Die Bibel - geschenkt (3): Ihr seid die Kühlschränke der Welt

Volxbibel

Foto: Anika Kempf

Serie - Moderne Bibelausgaben in einer Sprache, die sich für jugendgerecht hält, gibt es viele. Die sogenannte Volxbibel von Martin Dreyer ist unter ihnen aber etwas ganz besonderes: Im Open-Text-Verfahren kann jeder daran mitschreiben und so bestimmen, welche Formulierungen in den Druck einfließen sollen. Nicht der Herausgeber hat "dem Volk aufs Maul geschaut", wie Martin Luther sagen würde. Sondern das Volk hat selbst getextet.

Von Ingo Schütz

Wie eine überdimensionale Zigarettenschachtel kommt sie daher, nicht mal der Warnaufdruck fehlt. Aber gewarnt wird auf dieser frechen Bibelausgabe dann doch anders: "Wir alle sind abhängig. Fragt sich nur, von wem." Die Volxbibel mit ihrem gänzlich unsakralen Design zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus. Zum einen durch den Versuch, konsequent die Jugendsprache der Gegenwart zu bedienen. Und zum anderen dadurch, dass sie nicht einen Übersetzer hat, sondern eine ganze Übersetzer-Gemeinde. Übers Internet konnten viele Interessierte bei der Textgestaltung mitdiskutieren und tun es heute immer noch.

Auch innen ist die Volxbibel schön anzusehen. Gut aufgeteilte Texte mit einer leicht lesbaren Schrift und Überschriften, die Lust darauf machen, genauer reinzugucken. Umfangreich ist sie allerdings auch, die Volxbibel: Das Neue Testament allein kommt schon auf ein ordentliches Gewicht. Das Alte Testament, das in zwei Teilen erscheint, erschwert es zusätzlich, diese Bibel mit ins Gepäck einer Konfifreizeit zu nehmen. Dagegen eignet sie sich hervorragend für den Nachttisch oder die Pausenhalle.

Martin Dreyer, Gründer der Hamburger "Jesus Freaks" und Initiator des Projekts "Volxbibel", ließ viele Menschen übers Internet mitdiskutieren bei der Frage, wie einzelne Passagen heute zu formulieren wären. Ganz im Stile des Open-Text-Verfahrens konnte so jeder Interessierte die Ausgaben mitgestalten. Und kann es weiterhin: Durch anhaltende Diskussionen entstehen auch immer neue Textvarianten. In regelmäßigen Abständen werden sie gedruckt und als Buch verkauft. Aktuelle in den Läden ist darum das "Neue Testament 3.0" zu finden, das sich von der ersten Version aus dem Jahr 2005 in vielen Punkten unterscheidet.

Ein Beispiel für die Veränderungen im Text bietet die Bergpredigt aus Matthäus 5. Wo man bei Luthers Übersetzung der Passage noch etwas vom "Salz der Welt" lesen konnte, war in der Volxbibel auf einmal die Rede vom "Kühlschrank". Salz, so der Gedanke, wurde zur Zeit Jesu vor allem genutzt worden, um Speisen vor dem Verderben zu bewahren. Das aber macht bei uns heute der Kühlschrank. "Ihr seid wie ein Kühlschrank für diese Welt. Ohne euch würde alles Gute vergammeln. Wenn dieser Kühlschrank aber nicht mehr funktioniert, gehört er auf den Schrott, wo er verrotten soll“, hieß es in einer der älteren Versionen.

Vom Salz war da gar nichts mehr zu lesen. Später erschien es den Übersetzern dann aber doch noch wichtig, das Salz nicht ganz unter den Tisch fallen zu lassen. Kurzerhand nahmen sie es in den Text wieder auf, so dass es nun heißt: "Ohne euch würde nichts mehr richtig schmecken und ohne euch würde auch alles Gute uncool sein." Salz und Kühlschrank in einem.

Aufregung über "unflätiges Machwerk"

Groß war übrigens nicht nur die Aufregung, als der damals 40-jährige Dreyer im Dezember 2005 die erste Ausgabe der Volxbibel herausbrachte. Groß war auch die Nachfrage nach dem neuen biblischen Produkt. Die Erstauflage von 5.000 Exemplaren war binnen zwei Wochen vergriffen. Und groß war die Kritik: Viele beschwerten sich bitterlich über das "Machwerk": "Unflätig und ungebührlich" werde darin von Gott gesprochen, hieß es etwa in einer Broschüre der Christlichen Bücherstuben GmbH aus Dillenburg. In den 31 Filialen der zur Brüderbewegung gehörenden Organisation wurde die Volxbibel nicht zum Verkauf angeboten.

