Kommentar - Thilo Sarrazin hat wieder einmal Klartext geredet - zur Integration in Deutschland. Der Aufschrei war programmiert. Warum Sarrazin nicht Recht hat, erklärt Präses Alfred Buß.
"Rechtmäßig und dauerhaft bei uns lebende Migranten müssen erfolgreich integriert werden", sagt das Bundesinnenministerium in einer Leitlinie zur Zuwanderungspolitik. Das bedeutet: Integration war bisher nicht (immer) erfolgreich.
Es muss möglich sein, das auszusprechen und auch an Beispielen deutlich zu machen. Es hilft nicht weiter, die Probleme politisch korrekt zu tabuisieren. Es hilft aber noch viel weniger, den Zugewanderten die alleinige Schuld für misslungene Integration zuzuschieben. Es ist nicht nur überheblich, sondern verstärkt Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit, ihnen mangelnde Integrationsfähigkeit und den fehlenden Willen zur Integration zu unterstellen. Einfache Antworten auf komplizierte Fragen sind schnell gegeben. Redlicher und anspruchsvoller ist es, die Ursachen zu benennen, die in verfehlter Ausländerpolitik liegen.
Aus Ausländern wurden Mitbürger - die Erkenntnis spät
Die vor Jahrzehnten angeworbenen "Gastarbeiter" sollten einfache Tätigkeiten übernehmen. Diese Stellen waren attraktiv für Menschen, die nicht über eine qualifizierte Ausbildung verfügten. An eine Integration der damaligen Arbeitskräfte war gar nicht gedacht. Für sie und ihre Kinder ist Förderung von Bildung und Ausbildung viel zu spät erfolgt. Die Erkenntnis, dass aus Ausländern Mitbürger wurden, deren Eingliederung politisch zu gestalten ist, setzte sich über Jahrzehnte nicht durch. Jetzt begegnen uns die Folgen. Auch deshalb geht es heute um "nachholende Integration".
Es stimmt: Wachsende Unterschichten in Städten wie Berlin oder Dortmund haben wachsende Probleme. Das sind aber im Kern soziale und nicht ethnische Probleme. Die Gründe: Armut und Unwissen. Nicht weil er Araber ist, schlägt ein Vater seine Tochter, sondern weil er nichts Besseres weiß. Nicht weil sie Türkin ist, bricht eine Schülerin die Schule ab, sondern weil es ihren Eltern an Bildung fehlt. Wenn sich das ändern soll, müssen diese Kinder und ihre Eltern teilhaben: an Bildung, an Kultur, an beruflichen Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben. Aber erst seit 2005 kennen wir im Zuwanderungsrecht den Bereich "Förderung der Integration". Ein Werben dafür, Deutsch zu lernen und ein entsprechendes staatliches Angebot gab es vorher nicht.
Gelingende Integration verändert alle
Die Bildungspolitik wird bis heute den besonderen Anforderungen bei benachteiligten Migranten nicht gerecht. Unsere Bildungs- und Integrationspolitik gehört ebenso auf den Prüfstand wie unser nach wie vor auf Abwehr setzendes Aufenthaltsrecht. Eine Politik, die Menschen mit einem ungesicherten Aufenthalt über Jahre von der Erwerbsarbeit ausschließt, die Zugewanderten nach wie vor gleichberechtigte Zugänge verwehrt und Diskriminerung nicht entschieden genug bekämpft, führt nicht zu erfolgreicher Integration.
Integration kann und darf nicht heißen, dass am Ende alle gleich sind. Kopftuch und Hut müssen nebeneinander existieren können. Denn gelingende Integration verändert immer auch das aufnehmende Gemeinwesen. Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, die Menschen mitgebracht haben und weiter mitbringen, tragen zur Vielfalt des Lebens in unserem Land bei. Gustav Heinemann hat recht: "Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte."
