen Stücke lebendig und abwechslungsreich klingen zu lassen, wechselte er passend zum musikalischen Geschehen die Registrierung und justierte die Geschwindigkeit, wenn ein Tempo-Wechsel angezeigt war.

Pfarrerin Dorothea Zager informierte in ihrem charmanten Vortrag über Funktionsweise und Geschichte der Organola. Anfang des 20. Jahrhunderts in Mode gekommen, fielen die meisten Instrumente der Orgelbewegung in den 1950er Jahren zum Opfer. Mittlerweile sind Organolen jedoch zu begehrten Sammlerobjekten geworden, für die stolze Summen geboten werden. Pfarrerin Zager dankte deshalb ihrem Amtsvorgänger Jürgen Flath, der einen solchen Verkauf seinerzeit verhindert hatte.

Die Restaurierung der Organola dauerte ein Jahr und wurde von Sina Hildebrand und Gotthard Arnold durchgeführt. 22.000 Euro kostete es, um das wertvolle Instrument wieder fit zu machen, wovon die evangelische Kirchengemeinde 10.000 Euro selbst aufgebracht hat. Die Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur förderte das Projekt mit weiteren 10.000 Euro und die restlichen 2.000 Euro steuerte die Kirchenverwaltung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) bei.

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd><p><embed><param><object>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Du kannst andere Kommentare mit [quote]-Tags zitieren.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen