Über das Gespür für die Todsünde der Wissenschaft

Guttenberg und seine Dissertation

Mit seiner Dissertation auf dem Tisch stellte sich Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) im Deutschen Bundestag den Fragen seiner Parlamentskollegen. Da war er noch Bundesverteidigungsminister. Eine Woche später trat er wegen den Plagiatsvorwürfen von allen Ämtern zurück. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Plagiate - Betrug in der Wissenschaft – und wie man damit umgehen sollte. Eine abschließende Beobachtung zur Causa Guttenberg aus Jerusalem von Prof. Dr. Christoph Markschies.

von Dr. Christoph Markschies

Seit rund einem Monat und nun noch für einen weiteren Monat forsche ich hier in Jerusalem, weit entfernt vom deutschen Getümmel. Und doch wird auch in Jerusalem über den Fall des Verteidigungsministers, dessen Bayreuther Dissertation weitgehend aus plagiierten Passagen besteht, debattiert. Keineswegs werden nur die neuesten Witze weitererzählt. Im Gegenteil: Die Studierenden der Einrichtung, an der ich lehre und forsche, verfolgen sehr aufmerksam, wie die Öffentlichkeit (und nicht nur die akademische Öffentlichkeit) mit dem dreisten Betrug des einstigen Bundesministers umgeht.

Obwohl dieser Generation in einem Maße Texte im Internet zur Verfügung stehen wie keiner zuvor und an die Stelle des mühsamen Exzerpierens aus Quellen nach der Phase des Kopierens einzelner Seiten nun das "copy and paste" von Sätzen wie Absätzen in die eigenen Dateien getreten ist, haben diese jungen Studierenden ein feines Gespür dafür, wo die rote Linie zum Betrug verläuft.

Sie wissen, dass das Kopieren von Sätzen und Passagen ohne Nachweis geistiger Diebstahl ist, eine Todsünde im Bereich der Wissenschaft. Und sie haben ärgerlich bis zornig die Bagatellisierungsversuche höchster Politiker verfolgt, die nach dem mittelalterlichen Modell "the king's two bodies" zwischen dem Doktoranden G. und dem Verteidigungsminister G. unterscheiden wollten, als ob Betrug nur die halbe Person betreffen würde.

In Zukunft Stichproben bei jeder Arbeit?

Eine ganze Anzahl meiner Doktorandinnen und Doktoranden hat übrigens das Manifest zum Thema nicht nur unterschrieben, sondern aktiv weiterverbreitet. Aber nicht nur die Studierenden diskutieren Guttenberg: Gestern saß ich zufälligerweise in Jerusalem mit einem rechtswissenschaftlichen Kollegen beim Abendessen, der aus derselben akademischen Freiburger Schule wie der Doktorvater zu Guttenbergs stammt. Er schätzt diesen bereits emeritierten Doktorvater und kann sich überhaupt nicht erklären, warum diese auch für den juristischen Laien etwas zusammengeschusterte Arbeit das höchste Prädikat ("summa cum laude") erhalten hat.

Dagegen kann er nachvollziehen, dass man als Doktorvater normalerweise die Arbeiten seiner Schüler nicht mit Google darauf hin überprüft, ob plagiiert wurde oder nicht. Denn eigentlich sollte in diesem Stadium der wissenschaftlichen Karriere jedem und jeder klar sein, welche Standards in der Wissenschaft gelten. Vielleicht sind in Zukunft aber wenigstens Stichproben bei jeder Arbeit notwendig, um dreisten Betrügern früher das Handwerk zu legen. Und in Bayreuth ist ohnehin noch allerlei aufzuklären.

Falsch verstandene Solidarität und Hilflosigkeit der Zuständigen

Diese wenigen Eindrücke zeigen, dass man vom Standpunkt eines Wissenschaftlers über die Debatte nur glücklich sein kann: Es ist mit wünschenswerter Klarheit nun jedermann deutlich, dass Betrug in der Wissenschaft nicht folgenlos bleibt und geahndet wird. Ich persönlich bin auch deswegen besonders glücklich, weil ich als Präsident der Berliner Humboldt-Universität vor rund drei Jahren versucht habe, einem Plagiator meiner eigenen juristischen Fakultät das Handwerk zu legen und auf massiven Widerstand von seinen Kollegen traf, die aus falsch verstandener Solidarität ihren Freund schützen wollten und auf viel Hilflosigkeit in der Kommission, die zur Bearbeitung solcher Fälle eigentlich berufen ist.

