Englands brennende Städte: "Das wird Krawall geben"

London am Tag danach

Abgebrannte Häuser, zerstörte Autos: London am Tag nach den bisher schwersten Ausschreitungen. Foto: Polaris/laif

Unruhen - Die Gewalt in Großbritannien reißt nicht ab: Bereits in der vierten Nacht lieferten sich plündernde Banden Auseinandersetzungen mit der Polizei. In der Nacht zum Mittwoch starben drei Männer in Birmingham, sie wurden von einem Auto überrollt, angeblich als sie sich den Plünderern in den Weg stellen wollten. 768 Menschen wurden bislang alleine in London verhaftet. Doch was steckt dahinter?

Von Christiane Link

Unterdessen diskutiert das Land vor allem eines: Wer sind die Menschen, die für kriegsartige Szenen in Großbritannien sorgen und was treibt sie an? Warum zünden Menschen Häuser ihrer eigenen Wohngebiete an, plündern Geschäfte und Restaurants und versetzen ihre eigene Nachbarschaft in Schutt und Asche? Schon jetzt ist klar, dass es darauf keine einfache Antwort gibt.

Mit einem Polizeiopfer fing alles an

Der Tod von Mark Duggan, einem Mann aus dem Nord-Londoner Stadtteil Tottenham, hatte das Chaos auf Großbritanniens Straßen ausgelöst. Der schwarze Familienvater war vergangene Woche von der Polizei erschossen worden. Die genauen Umstände sind noch nicht ganz geklärt. Zuerst hieß es, Duggan habe auf die Polizei geschossen, doch die unabhängige Untersuchungskommission hat unterdessen ermittelt, dass aus seiner Waffe wohl nicht geschossen wurde.

Kurz nach seinem Tod demonstrierten seine Familie und Freunde friedlich vor einer Polizeiwache in Tottenham. Sie forderten, der Familie endlich zu sagen, was genau passiert ist und warum Mark Duggan sterben musste. Doch die friedliche Demonstration schlug um in Hass und Gewalt, die bis jetzt kein Ende gefunden hat und sich wie ein Lauffeuer zuerst in London, inzwischen auch in anderen Teilen des Landes verbreitet hat.

Premierminister David Cameron spricht von "purer Kriminalität" als Ursache für die Ausschreitungen. Und tatsächlich: Die TV-Bilder zeigen, wie Menschen gewaltsam Sportläden ausräumen, teure Flachbildfernseher aus zerstörten Elektronikmärkten tragen und andere sich brüsten, gerade Reis bei Aldi geklaut zu haben. Es fällt schwer, eine politische Komponente in dem Chaos zu erkennen.

"Es geht um Gerechtigkeit"

Einer der Ersten, der vor die Kameras der versammelten Medien trat, war Nims Obunge, Pastor der Freedom's Ark Church in Tottenham. "Es geht hier um Gerechtigkeit", rief der Geistliche aufgebracht. Er ist seit Jahren um die Rehabilitation straffällig gewordener Jugendlicher bemüht und setzt sich für benachteiligte Menschen in Tottenham ein. Obunge forderte schon kurz nach Beginn der Ausschreitungen, die Polizei solle endlich Fragen zu dem Fall beantworten. Zudem solle die Politik endlich aufhören, ganze Teile der Bevölkerung zu ignorieren.

"Wir wollen der Polizei zeigen, dass wir tun können, was wir wollen", antworteten zwei junge Frauen auf die Frage einer BBC-Reporterin, warum sie Läden plündern. Schon in den vergangenen Jahren war das Verhältnis zwischen den Ordnungskräften und der nicht-weißen Bevölkerung immer wieder diskutiert worden. Im Zuge der neuen Anti-Terrormassnahmen wurden immer mehr Menschen auf der Straße angehalten und durchsucht.

"Stop and Search" wird die Maßnahme genannt, bei der Polizisten ohne Grund Bürger anhalten und durchsuchen dürfen. Mehrere Studien belegen, dass schwarze Menschen viel häufiger angehalten werden als weiße Passanten. Das führt auch Darcus Howe an, ein älterer Herr, der vor einer der Ruinen im Stadtteil Croydon steht und von der BBC interviewt wird. Der schwarze Brite erzählt, er habe seinen Enkel gefragt, wie oft er bereits von der Polizei angehalten und durchsucht wurde. "Ich kann es nicht mehr zählen", habe sein Enkel gesagt.

Sozialarbeiter vor Gericht

Londons ehemaliger Bürgermeister Ken Livingstone von der Labour-Partei macht ebenfalls soziale Probleme für die Ausschreitungen verantwortlich. Viele Jugendliche seien sehr unsicher, was ihre Zukunft angeht, Politiker hätten den Zugang zu ihnen verloren. Dennoch scheint auch das nur ein Teil der Wahrheit zu sein. Die ersten Plünderer sind bereits angeklagt, aber längst nicht alle sind jugendlich, schwarz und ohne Job. Selbst ein Sozialarbeiter musste sich bereits vor Gericht verantworten.

