Segen der sexuellen Revolution: Drei Fragen an Ernst Elitz (10)

Ernst Elitz

Ernst Elitz. Foto: dpa

Rubrik - Pointierte Anmerkungen zu Politik und Zeitgeschehen: Als erfahrener Journalist ist Ernst Elitz gewohnt, den Mächtigen kritisch auf die Finger zu schauen, verschleiernde Worthülsen zu knacken und das Zeitgeschehen bisweilen bissig zu kommentieren - wobei er übrigens das Neue Testament als ein Vorbild sieht: Beispielhaft in seiner klaren und pointierten Aussprache sei es, ein guter Lebensentwurf für Ehrlichkeit, Aufklärung und Menschenwürde. Jeden Freitag beantwortet Ernst Elitz drei Fragen für evangelisch.de.

Die Fragen stellte Ulrich Pontes

evangelisch.de: Herr Elitz, vergangene Woche haben Sie Guido Westerwelle zu einem klaren Spar- und Schuldenabbau-Profil geraten. Stattdessen hat er eine riesige Debatte über den Sozialstaat losgetreten. Der FDP-Chef gegen den Rest der Republik - von der Opposition über den Koalitionspartner bis zur Kirche handelt er sich heftige Kritik ein. Was für einen Sinn hat sein Manöver?

Ernst Elitz: Bei den Attacken auf Westerwelle ist auch viel gespielte Empörung dabei. Jeder Politiker, der rechnen kann, weiß, dass bei einer sinkenden Zahl von Steuerpflichtigen nicht dauerhaft fast die Hälfte der Staatseinnahmen in unterschiedliche Sozialkassen gelenkt werden kann. Nur mit Kürzen ist es nicht getan. Es muss umgesteuert werden. Die 48 Milliarden Euro, die jährlich an Hartz-IV-Empfänger ausgezahlt werden, könnten besser in Beschäftigungsverhältnisse der Öffentlichen Hand investiert werden: Von Hausaufgabenbetreuung und Altenpflege bis zur öffentlichen Sicherheit und Sauberkeit - überall schreit es nach Hilfe. Da ist für jeden Hartz-IV-Empfänger etwas dabei. Wenn die Debatte über den Sozialstaat, die Westerwelle mit seiner dümmlichen Bemerkung über die "spätrömische Dekadenz" angestoßen hat, diese Wendung nimmt, dann hätte er einen wichtigen Impuls für die Zukunft gesetzt. Aber um seine Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen, muss er nun ebenso Einsparungsvorschläge für andere Politikbereiche vorlegen.

evangelisch.de: Zahlreiche frühere Fälle von Kindesmissbrauch in katholischen Schulen kommen gerade ans Tageslicht - auch dank aufklärungswilliger Geistlicher. Der Augsburger Bischof Mixa hat nun für Aufregung gesorgt, indem er der sexuellen Revolution eine Mitschuld gab. Wenn Sie mit ihm diskutieren könnten, was würden Sie ihm sagen?

Elitz: Lieber Seelenhirte, es ist leichter, die Schuld bei anderen zu suchen als bei sich selbst. Hätten alle Würdenträger sich so verhalten wie der Jesuitenpater Mertes, der dem Canisius-Kolleg vorsteht, dann wäre mancher Missbrach verhindert und eine vernünftige Sexualaufklärung an katholischen Schulen und in Priesterseminaren möglich gewesen. Die öffentlichen Geschmacksverirrungen, die bei Love- und anderen Paraden auf den Straßen bejubelt werden, verstellen den Blick auf die wahren Segnungen der sexuellen Revolution: Abbau von Verklemmungen, offene Gespräche, Akzeptanz unterschiedlicher geschlechtlicher Orientierungen. Insoweit, lieber Bischof Mixa, braucht auch die katholische Kirche eine sexuelle Revolution.

evangelisch.de: Deutschland staunt: Lidl macht sich für Mindestlöhne stark. Gegen menschenwürdige Bezahlung hat natürlich keiner was - andererseits ist die Billig- und Schnäppchen-Mentalität der Deutschen international berüchtigt, große Kundenscharen überzeugt man nur per Kampfpreis. Oder ändert sich da womöglich was - ausgerechnet in der Krise?

Elitz: Das Einlenken von Lidl ist nicht denkbar ohne die nachhaltige Berichterstattung der Medien. Dass sie am Fall Lidl drangeblieben sind, hat gezeigt, wie sinnvoll und wie erfolgreich Medienkampagnen sein können. Der Kunde, der es möglichst billig haben will und sich zugleich über die miserable Bezahlung der Lidl-Mitarbeiter beklagt, ist ein Heuchler. Er lamentiert ja auch - während er zum Supermarkt auf die Grüne Wiese fährt und den Laden an der Ecke links liegen lässt - über das Sterben der Tante-Emma-Läden. Würde der Konsument verantwortlich handeln, hätten es Ketten wie Lidl niemals soweit gebracht.


