Sexualethik - Die Katholische Kirche untersagt ihren Gläubigen Empfängnisverhütung. Das gilt auch für die Familienplanung mit der Pille. Schlägt man die Bibel auf, so ist diese Meinung nicht ganz von der Hand zu weisen – die Protestanten sehen die Dinge trotzdem anders.
Hintergrund der Ablehnung empfängnisverhütender Maßnahmen in der katholischen Kirche ist die Enzyklika "Humanae Vitae" von Papst Paul VI. – die so genannte "Pillenenzyklika" – die 1968 veröffentlicht wurde. Ihr inoffizieller Untertitel lautet "Über die rechte Ordnung der Weitergabe des menschlichen Lebens".
Sex nur zu Fortpflanzungszwecken
In dem Text wird argumentiert, dass Sexualität in der Ehe zwei Zielen dient: Der Vereinigung zur Bestätigung der Liebe und der Fortpflanzung. Das eine vom anderen zu trennen lehnt die katholische Kirche allerdings ab. Wer Familienplanung betreibt und sich aus guten Gründen gegen weitere Kinder entscheidet, der muss dazu auf ehelichen Verkehr während der fruchtbaren Tage verzichten.
Würde ein Paar allerdings auch in den fruchtbaren Tagen miteinander Sex haben und gleichzeitig eine Schwangerschaft künstlich verhüten, so ist dies aus Sicht der Enzyklika ein Widerspruch in sich. Es ist in ihrem Sinne diejenige "Handlung verwerflich, die... während des Vollzugs des ehelichen Aktes... darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern."
Ist Gott gegen coitus interruptus?
Blickt man in die Bibel, so ist diese Sichtweise nicht völlig von der Hand zu weisen. Wird doch im 1. Mose 38 ganz klar davon berichtet, dass Sex ohne Zeugungsabsicht vor Gott "nicht in Ordnung" ist. Von Onan heißt es, er habe beim Geschlechtsverkehr seinen Samen "auf die Erde fallen und verderben lassen" um keine Nachkommen zu zeugen. Coitus interruptus also im Alten Testament.
Der nähere Blick offenbart jedoch, dass diese mehr oder weniger künstliche Verhütungsmethode von Onan angewandt wurde, weil er nur eine Schwagerehe mit der Frau seines verstorbenen Bruders führte. Etwaige Kinder aus der Verbindung wären seinem Bruder zugerechnet worden, nicht ihm – das wollte Onan verhindern. Sex als gedankenloser Spaß stand also nicht im Mittelpunkt.
Ja zur künstlichen Verhütung!
In einem Text zur Frage zur "Rolle der Frau in der EKD" nimmt die Evangelische Kirche in Deutschland zwar nicht ausdrücklich Bezug auf biblische Grundlagen, aber sie kann sich auf ein breites Textzeugnis berufen, wenn sie im Gegensatz zur katholischen Kirche behauptet: "Sexualität ist nach Auffassung der evangelischen Kirche nicht nur auf Fortpflanzung ausgerichtet."
Weiter heißt es in dem Schriftstück von 2004: Sexualität "ist ein möglicher Ausdruck von Liebe, engster körperlicher Zuneigung und Nähe. Künstliche Verhütung wird ausdrücklich bejaht." Hintergrund ist die Überzeugung, dass Gott den Menschen das Leben zum Genießen gegeben hat, während in der römischen Kirche noch die Einschätzung hinzutritt, dass der Mensch einen göttlichen Schöpfungsplan zu erfüllen habe, der Ausdruck in den biologischen Gesetzmäßigkeiten findet.
Die Pille auf dem Altar
Die liberale Haltung der evangelischen Kirche hat es allerdings auch nicht immer so gegeben. In den ersten Jahren nach ihrer Erfindung 1960 gab es die Pille in Deutschland nur für verheiratete Frauen - und nur auf Rezept natürlich. Wie umstritten die künstliche Verhütung bei den Protestanten in dieser Zeit war, zeigt der Fall des Frankfurter Pfarrers Reinmuth.
Der später von den Boulevard-Blättern als "Pillen-Pfarrer" verschrieene Wilhelm Reinmuth hatte in einer Predigt zum Erntedankfest die Anti-Baby-Pille als Geschenk Gottes dargestellt. Damit traf er womöglich genau das Lebensgefühl seiner jungen Gemeinde. In der erst kurz zuvor erbauten Frankfurter Nordweststadt lebten vor allem junge Paare, die vom Land in die Stadt gezogen und froh waren, der räumlichen sowie moralischen Enge ihrer Herkunftsorte entflohen zu sein.
Die Kirchenleitung indes war "not amused" bei diesem Vorgang. Sie enthob den Pfarrer seiner Ämter. Zwar handelte es sich um einen drastischen Akt innerhalb der hessen-nassauischen Kirche, aber auch andere Landeskirchen brauchten Zeit, um sich an die neuen Möglichkeiten der Verhühtung zu gewöhnen. Und was würde wohl heute geschehen, wenn neben Kürbissen und Kartoffeln an Erntedank auch das Kontrazeptivum, vielleicht nebst Kondomen, auf dem Altar läge?
