Kommentar - Heute vor einem Jahr, am 25. August 2010, begannen die Abrissarbeiten am Stuttgarter Hauptbahnhof. Der Konflikt um das umstrittene Projekt Stuttgart 21 eskalierte und führte zu einem Regierungswechsel in Baden-Württemberg. Wir von evangelisch.de haben das Thema Stuttgart 21 immer wieder aufgegriffen und neben der Berichterstattung über die Proteste auch Befürworter wie den evangelischen Pfarrer Johannes Bräuchle zu Wort kommen lassen. Positiv steht dem Projekt auch evangelisch.de-Chefredakteur Arnd Brummer gegenüber. Hier seine Zwischenbilanz.
Den Gegnern des Mega-Bahnprojekts Stuttgart 21 war es gelungen, ihren partikularen Widerstand gegen den Tiefbahnhof im Herzen der Schwabenmetropole als universalen Schwabenaufstand erscheinen zu lassen. Dies und das äußerst unglückliche Agieren der verflossenen schwarz-gelben Regierung Stefan Mappus sorgten für einen Wechsel zu Grün-Rot in Baden-Württemberg.
Für die sogenannten Wutbürger und ihre Freunde bei den Grünen galt damit das Projekt als gestorben. Dieser Eindruck verfestigte sich bei ihnen noch, als der bekennende Stuttgart-21-Gegner Winfried Hermann das Verkehrsressort in der grün-roten Koalition übernehmen konnte. Der Eindruck war von vornherein falsch. Denn die baden-württembergischen Sozialdemokraten, fast gleichstarker Partner der Grünen, sind mit großer Mehrheit Befürworter des Projekts – auch wenn sie das täppische Kommunizieren von Bahn und Vorgängerregierung zu Recht immer kritisierten.
Der vorsichtige Herr Kretschmann
Ob der inzwischen fast legendenreife SPD-Oberbürgermeister Ivo Gönner in Ulm oder die Sozialdemokraten in Tübingen: Die wirtschaftspolitisch und strukturpolitisch nach vorne denkenden Genossen stehen unverändert für das Bahn-Zukunftsprojekt ein. Würde Kretschmann zu den Wutbürgern auf die Barrikaden klettern und vollmundig das Projekt zerschlagen, wäre das der Anfang vom Ende seiner Koalition.
Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident, wusste das und hat es nicht vergessen. Von Haus aus Realo und Anhänger eines vernunftgesteuerten Pragmatismus ist ihm das grün-rote Regierungsprojekt auf mittlere Sicht zu wichtig, um unüberlegt, aber euphorisch den Projektgegnern mit sowohl strategisch als auch juristisch blauäugigen Aktionen das wunde Gemüt zu wärmen. Kretschmann ist vorsichtig, ehrlich vorsichtig. Schon vor der Wahl hat er nichts versprochen, was nicht zu halten ist; also steht er jetzt nicht in der Pflicht, den wohlständigen Verweigerern vom Stuttgarter Killesberg gefallen zu müssen. Und selbst sein Verkehrsminister scheint erkannt zu haben, was geht und was nicht.
Für grüne Realos ist das Bahnprojekt ein Fall für nüchterne Analyse. Nochmal: Es handelt sich weder um ein Kernkraftwerk noch um ein Stück mehrspurige Autobahn für den ungeliebten Individualverkehr, sondern um ein zukunftsorientiertes Vorhaben auf Schienen. Das mag den Bewohnern der Villenvororte von Stuttgart ans Herz gehen, wo man ungern für die nächsten 15 Jahre eine Riesenbaustelle unter Seniorenschlafzimmer haben möchte. Schon in Heilbronn oder Reutlingen, erst recht aber in Mannheim oder Freiburg ist Stuttgart 21 kein grünes Kernthema.
Arnd Brummer ist Chefredakteur des evangelischen Magazins "chrismon", Geschäftsführer des Hansischen Druck- und Verlagshauses und Chefredakteur von evangelisch.de.





Kommentare
Die Haltung der "Pfarrer
Die Haltung der "Pfarrer gegen S21" veranlasste mich zum Austritt aus der ev. Kirche. Gott mit einem Bahnhofsprojekt in Verbindung zu bringen war mir zu viel kirchliche Blasphemie, als das ich das tolerieren konnte.