Prof. Ernst Elitz, Jahrgang 1941, lebt als freier Publizist in Berlin. Nach seinem Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften, Politik und Philosophie kam er über Stationen wie den "Spiegel" und das öffentlich-rechtliche Fernsehen zum Deutschlandradio, das er als Gründungsintendant von 1994 bis 2009 leitete.

Kommentare

Verfasst von Gast am 20. Februar 2010 - 15:35.

Is ja übel

wie einige hier drauf sind. Was verstehen Sie denn unter sexueller Revolution?...

wie einige hier drauf sind. Was verstehen Sie denn unter sexueller Revolution? Wollen Sie zurück in der Verklemmung vergangener Zeiten. Meine Mutter hatte noch Angst, sie kriegt nach einem Kuß ein Kind und mir hat man eingeredet, dass Selbstbefriedigung das Rückenmark schwächt. Ebenso könnten Sie auf die industrielle Revolution schimpfen, schließlich hat sie Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit hoch drei und noch vieles andere gebracht. Aber sicher fahren Sie Auto, sehen vielleicht fern und wärmen das Essen in der Mikrowelle auf. Und nun Scheidungsraten usw. damit zu verbinden, dass wir nach Jahrhunderten der Verteufelung von Sexualität endlich offen damit umgehen können, zeugt von Unkenntnis und Lieblosigkeit. Was bitte hat es mit Sexualität zu tun, wenn Menschen nicht mehr beieinander bleiben können, was bitte, wenn Menschen keinen Mut haben, Kinder in die Welt zu setzen? (Gut, ich kenne fromme Leute, die kriegen jetzt das elfte Kind, weil der Herr es so will und die Pille tabu ist, die Frau stand dafür schon kurz vorm Himmelstor...).
Dass jede Revolution "Nebenwirkungen" hat, liegt an den Menschen, die damit nicht umgehen können. Zu verhindern, zu verbieten, zu verteufeln ist dennoch weder legitim noch angemessen. Im übrigen: die Verfasser der Bibel waren offen und frei genug, wenn sie z.B. das "Hohelied der Liebe" in den Kanon aufgenommen haben, ein Dichtungswerk, das von Sexualität nur so strotzt. Und dass Adam mit seiner Frau schlief (wie kann man so was nur schreiben, gelle?) steht auch noch am Anfang der Bibel. Aber es gibt eben immer Leute, die wissen ganz genau, was Gott und wie will. Traurige Christenwelt!

Verfasst von Ännchen am 5. März 2010 - 13:46.
Kommentar auf: Is ja übel

Sexuelle Befreiung

Mal ganz ehrlich: Ist das nicht alles eine Frage des Hormonhaushaltes? Laut...

Mal ganz ehrlich: Ist das nicht alles eine Frage des Hormonhaushaltes?

Laut Bibel besuchte Jesus Maria -Magdalena: Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, das Jesus wohl einen ausgeglichenen Hormonhaushalt hatte- normal- wenn man die Bibel so interpretieren kann. Normal ist auch :GESUND! Wenn Menschen Drogen, Alkohol oder sonstige Stimulantien benötigen, ist das wohl doch eher nicht gesund,oder? Das gleiche gilt doch wohl für den Tatbestand, wenn erwachsene Männer kleine Kinder.......

Jesus hatte definitiv keine Familie- also keine Frau und auch keine Kinder, mit denen er in einer Ehe lebte. Die Familie ist aber in unserer Kultur eine vom Staat beschützte Einrichtung, die für die geborenenen Kinder mit absoluter Sicherheit von Vorteil ist. Sie ist nicht unbedingt etwas christliches, eher eine gute Sache, um unseren Staat weiteren Bevölkerungszuwachs und damit deren Fortbestand zu garantieren!

Die "Verklemmung" fand auch nicht in allen Schichten statt, sondern wohl nur in den gehobeneren! Ich gehe aber davon aus, das diese Verklemmung nicht bei beiden Geschlechtern gleich groß war! Weiterhin gehe ich davon aus, dass außerehelicher Geschlechtsverkehr an der Tagesordnung war und von den Ehefrauen stillschweigend hingenommen wurde. Die Kirchen waren auch eher mit Frauen als mit Männern gefüllt. Die 3 Großen K gehörten allein der Frau:Kinder-Küche-Kirche -und sie hatte sich gefälligst in ihre Rolle zu fügen!

 

Verfasst von Gast am 21. Februar 2010 - 6:51.
Kommentar auf: Is ja übel

Verantwortung wahrnehmen

Es hat hier niemand in Frage gestellt, daß Sexualität etwas schönes ist,...