Nachdem das Neue Testament so großen Erfolg hatte, ist im vergangenen Jahr auch das Alte Testament in neuer Sprache und mit neuen Sprachbildern erschienen, das Buch von den "Alten Verträgen" der Menschen mit Gott. Es beginnt, wie sollte es anders sein, mit einer locker-frivol-frechen Umschreibung der Genesis: Gott "bastelte das riesige Weltall zusammen und mittendrin die Erde". Leider endet die derzeit verfügbare Ausgabe des Alten Testamentes mit dem Buch Esther.

Die Psalmen gerappt

Schöne Stücke der hebräischen Bibel fehlen also in Teil eins, aber schon im Mai soll der zweite Teil folgen. Und dann gleich richtig: Weil die Psalmen Gesänge gewesen sein sollen und die heutige Form zu singen eben der Rap sei, haben Dreyer & Co. die Psalmen einer Vorankündigung zufolge kurzerhand in das Schema des modernen Sprechgesangs gepackt. Man darf schon jetzt gespannt sein.

Neben dem gedruckten Buch kann man die Volxbibel übrigens auch als CD erwerben. Mal flotte, mal besinnliche Beats von JesusRockRecords wurden unter die Lesungen von Martin Dreyer gelegt. Manchmal läuft die Platte dadurch aber eher wie im Hintergrund, das Zuhören fällt schwer. Da zeigen sich die Vorteile eines Prints, bei dem man eine Zeile auch schnell zwei Mal lesen kann, um sie zu verstehen.
Stil- und jugendgemäß gibt es übrigens auch einen Losungsservice im Internet. Via Twitter oder E-Mail kann man sich jeden Morgen einen neuen Vers zustellen lassen. Die Textgrundlage dazu ist übrigens die Volxbibel 4.0, die erst im Laufe des Jahres erscheinen wird. Anmelden kann man sich dazu unter www.twitter.com/volxbibel oder www.volxbibel.com/emailservice. Auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München hat das Volxbibel-Wiki den Silbernen WebFish gewonnen (siehe unsere Meldung).

Fazit

Hinter der Volxbibel steckt ein einzigartiges und spannendes Projekt. Das allein könnte schon Grund genug sein, sich dieses Buch zuzulegen. Darüber hinaus machen die Texte einfach Spaß. Das wird Jugendlichen mit Sicherheit so gehen. Wer sich dagegen in der Bibel bereits auskennt, bekommt hier einen frischen und zum Nachdenken anregenden Blick auf die alten Geschichten. Selbst wer sich an den Formulierungen reibt, dürfte darum einen Gewinn bei der Lektüre der Volxbibel haben. Zu empfehlen ist sie nicht nur zur Konfirmation.

Leseprobe: Das Vaterunser

"Wenn ihr mit Gott redet, könnt ihr schön locker bleiben. Nicht so wie die religiösen Spinner, die gerne in den Kirchen oder auf der Straße herumhängen und Showbeten veranstalten, damit sie jeder bewundern kann. Ich sag dazu nur eins: Vergesst es! Da kommt von Gott auch nichts bei rüber! Wenn du aber mit Gott reden willst, dann hock dich in deine Kellerbude, mach die Türen hinter dir zu und quatsch dich in Ruhe mit ihm aus. Gott ist wie ein richtig guter Papa, der weiß genau, was in dir abgeht, er wird dir helfen können. Laber deine Gebete nicht so daher wie die Leute, die keine Ahnung von Gott haben. Die glauben doch tatsächlich, wenn sie Gott total zutexten, wird er ihnen schon eine Antwort geben. Hey, euer Papa weiß schon immer vorher, worum es euch diesmal geht. Jetzt mal ein Paradebeispiel, wie ihr beten könnt: 'Hey, unser Papa da oben! Darum geht's, dass du und dein Name allein auf dieser Welt ganz groß rauskommen! Du sollst hier das Sagen haben, auf der Erde genauso, wie es da oben im Himmel ja schon immer der Fall war. Hey, versorg uns doch bitte mit allem, was wir heute so zum Leben brauchen! Und verzeih uns die Sachen, wo wir mal wieder Mist gebaut haben. Wir verzeihen ja auch denen, die bei uns was verbockt haben. Pass auf, damit wir nicht irgendwelchen schlechten Gedanken nachgeben und dir untreu werden und so. Führe uns nicht in Situationen, wo wir Fehler machen könnten. Rette uns, wenn uns das Böse anzeckt! So passt es [Amen]!'" (Matthäus 6,5-14)