Der Autor Alfred Buß ist Präses der Evangelischen Kirche Westfalen und Vorsitzender der Kommission für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)





Kommentare
RE: Integration: Schuld liegt nicht allein bei Zugewanderten
Natürlich sind Migranten nicht alleine schuld - wer würde das bestreiten.
Aber sie haben trotzdem eine Verantwortung und sind nicht nur Opfer.
Ob muslimische Väter ihre Kinder schlagen oder nicht, ist vorrangig eine Frage der erzoehungskultur- es geht ja nicht nur darum, dass Kinder geschlagen werden - die dann statitisch gesehen auch eine höhere Gewaltbereitschaft zeigen und Gewalt und Autorität eher koppeln, ihre Konflikte dann auch eher mit Gewalt austragen usw. - sondern dass ein Teil (nicht eine Mehrheit, aber eine nich tunbegrächtliche Anzahl) glaubt ein Züchtigungsrecht zu haben auch gegebnüber den eigenen Ehefrauen.
Und es ist ein Problem, dass es zu Ghettobildung kommt, die diese und andere integrationsbehindernde Verhaltensweisen fördert, weil es kaum noch ein Korrektiv gibt bzw. die Regeln dieser Gesellschaft auch eher/teilweise abgelehnt werden.
Da sind alle gefordert, nicht zu letzt sehr stark die jeweiligen muslimischen Verbände, weil diese am ehesten Einblick haben und am ehesten einwirken können.
Nachsatz: Die Situation von Flüchtlingen ist ein spezifische, sie kommen in der Regel aus anderen Ländern als die für Berlin benannten Problemgruppen.
RE: Integration: Schuld liegt nicht allein bei Zugewanderten
Sehr geehrter Herr Buß, wenn man von einer verfehlten Integrationspolitik spricht, sollte man nicht immer nur auf die Politik zeigen, sondern auch einmal betrachten, wie sich die evangelische Kirche in letzter Zeit dazu verhalten hat. Mit der Kampagne "pro Reli" in Berlin wurden gerade keine integrationspolitischen Signale gesetzt, sondern es wurde versucht, die Schüler in ihrer Werteerziehung zu trennen, wo es doch dringend nötig wäre, sie zu vereinen. Es hätte der evangelischen Kirche besser angestanden, sich aktiv in die Gestaltung des Ethikunterrichts für alle Schüler einzubringen und sicherzustellen, dass dort die christlichen Grundlagen unserer Gesellschaft in unmissverständlicher Form eingebracht werden. Dies ist ja nicht nur unsere Aufgabe als Christen, sondern auch als Staatsbürger, die wir die Werte des Grundgesetzes zu schützen haben, die gerade auf diesen christlichen Grundlagen beruhen. Dies allen Schülern zu vermitteln, und nicht nur denen, die am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen, wäre eine wichtige integrationspolitische Aufgabe.In dieser Hinsicht halte ich auch die Zustimmung beider Kirchen für das Berliner Urteil zu den Gebetsräumen in Schulen für fatal. Die weltanschauliche Neutralität der Schulen ist für ein Einwanderungsland wie Deutschland ein schützenswertes Gut und übrigens in anderen Einwanderungsländern (z.B. USA) eine absolute Selbstverständlichkeit. Oder sollen Konflikte, wie sie innerhalb der Religionsgemeinschaften existieren, denen die einzelnen Schüler angehören, in der Schule ausgetragen werden? In Berlin hat der Versuch mit einem Islamunterricht an Schulen nach Aussage von Schulleitern übrigens zu einer starken Zunahme christenfeindlicher Haltungen geführt. Das kann ja wohl nicht gewünscht sein. Und man könnte abschließend fragen: Wenn die Kirche dem Urteil zustimmt, wird sie sich nun auch für christliche Gebetsräume einsetzen? Oder sollten diese Absurditäten nicht doch besser zugunsten einer nicht wertneutralen, aber religiös neutralen Schule aufgegeben werden?
