Kommentar - Die Politiker haben sich in Sachen Organspende geeinigt - endlich, die Entscheidungslösung kommt. Was aber wird sie ändern? Nicht viel. Denn dass die Menschen sich nicht zur Organspende bekennen, liegt nicht nur daran, dass sie selbst handeln mussten, um zum Spender zu werden. Es liegt auch an den Ängsten, mit denen das Thema behaftet ist. Daran ändert auch eine politische Entscheidung nichts.
Jetzt kommt also die Entscheidungslösung. Heißt konkret: Ob jemand Organspender werden möchte, entscheidet er nicht mehr aus Eigeninitiative heraus. In Zukunft wird jeder von den Krankenkassen aufgefordert, sich zum Thema zu äußern. Was das bringt? Vermutlich nicht viel. Denn der springende Punkt ist ein anderer.
Umfragen haben ergeben, dass zwar grundsätzlich viele Menschen breit sind, nach ihrem Tod Organe zu spenden, sie haben jedoch keinen Ausweis ausgefüllt. Bleibt die Frage: Ändert sich das, nur weil man nun dazu aufgefordert wird? Das würde ja bedeuten, wir Menschen sind einfach nur zu faul, um uns einen Organspendeausweis zu besorgen. Könnte im ein oder anderen Fall tatsächlich so sein. Das scheint aber doch ein wenig zu einfach. Also ist es Zeit, nach dem Grund zu fragen.
Und der liegt bei einem Thema, das eng an die Organspende geknüpft ist - dem Sterben. Der Tod macht von sich aus Angst, liegt im Alltag als Thema niemals ganz oben auf und man schiebt ihn lieber weg oder vertagt die Auseinandersetzung auf später – vor allem dann, wenn es konkret wird. Und was kann schon konkreter sein, als die Frage, ob ich Herz, Leber oder Nieren im Falle meines (Hirn-)Todes spenden möchte?
Das Thema ist in der öffentlichen Diskussion
Und dann ist da noch diese Unsicherheit und dieses beklemmende Gefühl: Sich vorstellen zu müssen, dass man zwar tot ist, dass aber das Herz aber noch schlägt. Was ist, wenn ich doch noch Schmerzen bei der Entnahme der Organe empfinde? Eine Frage, der sich eine simple Aufforderung der Krankenkasse nicht annähren kann – und beantworten sowieso nicht.
Was bringt also die Entscheidungslösung? Immerhin ist das Thema auf der Agenda der Politiker, der Medien und somit in der öffentlichen Diskussion – und das ist auch gut so. Sie wird aber nur dann auch eine wesentliche Bereitschaft zur Spende auslösen können, wenn die Politik eine Lösung findet, mit den Ängsten der Menschen umzugehen. Für Aufklärung zu sorgen, mehr Personal in den Krankenhäuser zu ermöglichen und so mehr Ansprechpartner für die Sorgen der Menschen bei einer Organspende anzubieten. Das können eben nur geschulte Menschen, keine Aufforderung der Krankenkassen. Ansonsten bleibt die Entscheidungslösung eine Worthülle ohne Inhalt.
Dieser Kommentar erschien erstmals am 24. November 2011 auf evangelisch.de, als die erste Entscheidung zur Entscheidungslösung bei der Organspende gefallen war.
Maike Freund ist Redakteurin bei evangelisch.de.





Kommentare
Ängste
Ich glaube nicht, dass es nur um Ängste geht, vielleicht gar noch eingebildete. Ist es denn nicht zu verstehn, dass jemand in Ruhe sterben möchte, ohne Apparate und in Gegenwart seiner Angehörigen? Und es bleibt ja auch die Frage, ob der sogenannte Hirntod nicht vielleicht nur ein definierter Tod ist. Und Nächstenliebe ist gut, aber mit moralischem Druck erzwungene Nächstenliebe ist keine.
Hirn gegen Herz
das sehe ich genauso wie Du. Es ist schon seltsam, wie massiv versucht wird, jenen ein schlechtes Gewissen einzureden, die sich nicht dieser Wiederverwertungsmaschine ausliefern wollen.
Und Nächstenliebe ist gut, aber mit moralischem Druck erzwungene Nächstenliebe ist keine.
Aber was ist, wenn die gewünschte Recycling-Quote nicht erreicht wird? Müssen dann die Verweigerer eine höhere Prämie bei ihrer Krankenversicherung zahlen?
Nachtfalter
Verpflichtung?
Da sehe ich mehrere Gefahren: Einmal "reichen" die Organe ohnehin nicht für alle, die eines bräuchten, selbst wenn alle möglichen Entnahmen erfolgten. Dann leben wir zwar zur Zeit noch in einem Rechtsstaat. Aber die Gefahr, dass ein Sterbeprozess beinflusst wird, um ein Organ zu gewinnen, die ist doch gegeben. Man denke nur an die Hinrichtungen in China, an den Verkauf von Organen durch Arme. Und dann ist eben die Definition "Hirntod" überhaupt nicht gesichert. Zur Zeit muss man die betroffenen Sterbenden künstlich am Leben halten, weil sonst die Organe unbrauchbar werden, aber dann wird eben der Sterbeprozess verkürzt. Man muss noch einmal hohe Dosen von Schmerz- und Entspannungsmitteln geben, da sonst hohe Adrenalin-Ausschüttung und bedrohlich steigender Blutdruck die Organe unbrauchbar machen. Schließlich arbeiten auch nach dem Herz- und Atemstillstand u.A. die Leber noch fast drei Tage lang, Haare und Fingernägel wachsen noch, es wird noch ausgeschieden, d.h. der Darm braucht auch noch Zeit, bis er zur Ruhe kommt. Und weil immer mehr Menschen verfügen, dass sie nicht künstlich am Leben gehalten werden möchten, ist auch deshalb eine Organentnahme oft nicht möglich. Ich selbst habe mich dagegen entschieden und nehme als Konsequenz auf mich, dass mir so ein entnommenes Organ nicht zur Verfügung steht. Wer das für sich oder für einen Angehörigen anders entscheidet, der hat meine hohe Achtung. Aber ich würde z.B. das Wort "Spende" nicht benutzen. Und ich glaube auch, dass offener über den Vorgang als solchen gesprochen werden müsste, und ich bin nicht sicher, ob immer die nötige Andacht herrscht, wenn Organe entnommen werden, und ob man immer einfühlsam mit den Angehörigen umgeht.
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