Interview - Michael Rohde (38) ist seit September Militärpfarrer an der Hochschule der Bundeswehr und des Bundeswehr-Krankenhauses in Hamburg. Der evangelische Pfarrer der braunschweigischen Landeskirche war zuvor dreieinhalb Jahre lang Militärseelsorger für die Bundeswehr-Standorte Holzminden und Höxter, deren Soldaten er auch nach Afghanistan begleitete. Nach den Leichenschändungen durch US-Soldaten in Afghanistan sagt er, er persönlich habe ganz andere Erfahrungen mit amerikanischen Einsatzkräften gemacht.
Die weltweite Empörung über die Leichenschändung durch US-Soldaten ist groß. Wie konnte es zu einer solchen Tat kommen?
Michael Rohde: Viele der Soldatinnen und Soldaten stehen unter einer enormen körperlichen und psychischen Anspannung. Allerdings habe ich persönlich auch die Amerikanerinnen und Amerikaner als kompetente und auch ethisch reflektierte Menschen erlebt, für die eine solche Tat vollkommen undenkbar wäre. Solche Handlungen sind unabhängig von religiösen oder kulturellen Überzeugungen und Zusammenhängen vollkommen inakzeptabel. Sie sind abscheulich und verletzen die Menschenwürde. Über mögliche Ursachen will ich von hier aus nicht spekulieren.
Müssen wir mit der Befürchtung leben, dass eines Tages auch Soldaten der Bundeswehr in solche Skandale verwickelt werden?
Rohde: Ich diskutiere wie meine Kolleginnen und Kollegen in der Militärseelsorge auch im Rahmen des Lebenskundlichen Unterrichts, der einsatzvorbereitenden Ausbildung und auch der Einsatzbegleitung mit den Soldatinnen und Soldaten intensiv ethische Themen. Dabei geht es auch um die Formulierung und Begründung eines eigenen Standpunktes. Wichtig ist mir dabei zu vermitteln, dass Menschenwürde für jeden gilt, auch für Menschen, die den Soldatinnen und Soldaten als sogenannte "insurgents" in Afghanistan mit Waffen entgegen treten.
Außerhalb des Lebenskundlichen Unterrichts bildet die Bundeswehr im Bereich "Innere Führung" und den daraus resultierenden Konsequenzen die Einsatz-Soldatinnen und -Soldaten meinem Eindruck nach intensiv aus. Aber man kann besonders in diesem Bereich nie genug tun, glaube ich.
Gibt es aus Ihrer Sicht eine Mitschuld von Vorgesetzten oder sogar von allen, die den Krieg in Afghanistan verantworten?
Rohde: Es ist meiner Meinung nach aus der Ferne vollkommen unmöglich und falsch, Vorgesetzte zu verurteilen. Allerdings muss es - und so habe ich die Führung der amerikanischen Streitkräfte verstanden - eine lückenlose Aufklärung geben, und die Schuldigen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Außerdem sollte identifiziert werden, wo gegebenenfalls noch weiter Ausbildungs- und Aufklärungsbedarf für die Soldatinnen und Soldaten in Fragen der Menschenwürde und dem Umgang mit anderen Kulturen besteht.





Kommentare
Monster?
Nein, Soldaten sind nicht grundsätzlich Monster. Aber es erfordert anscheinend große innere Kraft, in manchen Situationen stabil und aufrecht zu bleiben. Das sogenannte Kriegshandwerk kann nur geschehen, wenn die Hemmung beim Töten überwunden wird. Und das kann manchmal seelische Deformationen bewirken, zu Entgleisungen gerade auch in Gruppenprozessen führen. So wurde von der Invasion der israelischen Armee im Gaza-Streifen berichtet, dass eine junge Frau vergeblich versucht hatte, ihren 11jährigen Stiefsohn zu schützen, während ihr Töchterchen von 18 Monaten im Oberstock in seinem Bettchen war. Als dann die Soldaten abgezogen waren und sie den toten Jugen gebettet hatte, ging sie nach oben und fand ihre eigene Tochter tot im Bett. Darüber an der Wand war geschrieben: 1 and 999.999 will follow (auf Englisch). Als ich das jemandem erzählte, der Verbindung nach Israel hat, meinte der, das seien doch zum Teil 19jährige gewesen, die seien eben überfordert gewesen. Aber dann schickt man so junge Menschen eben nicht hinein in solche Situationen. Und Grausamkeiten gegeneinander aufzurechnen, finde ich überhaupt nicht in Ordnung. Dann hört das Morden ja nie auf.
Geshichte
Ich kenne die Menschen, die das gesehen haben und noch mehr als das. Ich bitte allerdings um Verständnis, wenn ich zu deren Identität nur sage, dass es Helfer einer internationalen Organisation waren, die das berichtet haben. Ich habe diese Geschichte hier notiert, weil ich damit deutlich machen wollte, dass sicher nicht die einzelnen Soldaten "Monster" sind, aber dass in einigen Situationen sinnlose Grausamkeiten geschehen können, die eben so nur im Krieg geschehen. Freilich gibt es auch in friedlichen Ländern schreckliche Massaker, zuletzt in Norwegen, aber das sind Einzelfälle, während die Gefechts- und Kriegssituation das "Ausrasten" begünstigt. Man sieht das daran, dass die "Feinde" mit Spottnamen bedacht werden (Gooks, Iwan, Japse u.dgl.). Und die Israelischen Soldaten gaben hinterher zu Protokoll, sie hätten "um ihr Leben geschossen". Also befördert die Angst auch solche Überschreitungen. Ein Gegenbeispiel ist die Geschichte, von den wackeren Kölnern, die seinerzeit, 1870/71 mit den Preußen gegen die Franzosen ziehen mussten. Als die Preußen die auf einem Hügel gegenüber entdeckten und mit Flinten und Kanonen ordentlich drauf hielten, riefen die entsetzten Kölner:"Mensch, loos doch dat Schieße sinn! Seht er dann nit, dat da Lück stonn (Leute stehen)?"
Kommentar hinzufügen