RE: Integration: Schuld liegt nicht allein bei Zugewanderten
BlumEvolution am 8. Oktober 2009:
Ja, ich habe als Gast geschrieben. Aber nur einmal. Gast ist genauso anonym wie BlumEvolution. Deshalb trifft mich Ihr Voruwrf überhaupt nicht.
Ich hätte gar keinen Sinn darin gesehen, meinen Beitrag dreimal zu schreiben, wie Sie behaupten.
Ihre Ausfälle finde ich allerdings toll: so etwas konnte man in der Sowjetzone erleben, wenn man z.B am Christenunterricht teilnahm oder Konfirmation feierte oder Westfernsehen schaute.
Auch ihre denunziatorischen Aufrufe an den Administrator, Beiträge zu zensieren und Beitragsschreiber sofort als braun, rechtsextremistisch einzuordnen - alles das zeigt, wes Geistes Kind sie sind.
Und übrigens: ein Präses ist kein Gott oder Parteifunktionär sondern auch nur ein irrender Mensch und darf nicht nur sondern muss kritisiert werden, wenn er den christlichen Glauben durch seine Äußerungen zur Beliebigkeit herabwürdigt-
@ Anonymus
Lieber Anonymus, denken Sie, man merkt nicht, dass Sie drei Mal anonym das Gleiche geschrieben haben? Und dabei den Anschein erwecken wollen, Sie sprechen für "die schweigende Masse". Vielleicht glauben Sie ja tatsächlich, dass "das Volk" Ihre Fremdenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien teilt - ich habe eine höhere Meinung von Deutschland und gerade auch den Christen darin. Und ich bin als Christ und Demokrat stolz und glücklich, dass bei uns in Deutschland antisemitische und islamophobe Parteien wieder und wieder gescheitert sind - und auch in Zukunft scheitern werden.
RE: Integration: Schuld liegt nicht allein bei Zugewanderten
Hallo, Herr Buß, ich finde (wiederum im Gegensatz zu meinen Vorschreibern), dass Sie vor allem in einem Recht haben: Unsere Gesellschaft verändert sich zusehends. Alles fließt - und wir fließen mit. Wohin - wer weiß das schon? Unsicherheit ist ein unangenehmes Gefühl. Und unsicher sind sie alle: die, die hier nach dem christlischen Abendland rufen und die, die als Politiker und Christen versuchen, das Beste draus zu machen und sich sicherlich manche Naivitäten vorwerfen lassen müssen. Bisher scheinen ja auch die hehrsten Ansätze zu versagen.
Trotzdem ist es mir lieber, wenn jemand mal deutlich ausspricht, dass unsere Gesellschaft nicht weitermachen kann wie bisher.
Gruß, lisbethsalander
RE: Integration: Schuld liegt nicht allein bei Zugewanderten
Keine einzige Gastarbeiter-Nation wurde angeworben. Sämtliche nationen, angefangen bei den Italienern, haben sich aufgedrängt. Dazu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen! Die ersten Türken hat man gnädig hereingelassen, keiner hat sie gebraucht! Siehe Stefan Luft z. B. Abschied von Multikulti, gräfelfing 2006, Resch-Verlag! Nur dass hier nicht Legenden gestrickt werden! Siehe da z. B.:
http://www.welt.de/print-welt/article700332/30_Jahre_gescheiterte_Einwan...
RE: Integration: Schuld liegt nicht allein bei Zugewanderten
Hallo Herr Buß, ich bin lutherischer Protestant und in der Heimat Luthers geboren. Ich habe von frühester Kindheit mit Luthers Erbe gelebt.
Luther, davon bin ich überzeugt, wären solche Schleierfloskeln wie die Ihrigen nicht in den Sinn gekommen.
Ich bin deshalb froh, dass ich nach wie vor Miglied einer lutherischen Glaubensgemeinschaft bin, das ist allerdings die Dänische Lutherische Kirche.
Eine Kirche, die auch heute noch weiß, dass Europa von abendländischer christlicher Religion und Kultur bestimmt und definiert ist.
