Die Bundeswehr muss die Taliban kampfunfähig machen

Ernst Elitz

Ernst Elitz. Kollage: Simone Sass

Kolumne - Pointierte Anmerkungen zu Politik und Zeitgeschehen: Als erfahrener Journalist ist Ernst Elitz gewohnt, den Mächtigen kritisch auf die Finger zu schauen, harte Worthülsen zu knacken und das Zeitgeschehen bisweilen bissig zu kommentieren. Jede Woche beantwortet Ernst Elitz drei Fragen für evangelisch.de.

Die Fragen stellte Bernd Buchner

evangelisch.de: Am Donnerstag starben erneut vier deutsche Soldaten in Afghanistan. Wird der Bundeswehreinsatz am Hindukusch zu einem Schrecken ohne Ende, oder wäre ein Ende mit Schrecken die bessere Lösung?

Ernst Elitz: Bei einem "Ende mit Schrecken" träfe der Schrecken die Afghanen. Deshalb lässt sich das aus der deutschen Sofaecke so gemütlich sagen. Der Schrecken träfe die Frauen, die gleichberechtigt und ohne Burka-Zwang leben und arbeiten wollen. Er träfe die Mädchen und Jungen, die lernen wollen. Er träfe die Afghanen, die sich einen Zipfel Demokratie für ihr geschundenes Land erhoffen. Ihnen haben wir gemeinsam mit unseren Verbündeten, auf der Grundlage eines UNO-Mandats, ein Versprechen gegeben. Wir wollen ihnen ein Leben in Würde ermöglichen, ein Leben ohne die mörderischen Taliban. Da treffen sich die Interessen des Westens und der Bevölkerung, denn ohne eine reelle Chance auf Frieden und wirtschaftliche Entwicklung wird Afghanistan zu einem Terrornest, das für uns alle von höchster Bedrohung ist. Dann hätten wir beides: Ein Ende mit Schrecken und ein Schrecken ohne Ende. Deshalb müssen die Bundeswehr und die Verbündeten den Afghanen nachdrücklich – auch militärisch - dabei helfen, die Taliban auf Dauer kampfunfähig zu machen.

evangelisch.de: Polen trauert um Präsident Lech Kaczynski, der bei einem tragischen Flugzeugunglück in Russland starb. Nun gibt es Streit um die geplante Beisetzung neben Königen des Landes. Ist das angemessen?

Ernst Elitz: Es ist unziemlich, einer Nation einen Ratschlag zu geben, wie sie ihrer toten Staatsoberhäupter gedenken und sie zur Ruhe betten soll. Nur so viel: Mir ist nicht bekannt, dass die Oberhäupter demokratischer Staaten neben Monarchen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Republik und Fürstengruft – das passt seit der Französischen Revolution nicht zusammen. Charles de Gaulle verfügte testamentarisch eine Beisetzung fern von Paris in Colombey-les-Deux-Églises. Auch Franz-Josef liess sich trotz absolutistischer Neigungen in Rott am Inn bestatten und nicht in der Münchner Grablege der Wittelsbacher. Bei der allgemeinen Abneigung des Preußischen käme auch kein Bundespräsident oder Kanzler auf die Idee, sich seine letzte Ruhestätte im Schlosspark von Sanssouci zu ersehnen. Aber in Polen ist alles anders. Da steht aufgrund schlimmster historischer Erfahrungen die Nation über Monarchie und Republik. Akzeptieren wir also ohne jede Besserwisserei die Entscheidung, die unsere polnischen Nachbarn treffen.

evangelisch.de: Das Stuttgarter Arbeitsgericht hat entschieden, dass die Ostdeutschen kein eigener Volksstamm sind. Warum sprechen wir 20 Jahre nach der Wende eigentlich immer noch von "Ossis" und "Wessis"?

