Somalia: Dem Sterben näher als dem Leben

Hungernde Kinder in Somalia

Die Menschen flüchten von Somalia nach Mogadishu. Aber auch hier sind die Lebensmittel knapp. (Foto: dpa)

Hungerkatastrophe - Mit letzter Kraft flüchten viele Somalier vor dem Hunger nach Mogadischu. Aber auch dort können die Menschen dem Hunger nicht entkommen, denn die Vorräte sind aufgebraucht. Es fehlen Medikamente und Lebensmittel und die Lieferungen der Hilfsorganisationen laufen viel zu schleppend an. Es sind vor allem die Kinder, die hungern.

Von Bettina Rühl

Vor knapp zwei Wochen schlachtete der Somalier Ahmed Madou seine letzte Kuh, die letzte von ehemals 30. Die anderen waren in den vergangenen sechs Wochen verendet, aus Mangel an Wasser und Nahrung. Das letzte Tier war auch schon so stark abgemagert, dass Madou wusste: Sie würde nicht mehr lange überleben.

Der Vater von zwei Kindern sah zudem die Herden der anderen Hirten im Zentrum Somalias sterben, in Lower Schabelle, dem einstigen Brotkorb des Landes. Die Region ist eine der beiden, in denen die Vereinten Nationen am Mittwoch den Hunger-Notstand ausgerufen haben. Ganz Ostafrika leidet unter einer schweren Dürre, Somalia ist zudem von mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg zerrissen.

Drei Tage lang aß Familie Madou von dem Fleisch ihrer letzten Kuh, dann brachen sie auf nach Mogadischu, die somalische Hauptstadt. "Für den Weg hatten wir nur etwas Wasser", erzählt Madou. "Brot haben wir unterwegs von dem Menschen erbettelt." Sie bekamen immerhin so viel, dass sie die Reise nach Mogadischu schafften.

Von chronischem Hunger gezeichnet

Aber viel mehr als überlebt haben sie nicht: Kaum angekommen, brachten sie ihren jüngsten Sohn, zwei Jahre alt und schwer unterernährt, ins Benadir-Krankenhaus. Der kleine Aden ist dem Sterben näher als dem Leben, er hat Hungerödeme und wiegt nur acht Kilo statt zwölf, wie es seinem Alter und seiner Statur entsprechen würde.

Auch seine Eltern und der dreijährige Bruder sind von chronischem Hunger gezeichnet. "Ich müsste die ganze Familie aufnehmen und ernähren", sagt die Ärztin Lul Mohamud Mohamed. "Aber so viel Platz habe ich nicht." Die Kinderärztin ist stellvertretende Direktorin des Benadir-Krankenhauses in Mogadischu.

Und Essen für alle hat sie auch nicht. Der zweijährige Aden bräuchte dringend spezielle Aufbaunahrung. "Aber seit Juni haben wir keine mehr", sagt die Ärztin. Ausgerechnet in dem Moment, in dem die ersten Opfer der Dürre Mogadischu erreichten, waren die Lager des Krankenhauses leer.

Täglich kommen Tausende nach Mogadischu

Die Todesrate verdoppelte sich seit März. In den ersten beiden Juliwochen seien schon 22 Kinder an den Folgen des Hungers gestorben, sagt die Ärztin. Täglich kommen Tausende Männer, Frauen und Kinder nach Mogadischu. Sie fliehen aus den Gebieten, die von der Dürre betroffen sind und von radikalen Islamisten beherrscht werden. Die somalische Übergangsregierung kontrolliert nur einen kleinen Teil des Landes.

Die Islamisten haben humanitäre Helfer jahrelang verfolgt und getötet. Erst angesichts der dramatischen Hungerkrise änderten sie ihre Politik und baten auch internationale Organisationen um Hilfe. Doch die Unterstützung läuft erst zögerlich an, weil das Risiko für die Helfer immer noch hoch scheint.

Die Ärztin Mohamed informierte das UN-Kinderhilfswerk UNICEF, das bisweilen Medikamente und Aufbaunahrung liefert, schon vor Wochen über den Mangel an Nachschub. "Sie sagten, dass sie etwas schicken würden, aber wir warten und warten - nichts passiert", klagt sie.

Ähnlich ist ihre Erfahrung mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen: "Das schickt uns Rationen für 600 Patienten, nicht mehr und nicht weniger. Auch jetzt nicht, in einer solchen Notsituation." Von beiden UN-Organisationen war zunächst keine Stellungnahme dazu zu erhalten.

"Ich bin verzweifelt"

Währenddessen kämpfen Mohamed, ihre Kolleginnen und das medizinische Personal im Benadir-Krankenhaus gegen die Not, so gut sie können. Dem zweijährigen Aden gibt die Ärztin Vollmilch und Maisbrei. "Das ist nicht das Richtige, aber besser als nichts."

Eine schwierige Situation für das Team, das das ehemalige Polizeikrankenhaus in Privatinitiative betreibt. "Ich bin verzweifelt", sagt Mohamed, "und ich fühle mich schuldig, wenn ich meinen Patienten nichts geben kann". Dabei tun sie und die anderen Mitarbeiter der Klinik viel, um die schlimmste Not zu lindern: Alle arbeiten ehrenamtlich, und das nicht erst seit dem Ausbruch der Krise.

Im Benadir werden grundsätzlich keine Gehälter gezahlt. Wenn Medikamente fehlen, greifen die Mitarbeiter oft in die eigene Tasche und kaufen Nachschub auf dem Markt. Das Klinik-Personal ist mit dieser Hilfsbereitschaft nicht allein: Täglich kommen Bewohner von Mogadischu zum Krankenhaus, bringen Kleidung und Nahrung für die Opfer der Dürre.

epd

 

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