"Gott ist ein Freund des Lebens"
So ganz einfach macht es sich die EKD denn auch nicht mit ihrer Begrüßung künstlicher Verhütungsmethoden. Ausdrücklich heißt es bereits 1981 in der EKD-Schrift "Denkschrift zu Fragen der Sexualethik": "Jeder Vollzug der Geschlechtergemeinschaft ist unlösbar mit der Verantwortung für werdendes Leben verbunden". Und in einem gemeinsamen Text mit der Katholischen Bischofskonferenz gesteht der Rat der EKD ein: "Verantwortung in Partnerschaft und Sexualität muss allerdings schon wahrgenommen werden, bevor ein Kind gezeugt bzw. empfangen wird." Gedankenloser Sex ist für gläubige Protestanten eben auch mit Pille nicht vorstellbar.
Der Titel dieser gemeinsamen Erklärung lautet übrigens: "Gott ist ein Freund des Lebens", und auch wenn katholische und evangelische Christen dem Satz ihre jeweils eigenen Fußnoten anfügen würden, kann er doch als die Mitte dessen gelten, was für die Gestaltung menschlicher Zweisamkeit vor Gottes Angesicht wichtig ist.
(Kau)gummis und die katholische Kirche
Für Spott braucht die katholische Kirche hinsichtlich ihrer Sexualmoral indes nicht zu sorgen. Pointiert schreibt ein User namens "Benito W." auf seiner Homepage über deren Fortpflanzungs-Logik: "Wenn man sich streng an diese Argumentation hält, müßte man allerdings auch sämtliche Kaugummikauer zu Sündern erklären, da Gott unsere Verdauungsorgane geschaffen hat, um der Ernährung zu dienen und Kaugummikauer diese Körperfunktion zu ihrem puren Vergnügen mißbrauchen."
Ingo Schütz ist angehender Pfarrer, verheiratet und betreibt seit Jahren erfolgreich Familienplanung. Seit acht Monaten ist er Vater einer Tochter.







Kommentare
So einfach ist es auch nicht.
"Empfängnisverhütung" kann man mit der Pille nicht betreiben.
Frau kann nur verhindern, dass sich die "befruchtete Eizelle" in der Gebärmutter einnistet.
An dieser Stelle sagt aber die römisch-katholische Kirche, dass es sich schon bei der Verschmelzung von Eizelle und Sperma um einen Menschen mit allen Menschenrechten handelt. Verhindert nun die chemische Behandlung (die viele Frauen auch auf lange Zeit eingenommen unfruchtbar macht) die Einnistung dieses Menschen, stirbt er.
Nun gibt es hier eben sehr viele medizinische Stellungnahmen für und wider. Ist es nur ein Zellhaufen? Wenn ja, wann ist es Mensch? Ab der dritten Schwangerschaftswoche? Oder ab der 12? Ab der 20.?
Dazu kommt, dass die Lösung von Sexualität und der möglichen biologischen Konsequenzen zu einer Beliebigkeit führt. Eben kein verantwortungsvoller Umgang mehr zwischen Mann und Frau, sondern reine Lustbefriedigung. "Wenn die PIlle versagt oder der Gummi platzt, lassen wirs halt wegmachen" ist die tödliche Konsequenz - für das Kind. Die Frau als allzeit verfügbare Ware für den Mann, so sah Johannes Paul II die Konsequenz aus Kondom und Pille. Nimmt die Frau die Pille, meinen viele Männer von ihrer Sorgfalt und Fürsorge entbunden zu sein. "Sie hat gesagt sie nimmt die Pille, ist doch selbst schuld wenn sie sie vergessen hat"
Ob es wirklich richtig ist, schon jungen Menschen vorzugaukeln, dass es eine absolute Sicherheit gibt? Nimm die Pille, dann passiert nichts?
Es ist ein Trugschluss zu sagen, dass die Gesellschaft eben so sexualisiert sei, da müssen auch schon junge Menschen frühzeitig an Verhütung denken.
Aufgabe der Eltern sollte es nicht sein, mit der Tochter zum Frauenarzt wegen der Pille zu gehen nur um nicht spießig zu erscheinen oder dem Sohn nen Gummi zuzustecken.
Aufklärung bedeutet für die Eltern, den Kinden Verantwortung beizubringen, ihnen klar zu machen, dass Sexualität verantwortungsbewusst und in einer festen Partnerschaft gelebt werden soll. Und dass Sex Konsequenzen hat. Immer, auch ohne Schwangerschaft.
So einfach ist das nicht...
Richtig! Ihren Kommentar kann man nur unterstreichen!
[...]"Und dass Sex Konsequenzen hat. Immer, auch ohne Schwangerschaft".
Letzteres bedenken die meisten jungen Leute - viele Menschen heute nicht.
