Ökumene - wie geht das? Ein Blick in die katholische Diaspora

Ökumene-Bild

Noch steht das gemeinsame Abendmahl von evangelischen und katholischen Katholiken aus. Aber sind die theologischen Hürden nicht bereits kleiner als die alltägliche Machbarkeit? Foto: iStockphoto

Gastbeitrag - "Alle sollen eins sein" – so heißt es in der Bibel, doch die Konsens-Ökumene scheint am Ende. Brauchen wir überhaupt Ökumene? Ja, findet Martin Assauer. Er ist seit mehr als zwanzig Jahren Priester und leitet seit neun Jahren den Pastoralverbund Nördliches Siegerland. Da das Siegerland protestantisch geprägt ist, erlebt er Ökumene aus der Sicht der katholischen Diaspora. In einigen Dörfern sind Katholiken eine absolute Minderzahl. Zum Start des Themas des Monats auf evangelisch.de - Ökumene - zieht Pfarrer Assauer Bilanz und gibt Anregungen für ein ökumenisches Miteinander.

Von Martin Assauer

Ich bin katholischer Pfarrer und das in einer Region, die im katholischen Sinne Diaspora ist: Im Siegerland in Nordrhein-Westfalen. Je nachdem wo ich hinschaue, gibt es in den Gemeinden mal 20 Prozent Katholiken, mal wie in einigen Dörfern zwei Prozent.

Ökumene ist für mich der Normalfall, und ich bin froh, dass ich mit den evangelischen landeskirchlichen Amtskollegen ein gutes, zum Teil mitbrüderliches Miteinander pflegen kann. Gemeinsame ökumenische Gottesdienste, der ökumenische Jugendkreuzweg, gemeinsame Trauungen, im letzten Jahr ein ökumenischer Taufgang an verschiedenen Kirchen entlang, ökumenische Bibelwoche, ein Gruß zum Weihnachtsfest - das ist in der Regel völlig problemlos. Es gibt auch das andere: Vereinsjubiläen, Dorffeste oder ähnliches finden mit Gottesdienst, aber ohne mich statt, denn ich war gar nicht erst eingeladen. Für den evangelischen Orts- oder Vereinsvorstand bin ich als katholischer Christ dann einfach keine Realität.

Noch schwerer tun sich manche freikirchliche Christen mit mir. Für einige strenge Evangelikale gelte ich als Katholik gar nicht als Christ. Die Trennung dort ist scharf: Selbst bei einer Trauung eines katholischen Gemeindemitglieds mit einem freikirchlichen Christen war es weder möglich, dass der freikirchliche Prediger in die katholische Kirche kommt, geschweige denn, dass ich in seinem Gebetsraum Zutritt gehabt hätte.

Ökumene ist keine Gleichmacherei

Was also heißt jetzt Ökumene für mich? Ökumenisch interessiert, das sind doch nur noch Menschen ab 50 Jahren, so las ich dieser Tage in einem Leserbrief in einer theologischen Zeitschrift. Die Aufbruchsstimmung der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts ist längst verflogen. Wie viele bedauern das wirklich? Die Ökumene ist an ihre Grenzen gestoßen. Manches ist längst selbstverständlich geworden, aber die wirklich dicken Brocken - Abendmahlsgemeinschaft, Amtsverständnis, Papsttum, Kirche – liegen seit Jahren unverrückbar zwischen den Konfessionen.

Allergisch reagiere ich auf einseitige Schuldzuweisungen nach dem Motto, der Papst müsste das doch ändern, aber genauso wehre ich mich gegen die Verharmlosungsstrategie, die behauptet, es ist ja doch alles dasselbe. Ist es nämlich nicht!

Hatte nicht der Papst im Erfurter Augustinerkloster recht, als er sagte, der Glaube sei keine Verhandlungssache, also nicht die Frage eines wie auch immer gefundenen Konsenses, der immer auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner beruht, sondern zuerst und vor allem für jeden Christen eine Ausrichtung und Orientierung an Jesus Christus? Könnte es sein, dass es uns weniger an diplomatischem und konsensualem ökumenischen Geschick als vielmehr - welche Tragik - an Glaubensverständnis und Glaubenstiefe mangelt? 

Keine Einheitskirche, sondern zusammen Kirche sein

Andererseits stellt sich die Frage, wohin die Ökumene führen soll: In eine große gemeinsame Kirche, in der alle das gleiche denken, wollen, glauben? Bitte nicht! Oder eine Kirche, in der jeder, nach einem Wort des alten Fritz, nach seiner Facon selig werden kann, in der also letztlich alles egal ist? Auch das bitte nicht! Was also dann? Brauchen wir eigentlich das ganze angestrengte ökumenische Bemühen, all den Austausch von unverbindlichen Freundlichkeiten auf der einen Seite und Brüskierungen auf der anderen Seite, wenn dem Gegenüber das Kirchsein abgestritten wird? Wie kann Ökumene gelingen und wie gehen wir als Glaubensgeschwister miteinander um?

Ein letztes: Ökumene gibt es für mich nicht nur mit den Kirchen der Reformation, sondern auch mit den orthodoxen und altorientalischen Kirchen, die wir allzu oft vergessen. Es ist sehr erhellend, sich dieser Traditionen, die uralt sind, zu vergewissern.

Ich freue mich auf engagierte Diskussionsbeiträge in der evangelisch.de-Community: Wie geht Ökumene, wo soll sie uns hinführen, welche Aussichten hat sie überhaupt?

"Ökumene - wie geht das und was geht?"  ist unser Thema des Monats im Februar. In dem Kreis in der Community freuen wir uns auf die Diskussion.


Martin Assauer (47) studierte katholische Theologie in Paderborn und Wien mit dem Schwerpunkt systematische Theologie. Er ist seit knapp 21 Jahren Priester des Erzbistums Paderborn und leitet seit neun Jahren den Pastoralverbund Nördliches Siegerland.