Diskussion um S21: Der Stresstest
Sehr geehrter Herr Brummer,
Danke für Ihre offene Stellungnahme für S21. Das gibt die Möglichkeit, in eine ernsthafte Diskussion einzusteigen.
Diese Diskussion ist auf vielen Themenfeldern möglich, ich möchte hier einmal den Stresstest herausgreifen.
Vor wenigen Wochen wurde ja der Bericht der SMA zum durch die Bahn durchgeführten Stresstest veröffentlicht. Ziel war nachzuweisen, dass in der Spitzenstunde morgens zwischen 7:00 und 8:00 Uhr 49 Züge fahren können.
Das ist auf dem Papier möglich, allerdings werden aus den Berichten der Bahn und der SMA unter anderem folgende Punkte deutlich:
1.) Im Fahrplan-Entwurf, der dem Stresstest zu Grunde liegt, fahren weniger IC-Züge als heute, dafür mehr RE-Züge. Grund dafür ist, dass mit langen IC-Zügen ein ganzer 400m langer Bahnsteig belegt wäre, während mit kurzen RE-Zügen Bahnsteigdoppelbelegungen gemacht werden können.
2.) Aus Richtung Tübingen/Reutlingen sind auf Grund von ungünstig verlaufenden Gleisen nicht mehr als zwei Züge/Stunde möglich.
3.) Für den Stresstest wurden 30 Sekunden Haltezeit für die S-Bahnen am Hauptbahnhof angenommen. Heute üblich sind 55 Sekunden. Dass 30 Sekunden unrealistisch sind, kann jedermann zur Hauptverkehrszeit mit einer Stoppuhr nachprüfen.
Aus diesen und vielen anderen Gründen kommt SMA-Chef Stohler auch zu der Aussage, dass der von Herrn Geißler und ihm vorgeschlagene Kombibahnhof dreimal besser wäre.
Mit freundlichen Grüßen
Stresstestergebnisse
Sehr geehrter Herr Harald,
ich möchte mir erlauben, Ihre Feststellungen zu korrigieren:
1. Es ist richtig, dass einige ICs durch REs im Fahrplan ersetzt wurden. Grund dafür ist jedoch nicht, dass zwei Züge an einem Bahnsteig halten sollen, sondern dass die REs ab Stuttgart einen anderen Streckenverlauf haben sollen (z.B. von KA über S nach TÜ) und auf diesen Ästen mehr Halte als bei ICs üblich bekommen sollen. Es lässt sich aus den Schlichtungsunterlagen klar erkennen, dass keiner der durch REs ersetzten ICs an einem bereits belegten Gleis in Stuttgart hält.
2. Es ist falsch, dass auf der Strecke Tü-S nur zwei Züge pro Stunde fahren können. Geplant ist, dass 4 Züge pro Stunde die Strecke bedienen, davon zwei über Flughafen und zwei über Plochingen-Esslingen. Es macht durchaus Sinn, von Tübingen, Metzingen, Reutlingen, Nürtingen weiterhin Züge über Esslingen zu führen. Die Forderung der Landesregierung 3 Züge über den Flughafen zu führen macht keinen Sinn und dürfte lediglich damit zu begründen sein, dass man die Kosten in die Höhe treiben will (was nicht heißt dass ich nicht ein strikter Befürworter der großen Wendlinger Kurve bin).
3. Wenn Sie sich tatsächlich mal mit der Stopuhr in S-Bahnhof stellen werden Sie feststellen, dass die S-Bahnen durchaus nur 30 Sekunden halten, selbst in den Hauptverkehrszeiten. Unklar ist mir jedoch, warum S21 die Haltezeiten der S-Bahnen in irgendeiner weise beeinflussen soll. Mit S21 werden die S-Bahnen auf völlig eigenen Bahnkörpern im Stuttgarter Zentrum verkehren, so dass S21 wenn überhaupt, dann nur im Bereich Flughafen - Rohr den S-Bahn Verkehr beeinflußt.
danke für Ihre konstruktive Stellungnahme.
Stuttgart 21 - Wutbürger....