Einige Aspekte der kirchlichen Lehre über die Ehe
Der erste Punkt ist der, daß die Männer wieder zu ihrer Verantwortung finden müssen. Zum zweiten müssen Frauen und Männer sehr genau prüfen (in dieser Reihenfolge!), mit wem sie zusammenleben wollen, und zwar schon bevor sie zusammen gezogen sind und miteinander leben. Zum dritten muß klar sein, daß das Zusammenleben von Mann und Frau in der Ehe erstens ein öffentliches Bekenntnis zueinander voraussetzt (Verlobung und standesamtliche Eheschließung) und aus christlicher Sicht zudem unbedingt den Segen Gottes, also die kirchliche Trauung voraussetzt. Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe ist im übrigen durchaus verantwortungslos, auch wenn das unsere Gesellschaft vielleicht in Teilen vergessen hat, einmal ganz abgesehen vom Ehebruch, den die Heilige Schrift ganz klar eine Kapitalsünde nennt. Jesus selbst hat die Unauflöslichkeit der Ehe bekräftigt, und der Apostel Paulus hat auf das darin liegende Geheimnis hingewiesen, das sein Vorbild in der Hingabe Christi für die Gemeinde hat. Der Mann ist das Haupt der Frau insofern, als er sich selbst für sie hingibt wie Christus für die Gemeinde, indem er also für die Frau sein Leben hingibt, treu ist und sie von Herzen liebt.
Die Pille: Teufelswerk oder Gottesgeschenk
Nicht nur die Katholische Kirche lehnt die Pille zur Verhütung ab. Vor 5O Jahren wurde die Antibabypille auch von den evangelikalen Christen abgelehnt. Vielleicht war sie ja für Letztere: Teufelswerk!? Die Pille war weniger ein (oder kein) Thema für gläubige Christen die kein Kind nach dem anderen bekamen. Ich kann mich an diese Zeit noch gut erinnern. Und noch ältere Menschen kamen bei dieser Thematik gar nicht mehr mit. In einem sehr christlichen Seminar fragte einmal eine alte Dame ganz erstaunt: Ob man denn keine Schlaftabletten nehmen darf? Natürlich ging ein leises Schmunzeln durch die Reihen.
Die Pille: Ob Teufelswerk oder Gottesgeschenk muss jede Frau für sich entscheiden - ob Mystikerin, Katholikin oder entschiedene Christin oder was auch immer.
Hintergrund der Ablehnung
Hintergrund der Ablehnung empfängnisverhütender Maßnahmen in der katholischen Kirche ist die Enzyklika "Humanae Vitae" von Papst Paul VI.
Quatsch! Eine Enzyklika formuliert die Lehre aus, die auf die Bibel zurückgeführt wird.
Missbrauch, Papst, Pille
Es ist einfach zum Heulen, wie sich auf dieser Plattform, die doch eine evangelische sein soll, laufend der römisch-katholische Kopf zerbrochen wird. Haben wir keine eigenen, keine vernünftigen Themen???
Rückbesinnung auf die Wurzeln
Wir haben uns allerdings darüber Gedanken zu machen, was von Gottes heiligem und unveränderlichem Wort her dazu zu sagen ist, und dann dürfte das Urteil darüber, was nun römisch-katholische Spezialthemen und was gerade auch in evangelischer Verantwortung gedacht, gesagt, gelehrt und getan werden muß, erheblich differenzierter ausfallen.
Nicht zuletzt auch die evangelische Kirche steht hier vor der Aufgabe, sich auf ihre Wurzeln zurückzubesinnen.
Aufgabe der evangelischen Kirche
ist heute m. E. die weitere Unterwanderung durch einen Fundamentalismus zu verhindern, der dem islamischen in nichts nachsteht. Das beginnt mit einem Missverständnis der Bibel, das uns im Namen eines "heiligen, unveränderlichen Gotteswortes" in orientalische Sexualnormen von vor 3000 Jahren zurückkatapultieren möchte und das leicht bei der Todesstrafe enden kann.
Mit freundlichen Grüßen
Ihren Kommentar, verehrter Gast vom 13. Mai 2010 -15:08, habe ich mit großer Verwunderung zur Kenntnis genommen. Ich würde Ihnen empfehlen, das heilige und unveränderliche Wort Gottes einmal zur Hand zu nehmen und auch zu lesen, bevor Sie solche haarsträubenden und von der Wahrheit sehr weit entfernten Thesen aufstellen. Dort steht nämlich z.B., daß der Mann seine Frau so lieben soll wie Christus die Gemeinde. D.h., so wie sich Christus für die Gemeinde hingegeben hat, durch sein Opfer am Kreuz, so soll der Mann seine eigene Frau lieben. Mit den orientalischen Sexualnormen, die Sie da etwas verkrampft herbeibemühen, hat das üverhaupt nichts, und zwar rein gar nichts zu tun.
Es ist schon erstaunlich, wie schriftvergessen der Zeitgeist ist. Und uns einen Fundamentalismus vorzuwerfen, "der dem islamischen in nichts nachsteht" ist schlicht und ergreifend infam. Wir weisen das entschieden zurück!
HERR, erbarme dich!
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