Bewertung

       Originalität      10 von 10

       Lesbarkeit       10 von 10

       Cool-Faktor     8 von 10

       Handgepäck    5 von 10

       Grafik             7 von 10

       Inhalt              10 von 10

 

Bestellinformationen

NT 3.0
Preis: 9,95 Euro
ISBN: 3629011039
Verlag: Pattloch (2008)
576 Seiten

AT Teil 1
Preis: 9,95 Euro
ISBN: 394004105X
Verlag: Volxbibel-Verlag, 1. Aufl. (2009)
895 Seiten


Ingo Schütz ist Diplom-Theologe und angehender Pfarrer.

Kommentare

Verfasst von ingo.schuetz am 3. Mai 2010 - 14:30.

Die Volxbibel als Vollbibel! Zweiter Teil des AT erschienen

Pünktlich Anfang Mai ist der zweite Teil des AT im Stil der "...

Pünktlich Anfang Mai ist der zweite Teil des AT im Stil der "Volxbibel" erschienen. Damit liegen nun auch die Bücher Hiob bis Maleachi vor, einschließlich der Psalmen. Nach einer kurzen Einführung von Martin Dreyer und einer "Was bisher geschah"-Zusammenfasssung geht es in diesem Buch gleich zur Sache:

Hiob "wohnte in dem Land Uz und war einfach total gottmäßig unterwegs. Hiob hatte großen Respekt vor Gott und machte um alles, was link und nicht gut war, einen großen Bogen." Er hatte unter anderem "einige Fabriken, in denen Computer, Handys und Flachbildfernseher produziert wurden.... Er war einfach echt reich, und es gab zu der Zeit keinen Menschen in dem ganzen Gebiet im Osten, vor dem die Leute mehr Respekt hatten als vor ihm, Hiob."

Gewohnt spritzig, frech und direkt haben Martin Dreyer und sein Team im Open-Text-Verfahren auch die zweite Hälfte des Alten Testaments übersetzt. Zwar steht im Original der Bibel natürlich nichts von Flachbildfernsehern, aber zweifelsohne ist durch diese Umschreibung des Mannes Hiob besser verständlich, wie reich er war, als durch die Worte der Lutherbibel: "er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde".

Besonders gefreut haben sich viele auf die Übertragung der Psalmen. Im Vorwort heißt es: "Die Volxbibel bringt diese Psalmen in ihrem ursprünglichen Sinn als Lieder, und deswegen wurden alle 150 Psalmen gereimt. So was gab es in einer deutschen Bibelübersetzung noch nie! Du kannst sie also rappen, singen oder auch einfach wie ein Gedicht lesen."

Bibelwissenschaftler sind sich zwar überhaupt nicht einig, dass es sich bei den Psalmen durchweg um Lieder gehandelt hat. Und dass es noch nie wenigstens Teile der Psalmen in Reimform gegeben hätte, stimmt auch nicht. Trotzdem sind manche der Ergebnisse im vorliegenden Werk beeindruckend und die Lektüre wert.

Der Psalm 104 ist ein Beispiel gelungener Übertragung. Nachdem der Autor des Psalms beschrieben hat, dass alle Lebewesen von Gott geschaffen und von ihm abhängig sind, heißt es in Vers 29 und 30: "Bloß wenn du weg bist, sind wir tot, dann ist das Leben auch vorbei, / wir sterben, gammeln, werden Erde, dann löschst du unsere Datei. / Doch brauchst du nur einmal zu pusten, dann werden wir ganz neu gemacht, / du schenkst der Erde neues Leben, 'nen neuen Style hast du erdacht."