Ernst Elitz: Manche "Ossis" legen inzwischen selber Wert darauf, sich durch diese Bezeichnung von den oberschlauen Wichtigtuern aus den westlichen Bundesländer abzugrenzen. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine herabsetzend gemeinte Bezeichnung zum Ehrentitel geadelt wird. Ich weiss mit der Kalten-Kriegs-Einteilung in Ost und West ohnehin wenig anzufangen. Rein geographisch gesehen liegt unsere Musen-Hauptstadt Weimar nicht im Osten, sondern in der Mitte des Landes. Und die Wartburg erhebt sich, gemessen am Längengrad, westlich von München an den Hängen des Thüringer Waldes. Und das bairische Passau liegt östlich von Potsdam. So gesehen, wäre Friedrich der Große ein Wessi. Nehmen wir diese Bezeichnungen also für das, was sie sind: ein kleiner volkskundlicher Schabernack.


 

Prof. Ernst Elitz, Jahrgang 1941, lebt als freier Publizist in Berlin. Nach seinem Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften, Politik und Philosophie kam er über Stationen wie den "Spiegel" und das öffentlich-rechtliche Fernsehen zum Deutschlandradio, das er als Gründungsintendant von 1994 bis 2009 leitete.

Kommentare

Verfasst von Gast am 17. April 2010 - 22:15.

Ernst Elitz

Der Beitrag von Herrn Elitz ist über weite Strecken unrealistisch und sieht die...

Der Beitrag von Herrn Elitz ist über weite Strecken unrealistisch und sieht die tatsächlichen Begebenheiten und Umstände nicht. Das betrifft sowohl die Äußerungen zu Afghanistan als auch zu den Grablegen. In Afghanistan sichern die westlichen Verbündeten weder irgendwelche Mädchenschulen noch die Menschenrechte. Vielmehr geschehen Menschenrechtsverletzungen eben in ihrer Anwesenheit munter weiter. So müssen viele afghanischen Mädchen im zarten Alter von 9 Jahren (!) Greise (über siebzig Jahren) heiraten, weil sie dazu gezwungen werden. Ich nenne das Mensche(Frauen-)rechtsverletzungen. Die Mädchen erleiden oft die schlimmsten Verletzungen. Auch der allgemeine Schutz der Bevölkerung ist nicht gegeben. Dr. Eröz, ein ehemaliger Bundeswehrarzt macht privat das Richtige. Bevor er Mädchenschulen baut, bespricht er das Anliegen mit der jeweiligen Talibanführung. Und wenn die Taliban garantieren, die Schule nicht zu überfallen, können Mädchen erst ungehelligt zur Schule gehen. Aber außer in diese Schulen gehen in Afghanistan fast keine Mädchen zu Schule. Die Burka wird auf dem Land immer noch getragen (das ist der Wille der Männer). Bei einem Abzug der Truppen, egal wann, ist eine neue Talibanherrschaft nicht zu umgehen. Und der Krieg ist schon lange verloren.

Bezüglich der Grablegen ist es schon sonderbar, dass Herr Elitz erwähnt, dass sich Franz-Josef Strauß (wenn er Strauß auch nicht schreibt)nicht in der Wittelsbacher Gruft in München beerdigen ließ. Strauß ist kein Wittelsbacher. O.k. der polnische Präsident war auch kein König, aber die historischen Verhältnisse sind in Polen andere. Und in Polen hat eben dies das Parlament so beschlossen.

Das mit Friedrich dem Großen ist so auch nicht ganz richtig. Er war wohl kein Wessi sondern Mitteldeutscher. Nämlich, das was landläufig als Ostdeutschland bezeichnet wird, ist eben nicht Ost- sondern korrekt bezeichnet Mitteldeutschland. Ostdeutschland ist seit dem Zweiten Weltkireg nicht mehr Deutschland, sondern hauptsächlich polnisch, nämlich Nieder- und Oberschlesien. Dazu würde noch Königsberg gehören und das ist russisch.

Verfasst von Wilhelm Drühe am 17. April 2010 - 12:23.

Es ist sicher nicht nur die

Es ist sicher nicht nur die Sofaecke vor dem Fernseher, es sind auch Kanzel und...