Insbesondere der Bayreuther Jurist Oliver Lepsius – der einer großen Gelehrtenfamilie entstammt – hat in aller Öffentlichkeit wieder und wieder deutlich gemacht, was die Standards von Wissenschaft sind, an die sich alle halten müssen und deren Geltung nicht zur Diskussion steht. Nun bleibt nur noch die Aufgabe, diese Standards auch den Lesern der "Bild" zu erklären, die überhaupt nicht verstehen, warum man wegen ein paar geklauten Fußnoten Ministersessel räumen muss, ob man nun will oder nicht.

Die Erklärung von Professor Dr. Oliver Lepsius, Amtsnachfolger von Guttenbergs Doktorvater an der Universität Bayreuth, im Bayrischen Fernsehen:


Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Berliner Humboldt-Universität und Vorsitzender der Theologischen Kammer der EKD.
 

Kommentare

Verfasst von Ingo1971 am 5. März 2011 - 8:28.

>>Nun bleibt nur noch die

>>Nun bleibt nur noch die Aufgabe, diese Standards auch den Lesern der...

>>Nun bleibt nur noch die Aufgabe, diese Standards auch den Lesern der "Bild" zu erklären, die überhaupt nicht verstehen, warum man wegen ein paar geklauten Fußnoten Ministersessel räumen muss, ob man nun will oder nicht.<< 

Das wird schwer werden. Denn die meisten sind Wähler. Und die Wähler, zu denen auch ich mich zähle, haben einen eigenen Standard. Der nennt sich Wahlversprechen

Und wenn sie nun mal ihren Elfenbeinturm verlassen und schauen was dort in den letzten 20 Jahren getäuscht, belogen und betrogen wurde dann werden sie aber staunen. 

>>Diese wenigen Eindrücke zeigen, dass man vom Standpunkt eines Wissenschaftlers über die Debatte nur glücklich sein kann: Es ist mit wünschenswerter Klarheit nun jedermann deutlich, dass Betrug in der Wissenschaft nicht folgenlos bleibt und geahndet wird.<<

Das erinnert mich an die Visa-Affaire wo der damalige Aussenminister sich hinstellte und einen "Gedächtnisverlust" nach dem anderen hatte. Eins ist nun klar: der Wähler und das Volk darf belogen und betrogen werden und es hat keine folgen ausser bei den nächsten Wahlen. Nur bei einer Doktorarbeit die kaum einer liest da tut man so als ob nun jede Friseuse "Huch" schreien müsste.

Wenn ich so etwas hier lese denke ich manchmal das universitäre Leben kann ziemlich schnell zur Primärgruppe werden in der die dazughörigen ein wenig den Blick für die Lebenswirklichkeit der anderen verlieren. 

 

“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer

Verfasst von Thomas Müntzer am 4. März 2011 - 12:52.

Je gelehrter, so verkehrter

Der Spruch war Standardrepertoire Unzufriedener in der Vorreformation, die...

Der Spruch war Standardrepertoire Unzufriedener in der Vorreformation, die Reformation bekanntlich auch Folge des Scheiterns der spätmittelalterlichen Wissens-Elite. Jetzt feiert er offenbar sein Comeback.
Eine Fakultät, die einer solchen Dissertation ein "Cum Laude" verleiht, hat sich doch gründlich diskreditiert, vom Doktorvater ganz zu schweigen.
An meiner alten Universität wird frau heute auch schon mal für sexuelle Gefälligkeiten promoviert und die Professoren, die gegen diskrete Geldüberweisungen eine Doktorarbeit anerkannten, dürften ebenfalls noch im Gedächtnis sein.
Die Wissenschaft ist im Umbruch, "hacking education" war zum Beispiel eine Forderung der Mozilla-Vordenker, die ein genossenschaftliches Bewertungssystem statt Zertifikaten und Titeln fordern. Der Chaos-Computer-Club hat schon lange eine Neudefinition von Urheberrecht angemahnt.
Der Wissenssoziologe Peter Weingart hat mal klargestellt: Humboldt ist tot. Für Theologen sei hinzugefügt: Schleiermacher erst recht und Zukunft geht ganz anders als es sich der marode Wissenschaftsbetrieb vorstellt.

Verfasst von Thomas Müntzer am 7. März 2011 - 10:05.

Viel Denken oder viel Schreiben?

"Humboldt ist tot" steht in diesem Diskurs synonym für das Ende einer...