Wer nun der Meinung ist, mit der Erfindung solcher zeitgenössischer Bilder verletze man die Ehrwürdigkeit der Heiligen Schrift, der sollte sich in Acht nehmen. Das biblische Original selbst ist voll von Bildern, die man nur als Zeitgenosse versteht und die der Volxbibel auch an Deftigkeit nicht nachstehen. Ein Beispiel dafür ist das Hohelied aus dem Alten Testament.

"Du bist so schön wie Venedig und so sexy wie Paris", überträgt Dreyer Vers 4 im 6. Kapitel. Ist das nicht vollkommen unbiblisch? Nein, denn bei Luther ist an dieser Stelle zu lesen: "Du bist schön, meine Freundin, wie Tirza, lieblich wie Jerusalem." Wie schön Tirza gewesen ist, wer soll das heute wissen? Die Inanspruchnahme von Venedig ist hier nicht nur passend, sondern fast schon zwingend.

"Die Volxbibel – Altes Testament – Band zwei", frei übersetzt von Martin Dreyer, erschienen im Volxbibel-Verlag und erhältlich für 9,95 Euro (ISBN: 978-3-940041-07-4), ist ein Schatz. Es macht einfach Spaß, sie zu lesen, auch wenn ihr Format sie – wie schon die anderen Volxbibel-Teile – eher für den Nachttisch als für das Handgepäck prädestiniert.

Wer das Werk erstmal unverbindlich kennen lernen will, der hat dazu auf dem Ökumenischen Kirchentag in München die Gelegenheit. Am Donnerstag, dem 13. Mai von 17:45 bis 18:45 Uhr kann man sich auf der Jugendbühne im Olympiapark anhören, wie die Psalmen der Bibel als Rap klingen. Und wer weitere Informationen über den Einsatz der Volxbibel in der pädagogischen Arbeit sucht, der wird beim eigenen Infostand auf der Agora, dem "Marktplatz" des Kirchentages, fündig werden.
 

Verfasst von Gast am 27. April 2010 - 11:44.

Geniale Übersetzung - Glauben "mal anders"!

Die Volxbibel Teil 2 vom Alten Testament halte ich bereits in den Händen - dank...

Die Volxbibel Teil 2 vom Alten Testament halte ich bereits in den Händen - dank Amazon ging das ratz fatz, obwohl der 2. Teil erst ab 5. Mai im Handel erhältlich ist.

Ich habe bisher auch das Neue Testament und den 1. Teil des Alten Testaments komplett durchgelesen.
Ich finde die Volxbibel genial, weil sie "meine Sprache" spricht, weil sie sich so ausdrückt wie ich es kapiere und wo ich nicht erst googeln muß, was fromme Wörter eigentlich bedeuten.
Ich habe vor etwa 4 Jahren begonnen in der Bibel zu lesen, vorher hatte ich keinen Plan von Gott und von Jesus schon gar nicht.
Meine Lieblingsübersetzung ist "Neues Leben" und so sitze ich oft da und vergleiche die Verse mit denen aus der Volxbibel und meistens trifft es meiner Meinung nach den Sinn, was Gott uns eigentlich sagen möchte und dann isses mit egal ob der verlorene Sohn nun im Schweinestall oder als Klomann bei Mc Donalds gejobbt hat. Als Stadtmensch habe ich ohnehin ne bessere Bekanntschaft mit dem Klo beim Fastfood Tempel als zum Scheinestall.

Auf meiner Homepage zitiere ich oft aus der Volxbibel und bekomme immer wieder nette emails oder Kommentare wie: "Es ist toll, wie modern man Glauben heute noch leben kann" oder "cool, so macht Christ sein Spaß".
Das motiviert mich und bestätigt mich auch in meiner Meinung zur Volxbibel, dass sie junge und auch ältere Menschen begeistert und neugierig macht mehr darüber zu erfahren.

Mir fiel regelmäßiges Bibel lesen immer schwer, wenn man die Storys dann schon kennt... dann bekam ich die Volxbibel in die Finger und habe meinen Fun dran zu vergleiche.
Für alle Kritiker sei gesagt... legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage - wenns Menschen zu Gott bringt, dann ist das doch das Beste was passieren kann, auch wenn es vielleicht euch persönlich nicht anspricht.

Menschen sind unterschiedlich und deshalb sollten es auch die Bibelübersetzungen sein.

Fett Segen euch allen!

Eure Jesus Punk (www.gekreuzsiegt.de)

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