Radiozuspruch - Kein Thema bewegt die Menschen in dieser Woche so sehr, wie die Frage, ob Christian Wulff Bundespräsident bleiben sollte oder nicht. Christian Wulff hat Fehler eingestanden. Vor allem seinen Versuch, die "Bild"-Zeitung daran zu hindern, einen Artikel über ihn zu veröffentlichen, hatte er dabei im Blick. Aber hat er auch um Entschuldigung gebeten? Pfarrer Helwig Wegner-Nord hat genau zugehört.
Entschuldigen muss mich immer ein anderer. Das gilt auch für Politiker.
Er geht mir selber ja auch immer wieder mal über die Lippen: dieser Satz "ich entschuldige mich". Aber geht das überhaupt, sich selbst zu entschuldigen, sich so von einer Schuld zu befreien, die man auf sich geladen hat: "Ich entschuldige mich!"? Ich finde, es ist nicht kleinlich, mal genau hinzuhören, auf die Wortwahl zu achten, wenn von Schuld und Vergebung die Rede ist.
"Das war ein schwerer Fehler, für den ich mich entschuldige." So hieß das am Mittwochabend bei Christian Wulff. Elfeinhalb Millionen Menschen haben ihm dabei zugeschaut. Ich auch. Ist die Sache damit also erledigt? Wird man so das los, was auf einem lastet? Wird so ein Fehler aus der Welt geschafft, dass ich sage "Ich entschuldige mich"?
Eigentlich muss der Satz doch heißen: "Ich bitte Sie, ich bitte Euch um Entschuldigung!" Und dann ist es an dem anderen oder an den anderen, mir zu vergeben und mich zu entschuldigen.
Ich glaube, dass einem Menschen, der so einen anderen um Vergebung bittet, diese nur selten verweigert wird. Martin Luther hat in einer seiner berühmten 95 Thesen von Wittenberg sogar geschrieben:
"Jeder Christ, der wirklich bereut, hat Anspruch auf völligen Erlass von Strafe und Schuld…"
Sicher, dabei hat er an Gott gedacht, an einen unbegreiflich gnädigen Gott, der die Schuld von dem wegnimmt, der bereut.
Nur wer bereut, wird ent-schuldigt
Aber gilt das in Ansätzen nicht auch zwischen Menschen? Nur wer seine Fehler offen bekennt und – wie Luther sagt – "wirklich bereut", darf mit einer Ent-Schuldigung rechnen. Wer seine Fehler nur zu erklären versucht, statt aufrichtig um Entschuldigung zu bitten, wird auf Vergebung lange warten müssen. Das gilt in der Beziehung zu Menschen und wohl auch im Verhältnis zu Gott.
Eine Frau, die ich als Seelsorger begleite, hat mir geschrieben, was für eine Befreiung sie dadurch erlebt hat, dass sie endlich einmal alles, was sie vorher zu vertuschen und zu verbergen versucht hat, auf den Tisch gelegt hat. Keine Ausreden mehr, kein Versteckspiel mehr, sondern zu dem stehen, was sie falsch gemacht hat. Schon das hat ihr selbst gut getan – noch bevor sie wusste, wie ihre Umgebung reagieren würde. Aufrichtig mit sich selber und mit anderen sein – das ist für sie selber wie ein Neustart gewesen.
Natürlich fällt das schwer. Ich begebe mich damit ja in eine ganz wehrlose Situation: Ich liefere mich freiwillig dem Urteil der anderen aus. Aber genau das erst ist es, was den neuen Anfang möglich macht. Erst wer in der Weise für Klarheit sorgt, gewinnt eine neue Perspektive.
Dieser Zuspruch zum Thema Bundespräsident Wulff lief am Samstag, 7. Januar, 7.15 Uhr, im Radiosender hr1.
Helwig Wegner-Nord ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.