"Wir können jetzt sagen, das sind alles Kriminelle", sagt Ken Livingstone. "Aber dann haben wir im nächsten Sommer die gleichen Ausschreitungen wieder." Perspektivlosigkeit nennen die meisten Menschen, wenn man sie nach den Ursachen fragt.

Hinzu kommen massive Einsparungen in den Gemeinden, nicht zuletzt bei der Jugendarbeit und bei Sozialprojekten, nachdem die konservative Regierung einen radikalen Sparkurs eingeschlagen hat, um die Staatsschulden zu reduzieren. Die Gemeinde Haringey, zu der Tottenham gehört, hat gerade acht von 13 Jugendclubs geschlossen. Noch eine Woche vor Beginn der Ausschreitungen sagte ein Jugendlicher in einem Video auf der Internetseite der Zeitung "The Guardian": "Das wird Krawall geben, wenn sie die Clubs schließen."


Christiane Link ist in Mainz geboren und arbeitet in London als Herausgeberin der deutschsprachigen Zeitung "The German Link". Daneben betreibt sie ihr Blog mit dem Titel "Behindertenparkplatz".

Kommentare

Verfasst von Gast am 10. August 2011 - 13:45.

Nein

Das sind eben nicht die Gründe, auch wenn der Guardian das gerne möchte. Es...

Das sind eben nicht die Gründe, auch wenn der Guardian das gerne möchte.

Es sind keine:

-ethnischen Spannungen,
-politischen Forderungen/ Aussagen mit diesen Randalen verbunden,
-Demonstrationen für Gerechtigkeit (mehr), damit begann es, als die Familie des erschossenen Drogendealers friedlich demonstrierte bevor Krawallmacher die Demonstration enterten,
-religiösen Konflikte,
-Demos verknüpft mit irgendwelchen Forderungen oder gar Zielen,
-Demos gegen "stop and search" oder andere Maßnahmen, die es hier seit den Londoner Tubeanschlägen gibt,
-Jugendlichen, die für eine bessere Zukunft und/ oder Perspektive demonstrieren wollen,
-Demonstrationen wie 1981, als man um soziale Gerechtigkeit demonstrierte mit ähnlichen Auswirkungen.

Es ist einfach nur pure, sinnlose Gewalt von Menschen, die sich über blackberrys verabreden (Kann sich jemand von Ihnen in Deutschland einfach mal nebenbei als Arbeitsloser ein blackberry leisten?) um auf Beutezug zu gehen. Diese Menschen leiden weder Hunger, noch an Obdachlosigkeit und ihnen wurde auch nicht das Recht auf Demonstration oder andere demokratische Rechte entzogen.

Es ist einfach so sinnlos und das ist das Problem! Man findet keinen Ansatz, um diese Jugendlichen Randalierer und Plünderer zu verstehen, mit ihnen gewaltlose Lösungen zu finden. Man möchte sagen, weil man es sich ja irgendwie erklären will: gut, okay, diese Jugendlichen haben keine guten Perspektiven-das stimmt ja auch. Aber nochmal: darum geht es bei diesen Randalen nicht, da gibt es keinerlei Aussagen dazu, nicht eine a la`: hey, wir wollen mal auf unsere Perspektivlosigkeit aufmerksam machen.

Grüße aus Birmingham!

Verfasst von Croydonbewohner am 10. August 2011 - 14:48.
Kommentar auf: Nein

Natuerlich ist die Gewalt

Natuerlich ist die Gewalt sinnlos und boese. Aber was ist die Konsequenz einer...

Natuerlich ist die Gewalt sinnlos und boese. Aber was ist die Konsequenz einer solchen Argumentation wie im obigen Kommentar? "Die" (wer auch immer das ist, Einwanderer, Schwarze ... ) sind halt so? Boese geboren? Sorry das ist purer Rassismus. Irgendwoher kommt diese sinnlose Gewaltbereitschaft doch. Und das anzuerkennen, heisst mitnichten, die Gewalt zu entschuldigen oder runterzuspielen. Ich fand das sehr schoen in einem Zitat aus einem Blog zusammengefasst:

"In one NBC report, a young man in Tottenham was asked if rioting really achieved anything:
"Yes," said the young man. "You wouldn't be talking to me now if we didn't riot, would you?"
"Two months ago we marched to Scotland Yard, more than 2,000 of us, all blacks, and it was peaceful and calm and you know what? Not a word in the press. Last night a bit of rioting and looting and look around you."
Eavesdropping from among the onlookers, I looked around. A dozen TV crews and newspaper reporters interviewing the young men everywhere ‘’’
There are communities all over the country that nobody paid attention to unless there had recently been a riot or a murdered child. Well, they’re paying attention now.
(aus http://pennyred.blogspot.com/)

Wer jetzt einfach nur nach verschaerften Gesetzen ruft, unterdrueckt nur die Symptome. Ursachen werden dadurch keine beseitigt.

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