Weihnachten - Steigt man ins Flugzeug und reist halb um die Erde landet man in Australien. Auch hier wird natürlich auch Weihnachten gefeiert. Der 24. Dezember ist allerdings schon zehn Stunden alt, wenn er in Deutschland beginnt. Es ist Sommer - und alles ein bisschen anders.
Es ist Zeit das C-Wort zu benutzen. Das titelte die Tageszeitung The Australian am 24. 12. 2010. Der Autor des Artikels kritisiert den "vermeintlich fortschrittlichen Australier", der glaubt, wenn das Fest "Christmas" genannt würde, schließe es Nicht-Christen aus. Unternehmen feiern Jahresabschlussfeste statt Weihnachtsfeiern und verschicken "best wishes of the season". Unter dem Deckmantel der politischen Korrektheit, kommentiert der Autor. Soweit so gleich die Situation in Deutschland. Auch hier scheuen sich manche Unternehmen, wie beispielsweise die Continental Ag in Schwalbach im Taunus, Weihnachtsfeiern für ihre Mitarbeiter auszurichten. Nicht-Christen sollen nicht brüskiert werden, lautet das offizielle Argument.
Ob der durchschnittliche Australier sich über eine solche Diskussion in den Weihnachtstagen den Kopf zerbricht? Wahrscheinlich nicht. Zu viel ist zu tun. Es ist Freitag, Heiligabend in Cronulla Beach nahe Sydney. Die Supermärkte werden leer gekauft. Die letzte Bierflasche aus dem Regal gezogen. Pubs und Cafés sind gefüllt. Vor allem Männer und junge Erwachsene bevölkern die Straße. Viele Frauen sind Zuhause und kochen für den nächsten Tag. Während es in Deutschland schon längst dunkel ist und die Familien beim Weihnachtsessen sitzen, laufen in dieser australischen Kleinstadt die letzten Vorbereitungen für den Christmas Day am 25. Dezember.
Der Boden klebt
Mitternacht. "Jingle Bells", "Santa Clause is coming to town" und andere Weihnachtsklassiker schallen über Boxen durch die Straßen und in den Pubs. Leute fallen sich in die Arme und wünschen sich "Merry Christmas".
Samstagmorgen. Der Boden klebt. Die Sonne brutzelt auf die klebrigen Platten. Der Balkon der Jugendherberge in Cronulla Beach, an der Ostküste Australiens, ist vom heiligen Abend schwer gezeichnet. Halb leere Bierflaschen stehen neben Zigarettenstummeln, deren Asche zwischen Toastbrotresten auf einem weißen Teller liegt. Der süßliche Geruch von warmem Alkohol steht in der Luft. Der Weihnachtsmorgen in einem Hostel in Cronulla Beach beginnt mit einer Lautsprecherdurchsage: "Kommt raus aus euren Betten. Santa Clause ist da."
Auf den Kunstledersofas des Hostels quetschen sich Jugendliche in Badehosen aus allen Ländern, darunter viele Engländer. Einer von ihnen hat sich als Weihnachtsmann, als "Santa" verkleidet. Er sitzt neben der künstlichen Tanne, die eine blinkende Lichterkette trägt, Lametta und Kugeln glitzern in den sonnenwarmen Raum. Santa holt ein Geschenk nach dem anderen hervor, ruft jeden einzeln auf.
Charakterfrage
Die Bewohner des Hostels haben "Wichteln" gespielt. Jeder hat für einen anderen ein Geschenk besorgt. Doch die englische Variante des Wichtelns heißt "Bad Santa": Das Geschenk soll ein Geheimnis oder einen Charakterzug der Person entlarven, die es bekommt. Jeder wird einzeln aufgerufen und setzt sich auf den Schoß des "Santa Clause". Eine blonde Engländerin ist an der Reihe. Ihr Geschenk ist ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "My boyfriend is out of town - Kiss me", Mein Freund ist nicht in der Stadt - Küss mich. Es wird gegröhlt und gelacht, die Engländerin wird rot und senkt den Kopf. An Weihnachten geht es um Gefühle, um Freunde und Familie - auch bei einem solchen Spiel.
"Australier verlegen das traditionelle Weihnachtsessen wegen des guten Wetters nach draußen, es wird gegrillt und es gibt Meeresfrüchte, Fisch und Steak", schreibt der Autor eines australischen Reiseführers. Weihnachtszeit ist in Australien Sommerferienzeit. Die meisten Städte des Kontinents liegen am Meer, haben einen Strand. Das Wetter ist gut, nach der Bescherung und vor dem Weihnachtsessen gehen viele Familien an den Strand.
Mit Weihnachtsmann-Mützen und Rentier-Hörnern sitzt Familie Saunders am Strand. So, als müsste man sich bei 30 Grad Celsius, bei dem Anblick von Surfern und Schwimmern, die durch Wellen tauchen, immer wieder daran erinnern, dass Weihnachten ist. Es gibt einen Weihnachts-Champagner, der Enkel plantscht im Meer. Mutter und Großmutter Jan Saunders hat das Essen schon am Freitagabend vorbereitet. Der 25. ist ein Familientag.
Hell, warum und sonnig
Jan und ihr Mann Thomas leben seit vier Jahren in Australien. Ursprünglich kommen sie aus England. Ihre Tochter ist mit Mann und Kind angereist. "Wenn man sich nicht immer wieder sagt: Es ist Weihnachten, könnte man es glatt vergessen", sagt die Tochter. So wie in Deutschland ist es auch in England: Weihnachten heißt kurze Tage, manchmal Schnee, viel Kälte. In Australien muss man sich nicht in Decken wickeln, den Kamin anfeuern oder Kerzen anzünden. Es ist hell, warm, sonnig.
Weihnachtstag Nummer drei heißt im englischsprachigen Raum "Boxing Day". Warum er so heißt, dafür geben die Leute verschiedene Erklärungen. Jan Saunders und auch viele andere sagen, er heiße so, weil es an diesem zweiten Weihnachtsfeiertag viele Sportveranstaltungen gebe, darunter auch Boxen. Andere vermuten es liege daran, dass nach den Sportveranstaltungen die Leute in die Pubs strömen, sich voll laufen lassen und sich anschließend prügeln. Eine junge Jamaikanerin im Hostel hat eine charmantere Erklärung: "Man bekommt viele schöne neue Sachen geschenkt. Der alte Kram kommt in Boxen und wird weg gestellt."
Lilith Becker ist freie Journalistin und momentan in Australien unterwegs







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