Es hat hier niemand in Frage gestellt, daß Sexualität etwas schönes ist, solange sie dort ihren Platz hat, wo Gott sie gewollt hat, nämlich in der lebenslangen Ehe von Mann und Frau. Die sog. "sexuelle Revolution" aber hat sehr wohl ihren Anteil daran, daß die Übertretung des sechsten Gebots "Du sollst nicht ehebrechen!" in unserer Gesellschaft beinahe als Kavaliersdelikt betrachtet wird, und das ist es eben nicht.
Der nächste Punkt ist die tatsächlich schamlose Sexualisierung der Gesellschaft, welche ein geradezu unerträgliches Maß erreicht hat. In diesem Zusammenhang über die Prüderie des 19. Jahrhunderts zu schimpfen, wird der Sache einfach nicht gerecht. Du kannst kaum noch eine Zeitung lesen, ohne von Nacktfotos u.a. belästigt werden. Die Kampagnen für die Benutzung von Kondomen in der Öffentlichkeit sind ebenso unerträglich. Unsere Kinder fragen uns: Was ist denn das?
Schließlich ist nicht einzusehen, warum der Mensch ständig als ein Wesen behandelt werden muß, das seine Triebe nicht beherrschen kann.
Alle Anstrengungen sollten vielmehr darauf hinauslaufen, daß wir wieder lernen, für unsere Verantwortung einzustehen. Die Fastenzeit ist dafür eigentich geeignet, weil wirkliches Fasten den Willen stärkt, wenn es als geistlicher Vorgang getan wird. Fasten und Gebet gehören nämlich zusammen. Gebet aber bedeutet nicht, fromme Sprüche sagen oder Gott seinen Willen aufzwingen, sondern durch Hören auf Gottes Wort seinen Willen erkennen, und als zweiten Schritt: sich auch danach richten.
Wenn wir das Fasten aber als "Wellness-Veranstaltung" auffassen, dann haben wir den Sinn des Fastens vollständig verfehlt. Und ebenso geht es auch nicht darum, durch das Fasten irgendwelche Verdienste vor Gott zu erwerben. Das einzige ist: demütiger zu werden, mehr geistig-geistliche Klarheit zu erlangen, die unergründliche und unbegreifliche Liebe Gottes besser und tiefer zu verstehen lernen.

Verfasst von Gast am 21. Februar 2010 - 6:18.
Kommentar auf: Is ja übel

Freizügigkeit in der Fastenzeit

Ich wiederhole noch einmal, daß ich es ziemlich seltsam finde, daß gerade jetzt...

Ich wiederhole noch einmal, daß ich es ziemlich seltsam finde, daß gerade jetzt in der Fastenzeit auf diesem Portal eine Diskussion über bzw. für sexuelle Freizügigkeit geführt wird. Auf demselben Portal gibt es den Hinweis auf eine siebenwöchige Fastenaktion. Was ist denn davon zu halten, wenn im gleichen Atemzug das Gegenteil propagiert wird?

Verfasst von Gast am 19. Februar 2010 - 14:40.

Konsequenzen der sexuellen

Konsequenzen der sexuellen Revolution sind auch steigende Scheidungsraten, eine...

Konsequenzen der sexuellen Revolution sind auch steigende Scheidungsraten, eine niedrige Geburtenrate, eine viele Menschen total überfordernde Sexualisierung der Öffentlichkeit und eine stetig wachsende Zahl von Singles und total Vereinsamten. Weiß der Mann eigentlich, wovon er redet?

Verfasst von Gast am 19. Februar 2010 - 13:15.

Freizügigkeit in der Fastenzeit

Es ist schon ein starkes Stück, gerade jetzt in der Fastenzeit von sexueller...

Es ist schon ein starkes Stück,
gerade jetzt in der Fastenzeit von sexueller Freizügigkeit zu schwärmen.

Verfasst von Gast am 19. Februar 2010 - 13:46.

Re: Freizügigkeit in der Fastenzeit

Wer lesen kann hat einfach Vorteile....

Wer lesen kann hat einfach Vorteile....

Verfasst von Gast am 19. Februar 2010 - 12:56.

Bei dir, HERR, ist die Quelle des Heils.

Es ist nicht hinnehmbar, den Begriff der sog. sexuellen Revolution irgendwie...

Es ist nicht hinnehmbar, den Begriff der sog. sexuellen Revolution irgendwie mit "Segen" zu verknüpfen. Die Bemühungen der evangelischen Kirche sollten vielmehr dahin gehen, uns alle zum Gehorsam gegenüber Gott und seinem heilsamen Wort zu rufen. Allein aus solchem Gehorsam kann Segen erwachsen. Andere Quellen des Heils als unsern HERRN Jesus Christus kann es nicht geben. Vgl. die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen.

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