EKD-Papier - Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich in den Streit über Mindestlöhne eingeschaltet. Wo untere Lohngruppen nicht über das Tarifsystem gegen eine Abwärtstendenz gesichert werden können, bestehe politischer Handlungsbedarf, heißt es in einem am Montag in Hannover veröffentlichten EKD-Dokument. Dabei seien branchenspezifische Mindestlöhne einer flächendeckenden Lohnuntergrenze vorzuziehen.
Mit branchenspezifischen Mindestlöhne könne zielgenauer auf die Entwicklung in einzelnen Bereichen und Regionen reagiert werden, argumentiert die EKD-Kammer für soziale Ordnung. In der Argumentationshilfe wird zugleich betont, auch im Niedriglohnsektor seien Tarifvereinbarungen der beste Weg zu einer gerechten Lohnfindung.
Umstrittene Frage - kein Königsweg
Der EKD-Text "Pro und Contra Mindestlöhne" (hier als pdf) solle dazu beitragen, sinnvolle Kompromisse zu finden, schreiben der Kammervorsitzende Gert. H. Wagner und sein Stellvertreter Reinhard Turre im Vorwort. Sie heben allerdings hervor, es gebe keinen Königsweg, um Leistung, Entlohnung und Würde im Arbeitsleben miteinander in Einklang zu bringen. Die Experten geben zugleich zu bedenken, dass wie in der Gesellschaft insgesamt auch in der evangelischen Kirche die Frage eines allgemeinen Mindestlohns umstritten sei.
In den vergangenen Jahren habe sich der Niedriglohnsektor ausgeweitet, schreiben die Verfasser. Mindestens 1,3 Millionen Erwerbstätige könnten nicht von den Löhnen, die sie erhalten, leben. Ein staatlich festgesetzter Mindestlohn wäre eine Sicherung gegen Lohnverfall in unteren Lohnbereichen, heißt es in dem Text. Durch einen Mindestlohn wäre Armut allerdings noch nicht besiegt, warnt die EKD vor zu hohen Erwartungen.
Kommission soll Lohnhöhe in Pflege aushandeln
In Berlin nahm unterdessen die neue Kommission zur Einführung von Mindestlöhnen in der Pflegebranche ihre Arbeit auf. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) äußerte die Erwartung, dass noch in diesem Jahr ein verbindlicher Mindestlohn für rund 800.000 Beschäftigten in der Pflege eingeführt wird. Nur wenn die Arbeitsbedingungen attraktiv und die Bezahlung angemessen sei, ließen sich genügend junge Menschen für die Arbeit in der Pflege gewinnen, sagte der Minister.
Die Pflegekommission soll die Lohnhöhe aushandeln. Das Bundesarbeitsministerium kann die Beschlüsse der Kommission durch eine Rechtsverordnung für alle Arbeitnehmer in der Branche verbindlich machen. Der Vorsitzende des Gremiums ist Rainer Brückers von der Arbeiterwohlfahrt.
Neben dem Geltungsbereich eines Mindestlohns muss die Frage geklärt werden, ob es in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich hohe Mindestlöhne geben und an welchen Tarifverträgen sie sich orientieren sollen. In der Branche werden nach tariflichen oder kirchlichen Vereinbarungen für Pflegehilfskräfte zwischen 7,50 und knapp zehn Euro Stundenlohn gezahlt. Tatsächlich liegen die Entgelte oft deutlich darunter, weil Pflegedienste oder Heime die Tarifverträge nicht anwenden.
Sonderweg im kirchlichen Bereich
Die Pflegekommission stellt einen Sonderweg zur Einführung eines Mindestlohns in der Pflege dar. Grund sind die verfassungsrechtlich geschützten Lohn- und Gehalts-Vereinbarungen der kirchlichen Anbieter, die den größten Teil der Beschäftigten stellen. Sie schließen keine Tarifverträge ab, lehnen sich aber an Tarifverträge im öffentlichen Dienst an.





Kommentare
RE: Kirche: Ja zu Mindestlöhnen - mit Einschränkungen
Solange die Kirche glaubt, sie hätte in der Gesellschaft das Recht, einen dritten Weg zu gehen, und gleichzeitig meint, der Gesellschaft Ratschläge in Sachen Gerechtigkeit im Arbeitsleben geben zu können, kann man sie nicht ernst nehmen.
Die (evangelische) Kirche in Deutschland dreht selbst am Rad der Armutsindustrie über die "Neue Arbeit" (Diakonie), wo Arbeitnehmer für einen Euro edle Trampoline produzieren. Dies ist pure Ausnutzung der schwierigen Situation in der sich diese Menschen befinden.
Wenn ich den EKD-Text lese, Pro und Contra Mindestlöhne, so fällt mir eine Ähnlichkeit im Ansatz wie bei Bundeskanzlerin Angela Merkel auf. Es wird viel geredet, aber nichts gesagt, geschweige denn für die Menschen getan.
Immer wenn auf das Hochlohnland Deutschland verwiesen wird, frage ich mich, warum ist Deutschland den Exportweltmeister gewesen? Warum haben die Exportfirmen trotz hoher Löhne so hohe Gewinne gemacht? Sind die Exportüberschüsse denn zu verantworten? Oder ist das nur ein Gerede, um die Druck auf Löhne und Gehälter ausüben zu können? Was dabei herauskommt ist ein stagnierender Binnenmarkt.
An die evangelische Kirche hätte ich eine Bitte. Zeigt Flagge wo Ihr steht, bei der Elite und den Reichen, oder mit ein paar Almosen bei den Armen und Schwachen. Oder wollt Ihr es mit niemandem verderben? Mit dem EKD-Text wird jedenfalls die Schere zwischen Arm und Reich kein bisschen geschlossen.
Mit freundlichen Grüßen,
Hans-Joachim Müller
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