"Humboldt ist tot" steht in diesem Diskurs synonym für das Ende einer Wissenschafts- und Bildungskonzeption, die Anfang des 19. Jahrhunderts adäquat war.
Heute liegen allein die Abbruchquoten bei 30 % sowohl allgemein bei Studierenden als auch bei Doktoranden.
Die Quote der Kungel-Dissertationen, wie Markschies sie im Text beschreibt und die durchaus usus sind, habe ich noch nirgends veröffentlicht gefunden.
Für mich sind das Indizien einer geplatzten "Bildungs-Blase" ähnlich dem Untergang der ersten Dotcom-Welle.

Verfasst von Gast am 3. März 2011 - 23:33.

@ zaangalewa

Achso, gelehrte Menschen sind also böse, und das sind auch alle, die zu...

Achso, gelehrte Menschen sind also böse, und das sind auch alle, die zu Guttenbergs Rücktritt gefordert haben!?

Verfasst von Linsenspaeller am 4. März 2011 - 14:38.

Was bitte ist denn der Mensch?

Was bitte ist denn der Mensch? Nun ja, so allgemein gefragt, müßte ich darauf...

Was bitte ist denn der Mensch?

Nun ja, so allgemein gefragt, müßte ich darauf eine gute Weile schweigen.

Ich kannte mal einen Doktoranden und späteren Professor im Dritten Reich, von dem weiß ich, daß er sich engagierte so gut er konnte, immer im Bewußtsein, das Beste für sein Land zu tun, aber auch voll Dankbarkeit, daß er entspannt seine Wissenschaft betreiben durfte, während andere an der Front im Schützengraben lagen und fluchten. Ja, ich glaube das Bild vom Schützengraben an der Front hat vielen Intellektuellen damals wie ein finsteres Geschwür im Nacken gesessen und großen Einfluß auf Denken, Urteilen und Handeln gehabt.

In der DDR war das ganz anders, da waren die Bildungskanäle so eingeschliffen, da wurde niemand Doktorand, der irgendwie ein von der sozialistischen Norm abweichendes Weltbild hatte. 90% aller Unangepaßten wurden ja schon vor dem Abitur aussortiert. Und die Handvoll promovierte Spätdissidenten kann man beim besten Willen nicht für eine allgemeingültige Argumentation hernehmen. Was weiß ich denn von Stalin? - Nichts!

Wie viele Kandidaten heute mit einer schlechten Arbeit und ungenügenden Voraussetzungen ähnlich v. Guttenberg einen Doktortitel erlangen, das wäre wirklich mal ein Forschungsthema, das man einem Interessenten stellen sollte. Vielleicht würde das Ergebnis alle düsteren Erwartungen noch in den Schatten stellen. Auf einigen Gebieten gibt es nicht mehr genügend Themen, die den wissenschaftlichen Rang zu Recht beanspruchen. Einen gewissen Einfluß durch Beziehungen auszuüben, einen fein graduierten Hang zur Gefälligkeit, das hat es vermutlich immer gegeben. Aber den großen Eklat in der Politik auf dieser Basis, das ist ein Novum. Ich persönlich halte überhaupt nichts von solchen Typen wie z.G., bin aber dennoch der Auffassung, daß es eine Frage von untergeordneter Bedeutung ist, wenn man die Stabilität einer Regierung in einer schwierigen Situation, um nicht zu sagen im Krieg als vordergründig ansieht.

Frau Merkel hat ja inzwischen geäußert, zu G. sei ein besonders begabter Politiker. Genau das hat noch gefehlt, denn ein solcher ist ja der Berlusconi auch, oder Altkanzler Kohl oder früher der Strauß. Muß man daraus nun schlußfolgern, daß diese Begabung nur die eine Seite einer Medaille ist, deren Rückseite wir in den allermeißten Fällen bloß nie zu Gesicht bekommen? Und was würden wir denken, würden wir sie jedesmal kennen? Na ist doch klar, wir würden sagen, das wollten wir alles gar nicht wissen. So feine Demokraten sind wir. Ich frage mich oft, ob diese Demokratie überhaupt mehr ist als ein Höflichkeits- und Verlegenheitskodex, eine in Paragrafen gefaßte Krücke, die uns erlaubt, jedem gescheiten Individuum zu mißtrauen, das sich ein Herz faßt und sich zutraut, so ein ganzes Land ein Stück voran in eine bessere Gegenwart zu führen. Als Preis dafür müssen wir uns andauernd mit einem Mittelmaß an Führungsqualitäten zufrieden geben. Ich weiß, hier an dieser Stelle kommen die ersten und nennen mich Extremist. Ja bitte! Das höre ich seit vierzig Jahren. Sie könne ruhig nähertreten. Meine Feinde leben alle noch.

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