Kriegsstreit - Bundespräsident Horst Köhler hat Auslandseinsätze der Bundeswehr auch mit der Wahrung deutscher wirtschaftlicher Interessen begründet und damit eine heftige Debatte ausgelöst. Aus der Koalition kam ebenso Kritik wie von der Opposition. Grüne und Linke warfen Köhler am Donnerstag vor, seine Äußerungen stimmten weder mit der Rechtsgrundlage noch mit der politischen Begründung des Bundeswehreinsatzes am Hindukusch überein. Aus der FDP erhielt Köhler Unterstützung für seine Debatten-Anregung.
Von Politik und Medien weitestgehend unbeachtet hatte Köhler bereits am vergangenen Samstag im Deutschlandradio Kultur gesagt, Deutschland brauche einen Diskurs, wie in Afghanistan einerseits der zivile Aufbau machbar sei, und andererseits der Erwartung der Bevölkerung auf einen raschen Truppen-Abzug entsprochen werden könne. Die Soldaten kämpften dort für die Sicherheit in Deutschland auf der Basis eines UN-Mandats. Dies könne in Deutschland auch immer wieder kritisch hinterfragt werden.
Das Interview im Wortlaut
- Transkript und Audio beim Deutschlandradio (22. Mai 2010)
In der umstrittenen Passage heißt es dann: "Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen."
Unter anderem war die Geschichte durch Blogger Stefan Graunke ins Rollen gekommen, der auf unpolitik.de die Geschichte aufgegriffen hatte. Aus der Politik kamen unterschiedliche Reaktionen: Die CDU sagt, Köhler habe sich nicht auf Afghanistan bezogen, die Opposition sieht die Aussagen als Enthüllung.
Regierungsparteien verteidigen Köhler
Der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz sagte im Deutschlandfunk, Köhler habe sich missverständlich ausgedrückt: "Er wollte keine neue Militärdoktrin für Deutschland verkünden". Den Zusammenhang zwischen freien Handelswegen und Afghanistan wolle er nicht herstellen. Aber am "Beispiel des internationalen Einsatzes gegen Piraterie am Horn von Afrika" sei zu sehen, dass natürlich ein Interesse an freien Handelswegen bestehe. "Allerdings ist hier selbstverständlich die Voraussetzung ein klares, völkerrechtliches Mandat und ein multilaterales Vorgehen."
Die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Elke Hoff, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Für mich sind die Vorwürfe gegen den Bundespräsidenten nicht nachzuvollziehen. Manche in der Opposition wollen ihn wohl bewusst missverstehen." Schon im Weißbuch der schwarz-roten Koalition sei festgehalten worden, "dass es eine Aufgabe der Bundeswehr ist, in Krisenregionen Stabilisierungsmaßnahmen durchzuführen". Dazu gehöre für eine Export-Nation wie Deutschland international Transportwege zu sichern, etwa bei der Marinemission am Horn von Afrika. "Das größte europäische Land muss ein Interesse daran haben, bei gemeinsamen internationalen Stabilisierungsmissionen dabei zu sein, auch um die Transportwege für die deutsche oder die europäische Wirtschaft zu sichern."
Opposition: "Brandgefährliche" Aussagen
Grünen-Fraktions-Vize Frithjof Schmidt erklärte bei "Spiegel Online": "Die Äußerungen von Bundespräsident Köhler sind brandgefährlich. Sie entsprechen weder der Rechtsgrundlage noch der politischen Begründung des Afghanistan-Einsatzes. Sie offenbaren ein für das Präsidentenamt inakzeptables Verständnis von Verteidigungs- und Sicherheitspolitik."
Der Vorsitzende der Linken, Klaus Ernst, forderte nach den Äußerungen Köhlers eine Neuabstimmung des Bundestags über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Weder die Mandate noch die Verfassung deckten Wirtschaftskriege ab, argumentierte Ernst. Er erklärt weiter: "Köhler hat offen gesagt, was nicht zu leugnen ist. In Afghanistan riskieren Bundeswehr-Soldaten Gesundheit und Leben für die Exportinteressen riesiger Konzerne."
Ernsts Co-Vorsitzende Gesine Lötzsch drang auf einen schnellen Abzug der Bundeswehr bis zum Ende dieses Jahres. Das Grundgesetz verbiete Wirtschaftskriege, sagte sie. "Herr Köhler hat ganz einfach die Katze aus dem Sack gelassen" und "bewusst oder unbewusst ausgeplaudert", dass es in Afghanistan um wirtschaftspolitische Interessen gehe.
Köhler: "Afghanistan war nicht gemeint"
Bundespräsident Horst Köhler hat seine Äußerungen über deutsche Militäreinsätze zur Sicherung internationaler Handelswege zwischenzeitlich präzisiert. Die Afghanistan-Mission sei nicht gemeint gewesen, sagte Präsidenten-Sprecher Steffen Schulze am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa.
Der Bundespräsident habe in einem Interview festgestellt, die Bundeswehr kämpfe in Afghanistan auf der Grundlage eines Mandats der Vereinten Nationen für die Sicherheit auch in Deutschland. Köhler habe darüber hinaus als Beispiele für die Begründung militärischer Einsätze auch die Verhinderung regionaler Instabilität und den Schutz freier Handelswege genannt, sagte der Sprecher.
"Diese Äußerungen des Bundespräsidenten beziehen sich auf die vom Deutschen Bundestag beschlossenen aktuellen Einsätze der Bundeswehr wie zum Beispiel die Operation Atalanta gegen Piraterie", fügte er hinzu.





Kommentare
Warum die Aufregung? Weil der
Um so schlimmer. Der Einsatz in Afghanistan ist ohnehin schon umstritten und diese Aussage des Bundespräsidenten lässt die Argumentation für den Einsatz noch deutlich schwächer erscheinen. Wenn man das überspitzen will, läuft es darauf hinaus, für eigene wirtschaftliche Vorteile zu töten. Das ist nicht nur aus christlicher, sondern aus jeder menschlichen Sicht nicht akzeptabel!
Auch Köhler darf das nicht so pauschalisieren. Der Anti-Piraten-Einsatz am Horn von Afrika hat eine andere Qualität als der Kriegseinsatz in Afghanistan. Insbesondere mit Blick auf die deutsche Vergangenheit darf er beide nicht in einen Topf werfen. Als Bundespräsident muss er da deutlich sensibler denken und von vornherein differenzieren.
Wenn man schon so denkt, ist der Schritt dahin nicht mehr weit, einfach deutsche Soldaten auf ein paar Ölquellen im Hindukusch zu setzen und zu sagen: Die gehören jetzt uns, ungefähr so wie die USA das mit der Vertragsvergabe an KBR und Konsorten im Irak gemacht haben. Das wäre eine in jeder Hinsicht neo-imperialistische und verhindernswerte Politik. Die Denkweise, die Köhler hier offenbart, geht genau in diese Richtung, und das ist inakzeptabel. Daher die Aufregung.
Man kann das anders sehen, aber den Zielen christlicher Friedensarbeit entspricht diese grundsätzliche Denkweise nicht.
Ach so: Und "in Krisenregionen Stabilsierungsmaßnahmen durchzuführen" (siehe Artikeltext) ist NICHT identisch mit "deutsche Handelswege sichern". Es kommt auch immer wesentlich auf die Motivation des Handelns an. Und die ist in Köhlers Fall wirtschaftlich orientiert und steht einer sinnvollen Friedensarbeit entgegen.
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Hanno Terbuyken
evangelisch.de
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