Aus diesen Gründen bin ich völlig einverstanden mit dem, was Thilo Sarrazin in diesem Interview und auch früher schon geäußert hat.
Ich glaube, Sie sollten dieses Interview in voller Länge einfach mal lesen.
Kopftuch und Christentum müssen eben in Deutschland und Europa nicht gleichberechtigt nebeneinander exisitieren. Als bestes Beispiel - Kosovo.
Wenn Sie wirklich dieser Meinung sind, warum werden Sie dann nicht Prediger in einer Moschee? Wenn von Ihnen christlicher Glauben sowenig differenziert wird vom Islam, wieso können Sie dann als Präses einer Evangelischen Kirche tätig sein?
Nicht wir Deutschen müssen uns doch in Deutschland integrieren sondern die Zuwanderer. Und wenn diese sich als Opfer in Deutschland fühlen, warum gehen sie dann nicht woanders hin oder dorthin, wo sie hergekommen sind?
Ich glaube, wenn ich Ihren Beitrag lese, finden Sie es bestimmt auch in Ordnung, dass in der Türkei und in Arabien Christen wegen ihres Glaubens verfolgt, gedemütigt und ermordet werden.
Ich kann diese, die Ihrige, Einstellung als die eines evangelischen Christen einfach nicht fassen.
RE: Integration: Schuld liegt nicht allein bei Zugewanderten
Herr Buß, im Gegensatz zu meinem Vorredner halte ich Ihren Kommentar nicht für gut, sondern für schlecht und darüber hinaus auch noch für verlogen. Sarrazins Anliegen werden Sie meines Erachtens aus böswilligen Gründen nicht gerecht. Sarrazin unterscheidet fairerweise zwischen integrationswilligen und integrationsunwilligen Ausländern - für die so genannten 'boat people' aus Vietnam und den kurdischen Asylbewerber aus dem Libanon waren die Eingangvoraussetzungen gleichermaßen schwierig. Aber wie ich als Lehrer MEHRFACH feststellen konnte, waren die Kinder der 'boat people' sehr rasch auf dem Weg nach oben, während jene aus dem mohammedanischen Kulturkreis es eben nicht waren, was insbesondere bei den Jungen der Fall war.
Als 1968 in das Berufsleben eingetretener Mensch evangelischer Konfession, der jedoch nie gottgläubig gewesen ist, habe ich meine Kirchensteuer entrichtet, weil ich der Meinung war, dass die Kirche doch Gutes tue, weshalb man sie unterstützen müsse. Aber in der letzten Woche bin ich ausgetreten, wobei die zahllosen Beispiele von verlogenen Kommentaren aus dem Bereich der Evangelischen Landeskirchen DAS einzige Motiv war. Ich wollte und will Menschen wie Sie nicht mehr unterstützen. Wenn Sie ein Nebeneinander von Kopftuch und Hut fordern, dann setzen Sie sich damit für eine im als Religion daherkommende Ideologie ein, die ausdrücklich die Minderwertigkeit der Frau fordert.
RE: Integration: Schuld liegt nicht allein bei Zugewanderten
Diese Gastarbeiter wurden nicht etwa "angeworben". Sie wurden uns von der türkischen Regierung mit diplomatischer Unterstützung der USA aufgenötigt, um die Türkei als NATO-Land zu stärken. Das steht sogar in der Wikipedia zu 'Gastarbeiter':
"Der Anstoß ging jeweils von diesen Ländern selbst aus, die mit der Entsendung von Arbeitskräften eigene Probleme zu bewältigen suchten. So wollten sie die heimische Arbeitslosigkeit reduzieren und ihre aus der westdeutschen Exportstärke erwachsenen Devisenschwierigkeiten lösen."
Federführend war seinerzeit nicht etwa das Wirtschaftsministerium, sondern das Außenministerium. Insgesamt lief das etwa nach dem selben Muster ab, wie die EU-Mitgliedschaft der Türkei, die niemand haben will, uns aber dennoch aufgedrängt wird - gegen den Willen des Volkes.
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