Es ist sicher nicht nur die Sofaecke vor dem Fernseher, es sind auch Kanzel und Katheder, wo man seinen Beitrag zur Weltverbesserung anbieten kann ... Schön und fast unverbindlich mit der Bergpredigt im ideologischen Rücken. Ich denke an die drei, die dem unter die Räuber gefallenen (Menschen in Afghanistan im Kongo - und in vielen Ländern?) begegnet sind ... Schnell vorübergehen ... Was würde Jesus aus Nazareth heute sagen, wenn er die damalige Situation auf 2010 überträgt?  Ich schrecke manchmal doch etwas zurück, wenn ich die knallharten und selbstsicheren Urteile und Verurteilungen an kirchlichen Stammtischen höre! Ich denke in etwa wie Ernst Elitz (Dank ihm!)

Verfasst von Gast am 16. April 2010 - 17:33.

Befreit unsere Soldaten aus der Politikerfalle.

Man kann auch „standhaft“ in der Sofaecke sitzen. Wie viel Soldatenleben...

Man kann auch „standhaft“ in der Sofaecke sitzen. Wie viel Soldatenleben scheinen Ihnen angemessen, Herr Professor, um all die so anschaulich beschriebenen und erstrebenswerten Ziele zu erreichen?

Ihnen ist doch klar, wie lange es in Europa gedauert hat, um das Frauenwahlrecht durchzusetzen, es war 1919. An der absoluten Struktur der katholischen Kirche leiden die Gläubigen aktuell mehr denn je. Es gibt also überhaupt keinen Ansatz mit Militär soziale und Glaubensstrukturen ändern zu können. Änderungen kommen von innen – Martin Luther sei als Beispiel genannt.

Sehen sie irgendeinen Ansatz unsere Standards in Afghanistan durchzusetzen? Öffnen sie unsere Universitäten für Studenten aus Afghanistan unter der Voraussetzung, dass diese Menschen nach ihrem Abschluss wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Es sind dicke Bretter zu bohren – Menschenopfer sind wirklich nicht nötig. Unsere Soldaten sollen schnell aus der von den Politikern gestellten Falle befreit werden.

Verfasst von theolounge.de am 16. April 2010 - 14:34.

Ein wenig oberflächlich auf den Punkt gebracht...

Vor allem dieses Zitat hier ist schon recht einseitig dargestellt: "Ihnen...

Vor allem dieses Zitat hier ist schon recht einseitig dargestellt:

"Ihnen haben wir gemeinsam mit unseren Verbündeten, auf der Grundlage eines UNO-Mandats, ein Versprechen gegeben. Wir wollen ihnen ein Leben in Würde ermöglichen, ein Leben ohne die mörderischen Taliban.  "

Mir fällt dazu folgendes ein: 

 

"Die Deutschen sind mehrheitlich gegen den Krieg am Hindukusch. Das gilt aber nicht für die Mehrheit der deutschen Medienleute.

Sie streiten zumeist tapfer für diesen Krieg, denn es gibt ja Wichtiges dort zu erledigen: den zivilen Aufbau weiterzubringen, die Demokratie einzuführen, die Frauen von der Vorherrschaft des Patriarchats zu befreien – und nicht zuletzt das Land vom Terrorismus zu säubern.

Klingt gut. Nur, wenn das die wirklichen Kriegsgründe wären, müßten NATO-Truppen doch auch in achtzig oder neunzig weitere Länder einrücken, weil es dort ähnliche Defizite gibt.

Strategische Gründe für den Krieg – Vorherrschaftsstreben der USA vom Nahen bis zum Fernen Osten oder die Absicherung von Ressourcen – werden von deutschen Journalisten selten genannt.

Und die Terroristen? Die haben sich offensichtlich längst aus Afghanistan in andere Länder abgesetzt, sind dort untergetaucht und bilden kleine Zellen, denen militärisch mit großen Armeen oder Luftwaffen nicht beizukommen ist.

Und die Taliban? Sie waren in den achtziger Jahren Verbündete der USA, hießen damals Mudschahedin und bekamen, als der Feind Sowjetunion hieß, ihre militärische Ausbildung und ihre Waffen direkt vom Pentagon und dem CIA. Das macht sie nicht sympathischer, nimmt ihnen aber viel von der Dämonisierung, mit der sie vom Westen heute behandelt werden."  > mehr dazu.

 

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