Nun bin ich gewiss - meine Entscheidung aus der evangelischen Landeskirche
Württemberg auszutreten, war richtig. Bei S21 wird ohne Mass und Ziel Geld in ein Projekt gesteckt, welches in keinster Weise die Natur für zukünftige Generationen auch nur ansatzweise sichert und wo schon heute absehbar ist, dass durch immense Kostensteigerungen später an anderen Plätzen (sozialem Bereich ? Bedürftige, Kranke, Behinderte, Alte haben keine Lobby !)gekürzt wird. Es ist wie weiland der Tanz ums goldene Kalb ("Fortschritt, alternativ- los, unumkehrbar....)und man opfert dem Gott Mammon (hier: der Immobilien-
lobby). "Meine" ehemalige religiöse Zwangsabgaben bekommen nun diverse Projekte direkt - ohne einen ausufernden kirchlichen Verwaltungsbereich mitzufinanzieren. Und mit meiner Kirchensteuer über einen intranparenten Haushalt ein Blättle mit solch idiotischen Kommentaren zu finanzieren, das wäre mir arg.
Stuttgart 21: Wutbürger und Realopragmatiker - von Arnd Brummer
Werter Herr Brummer,
als evangelisches Kirchenmitglied bin ich ziemlich entsetzt über Ihren Kommentar in einer evangelischen Internetseite.
Sie schreiben:
Nochmal: Es handelt sich weder um ein Kernkraftwerk noch um ein Stück mehrspurige Autobahn für den ungeliebten Individualverkehr, sondern um ein zukunftsorientiertes Vorhaben auf Schienen. Das mag den Bewohnern der Villenvororte von Stuttgart ans Herz gehen, wo man ungern für die nächsten 15 Jahre eine Riesenbaustelle unter Seniorenschlafzimmer haben möchte.
Ich finde es empörend, wie Sie hier über die Gegner herziehen und egoistische Gründe für den Protest angeben.
Keineswegs finde ich das es hier um ein zukunftsorienteres Schienenvorhaben geht, vielmehr werden hier viele Milliarden (finaziert mit Schulden!) sinnlos verbaut die weitaus sinnvoller für das Wohl der Bevölkerung eingesetzt werden können. Und das für einen Bahnhofsneubau, der keine Verbessung bringt!
Eigentlich hätte ich erwartet, dass eine kirchliche Internetseite dies einmal thematisiert. Bei dem Ärmsten wird immer weiter gespart und hier spielt Geld keine Rolle! Das ist nicht meine Vorstellung einer christlichen Einstellung!
MfG
Jutta Schoch
Werte Frau Schott
auch auf Ihren Kommentar möchte ich hier kurz eingehen. Dass Stuttgart 21 keine Verbesserungen bringt, ist durch die Schlichtung und Stresstest doch widerlegt. Zwar wird nachwievor behauptet, auch der Kopfbahnhof könne weitere Züge abwickeln, dabei wird jedoch verkannt, dass zur Hauptverkehrszeit zumindest die Strecke zwischen Cannstatt und Hauptbahnhof mehr als ausgelastet ist. S21 schafft hier durchaus wichtige zusätzliche Kapazitäten.
Viel entscheidender jedoch ist, dass der Bahnverkehr ganz wesentlich beschleunigt wird. Das mag zwar nicht für alle Relationen zutreffen, aber für den Filderraum bringt S21 eine ganz enorme Verbesserung der Anbindung, zumal die S-Bahn derzeit mit 27 Minuten für 8 km wohl keinerlei Alternative zum Auto darstellt.
Auch und gerade dass lärmender Verkehr überwiegend in Tunnel verlegt wird, ist aus meiner Sicht ein ganz enormer Vorteil für Stuttgart.
Außer Frage steht auch, dass das Geld dass für S21 ausgegeben wird, für die von ihnen vorgeschlagenen Alternativen eben gar nicht zur Verfügung stünde. Aber selbst wenn: so muss auch unter Christen die Frage zulässig sein ob es richtig ist, Geld, dass, wie sie richtig schreiben aus Krediten finanziert werden muss, statt es in Infrastruktur zu investieren, für Versorgungszwecke auszugeben. Damit sage ich nicht, dass benachteiligte nicht anständig versorgt werden sollen, als Betriebwirt, und Beobachter der Entwicklung in Griechenland wehre ich mich aber dagegen, solche Ausgaben aus Krediten zu finanzieren. Kreditfinanzierung macht nur dort Sinn, wo Infrastruktur geschaffen wird.
Kommentar hinzufügen