Kommentare
Der Politik ist eine
Der Politik ist eine bestimmte Form der Lüge fast zwangsläufig zugeordnet: das Ausgeben des für eine Partei Nützlichen als das Gerechte.
Friedrich Weizäcker
und was bleibt?
wem vergeben wird, dem wird die Schuld erlassen. Doch ist damit noch nicht alles aus der Welt geschafft. Was noch bleibt ist der Schaden. Und den gilt es ja auch noch auszuregeln.
Nachtfalter
Pfarrer als "Bild"-Söldner?
Das journalistische Format "Radio-Zuspruch" ist mir echt neu, vom Inhalt des Textes scheint es ein Predigt-als-Diffamierung, die- ohne- Faktennachweis- auskommt- Eintopf zu sein.
Das homiletische Sumpfgebiet in das sich der Kollege hier begibt hat auch ungeahnte Tiefe.
Wer Luther liest, statt ihn für verbales Dreckschleudern als Autoritätsargument zu missbrauchen, ist klar im Vorteil.
Ich hoffe "Bild" bezahlt ihren verlängerten Arm anständig, als Kirchenleitung würde ich ihm wegen mundwerklichen Pfuschs die Bezüge kürzen.
Hä?
Da hat wohl jemand was nicht verstanden. Es geht doch nicht um Fakten sondern um die Frage der Vergebung. Als Christen bitten wir mit dem Vater Unser Gott um Vergebung und versprechen gleichzeitig, dass wir auch allen vergeben, die uns Unrecht getan haben. Also müsste Herr Wulff dem Herrn Diekmann vergeben. Und außerdem müsste er demütig fragen, ob ihm die Menschen vergeben, aber er darf nicht erwarten, dass die das automatisch tun, wenn er sich entschuldigt. Eine Entschuldigung muss auch angenommen werden. Und darum geht es in der Ansprache. Angeblich hat der Herr Wulff niemandem geschadet. Aber er hat die gesparten Zinsen nicht versteuert. Und die Werbung für sein Wahrheitsbuch (ausgerechnet!) wurde von Geldern bezahlt, die durch Betrug erwirtschaftet wurden. Und wenn es jetzt um die Entschädigung von VW-Aktionären oder auch Porsche-Aktionären geht, die offenbar falsch informiert wurden im Zusammenhang mit der missglückten Übernahmegeschichte, da hat er doch offenbar ein Güteverfahren behindert. War der Kredit der BW-Bank nicht doch der Dank dafür? Also, mir stinkt diese Sache immer mehr. Das heißt nicht, dass die BILD-Redakteure und besonders ihr Chef nun Lämmchen wären. Im Gegenteil, die nehmen sich eine Macht, die ihnen nicht zusteht und beschädigen auch immer wieder Menschen durch Bloßstellen, nicht nur Prominente. In der heutigen taz gibt es dazu einen gute Kommentar.
Antwort auf Hä
Dieser Artikel ist nach meinem Verständnis eine unseriöse Mischung von Andacht und politischem Kommentar und der traurige Versuch eine sackschlechte Ansprache "aktuell" aufzupeppen, auf Kosten des Menschen und Amtsträgers, egal wie ich dessen Verhalten bewerte. Die Bildauswahl spricht Bände.
Damit reiht sich der Autor in den billigen "Haut-den-Wulff"-Mob ein, den Kai Diekmann so virtuos choreographiert.
Genau das bringt meiner Meinung nach brilliant Ulrich Schulte in der taz zum Ausdruck. Die dünne Nachricht an sich war auf evangelisch.de schon übergenug kommentiert, deshalb degradiert sich die Redaktion m.E. wie viele andere auch zum Bild-Handlanger.
Der urplötzliche Empörungs-Flashback der VW-Aktionäre -die haben lang gebraucht, um sich zu echauffieren- deutet nicht nur auf Kampagne, sondern auf Treibjagd hin.
Ausgezeichnet!!!
Diesem Kommentar habe ich nichts mehr hinzuzufügen.
Sehr gut.
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